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Ferienwohnungen statt Freiheit: Málaga will Kulturzentrum „La Casa Invisible“ zerstören

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Von: Marco Schicker

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Menschenkette für Kulturzentrum in Malaga.
Menschenkette für Selbstbestimmung: Demo für Kulturzentrum „La Casa Invisible“ in Málaga. © La Casa Invisible

Alternatives Kulturleben, das sich vorgekautem Mainstream entzieht, scheint in Málaga nicht mehr erwünscht. „Investitionen“ werden jetzt als Ausrede vorgeschoben, um das sozial aktive Zentrum zu zerstören. Worum es eigentlich geht: Selbstbestimmung zu verhindern.

Málaga – Sie passen nicht ins gewohnte Bild, sehen sich als bunter Stachel im ranzigen Fleisch administrierter Bürgerlichkeit. Die „Unsichtbaren“ des gleichnamigen Kultur- und Sozialzentrums „La Casa Invisible“ im Nordosten von Málagas historischem Zentrum. 2007 besetzten Aktivisten das schöne Bürgerhaus von 1876 in der Calle Nosquera, das die Stadt vollkommen verwahrlosen ließ.

Dann kam die Finanzkrise, die Stadtkasse war leer. Vereine und Initiativen, die das Haus bespielten, marginalisierten Kollektiven, den „Unsichtbaren“, Räume boten, die über Picasso-Museum und Museum Carmen Thyssen, hinausgehen. Aber sie bezogen auch die Nachbarschaft ein, eröffneten alternativen Künstlern Gestaltungszonen, dehnen den Kulturbegriff ins Politische aus. Oft feiern sie aber einfach nur wie sie es wollen. Ihr Konzept boten sie der Stadt als Alternative an. Es gelang eine Legalisierung des Projektes. Temporär und ohne Garantien zwar, doch es war ein Anfang.

Aus Besetzung wird legales Kulturzentrum: "La Casa Invisible" in Málaga

Die Stadt Málaga forderte bauliche Maßnahmen, die dem Denkmalschutz und der Sicherheit Rechnung trugen sowie die Trägerschaft durch eine Stiftung, die den gemeinnützigen Zweck garantiert. 2011 wurde dies in einem Vertrag festgehalten, andalusische Landesregierung, Provinzverwaltung Málaga und das berühmte Madrider Museum Reina Sofia und damit das Kulturministerium traten als Zeugen und Paten auf. Freie Entfaltung unter Auflagen, jeweils um ein Jahr verlängerbar.

Die Stadt war ein finanzielles Problem los und um ein soziokulturelles Projekt mit hoher Strahlkraft reicher, ging damit sogar hausieren. Einige Jahre gingen ins Land, die Welt veränderte sich, AirBnB und Co „leerten“ die Innenstädte Europas, zahlungskräftige Investoren verwandelten alles in Ferienwohnungen, was sie kriegen konnten. Die Gentrifizierung, die in Málaga nicht nur das unmittelbare Zentrum, sondern auch die alte Arbeitersiedlung beim Bahnhof, El Perchel, und jüngst Santa Julia betrifft, machte auch vor „La Invisible“ nicht halt, die bürgerlichen Rathausparteien nutzen den kommerziellen Druck, um ein kritisches Projekt zu zerstören.

Alternative Kultur in Málaga: Nach Gängelungen kam der Räumungsbescheid

Kulturzentrum Casa Invisible in Malaga
Kein Platz für alternative Kultur in Málaga? Kulturzentrum „La Casa Invisible“. © La Casa Invisible

Das ist zumindest der Vorwurf des Gremium des Zentrums, das behauptet, sämtliche „technische Argumente“, die die Stadt vorbringt, seien nur vorgeschoben, „wir haben alle Auflagen erfüllt“, sagen die Betreiber und halten Gutachten der städtischen Techniker auf ihrer Vollversammlung hoch. Immer wieder seit 2011 kamen Beamte und die Polizei, gab es temporäre Schließungen und bürokratische Gängelung. Allzu heimisch sollten sich die bunten Gestalten nicht fühlen.

2021 hat die Stadt die Verlängerung des Abkommens verweigert, im November 2021 flatterte der Stiftung eine Räumungsaufforderung ins Haus, wieder aus „technischen“ Gründen. Die Frist für die freiwillige Räumung ist am 7. April abgelaufen, die Stadt hat sich daraufhin umgehend an das Verwaltungsgericht gewandt und will nun die Zwangsräumung. Sie hätten „andere Rehabilitierungspläne“ ließ der PP-Bürgermeister Francisco de la Torre knapp ausrichten, der seinen Blick starr auf touristische Entwicklung und Prestigeträchtiges wie die Weltaustellung 2027 fixiert hat.

Gentrifizierung in Málaga: Ferienwohnungen verdrängen nicht nur die Kultur, auch die Menschen

„Diese anderen Pläne kennen wir“, erwidern die „Unsichtbaren“. Die Stadt, so wollen es die Aktivisten wissen, will die Abrissbagger kommen lassen. „Nur die Fassade wird stehenbleiben“, danach könnten private Investoren hier machen, was sie wollen. „Es sind letztlich politische Gründe“, sind sie überzeugt, die hinter der „verdeckten Privatisierung“ steckten: Selbstgestaltung, Selbstbestimmung, gesellschafliche Kritik, die sich organisiert, dabei aber dem Zugriff der Mächtigen und des Kommerzes entzieht. Das sei nicht für die PP, auch für die Ciudadanos nicht hinnehmbar, die hinter der Räumung stehen und sich so einmal mehr als Lobby-Partei outen.

Es ist ein alter Kampf, den es in vielen europäischen Städten um alternative Wohn- und Gestaltungsprojekte gab und gibt. Bei Lichte ist es Klassenkampf, auch wenn dieser Begriff antiquiert klingt. Es sind nicht die „Unterdrückten“, die ihn am Leben erhalten. „La Inivisible ist heute ein Vorzeigeprojekt in kritischer, integrativer Kultur in Málaga, das über die Aktivisten hinausreicht und tief im Viertel verankert ist, also den Normalbürger erreicht. Erst im Februar waren wir Sitz einer internationalen Konferenz zur Zukunft der Kultur in Europa, mit offiziellen Vertretern aus vielen Ländern, im März fand unser Festival der Freien Kunst statt und wir haben Programme mit namhaften Kunst- und Kulturvertretern bis Juni geplant“. Programme des Kulturzentrums.

"Die Unsichtbaren" geben nicht auf: Málagas alternative Kulturszene demonstriert

Doch nun müssen sie erst einmal ihr eigenes Überleben sichern, die „Unsichtbare“ zieht in ihr „letztes Gefecht“. Für den 7. Mai, 12 Uhr mittags, ist eine große Demo angekündigt, bei der nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ ihren Unmut über die Stadtpolitik und den „Verrat“ am Kulturzentrum kundtun werden, sondern auch Anwohner sowie Bewohner all jener Viertel, die jetzt ebenfalls vom Kommerz und der ihm dienenden Politik verdrängt werden sollen. Denn „Unsichtbare“ gibt es in Málaga überall. Auch, weil die Parteienpolitik ihre Probleme nicht lösen kann - oder will.

„Die Stadt hat zwei Möglichkeiten: Sie sucht mit uns über Verhandlungen nach einer dauerhaften Lösungen oder sie entscheidet sich für den Einsatz von Gewalt.“ Die wäre nach Ansicht der „Unsichtbaren“ gegen „jedes öffentliche Interesse, der Bürgermeister würde sich der Erpressung der Ciudadanos und dem Machtkalkül beugen“. Sie würden mit „unserer eigenen kollektiven Kraft und unserer freudvollen Entschiedenheit“ reagieren. „Friedlich“. Denn ihr Projekt war immer das: Friedlich und offen für alle.

Zum Thema: Kultur und Krieg - Málagas Dilemma mit seinem Russischen Museum.

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