Altes schwarz weißes Foto, Geografin in den Bergen.
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Alicante: Pionierinnen der Geografie - Fanny Bullock stürmte Gipfel.

Frauen in Spanien

Alicante: Pionierinnen der Geografie - Tour auf Deutsch

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Spanien sorgt bei der internationalen „Geonight“, Nacht der Geografie, am 9. April für einen starken weiblichen Akzent: Wegweisende Forscherinnen, die Gipfel stürmten und Vulkane im Herzen trugen.

Alicante - 200 Beiträge aus 40 Ländern: Eine beachtliche Nacht der Geografie“ erwartet die Welt der Wissenschaft am 9. April, auch wenn die meisten Events aufgrund der Coronavirus-Krise nur virtuell stattfinden. Für einen starken weiblichen Akzent auf der von den internationalen Geografie-Verbänden EUGEO und IGU veranstalteten „Geonight“ sorgt Spanien dank eines Beitrags der Uni Alicante. „Geógrafas y ciencia“, Geografinnen und Wissenschaft, stellt Pionierinnen der Geografie-Forschung vor. Besucht werden kann die spannende Online-Tour mit Audioführungen auf mehreren Sprachen, darunter Deutsch.

AlicanteStadt in Spanien
Fläche: 201,3 km²
Bevölkerung: 331.577 (2018)

Alicante: Pionierinnen der Geografie - Tour auf Deutsch - Ein besonderer Weitblick

Einerseits stellt die Tour aus Alicante die Geografie vor, ein Fach, das gar nicht so bekannt ist, wie man meint. Andererseits steht bei „Geografinnen und Wissenschaft“ die Frau in der Forschung im Mittelpunkt. Starke weibliche Persönlichkeiten brachte die Geografie, eine Disziplin an der Schwelle zwischen Erde und Gesellschaft, hervor. Als wahre Pionierinnen - Vorkämpferinnen - der weiblichen Wissenschaft gelten sie heute. Die Ausstellung entsprang in Alicante dem ersten „wissenschaftlichen Treffen junger Geografinnen“ zum 11. Februar, dem internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft.

Bild in der Umfrage: Allegorie der Geografie vom Maler José Peyret Alcañiz  (*1785) aus Alicante.

Geografie, ist das nicht die Kunde von Ländern, Hauptstädten, Flüssen? Sie ist viel mehr, erklärt die virtuelle Tour der Uni Alicante. Die Geografie studiere „Prozesse der Natur und Handlungen des Menschen auf der Erdoberfläche“, und das auf ganzheitliche Weise. Zu Kenntnissen gelange sie durch Werkzeuge verschiedener Bereiche: Mathematik, Soziologie, Technologie oder naturwissenschaftliche Analyse.

Das Ergebnis: Ein besonderer Weitblick, der durchaus weibliche Züge hat, wie die Veranstalterinnen der Tour versichern. Doch äußert er sich nicht darin, dass viele Frauen in der Geografie anzutreffen seien. Im Gegenteil: Wie andere Mint-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), leide auch die Geografie am Mangel an Forscherinnen.

Alicante: Pionierinnen der Geografie - Die Französin, die Darwin übersetzte

Dabei blicken die Geografinnen – das zeigt die virtuelle Tour – auf eine beachtliche Tradition zurück. Schon im 19. Jahrhundert fertigten Frauen mit Detail und wissenschaftlicher Genauigkeit Beschreibungen und Karten besuchter Orte an. Das waren die Pionierinnen der Geografie. Als Geografinnen anerkannt wurden aber nur wenige von ihnen. Meistens blieben sie für die Forschungswelt anonym, wurden höchstens Lehrerinnen. Doch vor allem auf internationaler Bühne gab es Ausnahmen.

Als erstes begegnet uns Französin Clémence Augustine Royer (*1830), die etwa Darwins „Die Entstehung der Arten“ übersetzte und die Evolutionstheorie in der französischsprachigen Welt verbreitete. Die Amerikanerin Eliza Ruhamah Scidmore (*1856) war 1890 die erste Fotografin des „National Geographic“. Das Leben von Gertrude Bell (*1868) wurde gar verfilmt („Queen of the desert“ mit Nicole Kidman). Die Britin stellte für die Regierung den arabischen Raum in Form von Karten dar, wofür die „Baumeisterin des Irak“, wie man sie nannte, den Ehrentitel Commander of the British Empire bekam.

Eine weitere Protagonistin der Tour ist die Argentinierin Elina González Acha de Correa Morales (*1861), eine Geografie- und Naturkunde-Lehrerin. Sie begründete die argentinische Gesellschaft der Geografie-Studien und blieb bis zum Tod 1942 deren Vorsitzende. Auch war die Forscherin 1924 die erste Frau in der Geografischen Gesellschaft in Berlin. Eileen Fairbairn (*1863) lehrte Geografie in Neuseeland und war eine Pionierin in der Anwendung moderner Metodologie. Vor allem ihre Betonung auf Feldstudien und Modellen von Reliefs waren prägend. Besonders faszinierte sie, wie die Landschaft die Menschen beeinflusste.

Alicante: Pionierinnen der Geografie - Buch von Regina Fleszarowa (1945).

Alicante: Pionierinnen der Geografie - Die Deutsche ohne Geburtsdatum

Regina Fleszarowa (*1888) war in Polen die erste Frau mit Doktortitel in Geografie. Die Geologin und Geografin war Pionierin in der Entwicklung der Naturwissenschaften, sie veröffentlichte rund 100 Arbeiten zu ihrer Wissenschaft in Polen. Die Niederländerin Jacoba Hol (*1886) lehrte hingegen physische Geografie. Damit wurde sie zur ersten Universitätsprofessorin in der Geschichte ihres Landes. 

Auch eine deutsche Pionierin treffen wir an: Martha Krug-Genthe. Die Ausstellung erzählt, dass sie 1901 eine der ersten deutschen Geografinnen mit Doktortitel war, sie 1904 einen US-Kongress besuchte und zu Geografie an Schulen forschte. Ein Geburtsdatum der Deutschen aber konnten die Veranstalterinnen der Geografie-Tour nicht ermitteln.

Ganz anders Fanny Bullock Workman (*1859), deren Lebenswerk bestens belegt ist – auch dank toller Fotos von ihren Höhenrekorden beim Bergsteigen. Ob Karakorum oder Himalaya, zahlreiche Gebiete bildete die Geografin als Karten ab und gab Gipfeln Namen. Ein weiterer Gipfel: Bullock war die erste US-Amerikanerin, die Vorlesungen an der Sorbonne in Paris hielt.

Alicante: Pionierinnen der Geografie - Adela Gil erforschte Vulkane.

Alicante: Pionierinnen der Geografie - Spanierin mit Vernunft gegen Diktatur

Unter den Pionierinnen der Geografie aus Spanien sticht Adela Gil Crespo (*1916) hervor. Schon als Lehrerin förderte sie kritischen Geist: Alle Informationen mussten den Filter der Vernunft überstehen. Ihren Einsatz für solche Lehrstrategien missfielen der Franco-Diktatur, sodass sie 1939 verhaftet wurde. Ein Prozess 1940 - derselbe, der Miguel Hernández zum Tode verurteilte - wies der Forscherin aber nicht nach, linke Ideologie zu propagieren. Also schloss Gil die Uni ab und erforschte dank internationaler Stipendien ihren Lieblingsbereich, den Vulkanismus.

Nach der Begegnung mit so illustren Pionierinnen der Geografie überraschen fast die Zahlen, die die Tour am Ende präsentiert. 2021 bleibt die Riege der Geografinnen dünn. Die internationale Geografie-Union etwa hatte schon 25 Vorsitzende, davon aber nur eine Frau. Nur ein drittel der eingetragenen Geografen sind Frauen. Und das, obwohl bei Geografie-Schulolympiaden Mädchen mindestens ebenbürtig sind.

Alicante: Pionierinnen der Geografie heute - Veranstalterinnen der Tour.

Wir lernen: Noch heute müssen Frauen Gipfel stürmen und Vulkane im Herzen tragen, um dem Ruf der ganzheitlichen Disziplin über die Erde und den Menschen - also der Geografie - folgen zu können. Link zum Besuch der virtuellen Tour.

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