Alicante, Gemälde um 1850
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Hat sich doch kaum verändert: Alicante, wie es Didier Petit, der französische Vizekonsul in den 1850er Jahren sah.

Ausstellung in Alicante: Der Konsul mit dem Pinsel - Von Frankreich an die Costa Blanca

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Romantik übertüncht Revolution: Ausstellung mit Werken von Didier Petit de Meurville im MUBAG Alicante, bis 9. Januar 2022.

Alicante - Es mag nicht gerade ein Kompliment für einen Künstler sein, wenn die Nachwelt sein Leben als bedeutend aufregender betrachtet als sein Werk. Doch aufregen wollte Didier Petit de Meurville mit seinen Gemälden und Zeichnungen ohnehin niemanden, vielmehr bilden sie einen friedlichen Kontrapunkt, einen Ruhepol zur aufgewühlten Welt, die dieser Baron, Geschäftsmann, Pleitier, Diplomat, Sammler, Maler zu durchleben hatte, dessen Epoche in Alicante (1848-1857) noch bis zum 9. Januar 2022 im MUBAG, dem Museum der Schönen Künste, in Ausschnitten zu sehen ist. Und: Es ist immerhin doch sein Werk, das uns an sein Leben erinnert. Beides bekommt mehr Konturen und Farbnuancen, kennt man die Geschichte dieses Mannes.

Von Haiti über Lyon nach Alicante: Der Baron und seine (halb)seidenen Abenteuer

1793 war für einen kleinen franzöischen Adeligen vielleicht nicht die allerbeste Zeit geboren zu werden. Nicht mal in Haiti, weit vom revolutionären Frankreich entfernt, wo man gerade einen gewissen Louis Capet, der gerade noch König Luis XVI. war und hieß, einen Kopf kürzer gemacht hatte. Didier Petit de Meurville verlor als Baby seinen Vater, den Baron und französischen Konsul von Haiti, als dieser beim Unabhängigkeitskampf der Haitianer 1794 von seinen eigenen Sklaven umgebracht wurde. Die restliche Familie musste Hals über Kopf zunächst in die USA fliehen und ging dann, verarmt, Didier war gerade zehn Jahre alt, zurück nach Lyon, mitten hinein ins napoleonische Kaiserreich mit seinen Ambivalenzen und Kriegen.

Doch die französischen Adeligen waren wie Katzen, sie landeten immer wieder auf den Füßen, ihre Seilschaften hielten und schon bald werkelten die Meurvilles nicht nur mit einer eigenen Seiden- und Tapessieriemanufaktur herum, der junge Didier kaufte sich sogar bald eine über 800 Werke umfassende Kunstsammlung zusammen, von anderen verarmten Adeligen, darunter feinste Renaissance-Gemälde. Er malte selbst, elegant und mit Finesse, wie die Franzosen meinten, seine Seidenspinnerei war hoch angesehen, er führte so etwas wie den 3-D-Druck ein und machte sich mit "höchsten Kreisen" Gutfreund, auch durch üppige Spenden an ein katholisches Missionswerk (Obra católica para la propagación de la fe), das als Vorläufer des Opus Dei gelten kann.

Schon wieder Revolution: Ein Aristokrat dient in Alicante der Republik

Doch 1830 war in Frankreich schon wieder Revolution, die Geschäfte schwankten, die Bücher Petits weisen Hypotheken auf, die heute den Wert von einer Million Euro übersteigen. 1843 war der Baron endgültig Pleite, verkaufte Hab und Gut, einschließlich des Erbes der noch lebenden Mutter und 1847 wurde er sogar aus der Familienvilla zwangsgeräumt. Der Baron war am Ende. Doch wie gesagt, er war auch eine Katze. Seine Verbindungen zu den tief katholischen französischen und spanischen Legitimisten, zu denen auch die im Exil wartenden spanischen Karlisten gehörten (welche die pragmatische Sanktion, die Isabela II. als Frau (!) zur Borbonen-Thronerbin machte ablehnten und die Carlos von Borbón in mehreren Kriegen zum König Spaniens machten wollten), verhalfen ihm zum Posten des Vizekonsuls in Alicante, just 1848, im Jahr der nächsten großen Revoultion in Europa, der dritten für Petit.

Didier Petit de Meurville: Selbstportrait 1848 auf einem Schiff im Hafen von Alicante.

Der Baron hatte sich gerade noch rechtzeitig wegdelegieren lassen und residierte nun, er, der Aristokrat und Monarchist par excellence, an der Costa Blanca im Auftrag der 2. Französischen Republik. Situationsflexibel nennt man das. Bis 1857, also neun Jahre, war er in Alicante tätig und warf sich schon wieder in die Geschäftswelt. Der Ausbau von Eisenbahnverbindungen nach Frankreich und die Schiffbauindustrie interessierten ihn besonders, er knüpfte Bande für französische Händler bis hinüber nach Algerien, versuchte mit Alicante als Stützpunkt das Kabeljau-Transportmonopol der Briten zu durchbrechen. Doch vor allem reiste und malte er, baute wieder eine Sammlung auf, diesmal vor allem die eigene.

Spaniens Exotik: Idyllische Trug- und Zerrbilder des 19. Jahrhunderts, Tapeten voller Geschichte

Er fing Alicante ein, als es noch eine Stadtmauer hatte, sammelte gleichzeitig Spendengelder für die 1854 schwerst von einer Cholera-Epidemie getroffene Stadt, reiste nach Elche, San Juan, Orihuela, Crevillente und bis nach Granada und malte verfallene Klöster, alte Kirchen, Palmen, jede Menge Palmen, Stadtansichten, Milieu-Szenen, idealisiert, romantisierend bis an den Rand des Kitsches. Auch Petit verfiel dem Spanien-Bild der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Scharen von Bildungsreisenden vor allem die "Exotik" eines von der Moderne ausgelassenen Landes voll wilder Schönheiten mit fast afrikanischer Landschaft und Resten maurischen 1.001-Nacht-Zierrates als Vehikel benutzten, um gleichzeitig die Überlegenheit ihrer eigenen Nationen zu spiegeln wie in Nostalgie für einen Winkel Europas zu schwärmen, der noch nicht überindustrialisiert war.

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Dass die "wilde Schönheit" Spaniens, die vermeintliche Authentizität - diesen Ruf behielt das Land bis weit ins 20. Jahrhundert, selbst Hemingway zehrte noch davon - vor allem auf der Armut seiner Bewohner beruhte und das Land in Kriegen, Intrigen und Korruption eines archaisch-frömmelnden Feudalsystems darbte, überpinselten unsere deutschen Schrifsteller meist genauso wie die britischen Handlungsreisenden oder die französischen Maler. Das Ergebnis dieses Zerrbildes, von Didier Petit lieblichst und im Grunde wieder zu zierenden Tapeten geglättet, kann man in Alicantes Museum der Schönen Künste mit dem Untertitel "Alicante - Exotischer Ort" nun bewundern, in zwei Dutzend Ölgemälden, Aquarellen und seinen Zeichenbüchern mit Portraits. Ein Sevillaner Maler steuert uns auch ein Portrait des Protagonisten bei, ein Beleg, wie verankert er in der damaligen société war.

Werke Petits in Alicante, San Sebstián und in alle Winde zerstreut

Die Sammlung der Alicantiner Provinzverwaltung, Hausherrin des Museums der Schönen Künste im wunderschönen, aber leider von grässlichen Neubauten zugestellten Palacio Gravina, unweit des Stadtstrandes Postiguet, ist ein überraschendes Kleinod im Depot des Museums, dessen permanente Ausstellung sonst vor allem durch historisierende Schinken und kleinbürgerliche Romantik glänzt. Und sie ist vor allem noch da. Denn im September 2020 gingen fast 800 Werke Petits bei einer Auktion in Frankreich und im Internet unter den Hammer und - darunter auch sehr viele Bilder mit Spanien-Bezug - wurden in alle Winde zerstreut, für einen Durchschnittspreis von 800 Euro das Stück.

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Die Diputación Foral de Gipuzcoa, also die Verwaltung der baskischen Provinz rund um San Sebastián bis zur französischen Grenze, besitzt weitere 500 Werke Petits, denn 1857 verließ der Vizekonsul Alicante und wurde im gleichen Jahr französischer Konsul in Donostia / San Sebastián bis zu seiner Pensionierung 1872. Er hielt sich aus der großen Politik raus, war weiter Lobbyist für die französichen Geschäftsleute und warb für eine Bahnlinie von Madrid nach Irún, das baskische Grenzstädtchen zu Frankreich. Im ohnehin malerischen San Sebastián malte er wie ein besessener, blieb seinem romantisierenden, feingliedrigen, wenig ambitionierten, aber dem Auge angenehmen Stil treu.

Stadtansicht Alicante um 1852 von Didier Petit, dem Konsul mit dem Pinsel.

Didier Petit de Meurville starb 1873 bei Biarritz, unweit der spanischen Grenze, mit fast 80 Jahren, in dem Jahr, in dem auch "sein" Spanien zum ersten Mal und nur kurz zur Republik wurde und es den aus Italien importierten König, Amadeo I. von Savoyen zum Teufel jagte. Alicante sollte dem strauchelnden Baron, dem Konsul mit dem Pinsel dankbar sein, denn er war nicht nur ein großer Fan der Stadt und der Region, er hielt sie auch in einer Weise fest, die manchmal dokumentierend, vor allem aber rundherum schmeichelnd ist. Diese romantische Brille, das gehobene Mittelmaß, mag der Hauptgrund sein, dass seine Bilder in Alicante bleiben konnten und heute hier zu sehen sind.

„Alicante - paraje exótica. La mirada de Didier Petit de Meurville“

Mubag, Museo de Bellas Artes Gravina

Alicante, Carrer Gravina, 13 (unweit Plaza Puerta del Mar)

Montag bis Samstag 10 bis 20, Sonntag 10 bis 14 Uhr

Tel: 965 146 780, www.mubag.es

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