Ein Gemälde zeigt einen sitzenden Verlezten mit Buch.
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Vor 500 Jahren erholte sich Ignatius in Loyola mühsam von den Verletzungen durch die Kanonenkugel. (Gemälde von Albert Chevaillier-Tayle)

Kirche in Spanien

500 Jahre Ignatius von Loyola: Heilige Kanonenkugel - Gott in allen Dingen

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Verletzt, ans Bett genagelt saß er da, der Spanier, der sein Leben lang Abenteuern hinterhergerannt war. Im Leid machte der junge Íñigo jedoch Beobachtungen, die nicht nur sein Leben veränderten. Sondern auch 500 Jahre später Wirkung zeigen. Von einem kuriosen Jubiläum der Jesuiten. Und von der Magie des Nachgeschmacks.

Pamplona - Wäre Íñigo López de Oñaz y Loyola nicht 1491, sondern 1991 geboren worden, würde der 30-Jährige sich heute wohl nicht mühsam von den Verletzungen durch eine Kanonenkugel erholen. Eher hätte ihn in Spanien 2021 ein Unglück im Stile eines Motorradunfalls, einer missratenen Extremsport-Challenge oder - nach unbedachter Ansteckung - ein schwerer Coronavirus-Verlauf ans Bett gefesselt. 1521 war die Rekonvaleszenz in Loyola für Ignatius jedoch der Wendepunkt. Aus dem Draufgänger wurde der heilige Gründer der Jesuiten (Gedenktag 31. Juli). Der Orden begeht 500 Jahre später mit „Ignatius 500“ ein kurioses Jubiläum. Eines, das an den Treffer der Kanonenkugel erinnert, aber nicht, als sei es bloß ein Ereignis der Vergangenheit.

Ignatius von LoyolaHeiliggesprochener
Geboren: 23. Oktober 1491, Azpeitia
Verstorben: 31. Juli 1556, Rom, Italien
Eltern: Doña Marina Sáenz de Licona y Balda, Don Beltrán Ibáñez de Oñaz y Loyola

500 Jahre Ignatius von Loyola: Kanonenkugel warf Draufgänger aus der Bahn

Am 20. Mai 1521, in der Schlacht von Pamplona, geschah‘s: Völlig aus der Bahn warf die Kanonenkugel vor 500 Jahren das Leben des Kriegers und Lebemanns. Militärische und sexuelle Heldentaten - letzteres nicht selten durch ersteres erreicht - waren die beiden Dinge, auf denen Íñigos bisheriger Werdegang fußte. Als sei er unverwundbar, hatte der junge Ignatius, Kind einer Adelsfamilie aus Loyola, jede Wand mit dem Kopf durchquert. So wollte er es auch in Pamplona tun. Auch, als Spaniens Heer sich in aussichtsloser Lage befand, hielt er stur am Gefecht fest. Ein schwerer Fehler, wie der von der Kugel Getroffene einsehen musste.

Doch es gibt auf dem Weg immer Menschen, die den Weg zeigen, und uns die Hand geben.

Arturo Sosa, Generaloberer der Jesuiten zum Jubiläum „Ignatius 500“.

Schnee von gestern? Keineswegs, meint die Compañia de Jesús („Gesellschaft Jesu“) - kurz Jesuiten - 2021. Als „Ignatius 500“ begehen die Jesuiten, der größte Orden der katholischen Weltkirche, das Jubiläum der Umkehr ihres Gründers. Nicht als Blick zurück, sondern als „Gelegenheit, die ignatianischen Wurzeln zu erneuern und wiederzuentdecken“, wie der Orden aus Spanien schreibt. „Innehalten, Bilanz ziehen, Gott in die Mitte stellen. Und neue Bekehrung erlangen.“ Das sei nicht etwa durch einen spektakulären Einschlag einer Kanonenkugel zu tun. Sondern durch „mühsame Erholung von schmerzhaften Wunden“.

Frappierend erinnert das Schicksal des Ignatius von Loyola an heutige Zeiten - ob kirchlich oder weltlich gesehen. Lange hielt sich die katholische Kirche in Spanien für unzerstörbar, wie ein junger Krieger. Selbst üble Verfehlungen tropften an der heiligen Institution ab, oftmals legitimiert durch materielle Erfolge. Nun liegt sie im 21. Jahrhundert da, getroffen von Kanonenkugeln, des Missbrauchs von Macht überführt, von vielen Menschen aufs Abstellgleis geschoben. Was für die Kirche gilt, gilt auch für die Jesuiten. Die stellen zwar mit Papst Franziskus das kirchliche Oberhaupt, nagen aber weltweit am Mitgliederschwund schwer.

Eine Kanonenkugel steckt in der Fassade der Kirche Santa María in Alicante.

Große Zeitenwende: Ignatius von Loyola erlebte, wie Mittelalter auseinanderbrach

Doch ein ans Bett gefesselter Íñigo ähnelt auch der Welt 2021. Auch sie, so herrlich eingebildet. Und doch so verwundbar und innerlich verletzt. Eine Welt, deren Risse ein kleines Coronavirus offenbarer machte, ob als Schere zwischen Arm und Reich oder als Flut an psychischen Leiden und kaputten Beziehungen. Risse, die sich in der großen Zeitenwende weiten. Ganz genau wie in der Welt, in die Ignatius von Loyola hineingeboren wurde. Das geordnete Mittelalter brach völlig auseinander, so das von Íñigo geliebte Rittertum. Nicht einmal die Sonne drehte sich mehr um die Erde. Nicht einmal endete die Welt mehr am westlichen Horizont.

Ob Nikolaus Kopernikus in Polen, Christoph Kolumbus in Amerika oder Martin Luther in Deutschland. Feste Muster, an denen sich der Mensch über Jahrhunderte festgehalten hatte, brachen auseinander. Doch ein Íñigo des 21. Jahrhunderts würde heute genauso verblüfft mitansehen, wie die Postmoderne in ein digitales und globales Unbekanntes übergeht. Wie Milliardäre sich ein Wettrennen in den Weltraum liefern, und wie geografische bis moralische Grenzen pulverisiert werden. Mit Macht krachen Kanonenkugeln auf beständigste Regeln - auch heute noch mit kopernikanisch anmutenden Herausforderungen für die Bibel.

Angekettet ans Bett gelangte Ignatius von Loyola zu erstaunlicher Einsicht

Ist es die Zeit eines großen Endes? Oder die eines großen Anfangs? Das fragt sich - wie vor 500 Jahren - die ganze Welt. Hier könne der damalige Treffer der Kanonenkugel wertvolle Impulse liefern, meint zum Jubiläum der Generalobere der Jesuiten, Arturo Sosa. „Es war für Ignatius von Loyola nicht so sehr ein glückliches Ende, als vielmehr ein glücklicher Anfang“, schreibt der Venezolaner. Jeder Zusammenbruch alter Muster sei die Chance zu geistlicher Erneuerung. „Das ist jedoch ein mühsamer Weg, der über heimtückische Pfade führt, mit vielen Aufs und Abs. Manchmal geht man im Kreis, machmal fühlt man sich verloren.“

Mühsame Wege: Verkehrsbehinderungen in der Reisewelle in Spanien gehören dazu.

Allerdings, so das Jesuiten-Oberhaupt Arturo Sosa weiter, „gibt es auf dem Weg immer Menschen, die den Weg zeigen, und uns die Hand geben.“ Wohl dem, der auf solche Hilfe vertraut. Und so tat es auch der verwundete Iñigo vor 500 Jahren. Auf eine nicht erwartbare Reise brach er auf, liegend, sitzend, leidend, zum Nichtstun verdammt, angekettet an sein Bett in Loyola. Das Einfachste wäre gewesen, sich abzulenken, um die qualvolle Zeit irgendwie verstreichen zu lassen. Eine Option dazu boten die damals unter Adligen so begehrten Ritterromane. Eine wunderbare, seichte Unterhaltung, die alles Drumherum so schön ausblendet.

Aber Ignatius gelangte zu einer für ihn erstaunlichen Einsicht: Diese Lektüren störten ihn eher, als dass sie ihm weiterhalfen.

Erst die Euphorie, dann die Depression: Gott ist keine Goldmedaille

Vielleicht lag es an seinem Genießer-Naturell. Im Norden Spaniens aufgewachsen, mit guten Weinen bewandert, für ihre Verkostung sensibilisiert, war Íñigo ein langer, wohltuender Nachgeschmack wichtig. Doch was ihm vorher, in seinen stürmisch drangvollen Zeiten nie aufgefallen war: Die seichte, verlockende Befriedigung hinterließ nie den guten Nachhall, den nur ein Wein mit Qualität mitbringt. Daher erquickten auch im Krankenbett von Loyola keine flachen Romane den Ignatius. Genausowenig wie es im Jahr 2021 aufregende Clickbait-Stories, witzige Youtube-Videos oder Instagram-Profile hübscher Mädels täten.

Zu schmerzhaft war Íñigos Leiden, als dass man sie hätte ausblenden können. Körperlich immer wieder zurückgeworfen, operiert. Im Selbstwertgefühl gebrochen: Als Krüppel, plötzlich so unheldenhaft, unattraktiv fürs andere Geschlecht. Doch auf einmal, siehe da. Ignatius findet die „Vita Christi“ von Ludolf von Sachsen in der Bibliothek, und auch eine Sammlung von Lebensgeschichten Heiliger. Jetzt ist das Feuer wieder da. So wie diese Menschen, die alles für Christus wagten, könnte auch der Krieger aus Loyola werden. Der junge Verletzte verschlingt diese Bücher geradezu, sie durch und durch verinnerlichend.

Aber wieder folgt die Krise. Der gute Nachgeschmack hält nicht an. Wieder kippt Ignatius um, fällt in die tiefste Depression und sogar in Suizid-Gedanken. Aber warum? Hatte er doch olympische Rekorde mit heiligen Praktiken gebrochen. Hunderte Gebete aufgesagt, gefastet wie noch keiner vor ihm. Alles getan, für die oberste aller Prämien: Das Wohlgefallen von Gott. Doch wieder blüht eine Erkenntnis: Ignatius hatte sich verrannt, war auf denselben Holzweg wie einst geraten. Wieder hatte er durch wilden Tatendrang ein Herz zu erobern versucht. Nicht das einer Frau zwar, sondern von Gott. Aber gutgehen konnte das nicht.

Über Rekorde zum Glück: Ignatius versuchte es vergeblich im Stile von Spaniens Olympia-Schwimmerin Mireia Belmonte.

Gott in allen Dingen der Welt finden: Ignatius entwickelt Exerzitien

Bereits auf den Beinen, bei einsamen Streifzügen in Manresa, fällt bei Íñigo der Groschen: Was ihm wirklich, nachhaltig gutgetan hatte, in seiner Zeit der tiefen körperlichen wie seelischen Verletzungen - aber auch schon zuvor - das war das aufmerksame Erleben seiner Umwelt. Jedes Augenblicks, jeder Situation. Das gute Gespräch mit einem Menschen. Ein interessanter Vorgang in der Natur. Eine fürsorgliche Tat. In all diesen Kleinigkeiten ließ sich Gott erleben. Ja, alle Dinge der Welt waren auf Christus gerichtet, nicht nur die asketische Gebetspraxis in den Heiligenbüchern. Jetzt hatte er verstanden. Volltreffer, endlich.

Aus dieser Einsicht enwickelte Ignatius, der sich im Vergleich zu früher endgültig um die Achse gedreht hatte, seine Lehre. Nun schrieb er die Exerzitien („Übungen“) nieder, bis heute einer der Schätze der Jesuiten. Ein 30-tägiges Einüben in die tagtäglich immer wieder neu erlebte Begegnung mit Gott. Im Gebet und Fasten, aber auch im intensiven Erleben jedes Moments. Eine Praxis, die wie gemacht zu sein scheint auch für die Welt des viel zu schnell gewordenen Konsums von heute. Die Welt, in der Menschen durch Achtsamkeits-Übungen wie Mindfulness versuchen, wieder Kontakt zur inneren Mitte herzustellen.

Eine große Vielfalt an Apps und digitalen Werkzeugen verwenden die Jesuiten, um ihre Exerzitien zum Menschen heutiger Zeiten zu bringen. Schon immer waren sie als katholischer Orden besonders gut darin, Fronten zu erreichen, an die der Rest der Kirche nicht herankam. Schon immer wagten sie sich an geographische oder ideologische Ränder: Wie die Südamerika-Jesuiten im berühmten Film „Mission“ (1986) oder heute der US-Seelsorger James Martin SJ, der beide Hände in Richtung LGBTI-Gemeinschaft ausstreckt. Einen seltsamen Spagat tut die von Ignatius von Loyola gegründete Gemeinschaft Jesu dabei seit 500 Jahren.

Jesuiten zwischen Verruf und Anerkennung: Digitale Geister unterscheiden

Denn einerseits waren die Jesuiten durch ihr „Gott in allen Dingen finden“ dem Dialog stets sehr zugeneigt. Aber andererseits betonten sie mehr als andere die Treue zur katholischen Lehre. „Ich glaube, dass das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es so definiert“, schrieb Ignatius von Loyola in seinen Exerzitien. Diese für viele Menschen unbegreifliche innere Spannung brachte den Orden immer wieder in Verruf, sowohl in der Kirche als auch außerhalb. Oft warf man den Jesuiten Verschwörungen oder Machtgier vor. In der Zweiten Republik von Spanien waren sie deshalb sogar verboten.

In kleinsten Lebewesen und Vorgängen: Jesuiten glauben, dass Gott in allen Dingen zu finden sei.

So umstritten und gefürchtet die Gemeinschaft Jesu war, so respektiert wird sie bis heute für ihre Beiträge in der Bildung. Im 21. Jahrhundert gelten unter religiösen Schulen in Spanien die der Jesuiten mit Abstand als am fortschrittlichsten, nicht nur was digitale Methoden angeht. Eine Grundlage für die stetige Erneuerung des Ordens ist ein weiteres Prinzip, das Ignatius nach seinem langen inneren Weg in den Exerzitien notierte: Das „Unterscheiden der Geister“. Jeder Mensch sei demnach in der Lage, durch tagtägliche Übung, auf dem Lebensweg die Chancen und Gefahren als solche zu erkennen. Dadurch meistere er leichter jede Zeitenwende, jede große Entscheidung. Und komme auch dann noch klar, wenn ihn eine Kanonenkugel trifft.

Zum Jubiläum „Ignatius 500“ haben die Jesuiten den erwachsenengerechten Zeichentrickfilm „Gott in allen Dingen finden“ herausgegeben. Zu finden ist er auf Youtube auf verschiedenen Sprachen, darunter Deutsch (externer Link). Wer in die ignatianische Spiritualität eintauchen will, findet im Internet digitale Angebote wie die Online-Exerzitien per E-Mail (externer Link) in deutscher Sprache oder anregende Audio-Impulse zu täglichen Bibeltexten auf Spanisch unter Rezando Voy und auf Englisch unter Pray as you Go (beide externe Links, auch als App). Ein Buch-Tipp für an Ignatius von Loyola Interessierte ist das spannend geschriebene „Allein und zu Fuß‘“ des baskischen Autors Ignacio Tellechea.

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