Die vier Mitglieder der Band Abba posieren in schwarzen Ganzkörper-Anzügen mit bunten Applikationen.
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Abba hat ein neues Album veröffentlicht - und Spanien eine TV-Sendung über die Kultband.

Neues Album

Abba in Spanien: Mit Chiquitita bis in die Fremdenlegion

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
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Ab den 70er Jahren triumphierte Abba auf der ganzen Welt - auch in Spanien. Eine witzige TV-Doku beleuchtet die spanischen Wurzeln der Kultband aus Schweden - die es natürlich überhaupt nicht gibt.

Madrid – Das Quartett flötet „Buenas noches“ und Björn Ulvaeus zeigt sich „muy contento“, dass der Höhepunkt dieser Nacht ein skandinavischer ist. Wir schreiben das Jahr 1974. Abba macht sein TV-Debüt in Spanien in der Sendung „Señoras y Señores“ mit vier Songs – „Ring, Ring“, „Hasta Mañana“, „Honey, Honey“ und „Waterloo“. Der schwarz-weiße Bildschirm kann kaum den schrillen Gegensatz zwischen den spacigen Schweden in ihren Glitzer- und Glamouranzügen und diesem grau-braunen Cordlook verschleiern, mit dem die spanische Mode Francos letzten Tagen Ausdruck verleiht.

AbbaBand
Gründung1972
HerkunftSchweden
GenrePopmusik

Abba in Spanien: Rundumschlag im spanischen Fernsehen

„Me gusta venir a España“, bringt es Björn Ulvaeus im Abba-Stil auf den Punkt und genau dorthin. Abba und Spanien ist etwas ganz Besonderes. Nun hat der für seinen trashigen Geschmack bekannte Einschaltquotengarant Santiago Segura – eine Figur angesiedelt zwischen Helge Schneider und Hape Kerkeling – in den Archiven der staatlichen Rundfunkanstalt diese alten Abba-Aufnahmen ausgekramt und die TV-Zuschauer mit auf eine zweiteilige „Reise in die Untiefen des Fernsehens“ genommen, auf Spanisch „viaje al centro de la tele“ genannt.

Nebenbei angemerkt, das Programm lief kurz vor Ausbruch des Vulkans auf La Palma, eine kausale Beziehung zwischen beiden Ereignissen ist nicht bekannt. Wem es in den lauen Sommernächten bei dem Potpourri aus Abba-Songs und Segura-Kommentaren wärmer ums Herz wurde, der mag dem Macher der Torrente-Saga die Füße küssen oder ihn in Grund und Boden fluchen. Reaktionen der extremen Art ist er gewohnt. So ist auch die Sendung über die hispanisch-schwedischen Höhen und Tiefen von Abba vom Anfang bis zum unausgesprochenen Aus 1982 hochnotpeinlich herrlich.

Abbas Wurzeln in Spanien - gibt es die überhaupt?

Die spanischen Wurzeln von Abba, die es natürlich überhaupt nicht gibt, aber mit bewundernswerter Gewalt aus Schweden herbeigeholt werden, reichen bis zurück in die Zeit, als dem schwedischen Schlagerwunder noch zwei „A“-s zum Durchbruch fehlten. Nicht als „BB“, sondern nur als Björn Ulvaeus und Benny Andersson traten sie 1971 beim Songwettbewerb von Torremolinos in Andalusien auf, um der Nachwelt jeden Zweifel zu nehmen, wie treffend die spätere Entscheidung der beiden doch war, den beiden späteren „A“-s Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad das Singen zu überlassen und es selbst bei einem prägnanten „a-ha“ oder „super trouper“ zu belassen.

Damals schaffte es das Duo in Spanien immerhin auf den sechsten Platz beim Festival de la Canción de Málaga. „Sie wollten damals von ihrer Musik leben, wie ironisch uns das heute scheint anlässlich von 500 Millionen verkauften Platten, aber um zu triumphieren braucht man, ach was weiß ich, und die vier hatten – was hatten denn die eigentlich?“ Dann bricht die Spürnase des Torrente in dem Komiker durch und er kommt auf eingängige Melodien, einfache Texte geeignet für jedes Publikum und den Phil-Spector-Sound.

Abbas Erfolg in Spanien und auf der ganzen Welt - Rückkehr mit neuem Album

40 Jahre lang haben Künstler versucht, an diesen Sound und den Erfolg von Abba anzuknüpfen. Nun ist es gut und das Original kehrt selbst zurück, veröffentlichte am 5. November ein neues Album mit zehn Songs und kündigt sechs Konzerte im Mai 2022 in einem eigens dafür gebauten Stadion in London an. „Voyage“ heißt das Werk, bei der Tournee nehmen die Schweden das Publikum mit auf eine Zeitreise, denn auftreten werden die digitalen Avatare der vier Originalmitglieder aus dem Jahr 1979. In monatelanger Arbeit haben die Musiker ihren Hologrammen Leben eingehaucht, sodass der Zuschauer keine Kopie, sondern eine jüngere Version des Quartetts zu sehen bekommt, das sich genauso bewegt, so gestikuliert und singt wie die vier Bandmitglieder, aber 2022 eine bessere Figur abgibt als die Originale. Da soll noch einer sagen, Abba sei nicht zu toppen.

Ab Waterloo beim Eurovision-Wettbewerb 1974 in Brighton lag Abba die Welt zu Füßen. Bald mussten die schwedischen Superstars „Spanisch“ pauken. Abba sang alle Hits auch auf Spanisch ein. Unwiderstehlich, meint Santiago Seguro, die „Chiquitita“ so singen zu hören, Mexiko und Argentinien lagen den Schweden zu Füßen, ihm könnten sich bei dem Text die Haare einrollen, wenn er noch welche hätte. Mit „Chiquitita“ suchte alsbald eine „wikingische Invasion“ die spanische Musikwelt heim. Sogar die Blaskapelle der Fremdenlegion stimmte mit ein und die Gruppe Aire „vertonte“ Abba in der Gebärdensprache. „Es gab eine Zeit, da wollten alle Abba sein und aussehen wie sie“, erzählt Segura. Teenie-Bands wurden nach den Schweden geklont. „Waterloo“ feierte bei „Spanien sucht den Superstar“ seine Wiederauferstehung. Ja, die Abba-Manía erfasste sogar den Chor der öffentlichen Rundfunkanstalt – übrigens der älteste professionelle Chor Spaniens und einer der besten Europas. „Mamma mia!“

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