humboldt-denkmal auf Teneriffa
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Denkmal für Alexander von Humboldt auf einem Aussichtspunkt auf der Kanaren-Insel Teneriffa. 1799 war Humboldt hier forschend zu Gast.

Deutscher Forscher in Spanien

Humboldt in Spanien: Erforschen statt Erobern

  • vonMarco Schicker
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Von Berlin über Madrid nach Südamerika. Was der geniale Berliner Forscher Alexander von Humboldt 1799 in Spanien trieb, was er der Welt bedeutet und warum es heute mehr Humboldts bräuchte.

Berlin/Madrid - Während Berlin mit dem Nach- und Neubau des alten Stadtschlosses noch fremdelt, das Ende 2020 in Corona-Zeiten vorerst nur virtuell eröffnet werden konnte, ist der Name für das Ensemble, "Humboldt-Forum", kaum umstritten, auch wenn manche behaupten, der Name Humboldt diene der "Raubkunst", die in der Schau der Kulturen der Welt gezeigt werden soll, als White-Washing.

Mit dem Humboldt-Forum ehrt Berlin, in Sichtweite zur Humboldt-Universität, ein weiteres Mal prominent ein geniales Kind der Stadt, den Naturforscher, der mit seinen Abenteuern, Erkenntnissen, seinem Genie und seiner Methodik bis in unsere Tage tragfähige Fundamente geschaffen hat. Humboldts ganzheitliches Weltbild, seine Lehre von der Systematik der Dinge als Teil eines großen Ganzen wird als visionär und auch für neue Forschergenerationen als beispielgebend verstanden.

Das betrifft seine materielle, interdisziplinäre Forschung, die unter anderem Darwin entscheidende Impulse für die Entwicklung seiner Lehre von der Entstehung der Arten, also der Evolutionstheorie, gegeben hat. Es betrifft aber auch seine Art der verständlichen Kommunikation, seine Methoden und die Art der Vernetzung, – er schuf sich sozusagen eine Art analoges Inter-Netz –, mit der er nationale wie politische, auch rassische Grenzen überwand und so auch Vorurteile und wissenschaftlichen Kolonialismus. Dafür feiert man ihn noch heute in Lateinamerika besonders liebevoll. Die Wissenschaft in den Dienst der Menschheit und nicht nur der Eliten zu stellen, ist, in Kürze, die Essenz seines Wirkens.

1799 besuchte Alexander von Humboldt mehrere Monate das "alte" Spanien, das Land war der Hafen für die wichtigste Reise seines Lebens. Er war hier beileibe nicht nur, um Proviant zu laden und noch einmal eine ausführliche Siesta zu halten. Denn den Winter musste man abwarten, um sich bei der Überfahrt auf dem Atlantik nicht zu sehr in Gefahr zu bringen.

Erforschen statt erobern: Humboldt in Spanien

Der Spanienaufenthalt, sonst nur eine biografische Fußnote im Leben Humboldts, wird im Lande selbst mit Büsten und Büchern gewürdigt. „Einen Riesen“ habe man zu Gast gehabt, resümiert das Land, – zumindest die gleichnamige Zeitung „El País“ –, der die Neue Welt zwar eroberte, aber um sie zu erforschen, nicht sie zu unterwerfen, zu bekehren und zu plündern. Humboldts Glanz möge dieses dunkle Bild ein bisschen aufhellen helfen.

Alexander von Humboldt in seinen Elementen. Gemälde von Weitsch.

Was trieb der adelige Berliner in Spanien? Natürlich diente der sechsmonatige Aufenthalt in erster Linie den Reisevorbereitungen. Es ging um Papiere, Schiffsladung, Kontakte und Sicherheit. Immerhin dräuten die Napoleonischen Kriege herauf, Bonaparte war gerade in Ägypten einmarschiert, Europa stand mal wieder eine gründliche Umwälzung bevor – und damit Leid, Tod und Unwägbarkeiten aller Art natürlich auch für Reisende. Zudem gehörten die zu besuchenden Gebiete in Südamerika fast ausschließlich zur spanischen Krone. Eine Audienz beim spanischen König und dessen Empfehlungen waren also unvermeidlich für das Gelingen der Expedition. Selbst in Nordamerika hielt sich Spanien, wie in Florida, noch bis 1821 so mehr oder weniger als Kolonialmacht.

Am 7. Januar betraten der damals 30-jährige Alexander von Humboldt und sein französischer Forscher-, Reise- und so auch Lebensgefährte Aimé Bonpland in Gerona in Katalonien spanischen Boden, von wo sie nach Barcelona weiterreisten. Das Hotel Fontana de Oro wurde ihr Quartier, von dem aus sie Ausflüge auf den Montserrat, zu Ausgrabungen nach Tarragona und in Sagunto unternahmen.

Spaniens Zentralmassiv „entdeckt“ und von Humboldt genau vermessen

Immer dabei: Zeichen- und Notizblock sowie alle möglichen Messinstrumente. Ende Januar ging es weiter über Valencia, wo man zwei Tage Station nahm, nach Madrid. Humboldt bestimmte auf dem Weg dorthin erstmals exakt die astronomische Lage und die Höhe wichtiger Punkte im iberischen Zentralgebirge, das man als solches und in dessen gesamter Komplexität überhaupt erst nach seinen Arbeiten definieren konnte. Humboldt erklärte den Spaniern also, wo es lang und breit ging.

Über Valencia schwärmte Humboldt in Briefen über den „immerwährenden Garten“ und das angenehme Klima, in Katalonien staunte er über die hoch entwickelte Industrie, die er mit Holland verglich.

Empfangen wurde Humboldt in der spanischen Hauptstadt Madrid zunächst vom preußischen Gesandten David de Tribolet-Hardy, die beiden wohnten dann wieder im mythischen Fontana de Oro, das später ein berühmtes Kaffeehaus wurde und heute ein Irish Pub ist. Baron Philippe de Forell, Botschafter Sachsens in Spanien und selbst ein Forscher der Botanik, riet Humboldt, er möge seine Forschungen in einer Präsentation zusammenfassen, die das Eintrittsbillet zum Hofe Carlos IV. sein könnte. Gleichzeitig nutzten die beiden Forscher die Zeit, um sich in die Madrider Gesellschaft einzuführen, mit Forschern zu parlieren und selbst zum Beispiel astronomische Beobachtungen durchzuführen.

Humboldt in Spanien: Papierkram in Madrid

Humboldt beriet sich mit führenden Kapazitäten des Botanischen Gartens, Real Jardín Botánico, und der Akademie der Naturwissenschaften, Real Gabinete de Historia Natural. Hydrographen und Historiker gehörten ebenso zu seinen Beratern wie die kleine deutsche Forschergemeinde in Madrid mit Christian Herrgen, Johann Wilhelm und Heinrich Thalacker sowie den Brüdern Heuland. Der sächsische Botschafter Baron Forell war es auch, der den entscheidenden Kontakt mit Staatssekretär Mariano Luis de Urquijo herstellte. Dieser hatte die nötigen Kontakte zum Hof und war es letztlich auch, der die Papiere für die Passage und die königlichen Empfehlungen für Humboldt besorgte.

Das dauerte bis Anfang Mai. Wie nicht anders zu erwarten, nutzte Humboldt diese Zeit produktiv, unter anderem vermaß er das Königsschloss Aranjuez, das er mehrfach besuchte, mit allen Schikanen, die damals die Wissenschaft in ihren Köchern hatte. Humboldt hatte sich gerade aus Paris die neueste Messtechnik besorgt. Das machte wohl Eindruck. Seine Ergebnisse, unter anderem über die Geographie Zentralspaniens, veröffentlichte er zunächst in französischen und deutschen Fachblättern, der Neid der spanischen Kollegen ließ die Übersetzung ins Spanische erst 1816 zu.

Die Reisepapiere in der Hand brechen Humboldt und Bonpland umgehend nach La Coruña auf, wir schreiben mittlerweile Mitte Mai, es wird Zeit, sich einzuschiffen. Doch die beiden lassen sich 14 Tage Zeit, um an die Nordwestspitze Galiciens zu gelangen. Altkastilien, León, das Klosterschloss El Escorial und die gewaltigen Naturschönheiten der Sierra de Guadarrama bis zum Puerto Manzanal, die Weinkeller in der romanischen Stadt Villafranca del Bierzo sowie Lugo liegen zu verlockend auf dem Weg, um sie auszulassen.

Humboldts Begleiter fertigte genaue Aufzeichnungen über die Besteigung des Vulkans Teide auf Teneriffa an.

Am 5. Juni schließlich beginnen sie ihre große Reise nach Amerika auf einer großen Fregatte der Pizarro-Klasse. Doch Spanien verlassen sie zunächst noch nicht. Weil sie nicht können. Der Hafen wird von britischen Kriegsschiffen blockiert. Kleine Scharmützel im großen Welttheater. Humboldt vertreibt sich die Zeit damit, die Lage des Hafens von Ferrol zu berechnen. Er findet fehlerhafte Angaben, die unter anderem zur falschen Bestimmung der Längengrade mehrerer Städte Amerikas geführt hatten.

Ausflüge führten ihn zu den Pflanzen der galicischen Täler und hinauf zum Torre de Hércules, dem 55 Meter hohen Leuchtturm aus dem 1. Jahrhundert, dem einzigen funktionstüchtigen dieser Epoche weltweit. Er war nur ein paar Jahre vor Humboldts Aufenthalt, 1788, restauriert worden. Man betrieb ihn damals mit einem Feuer aus Steinkohle, berichtet Humboldt in einem Brief.

Schließlich lassen die Briten die Reisegesellschaft durch, am 19. Juni legen sie auf den Kanarischen Inseln in Santa Cruz de Tenerife an, wo sie zwei Tage darauf den mächtigen Vulkan Teide besteigen, der mit 3.718 Metern der höchste Berg des heutigen Spaniens ist. In Südamerika werden die Forscher sogar knapp an die 6.000-Meter-Grenze gelangen.

Beim Aufstieg faszinierten Humboldt neben geologischen Aspekten vor allem die Veränderung der Vegetation, ihre Anpassung an das raue Klima, die Baumgrenze. Davon hat Humboldts Begleiter Leopold von Buch eine detaillierte Zeichnung angefertigt, die heutige Klimaforscher als Referenz und als Beweismittel für die Klimaerwärmung nutzen und auch den Reisenden selbst als Vorlage für ähnliche Erhebungen später am Chimborazo dienten.

In La Orotava folgen nochmals astronomische Beobachtungen in einem tiefschwarzen, klaren Sternenhimmel, bevor man – natürlich nach einer letzten Siesta – am 25. Juni endgültig in Richtung Neue Welt ablegt.

Es blieb in unseren Zeiten populistischer Kampagnisierung nicht aus, dass Humboldt vom Forschergenie posthum zum Pionier der Klimaforschung ernannt und dann gleich noch zum ersten Umwelt-Aktivisten befördert werden musste. Sein Werk erträgt das spielend, denn es ruht nicht nur auf Empirie, Wissen und Talent. Vielmehr führt Humboldts Wirken die philosophisch animierte Aufklärung aus der Tradition Kants in eine fachübergreifende Synthese wissenschaftlicher und humanistischer Progression ein, um etwas zu schaffen, was man als Universalität bezeichnen kann. Sein Hauptwerk heißt ja nicht aus Jux und Dollerei „Cosmos“. Durch sein Wirken bildet er einen Bogen zur Antike und zur Renaissance und macht seine Epoche zu einer ebenso ambitionierten und fruchtbaren.

Es braucht mehr Humboldt

Sein humanistischer Universalismus ist dabei das genaue Gegenteil vom gelebten neoliberalem Globalismus, kommt aber im Unterschied zu den „Alternativen“, die Populisten weltweit „ihren“ Völkern heute wie Hunden als vergiftete Knochen zum Fraße vorwerfen, ohne nationalistische Übertreibungen, Hass, Ausgrenzungen und Gewalt – und auch ohne Verzicht auf wissenschaftliche Methodik und Erkenntnis aus. Es braucht also mehr von dem, worüber Humboldt so im Überfluss verfügte: Bildung, Verstand und Herz – und all das sinnvoll miteinander vernetzt.

Zum Thema: „O Spanien!“ Deutschlands Kulturpapst Alfred Kerr besucht Spanien.

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