Alicantes Stadtstrand Postiguet.
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Alicantes Stadtstrand Postiguet war schon in den 60er Jahren eine überfüllte Problemzone.

Ausstellungen in Alicante

Ausstellungen in Alicante: Geschichte des Tourismus an der Costa Blanca - Nostalgie vor Realität

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Die Entwicklung des Tourismus in Alicante von Spaniens Königin Isabel bis zur messingverzierten Plüschigkeit der 70er Jahre ist Thema einer unterhaltsamen Ausstellung in der alten Busstation. Die Kehrseite des Massentourismus an der Costa Blanca bleibt außen vor. - Weitere aktuelle Ausstellungen in Alicante.

Alicante – "Mach es wie die Sonne, verbring den Winter in Alicante". So lautete einer der Slogans des Tourismus-Marketings von Alicante. Diese Sonne hat an der Costa Blanca über die Jahrzehnte Millionen Kommen und Gehen sehen. Doch der Massentourismus heutigen Formats hielt in Alicante erst gegen Ende der Franco-Ära Einzug, als das Regime dringend benötigte Devisen aus den Wirtschaftswunderländern anlockte und treue Kader mit lohnenswerten Hotel-Projekten versorgte. Seitdem gibt es kein Halten mehr.

Alicantes Bürgermeister Luis Barcala (links) hat sichtlich Spaß beim Ritt durch die Tourismus-Geschichte.

Rein nostalgisch als selbstkritisch schaut eine vom Tourismusamt der Stadt organisierte Ausstellung über die „Geschichte des Tourismus in Alicante“ zurück, die bis 25. Januar 2022 – passenderweise – in den Ausstellungshallen des alten Busbahnhofs von Alicante an der Plaza Séneca zu sehen ist. Dieser Busbahnhof war in den 60er und 70er Jahren noch die bevorzugte Drehscheibe der sonnenhungrigen Inlandsspanier, bevor die Blechlawine der Privatfahrzeuge Alicante heimsuchte und der Flughafen im Sommer mitunter im Minutentakt blasse Nordeuropäer ausspuckt.

Geschichte des Tourismus in Alicante: Vintage entlang der Costa Blanca

Zu sehen sind in der Ausstellung viele großformatige Fotos in schwarz-weiß, vor allem aus Privatsammlungen. Diese spiegeln nicht nur die offiziellen Plakat-Versionen des Tourismus-Marketings wieder, sondern geben private Einblicke, in eine Zeit, in der vermeintlich vieles einfacher, billiger, glücklicher war. So bekommt der Besucher die Originale der heute als Vintage auferstehenden Strandmode der 60er Jahre zu sehen, brummen ein alter Seat 600 mit Gepäckaufsatz, eine Vespa mit Beiwagen und der „tren bujito“, die Vorortbahn mit ihren Holzwaggons durchs Bild. Wackelige Strandkabinen und rudimentäre Karusselle, Eiscreme in Messing-verzierten Milchbars, plüschiges Cocktail-Ambiente am Abend, dienen als Kulisse der Erinnerungen.

Hauptsache Meerblick: Hotels in Alicante als Zeugen des Tourismus-Booms

Das Hotel Gran Sol in Alicante hat 50. Geburtstag. Wahrzeichen oder Schandfleck?

In einem der Säle der Ausstellung wurde sogar ein Stück Strand nachgebaut, bestückt mit alten Umkleidekabinen. Schon damals war der Postiguet-Stadtstrand eine Problemzone, Autos und Busse parkten fast im Wasser. Ein weiterer Saal ist den Entwicklungen der Herbergen gewidmet, von den „posadas“, die noch als Pferdewechselstationen dienten bis hin zu den Nächtigungs-Monstren der Neuzeit, oft architektonischen Scheußlichkeiten mit „Hauptsache Meerblick“, wie dem Arenales del Sol, das als Ruine zum Monument für diese Fehlentwicklung wurde oder anderer Geisterhotels an der Costa Blanca.

Zum Thema: 50 Jahre und kein bisschen schöner - Das Hotel Gran Sol von Alicante

Erinnerung an die „gute, alte“ Zeit des Tourismus in Alicante.

Diese werden aber genauso kommentar- und kritiklos behandelt wie die bis heute negativen Folgen des Massentourismus: Umweltzerstörung durch Flächenversiegelung, Probleme beim Wasserhaushalt in einer der trockensten Regionen Europas, Müll ohne Ende, zugebaute Küstenlinie, zweifelhafter Kreuzfahrttourismus, prekäre Arbeitsverhältnisse und eine enorme Abhängigkeit von einer "Monokultur", die durch Preisdruck, aber auch in der Corona-Krise, gefährlichen Schwankungen unterliegt, die mitunter das Gefüge einer ganzen Regionen aushebeln kann.

"Die Königin kommt": Alicantes erstes Tourismus-Marketing

Die Ausstellung schaut lieber zurück, auf die unschuldig scheinenden, glanzvollen Anfänge, wiewohl man anhand der Lage der Römerstadt Lucentum glauben könnte, dass auch die alten Römer schon zum Urlaub machen an Hispaniens Küsten kamen. Was auch stimmt, denn viele Legionäre wurden nach Ableistung ihres Militärdienstes von Rom mit dem Bürgerrecht und einem Stückchen Land in der Kolonie Hispanien belohnt, so entstanden die ersten "Urbanisationen" ausländischer Residenten - vor 2.000 Jahren! Zu sehen ist diese Entwicklung zum Beispiel in Spaniens Little Italy, Itálica bei Sevilla.

Alicantes Explanada am Anfang des 20. Jahrhunderts. Rechts das Kaffeehaus Schweiz.

Doch zurück nach Alicante: Im September 1858 und dann nochmals 1860 kam Spaniens Königin Isabel II. in die Stadt an der Costa Blanca. Ihr zu Ehren startete das Rathaus sogar eine erste PR-Kampagne, setzte extra Stierkämpfe in der damals noch Bretterbuden-Stierkampfarena von Alicante an, auf der Promenade Explanada wurden Zarzuelas aufgeführt und die Hoteliers und Gastronomen sollten mit speziellen Rabatten und ortstypischen Speisen für bleibenden Eindruck – und natürlich Umsatz – sorgen. Einen mondänen Hauch der großen weiten Welt brachte die Königin so ins sonst eher profane Alicante, die Monarchin bevozugte aber dann doch eher den Kurort San Sebastián im Baskenland, in Alicante wurde es ihr damals schon zu heiß.

Auf Bildschirmen können die Besucher die alten Werbevideos sehen, mit den wechselnden Tourismus-Slogans, die schon damals die Touristenküste als Ort auch zum Überwintern anpriesen: „Ven cuando quieras“ (Komm, wann du willst) oder „Haga como el sol, pase el invierno en Alicante“: Mach es wie die Sonne, verbring den Winter in Alicante! Der Slogan hat sein Ziel wohl erreicht, denn Alicante ist nicht nur Sommer-Destination, sondern auch Heimat vieler Residenten geworden, ganzjährig oder nur zum Überwintern.

Ausstellung: „Historia del Turismo en Alicante“

Im Espacio Séneca an der Plaza Séneca. Bis 25. Januar 2022
Täglich 10.30 bis 13.30 und 16.30 bis 20.30 Uhr, sonntags nur vormittags, Eintritt frei.

Weitere aktuelle Ausstellungen in Alicante:

  • Die Welt der Etrusker: „Etruscos. El Amanecer de Roma“ (Die Etrusker – Roms Erwachen): Sonderschau mit 150 Exponaten aus Museen in Florenz und Volterra über die mysteriöse frühe Zivilisation und Hochkultur auf dem Gebiet der heutigen Toskana von ihren Anfängen im 9. Jahrhundert v. Chr. bis zur Assimilation durch Rom. Verlängert bis 20. März 2022. Marq - Archäologisches Museum, Plaza Dr. Gómez Ulla, Di.-Fr. 10-19 Uhr, Sa. 10-20.30 Uhr, Sonn- und Feiertage 10-14 Uhr, Eintritt: 3 Euro.
  • Gemeinschaftsausstellung: „Art Contemporani de la Generalitat Valenciana III“, zeitgenössische Kunst von Künstlern aus Castellón, Valencia und Alicante. Bis 6. Februar. Kulturzentrum Las Cigarreras an der alten Königlichen Tabakfabrik von Alicante. Calle San Carlos 78, Di.-Sa. 10-21.30 Uhr. An Feiertagen geschlossen.
  • Installation und Fotografien: „Desprogramar el drama“ von Eulàlia Valldosera. Die Ausstellung umfasst die Installation „La Caída. Salir de las llamas para caer en las brasas“ von 1996, zwei Fotografien aus der Serie „El ombligo del mundo“ aus dem Jahr 1993 und neun Fotografien aus der Serie „Lazos familiares“ aus dem Jahr 2012. Bis 23. Januar zu sehen. Museo de Arte Contemporáneo de Alicante MACA - Museum für Zeitgenössische Kunst, Plaza Sta. María 3, direkt neben der Kirche Santa María, Alicantes ältester Kirche, Di.-Sa. 11-20 Uhr, So. und an Feiertagen 10-14 Uhr
  • Hommage: „Miguel Hernández, a plena luz“ (Miguel Hernández, in vollem Licht) ist dem Leben und Werk des Dichters gewidmet. Präsentiert werden Plakate, Texte des Dichters und Tagebücher aus dieser Zeit. Außerdem werden Erstausgaben von Werken wie „Perito en lunas“ (1933), „El rayo que no cesa“ (1936) und „Viento del pueblo: poesía en la guerra“ (1937) gezeigt. Bis 28. März. Palacio Provincial, Palast der Provinzverwaltung, Avenida de la Estación 6 (unweit des Bahnhofs), Mo.- Sa. 11-13 Uhr, 17.30-20 Uhr.
  • Übrigens: Eine Vielzahl von Veranstaltungen, Musik-Events, Theater, Ausstellungen, Freizeitaktivitäten, Infos über die Tätigkeit von Vereinen finden Sie jede Woche für die Costa Blanca, Costa Cálida und Costa del Sol in unseren Printausgaben, die Sie auch als Printabo oder digitial als E-Paper bestellen können.

Zum Thema: Burg Alicante: Bus fährt endlich zum Castillo Santa Bárbara -Tipp für Stadttour

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