Spanische Künstler

Alicantes Tanz auf Hauswänden: Irre Show am Rand des Himmels

  • vonStefan Wieczorek
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2021 bleiben Alicantes Akrobatik-Shows an Hauswänden rar - wegen Corona. Schade! An Weihnachten verzauberten die Fassaden-Tänzer Subcielo Randviertel der Stadt. 

Alicante - Eine eindrucksvolle Erfahrung sind die Shows der Tänzer von Subcielo. Die internationale Gruppe aus Alicante ist vor allem für ihren irren vertikalen Fassadenzauber bekannt. In Coronavirus-Zeiten praktiziert in Spanien wohl keiner artistischer die soziale Distanz als die Akrobaten in schwebender Höhe. Jedoch sind sie, wie der gesamte Kultursektor in Spanien, durch die Corona-Krise stark beeinträchtigt. Bewundern kann man Subcielo derzeit fast nur im Internet. Damit sie überhaupt auftreten konnten, begaben sich die Künstler Ende 2020 in Randviertel - und brachten zu staunenden Bewohnern den Rand des Himmels.

Alicantes irrer Tanz auf Hauswänden: Subcielo - Tänzer am Rand des Himmels

Nur wenige Tage war es her, dass ganz San Gabriel nach oben auf eine Hauswand starrte. Fassungslos sahen die Bewohner des Viertels von Alicante zu, wie die Wohnung einer Familie völlig ausbrannte. Nur eine Straße weiter stand kurz vor Weihnachten wieder die Menge - mit Corona-Sicherheitsabstand - da, im eigentlich an wenig Aufruhr gewöhnten Randbezirk der Costa Blanca, die Köpfe erhoben, mit großen Augen auf eine Fassade gerichtet: die Frontseite der Kirche des Engels Gabriel.

Nun aber waren keine Feuerzungen dabei, ein Haus zu zerstören. zwei Funken flitzten über den 17 Meter hohen Glockenturm in Alicante. Ein irrer Fassadenzauber war im Gange: Zum steinernen Engel über dem Kirchentor hatten sie sich urplötzlich gesellt, die lebendigen Figürchen, die – schwebend, pendelnd, schwingend – in einem akrobatischen Tanz alle physikalischen Kräfte herausforderten. Eine Frau und ein Mann im akrobatischen Tango am Rand des Himmels, im Tagtraum vom Fliegen.

„¡Volar!“ – Fliegen – sei „das gemeinsame Ziel unserer Tänzer“, definiert sich die Gruppe Subcielo, die auf dem vertikalen Parkett in der Südstadt von Alicante den Fassaden-Tanz vollführte. Staunen durften die Zuschauer über den Gründer Pablo Cuello und seine Mittänzerin Camila Manzano, die ein Heimspiel hatte, weil sie aus San Gabriel stammt. Doch sie war nicht der einzige Grund für den Auftritt der international bekannten Gruppe im Randviertel der Costa Blanca.

Irrer Fassadentanz aus Spanien: Am Stadtrand gegen die Zentralisierung

Die Show in San Gabriel war das Finale der Serie „Volando en los Barrios“, „Fliegend in den Vierteln“, die Subcielo mit dem Kulturamt der Stadt Alicante vorbereitet hatte. Zuvor trat die an der Costa Blanca gegründete Gruppe im sozialen Randbezirk Virgen del Carmen auf, der überregional eher als Brennpunkt der Stadt denn als Bühne für himmlische Kunst für Schlagzeilen sorgt. Doch Feuer und Segen – das haben wir in San Gabriel gesehen – können nah beieinander liegen.

So seilten sich Pablo Cuello und Camila Manzano gezielt im Problemviertel ab. Erklärtes Ziel der Stadtrand-Show: Eine „künstlerische Dezentralisierung“. Ein erfrischender Ansatz war es für die konservativ regierte Stadt, die neulich die größte Weihnachtskrippe der Welt errichtete. Natürlich nicht am Stadtrand, sondern vor der eigenen Nase, am Rathaus.

Ganz anders ist die Vision von Subcielo. „An die Ränder gehen ist ein Weg, damit Menschen Spektakel genießen, Dinge sehen, von denen sie nicht wissen, dass sie existieren“, sagt Pablo Cuello. Eine „Motivation“ sei das für die Bewohner, aber auch für die Gruppe, die sich so in vermeintlich weniger gebildeten Milieus von Spanien neue Follower erhofft. Menschen in bescheidenen Verhältnissen, die vielleicht noch nie im Theater waren, seien „das beste Publikum“.

„Sie sind dankbar. Im Viertel Virgen del Carmen riefen sie uns zu: ‚Das ist wahre Kunst, und nicht das Gitana-Mädel, das auf TikTok rumtanzt!‘“, erzählt Tänzer Pablo Cuello. Dass die Show „Célula“ („Zelle“) jeden Zuschauer mitreißt, ist aber auch kein Wunder.

Die Fassaden-Tänzer verschmelzen fast, doch die Tragödie wartet schon

Denn das Subcielo-Stück, das im internationalen Choreo-Wettbewerb Burgos-New York ins Finale kam, ist eine Reflexion über etwas Ur-Menschliches: Beziehung und Liebe. „Aus einer Zelle, die sich teilt, werden zwei Wesen geboren, die den Raum und seine Möglichkeiten erforschen“, erklärt Pablo Cuello den irren Fassaden-Tanz. Da haben wir sie wieder, die Ambiguität. Des Feuers. Der Zelle. Einsperren kann sie, aber auch neues Leben schaffen.

Um diese Bandbreiten geht es auf der vertikalen Wand am Rand von Alicante. Zunächst hängt das Paar, zur Cello-Melodie von Isabel Hidalgo, reglos ganz oben, den blauen Himmel als Kulisse, bewegt dann die ersten Glieder, um schließlich wie eine Blume aufzugehen. Immer unmöglichere Tanzfiguren lassen die zwei Fassaden-Tänzer beinahe zu einem Kunstwerk verschmelzen.

An die Ränder gehen ist ein Weg, damit Menschen Spektakel genießen, Dinge sehen, von denen sie nicht wissen, dass sie existieren

Pablo Cuello, Fassaden-Tänzer aus Alicante

Doch die Tragödie ist nicht weit. Was bei Subcielo (übersetzt „Unter-Himmel“) gerade noch fliegen ohne Schwerkraft war, wird unerwartet schnell zu hängen, gefesselt sein. Die Frau seilt sich ab, an ihrem seidenen Faden. Der Mann lässt den Kopf hängen, nimmt die Position des Verlassenen ein. Die tanzenden Funken scheinen sich verbrannt zu haben.

Auf neuer Ebene probiert sie – immer befreiter werdend – neue Posen aus, und trennt sich von ihrem Attribut, dem roten Kleid. Länger dauert es, bis auch er in Schwung kommt. Von seinem „hohen Ross“ seilt sich der Verletzte, Beleidigte ab, vom Himmel in Richtung Erde. Sie treffen sich. Wie die zwei Planeten am 21. Dezember erstrahlen sie heller als zuvor.

ALicantes irre Fassaden-Tänzer: Wie eine Weihnachtsgeschichte

„Wieder zusammen, nähren sie sich, stärken sich“, erklärt Pablo Cuello. Auch das schicke Hemd des Mannes fällt. Im Unterhemd – „mit neuer Haut“ – ist er frei für neue Risiken. „Sie sind verurteilt zur ewigen, perfekten Liebe.“ Diese Liebe, ein Traum? Zumindest wird er, wie der Traum vom Fliegen, im irren Fassaden-Tanz am Rand von Alicante wahr.

Spaniens irre Fassaden-Tänzer: Mit Subcielo steigt der Himmel ins Viertel herab.

Je näher die zwei Fassaden-Tänzer rücken, desto einfacher ist es für den Zuschauer, ihre Gesichter zu sehen, mit ihnen zu fühlen. Vom Himmel zur Erde absteigend scheint diese immer neu werdende Liebe zur Erfüllung zu gelangen. Aus göttlich wird menschlich – hat diese Botschaft nicht auch etwas Weihnachtliches? Am Ende seilt sich das Paar aus seinem Sicherheitsabstand gänzlich ab, ins applaudierende Viertel San Gabriel, das wie ein Engel heißt. Einem biblischen Paar, das sich fast trennte, soll er in Träumen erschienen sein, woraufhin sie das Wagnis eingingen, weiterzutanzen. Doch das ist eine andere Weihnachtsgeschichte.

Auf subcielo.com finden Sie Videos von Shows der Gruppe, demnächst sicher mit Clips des 2020 vorgestellten Werks „Dalí“ mit zwölf Akrobaten in der Luft. Einige musikalisch untermalte Bilder des Auftritts in San Gabriel finden Sie im costanachrichten-Weihnachtsclip. Weitere Shows stehen wegen der kritischen Corona-Lage in Spanien derzeit leider nicht auf der Subcielo-Agenda. „Es ist alles sehr seltsam derzeit“, sagt uns Pablo Cuello.

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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