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Bauernhof mit Moschee: Gehöft im Hinterland von Málaga birgt ein 1000-jähriges Geheimnis

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Von: Marco Schicker

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Gehöft Cortijo de las Mezquitas
Das alte Gehöft Cortijo de las Mezquitas birgt ein tausendjähriges Geheimnis. © Diputación de Málaga.

Der Cortijo de las Mezquitas im Norden der Provinz Málaga verbirgt eine bedeutende Moschee aus der Kalifen-Zeit. Sie verfällt zu Staub und legt dabei das Dilemma des spanischen Denkmalschutzes frei.

Antequera/Córdoba – Im Norden der Provinz Málaga, zwischen Sierra de Yeguas und der Lagune Fuente de Piedra, steht, mitten im besuchenswerten Nirgendwo ein Gehöft wie aus dem Quijote geschnitten und gammelt ruhig vor sich hin. Dieser Cortijo ist ziemlich genau 500 Jahre alt und als wäre das nicht Grund genug ihn zu erhalten, birgt er auch noch ein fast 1.200 Jahre altes Geheimnis.

Der Name „Cortijo de las Mezquitas“ gibt den Hinweis, im Inneren befindet sich eine Moschee, deren Wände und Konstruktionen mit den anderen Mauern verwachsen scheinen, zum Teil von ihnen verdeckt, aber so auch beschützt. Die wesentlichen Elemente eines islamischen Gebetshauses, der Mihrab, wie bei den Ummeyaden üblich nach Süden, nicht nach Mekka ausgerichtet, der Minbar, der Brunnen, der Orangenhof, auch die typischen Bogenstrukturen sind erkennbar, ein Minarett gab es wohl nie.

Größte ländliche Moschee: Mit dem Denkmalschutz begann die Katastrophe - Eigentümer ausgelaugt

Die Symbiose der beiden Bauwerke, die Zweckentfremdung und ihre Verwahrlosung stehen exemplarisch für etliche historische Gebäude in Spanien, das mit der Restaurierung seiner Geschichtsspuren schlicht nicht hinterher kommt oder die durch Spekulation, Desinteresse und Kompetenzüberschneidungen verhindert wird. Wenn es sich dann noch um Privatbesitz handelt, wird der Knoten gordisch.

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Dabei wurde das ländliche Ensemble 2008 als BIC unter Denkmalschutz gestellt. Doch, so resümieren Archäologen, die mit dem „Fall“ befasst sind, damit nahm das Elend erst recht seinen Lauf. Die Eigentümer, die die alten Steine zumindest nicht zerstörten, durften nun nichts mehr berühren, ohne dafür eine langwierige Genehmigung einzuholen. Die gibt es aber nicht, solange sich Behörden und Fachleute nicht einige werden können, was wie restauriert werden soll.

Computersimulation des Original-Zustands einer Moschee in Spanien.
Computersimulation des Original-Zustands der Moschee aus dem 9. Jahrhundert, heute das Gehöft Cortijo de las Mezquitas. © Turismo Campillo/Ooopart

Zuständig ist eigentlich die Gemeinde Campilllos. Die gehört zum Kreis Guadalteba, aber zum Gerichtsgebiet Antequera, weshalb hier auch der Denkmalschutz anhängig ist. Antequera aber winkt ab, man hätte dafür kein Geld, schreibt „El País“. Die archäologische Oberaufsicht wiederum beansprucht das andalusische Denkmalschutzamt beim Kulturministerium in Sevilla, das diese Kompetenz an die Provinz Málaga zurückreicht.

Zahlen sollen alles die Besitzer. Die können und wollen das nicht mehr, 40.000 Euro, so sagten sie „El País“ kürzlich, hätten sie binnen fünf Jahren investiert. Frustriert und gegängelt überließen sie den Hof dann gezwungenermaßen Wind und Wetter, Vandalismus, Besetzern, Ratten, Müll. Der Zustand ist „besorgniserregend“ und kurz vor dem Status „nicht mehr zu retten“, beschreiben es die Experten Yamur Arquitectura & Arqueología in einer Studie.

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Dabei ist es nicht irgendein kleines Moscheechen, das hier verwelkt, wie so viele Fundamente unter katholischen Kirchen, sondern ein bedeutendes historisches Zeugnis. Wahrscheinlich war sie zur Entstehungszeit nach der Zentralmoschee von Córdoba die nächstgrößte in ganz Al-Ándalus und ist bis heute die größte ländliche Moschee, von der wir Kenntnis haben. Eine Computerrekonstruktion schätzt das einstige Fassungsvermögen auf rund 700 Gläubige, viel mehr waren es in Córdoba in der ersten Bauphase auch noch nicht.

Doch wie kommt eine so große Moschee in eine Gegend, in der man keinen dazugehörigen Ort fand, nur ein paar Festungsreste aus der gleichen Zeit? Wir gehen zurück ins späte 9. Jahrhundert, 13 Kilometer von unserem Gehöft lag damals die befestigte Stadt Bobastro, eine Rebellenhochburg angeführt von Omar Ibn Hafsun, der sich gegen den Emir von Córdoba, Abderramán III., den Ummeyaden-Herrscher, auflehnt als der sich vom Emir zum Kalifen machtl, also zur weltlichen auch die geistliche Macht an sich reißt, um Al-Ándalus unter (s)einem Schwert und (s)einer Mondsichel zu vereinen.

Mihrab der alten Moschee im Bauernhof bei Málaga
Der Mihrab der alten Moschee im Bauernhof bei Málaga. © James Narmer/WikiCommons

Omar Ibn Hafsun, so ist es in islamischen Quellen nachlesbar, war kein „Rechtgläubiger“, wahrscheinlich sogar hispano-gotischer Abstammung, er ließ sich später als Samuel taufen. Er hatte Unzufriedene um sich geschart, Berber und eslavos, importierte Sklaven, die für die Araber-Elite in Schlachten ihren Kopf hinhielten und nun ein Stück spanischen Kuchen abhaben wollten. Unsere Moschee liegt genau im Grenzgebiet dieser einst umkämpften Zone. Abderramán rammte sie als Hoheitszeichen in die Olivenhaine, um den Abtrünnigen ein für alle mal klar zu machen, wo Mohammed den Most holt. Als Omar alias Samuel erledigt war, hatte auch die Dorf-Moschee ihren Zweck erfüllt, Abderramán baute sich seine Palaststadt dann doch lieber nahe an die sicheren Mauern Córdobas, die als Madīnat al-Zahrā oder Medina Azahara, die „strahlende Stadt“, weltberühmt wurde und heute als Weltkulturerbe gehegt und gepflegt wird.

Zum Thema: Der Da Vinci des Kalifen - Europas Renaissance auf den Flügeln von Al Ándalus.

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Anders der Cortijo de las Mezquitas. Das effizienteste wäre, das ungenutzte Gehöft zu kaufen oder gegen Entschädigung zu enteignen, ein paar Millionen Euro hineinzustecken und beide Epochen behutsam zu konservieren und sichtbar zu machen. Das wäre ein Highlight auf dem Campo. Dafür müsste entweder der Staat, das Land oder die Provinz ein Machtwort sprechen. Campillos allein schafft das nicht, Antequera kümmert sich lieber um seine drei Dutzend Kirchen und kann zwar eine piekfein gepflegte Altstadt vorweisen, doch schon die Moschee-Reste in der Alcazaba sind in traurigem Zustand, im Stadtmuseum werden 700 Jahre lokale maurische Kulturgeschichte mit ein paar zerbrochenen Schüsselchen abgehandelt, während man Römer- und Christenzeit je zwei ganze Etagen spendierte.

Das lässt den Verdacht aufkommen, dass das Desinteresse womöglich ideologische Gründe hat, in den Köpfen mancher Politiker die „Reconquista“ ein Dauerzustand geblieben ist. Andere sind da weiter. „Das Gebäude ist krank und wenn wir es nicht bald behandeln, wird es sterben“, warnt der Historiker der Uni Sevilla Pedro Gurriarán in „El País“, der maßgebliche Kenner der Anlage. Und der Stadtrat von Campanillos fleht vor den Mauern der Institutionen: „Es müssten sich alle ein bisschen anstrengen“, denn „es ist doch unser gemeinsames Erbe“.

Zum Thema: In Schönheit sterben: Die Nasriden-Paläste der Alhambra in Granada.

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