An einem Fluss in Südamerika befindet sich ein bescheidenes Grab mit Holzkreuz.
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Katalane in Amazonien begraben: Casaldáligas unheimliches Grab am Landlosen-Fluss.

Spaniens Abschiede 2020

Für Amazonien gestorben: Casaldáliga, der Katalane am Fluss der Landlosen

  • vonStefan Wieczorek
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Das Jahr 2021 begann ohne Pedro Casaldáliga, den Pastor und Dichter aus Spanien, der sein Leben Amazonien schenkte. Und 2020 auch den Tod. Vor dem neuen Weg fragen wir: Ist seine Mission gescheitert? Amazonien brennt, Amazon boomt.

Am Ende des Weges werden sie mir sagen: Hast du gelebt? Hast du geliebt? Und ich, ohne etwas zu sagen, werde mein Herz öffnen, voller Namen“, schrieb Pedro Casaldáliga eines seiner bekannten Gedichte. 1968 war der Katalane aufgebrochen, um nie wiederzukommen. Ein kleiner Priester, der nach Brasilien ging, um eine Mini-Gemeinde in Amazonien zu leiten. Als er am 8. August 2020 starb, war Casaldáliga aber in aller Munde, wo er herkam. Alle großen Blätter in Spanien berichteten über die letzte Reise dessen, der ein Pastor, Poet und Prophet war und am Fluss Araguaia begraben wurde.

Pedro CasaldáligaSpanischer Ordensgeistlicher, katholischer Bischof
Geboren: 16. Februar 1928, Balsareny
Verstorben: 8. August 2020, Batatais, São Paulo, Brasilien
Vollständiger Name: Pere Maria Casaldàliga i Pla

Für Amazonien gestorben: Casaldáliga, der Katalane am Fluss der Landlosen

Lungenversagen nahm dem alten Mann aus Spanien das Leben. Casaldáliga starb einen Corona-artigen Tod, aber wohl ohne Coronavirus. Schuld war vielmehr „Bruder Parkinson“, wie Pedro Casaldáliga sein Leid jahrelang nannte und ertrug. Dass er 93 Jahre alt wurde, ist ein Wunder. Durch seine unerschütterliche Solidarität mit den Ärmsten und Landlosen von Amazonien brachte der Katalane nicht nur die eigene Kirche gegen sich auf, sondern sich selbst in stetige Gefahr. „Das Leben ist nicht ein Diskurs, es ist ein Gebären“, schrieb der Pastor in einem seiner kurzen poetischen Sprüche.

Was zähle, seien nicht Worte, kein Blabla, sondern nur Taten, so schmerzhaft sie sein mögen. So dachte und agierte der Katalane. Pedro Casaldáliga hätte Südamerika und Amazonien auch bequem von Spanien aus unterstützen können, in Predigten und Texten (oder viel später, wie wir heute, in sozialen Netzwerken). Der forsche Pfarrer hätte sich im Stillen über die starre Franco-Kirche auslassen und zugleich die Privilegien der Priesterkaste im Nationalkatholizismus genießen können.

Doch das wollte der Katalane, der 1945 dem Orden der Claretiner beitrat, nicht und wählte lieber die Dritte Welt als Heimat. Wenn man sich den unbedeutendsten Ort der Welt vorstellen will, ist São Félix do Araguaia so einer. Irgendwo im Nirgendwo im Bundesstaat Mato Grosso liegt der 10.000-Seelen-Ort mit Casaldáligas Grab am Fluss.

16 Stunden im Auto verbringt der, der vom nächsten Flughafen aus die Ortschaft besuchen will, an der der Araguaia – benannt nach den Ara-Papageien – vorbeiströmt. In einem ärmlichen Grab am Ufer des Amazonien-Flusses wurde Pedro Casaldáliga begraben. Er hatte es so gewollt.

Katalane schenkt Amazonien Leben und Tod: Pedro Casaldáliga kämpfte für Landlose

Begrabt mich am Fluss, in der Nähe eines weißen Reihers“, hatte der Katalane gedichtet. „Der Rest wird mein sein. Dieser freie Strom wird wiedererlangte Heimat sein. Der Erfolg im Scheitern, Segen der Ankunft. Der Schatten des Lebens – unter dieser wahren Sonne hat er das exakte Maß des Friedens eines Toten. Und die Zeit ist Ewigkeit, und jede Route ist ein Hafen.

Seine Gemeinde, deren erster Bischof überhaupt Pedro Casaldáliga 1970 wurde, erfüllte ihm den Wunsch und begrub ihn an dieser unheimlichen Stätte. Kein katholischer Friedhof. Sondern ein Gelände der Karajá-Ureinwohner von Amazonien. Auf diesem Totenacker am Papageienfluss begrub der Pastor hunderte Menschen, Eingeborene, Landarbeiter, Landlose, „viele Male ohne Namen und sogar ohne Sarg“, erzählte der Katalane später.

Getötet wurden sie, weil sie ihr Land verteidigten. Gegen die Invasion von reichen Großunternehmern. Auf die Seite der „posseiros“ (landlose Kleinbauern) schlug sich Pedro Casaldáliga bald nach Ankunft in São Félix. Er sah, dass es in der Zone quasi null staatliche Kontrolle gab, keine Ärzte, keine Schule. Das Elend war omnipräsent, Drogen, Prostitution Alltag. Das einzige Gesetz des Militärregimes ließ Großgrundbesitzern praktisch freie Hand, um das Volk zu drangsalieren. Wollte es ein Stück Land nicht verlassen, wurde Gewalt erst angedroht, dann angewendet.

Von weitem sieht jeder Berg blau aus. Aus der Nähe aber ist jede Person ein Mensch.

Pedro Casaldáliga, der Katalane, der zum Landlosen wurde.

Pedro Casaldáliga aber hielt dagegen. Akribisch notierte sich der durch die Römische Kirche global vernetzte Pfarrer alle Fälle von Gewalt und Unterdrückung. Am Tag seiner Bischofsweihe veröffentlichte er sie im hunderte Seiten schweren Dokument „Amazoniens Kirche im Konflikt mit Großgrundbesitzerschaft und sozialer Ausgrenzung“ – eine Kriegserklärung und ein Meilenstein in der Geschichte des sozialen Kampfes in Brasilien.

Pedro Casaldáliga: Ein Katalane für Amazonien - „Gläubig? Glaubwürdig!“

Schuldige und Opfer wurden in Pedro Casaldáligas Dokument eindeutig beim Namen genannt. Davor hatte die Kirchenautorität und auch sein Umfeld den Katalanen gewarnt. Er aber knüpfte das Dokument als Bedingung an seine Bischofsweihe, für die er übrigens einen einfachen Strohhut und ein Ruder der Eingeborenen trug statt der üblichen Bischofsmütze und des Bischofsstabs.

Katalane für Amazonien: Pedro Casaldáligas Strohhut und Ruder.

In Sandalen oder barfuß lief Padro Casaldáliga über die rote Erde von Mato Grosso. „Nichts haben, nichts tragen, nichts können, um nichts bitten, und, auf dem Weg, nichts töten“, war seine Devise. Der Katalane war kein Kriegstreiber, mahnte immer wieder zum Kampf ohne Waffe. Aber wenn das Volk zur Waffe griff, dann „ist das zu respektieren“, sagte Casaldáliga, der daher als bedeutender Vertreter der Befreiungstheologie gilt.

Für die Katholische Kirche war diese Strömung in den 80er Jahren eines der Kreuze. Reihenweise entzog sie Geistlichen in Lateinamerika das Priesteramt, da sie linken Revolutionsideen zu nahe rückten. Besonders Papst Johannes Paul II. waren die Ideen zuwider, was aber auch an seinen leidvollen Erfahrungen mit dem Kommunismus in seiner Heimat Polen lag. Das Einfühlen in Lateinamerika gelang der Kirche von Rom damals nicht. So musste auch Pedro Casaldáliga aus seinem kleinen Anti-Rom in Amazonien in den Vatikan zum Rapport.

Verhört wurde Pedro Casaldáliga 1988 vom deutschen Kardinal Joseph Ratzinger. Zwar unterzeichnete der Katalane nicht die Erklärungen, die der Vatikan ihm vor die Nase legte, wurde aber auch nie vom Amt abgesetzt, und auch nie wieder verhört. Zu klar war wohl doch seine Bindung an den Kern des christlichen Glaubens: An Jesus Christus.

Trotz aller Parteinahme für die Armen. Oder gerade deshalb? „In der Liebe, im Glauben und in der Revolution ist Neutralität unmöglich“, schrieb der Pater, der damit etwa an einen Bonhoeffer erinnerte. Ein weiterer bekannter Satz des Katalanen: „Es reicht nicht gläubig zu sein. Man muss glaubwürdig sein“. Video-Interview mit Pedro Casaldáliga von 2013 mit englischen Untertiteln.

Ein Katalane für Amazonien: Für Casaldáliga waren Humanismus und Ökologie eins

Viele Morddrohungen erhielt Pedro Casaldáliga, überlebte Attentate, verlor aber auch geschätzte Mitstreiter wie Pater João Bosco, der vor seinen Augen erschossen wurde. Der Geistliche tat viel dafür, um nicht lange zu leben, war aber für seine Gegner nicht zu packen. Standhaft wie ein Pequi-Baum, neben dem er nun begraben liegt. Ein Symbol der indigenen Kultur ist dieser Baum, für Auswärtige aber ein eher abstoßendes Gewächs.

Der starke Geruch lockt Fledermäuse an, das Holz ruft Juckreiz hervor, die Frucht, von Stacheln umgeben, schmeckt nur Eingeborenen. Aber ihr Saft ist ein exzellentes Stärkungsmittel, etwa gegen Rheuma. Sicher kannte auch Casaldáliga diese Qualitäten. Seine Naturbeobachtungen und ihre geistliche Interpretation waren immer ein roter Faden seiner Poesie. „Von weitem sieht jeder Berg blau aus. Aus der Nähe aber ist jede Person ein Mensch“, dichtete der Katalane, der zum Landlosen wurde.

Zu Pedro Casaldáligas prophetischem Wirken gehört, dass er Ökologie und Humanismus immer als Einheit begriff – lange bevor NGOs das Abholzen des Regenwaldes auch als menschliche Tragödie identifizierten. Noch als Greis war der Pastor unter denen, die in Brasilien gegen Bolsonaros Amazonas-Holocaust protestierten. Aber es waren, wie vieles, das Casaldàliga tat, nur Tröpflein auf roter Erde. Im Corona-Jahr nahm die schwere Rodung in Amazonien nochmals zu.

Nie wieder Spanien: Amazonien brennt, Amazon boomt, Casaldáligas Mission gescheitert?

Und heute kann man sagen: Die Gegend um São Félix ist völlig ausgebeutet. Praktisch nur noch Soja wird von Großunternehmen für den Export produziert, die Natur des Amazonien-Gebiets ist verwüstet, eine Rückgabe an einheimische Völker fast unmöglich.

Die Erde ist der einzige Weg, der zum Himmel führen kann“, mahnte Pedro Casaldáliga. Doch für diese Erde scheint es langsam aber sicher zu spät zu sein. Vor allem für ihre grüne Lunge Amazonien, aber auch andere vom Raubbau und Klimawandel getroffene Zonen. Wie steht es um die Wohlstandsländer? Bekommen sie die Tragödie mit? (Video: „Amazonas: Folgen illegaler Rodungen“)

Pedro Casaldáligas Tod im August lud Spanien dazu ein, auch mal wieder über Amazonien und die Welt nachzudenken. Aber nach dem Medienecho ist die alte Heimat des poetischen Bischofs wieder in eigene Normalitäten abgetaucht.

Reiche Katalanen, die jammern, als wären sie Landlose der Dritten Welt. Konservative, die Guinness-Rekord-Weihnachtskrippen bauen, während Lebensmitteltafeln die Hungernden kaum noch versorgen können. Linke, die in Edelvierteln Villen bewohnen und im Regierungsflugzeug übers Volk hinweg fliegen. Bürger, die über Amazon shoppen als gäbe es kein Amazonien. Eine Kirche, die um ihre alten Privilegien bangt. Wer war Pedro Casaldáliga – ein Prophet, oder ein Gescheiterter? Das weiß nur der, dem der kleine Pastor aus Katalonien am Ende des Weges, am Fluss der Landlosen, sein „Herz voller Namen“ öffnete.

Nachtrag: Pedro Casaldáligas Poesie - Grüne Weihnacht, unsere Stunde

Immer wieder besang Pedro Casaldáliga in seinen poetischen Bänden Weihnachten. Ein Gedicht stellen wir vor: „Verde Navidad“, Grüne Weihnacht, wurde 1986 im Buch „El Tiempo y la Espera“, Die Zeit und das Warten, veröffentlicht. Man beachte die Landschaften des Mato Grosso, die der Geistliche auf spirituelle Weise betrachtete.

„Grüne Wellensittiche brechen in Gesang aus, über dem grünen Feld, unter der fruchtbaren Sonne.
Die Haut eines grünen Kindes treibt im Reisfeld Knospen. Die grünen Hügel sind die Wachtürme. Und die Luft des Advents ahnt es bereits voraus.
Es fehlen nur noch einige Regenfälle. Sprich zu mir, Hoffnung – Ängste, verstummt, da – allem zum Trotz – er uns geboren wird!
Grün, grün, grün,
grün ist mein Frieden.
Reif ist dieses Mädchen trotz so grünen Alters,
Weiße Weihnachten?
Eine grüne Weihnacht.“

Pedro Casaldáligas Armenstiftung: Mama und Kindlein.

2013 schrieb der Katalane an seine Gemeinde in Amazonien einen poetischen Weihnachtsgruß. Kern war die sich zuspitzende Migrationskrise auf der Welt.

„Immer noch gibt es keinen Platz für sie, weder in Bethlehem noch in Lampedusa.
Ist Weihnachten ein Gespött? Wenn dein Königreich nicht von dieser Welt ist, was machst du dann hier, du Aufrührer, Störenfried? Um der Gott-mit-uns zu sein musst du wohl so klein, entblößt von jeder Ehre, ohne andere Macht sein als das Scheitern, ohne anderen Ort als der Tod. (...)“

Als Ansporn für den Jahreswechsel wählen wir noch Pedro Casaldáligas beliebten Text „Nuestra hora“, Unsere Stunde.

Es ist spät, aber es ist unsere Stunde.
Es ist spät, aber es ist alle Zeit, die wir in der Hand haben, um Zukunft zu machen.
Es ist spät, aber wir selbst sind diese späte Stunde.
Es ist spät, aber wird zum Morgengrauen, wenn wir ein wenig darauf bestehen.“

Barfuß auf roter Erde

Das neue Buch „Lacta Mama“ fasst Pedro Casaldáligas Leben und Poesie zusammen. Das aus Recycling-Papier gemachte und nett illustrierte Buch entstand im Rahmen des Projekts Aktua mithilfe von 23 Jugendlichen, die sonst arbeitslos wären. Auf Deutsch lädt das Buch „Barfuß auf roter Erde“ von F. Escribano und J.B. Metz zur Begegnung mit Casaldàliga ein. Denselben Titel auf Spanisch „Descalzo Sobre La Tierra Roja“ trägt ein zweiteiliger Spielfilm über den Pastor auf RTVE oder Amazon Prime. Ferner lädt die Stiftung des Katalanen zur digital-spirituellen Besichtigung seines Grabes am Fluss der Landlosen ein.

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