zwei frauen betrachten gemälde im museum der schönen künste alicante
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Das Museum der Schönen Künste in Alicante, Mubag, bietet viel Historienmalerei, aber auch feinste Genrekunst vor allem des 19. Jahrhunderts.

Museen in Coronavirus-Krise

Spiegel einer Stadt: Besuch im Museum der Schönen Künste von Alicante

  • vonMarco Schicker
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Das Museo de Bellas Artes, Mubag, ist nach langer Renovierung und Coronavirus-Pause wieder geöffnet. Mindestens so interessant wie die Ausstellung ist die Geschichte des einstigen Hausherren im Palacio Gravina.

  • Das Museum der Schönen Künste öffnet nach Coronavirus wieder und damit die meisten Museen in den Städten der Costa Blanca.
  • Die Sammlung gehört zur Provinzverwaltung von Alicante und vereinte Gemälde von Stipendiaten und Privatsammlungen.
  • Der Palacio Gravina, Sitz des Mubag, ist ein barockes Stadtpalais mit einer interessanten Geschichte.

Alicante - Das Mubag (Museo de Bellas Artes Gravina) hatte zuletzt keine Glückssträhne. Erst im Dezember 2019 konnte es nach eineinhalb zu langen Jahren Renovierung wieder öffnen, da kam im März 2020 die Schließung wegen des Coronavirus, die alle Museen in eine ungewisse Zukunft sperrte. In der Woche bis 13. Juni öffnet das Mubag wieder, wie die meisten Museen in Alicante und Elche, vom Archälogiemuseum MARQ , über das Museum der Modernen Kunst MACA, das Austellungs- und Kulturzentrum Las Cigarreras, die Burg Castillo de Santa Bárbara, die Lonja, die alte Fischauktionshalle sowie in Elche das MUPE, das Fiesta-Museum und das Museo del Palmeral.

Bereits geöffnet sind die großen drei in Madrid, der Prado, die Sammlung Thyssen und Reina Sofía. Grund genug bald wieder nach Madrid zu reisen und sei es nur für ein Wochende. Doch zunächst bleiben wir in Alicante.

Erasmus des 19. Jahrhundert: Künstler aus Alicante auf Reisen

Das Mubag ist seit 2001 im sanierten und erweiterten Palacio Gravina untergebracht, einem für Alicantiner Verhältnisse gewaltigen Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert, nur ein paar Schritte von der Strandpromenade entfernt. Geboten werden im Mubag auf drei Ebenen eine Dauerausstellung mit rund 80, den wichtigsten Werken der Kunstsammlung der Provinzverwaltung Alicante, sowie jeweils Sonderschauen, die sich jeweils einer Malerpersönlichkeit annehmen.

Nach langer Renovierungspause erstrahlt das Mubag, das Museum der Schönen Künste in Alicante wieder in neuer alter Pracht.

Gespeist wird das Museum überwiegend durch die Werke Alicantiner Künstler, die im 19. Jahrhundert Stipendien der Mal- und Zeichenschule „Escuela de Dibujo y Pintura del Consulado Marítimo y Terrestre de Alicante“ erhielten. Sie sollten in die Welt hinaus fahren, um zu lernen und als Botschafter der Kunst fungieren. Ihre Werke verblieben dafür bei der Stadt, die Provinzverwaltung ist der Rechtsnachfolger dieses Consulado, das als eine Art königlich-privilegierter Verwaltungs- und Handelskammer von 1795 bis 1858 die Geschicke der Stadt wesentlich lenkte und dann in der Provinzverwaltung aufging.

Das Museum spiegelt damit fast exklusiv die relativ kurze Epoche bürgerlichen Aufschwungs, einer Gründerzeit, die in Alicante erst Ende des 18. Jahrhunderts, eigentlich erst im 19. begann, als Valencia es endlich einmal von der kurzen administrativen Leine ließ und sich Hafen und Handel etwas verselbständigen konnten. Diese Marginalität Alicantes gegenüber dem großen Valencia ist ein Lebenslied dieser Stadt, ebenso die Nebenrolle als Anhängsel des Bistums Orihuela-Alicante in spirituellen Fragen.

Kunst folgt Geld: Marmor, Wein und Reisende

Alicante hat zwar 2.000 Jahre Geschichte vorzuweisen, war aber meist eine Durchgangsstation und seltener Residenz, ein Umschlagplatz und Hafen für Landwirtschaft und Marmorindustrie mit entsprechendem Publikum und wenig Sesshaftigkeit. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, die Touristen kamen lediglich als weiteres Nomadenvolk hinzu. Der Reichtum aber, den sich wenige hier im Wortsinne einhandelten, wanderte überwiegend in die Privatresidenzen nach Valencia, Barcelona, Madrid oder das Ausland ab und mit ihm auch viele Kunstwerke.

Das Palais Gravina, in dem das Mubag seinen Sitz hat, ist steinerner Zeuge dieser Zufälligkeit, der hier Kunst und Bildung unterlagen. Es gehörte Antonio Valcárcel y Pío de Saboya, Graf von Lumiares (1748-1808), Sprössling einer alten, weit verzweigten Adelsfamilie, die neun Titel vereinigte, darunter den eines Granden von Spanien, – das waren jene, die als Einzige das Privileg genossen, die Kopfbedeckung aufbehalten zu dürfen, wenn der König eintrat. Neben dem Privileg, sich beim Volk frei zu bedienen, natürlich.

Die Gewölbe im Palacio Gravina, dem Sitz des Museums der Schönen Künste, Mubag, in Alicante.

Graf von Lumiares: Das schwarze, geschmackvolle Schaf der Familie wird zum Archäologen in Alicante

Antonio geriet allerdings nicht so, wie es sein gestrenger Vater wollte, hatte Flausen im Kopf und die eigene Familie ließ ihn wegen Unbotmäßigkeiten auf der Festung St. Bárbara internieren. Dort kam er in Kontakt mit gebildeten Aufklärern seiner Klasse und Epoche, die man nicht nur in Spanien gerne in den Kerker warf. Er las sich tief in die Geschichte ein und wurde Archäologie-Fan sowie ein Numismatiker ersten Ranges.

Mit der Apanage seiner Familie erwarb er ein altes Palais in der Calle Gravina, das er um 1770, aber – ganz historisch informierter Ästhet – im Stile des frühen 17. Jahrhunderts um- und ausbauen ließ, sich an den festungs- und klosterartigen Profan-Renaissance-Barock-Mix der Alicantiner Altstadt haltend. Sein Vorbild wirkte nicht lange, der Palacio ist von architektonischen Scheußlichkeiten unserer Zeit zugestellt.

Unser Graf brachte es an die Akademien von Barcelona bis Padua, publizierte Werke über römische Inschriften Valencias und inspirierte archäologische Grabungen, gilt als Mitentdecker Lucentums und wird als „erster Feldarchäologe Alicantes“ verehrt. Seine Artefakte und eine 12.000 Teile umfassende Münzsammlung seit der Ibererzeit verblieben im privaten Familienbesitz, einiges liegt immerhin im Marq, dem Archäologiemuseum.

Palacio Gravina: Glücksfall für Alicantes Barrio

Dass das Palais Gravina Sitz des Museums wurde, ist ein Glücksfall. Leider gibt es im „Barrio“, der historischen Altstadt Alicantes, viele solcher Palais, die leer stehen, verfallen oder aufgrund dunkler, sehr oft klerikaler Eigentumsumstände unter Verschluss bleiben. Wenn sich nicht Gelder der Stadt oder Unternehmer mit Kulturgeist – beides selten gesehene Wesen – ihrer erbarmen und sie zu neuem Leben in altem Glanz erwecken. Das Hotel Boutique Alicante Palacete Siglo XVII neben der Concatedral ist ein jüngstes erfreuliches Beispiel für dieses Mäzenatentum, – die traurigen Exempel überwiegen allerdings, der Besucher möge das bei seinem Gang ins Gravina würdigen.

Schäferstündchen im Mubag. Das Museum der Schönen Künste in Alicante lädt zum künstlerischen Rückblick auf das Leben an der Costa Blanca ein.

Die edel ausgeleuchtete Dauerschau im Mubag ist mit „Von der Lehre zur Meisterschaft“ untertitelt, um so die Suche der Künstler nach ihrem individuellen Ausdruck zu verdeutlichen. Nun hat das 19. Jahrhundert, also die Zeit des post-napoleonischen Nationalismus in Europa nicht überall die Freigeister so entfacht wie in Paris, wo schon Mitte des 19. Jahrhunderts die Moderne anklopfte, um mit neuer Formensprache aus alten Mustern auszubrechen, die Malerei zum Spiegel der Seele und Teil gesellschaftlicher Prozesse werden zu lassen und nicht nur als Illustrator von Geschichte, Mythen oder als Dekoration zu dienen.

Abbild des Alicantiner Bürgertums in Katzengold gerahmt

Dieses konservative Element, im Historismus und der Spätromantik auch in Baustilen, Design und Musik verankert, wog nicht nur optisch schwer, es versprach Sicherheit und gaukelte nestwarmen Wohlstand vor. Es entsprach dem breiteren Publikumsgeschmack des „Bildungsbürgers“, somit dem Markt, und dieses Gemenge hielt sich vor allem in der „Provinz“ hartnäckig.

Auch die alicantiner Künstler, die uns das Mubag vorführt, behielten ihren Hang zum Monumental-Historismus, zum Tant, zur oberflächlichen Schönheit, zu antiken Themen sowie zum Lokalkolorit manchmal gefährlich nahe am röhrenden Hirsch. Sich von den klassischen Malschulen zu lösen, sich zu emanzipieren, gelang jedem Einzelnen von ihnen, soweit sein Talent und soziale Prägung es zuließen und überhaupt der Wille dazu da war.

Die meisten jedoch verlassen mit ihren Werken den Kanon des Überlieferten nicht, folgten Moden und Stilen bis zur Verwechselbarkeit. Das immerhin tun sie mit ansprechender Eleganz, technischer Meisterschaft und manchmal sogar mit einem Anflug von Genie, wie in den „Primeros pasos“ von Lorenzo Casanova, das im neuen Mubag erstmals zu sehen ist.

Diskrete Nähe gegen Wucht: Regelmäßige Sonderschauen im Mubag Alicante

In den Sonderschauen, die mit „Internationale Anerkennung“ nicht provinzieller überschrieben sein könnten, feiert man regionale Künstler, wie den Alcoyaner Historienmaler Antonio Gisbert, (1834-1901), immerhin einer der ersten Direktoren des Prado in Madrid oder Joaquín Agrasot aus Orihuela, dem man zu dessen 100. Todestag im Jahr 2019 ebenfalls eine Hommage in Form einer Sonderaustellung widmete. Szenen aus dem einfachen Volke, dessen Traditionen und Besonderheiten bilden die Themen seiner feinen Bilder, die dem Realismus zugeordnet werden und empathische, diskrete Nähe zum betrachteten Objekt schaffen, die sich wohltuend von der repräsentativen und menschenfernen Wucht der vielen Historienschinken im Mubag abhebt.

Als ein Kleinod seien dem Besucher des Mubag die gekonnt proportionierten Deckengewölbe in der Säulenhalle im Erdgeschoss empfohlen, ein Vermächtnis des Grafen Antonio, des schwarzen, geschmackvollen Schafes der Familie.

Der Besuch des Mubag vervollständigt dem Alicante-Besucher das Bild einer Stadt und der Costa Blanca, das sich im Castillo Santa Bárbara und den dort gezeigten stadtgeschichtlichen Schnappschüssen aus dem Alltagsleben prägt und sich im Archäologiemuseum Marq, dem mit Abstand wichtigsten Museum der Provinz, vertiefen lässt. Das Museum für Moderne Kunst, das belegt, dass auch produktive Subversivität immer mal ein Gastspiel in der Stadt absolvierte, sollte man nicht vergessen.

Das Mubag hingegen steht für den bürgerlichen Mainstream, das konservative Element, das Alicante nach wie vor dominiert und sich hier einen Schrein und würdigen, katzengoldgerahmten Spiegel errichtet hat.

Das Museo de Bellas Artes von Alicante befindet sich im Palacio Gravina in der Carrer Gravina 13. Geöffnet ist es dienstags bis samstags von 10 bis 20 Uhr, sonntags von 10 bis 14 Uhr, im Juli und August jeweils eine Stunde länger. Montags geschlossen. Der Eintritt ist frei. Für die Zeit der Deeskalation aus der Coronavirus-Krise gelten gesonderte Besuchsregelungen.

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