„The hill we climb“

Amanda Gorman: Warum US-Poetin an Spaniens Dichter Miguel Hernández erinnert

  • vonStefan Wieczorek
    schließen

Mit dem Gedicht „The hill we climb“ für US-Präsident Joe Biden begeistert Amanda Gorman die Welt. Spanien erinnert es an Miguel Hernández und Zeiten des Bürgerkriegs.

Orihuela/Washington – „Denn es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“ Um die Welt gehen derzeit diese Zeilen. Es sind die letzten Verse des Gedichts The hill we climb“, das die junge Lyrikerin Amanda Gorman bei der Amtseinführung des neuen US-Präidenten Joe Biden widmete (Text auf Deutsch). Manche Zuhörer aus Spanien fühlten sich an ein Werk von Miguel Hernández, dem Dichter von der Costa Blanca, erinnert: An „Eterna Sombra“ (Ewiger Schatten), das der spanische Poet kurz vor dem Tod 1942 in der Haft schrieb.

Amanda GormanSchriftstellerin
Geboren: 7. März 1998 (Alter 22 Jahre), Los Angeles, Kalifornien, Vereinigte Staaten
Eltern: Joan Wicks
Ausbildung: Harvard College

Amanda Gorman: Warum US-Poetin an Spaniens Dichter Miguel Hernández erinnert

„Aber es gibt einen Sonnenstrahl im Kampf, der den Schatten immer besiegt.“ So endet das ansonsten tiefdüstere Gedicht von Miguel Hernández. Einen „ewigen Schatten“ („never-ending shade“) nennt auch US-Poetin Amanda Gorman gleich zu Beginn von „The hill we climb“, geht aber in einen Traum von besseren Zeiten über. Kein Wunder: Die 22-Jährige Amerikanerin sprach bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden in Washington für einen Sieger. Der 30-jährige Spanier dagegen saß verhaftet, vom Feind überwältigt, kränker werdend, in seiner Zelle.

Doch die US-Poetin Amanda Gorman und Spaniens Dichter haben Gemeinsamkeiten. So wie die Afroamerikanerin (*1998) gehörte Miguel Hernández, der kürzlich 110 Jahre alt geworden wäre, zu einer Gruppe brillanter Autoren, die bereits mit 20 Jahren gesellschaftliche Themen kommentierten. Aktivist und Poetry Slammer würde man Hernández heute nennen. Einen ähnlich ikonischen Auftritt wie Amanda Gorman hatte Hernández mit 25 Jahren, am 14. April 1936 in Orihuela, im Hinterland der Costa Blanca.

US-Poetin Amanda Gorman und Spaniens Dichter Miguel Hernández: Ikonen und Poetry Slammer

Miguel Hernández´ Darbietung ist eines der herausragenden Bilder der Vorkriegszeit in Spanien: Der Dichter beweint mit dem Gedicht „Elegía“ seinen jung verstorbenen Freund, den Essayisten Ramón Sijé. „Ich will die Erde mit meinen Zähnen aufkratzen, ... bis ich dich finde und deinen ehrwürdigen Schädel küsse....“ Auch das kein Traum von besseren Zeiten, wie bei Amanda Gorman, sondern die pure Bitternis – auf den ersten Blick. Doch im Hintergrund ist die „Elegía“ ein Schrei der Menschlichkeit. Der Poet schloss damit eine „Kluft“ und legte „Unterschiede beiseite“, wie es die US-Poetin in „The hill we climb“ formulierte. Denn: Sijé und Hernández hatten sich ideologisch entfernt. Ersterer blieb konservativ, der andere wurde zum überzeugten Linken.

Amanda Gorman: US-Poetin rechts, Spaniens Dichter Miguel Hernández links.

Es war ein Riss, der in Spanien auch im Volk stattfand. Die „frente popular“ erhob sich gegen die „frente nacional“. Die Stimmung war ein Pulverfass. Als nach einer fahrigen Rechtsregierung die Republik am 16. Februar 1936 wählte, konnte es fast nur Verlierer geben. Im Vorfeld waren die Wahlen zum Kampf von Gut gegen Böse überhöht worden. Als links eindeutig gewann, verloren die Rechten die Nerven, prangerten Betrug an, den es nicht gab. Man möchte fast meinen, es handelte sich um die US-Wahlen 2020 zwischen Joe Biden und Donald Trump.

Amanda Gorman „The hill we climb“: Spaniens Dichter wie im „Bauch der Bestie“

In jener aufgeladenen Zeit las Dichter Miguel Hernández in Orihuela die „Elegía“ vor, nicht wissend, dass in drei Monaten in Spanien der blutige Bürgerkrieg lostoben würde. Und noch weniger, dass das Gedicht heute bei Exhumierungen von Opfern aus Massengräbern vorgelesen würde. Als Hymne für Menschen, die nie richtig begraben wurden, weil man ihnen – blind vor Ideologie – das Menschsein absprach.

Im Bürgerkrieg wurde aber auch Miguel Hernández zum fanatischen Kämpfer. Seine Poesie diente nun der linken Idee („1937: Vientos del pueblo“), wurde aber immer nachdenklicher im Bezug auf das Unheil, das der Hass des Menschen anrichten kann („1938: El hombre acecha“). 1939 verhaftet, kam er in den „Bauch der Bestie“, um nun wieder Amanda Gormans Worte zu zitieren. Video unten: Video mit längeren Passagen vom Gedicht „The hill we climb“.

Eine „neue Morgendämmerung“ - Zitat Amanda Gorman - zu erleben war dem Dichter aus Spanien nicht vergönnt. Mit 32 starb Miguel Hernández im Kerker des Franco-Regimes. Heute aber gilt er als Lichtgestalt der spanischen Geschichte. Wieso? Vielleicht, weil er noch in der tiefsten Nacht Ausschau nach dem Sonnenlicht hielt. Wünschen wir der US-Poetin, die für Joe Biden „The hill we climb“ schrieb, dass sie unter friedlicheren Umständen leuchte.

Rubriklistenbild: © Casa-Museo Miguel Hernández / Patrick Semansky/AP Pool/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare