Auf einem Platz unter riesigen Gummibäumen steht ein Brunnen mit Figur von Frau.
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Station der himmlischen Costa Blanca: Die Plaza Gabriel Miró in Alicante, mit mythischen Bäumen und Figuren.

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Anmutige Route an Costa Blanca: Die himmlische Küste des Gabriel Miró

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Ein anderer Spanien-Besuch im Herbst: Orihuela, Alicante, Polop - auf den Spuren eines traurigen Engels, der seiner Provinz Liebesbriefe schrieb und Plätze voller Anmut zurückließ.

Alicante - Es könnten triste Orte sein, die an Gabriel Miró erinnern. Denn seines Lebens froh wurde der Schriftsteller, dessen Romane sich wie Liebesbriefe an die Costa Blanca lesen, nie so ganz. Kurz vor dem Tod sagte Miró, er sei nur ein „nichtsnutziger Mann“. Als sein irdischer Weg 1930 endete, war der Spanier aus Alicante nur ein halbes Jahrhundert alt. Doch der Autor hinterließ hier an der Küste im Südosten Spaniens Spuren, die statt von Melancholie von besonderer Anmut erfüllt sind. Von einer Miró-Anmut, die unsere Route begleitet und ahnen lässt, was für ein Mensch der Mann mit dem Namen eines Engels war.

Gabriel MiróSchriftsteller
Geboren: 28. Juli 1879, Alicante
Verstorben: 27. Mai 1930, Madrid
Ehepartnerin: Clemencia Maignon (verh. 1901–1930)

Anmutige Orte der Costa Blanca: Die himmlische Küste des Gabriel Miró

Alicante, Orihuela und Polop lauten die Stationen unserer Route der anderen Art. Wichtige Stationen waren es für den Sohn der Provinzhauptstadt mit der „besten Erde der Welt“. Auf der Plaza Gabriel Miró in Alicante steht seine Büste etwas verloren da. Für das Märchenhafte sorgen an diesem anmutigen Ort die Ficusbäume, die sich in die Mitte zum Springbrunnen neigen, der – umgeben von Bänken für eine schattige Herbstlektüre – eine freche mythologische Szene darstellt. Zwei Gehminuten vom nach Gabriel Miró benannten Platz weg wurde der Schriftsteller geboren, in der Calle Castaños 20, wo nun eine Plakette hängt.

In die Wiege gelegt bekam der kleine Gabriel Miró die Essenz der Costa Blanca: Das Traditionell-Fromme von Mama Encarnación Ferrer aus der Bischofsstadt Orihuela und den Fortschrittsglauben von Papa Juan Miró aus der Industriestadt Alcoy. Diese Mischung brachte etwas Neues hervor, einen Feingeist, herzensgut, der aber auch nie ganz hinpasste, wohin er auch gelangte. Los ging das Malheur, als die Eltern den jungen Miró nach Orihuela in die Jesuitenschule, die später Spaniens Dichter Miguel Hernández besuchen sollte, schickten. Mittlerweile wohnte die Familie im Viertel Benalúa, von wo der Zug in die ländliche Vega Baja dampfte.

Literarischer Friedhof an Costa Blanca - Über dem Garten der Kreuze wacht der schlafende Löwe.

Himmlische Küste des Gabriel Miró: Gemeißelt statt geschrieben

Später machte Gabriel Miró die Stadt Orihuela als Oleza berühmt. Den Kunstnamen, der nach óleo, Ölgemälde, klingt, findet man an dieser Station unserer Route im Süden der Costa Blanca noch heute hier und da immer wieder, etwa im Namen einer Schule. Orihuela, mit seiner ländlichen und bergigen Huerta- und Sierra-Umgebung, inspirierte Miró einerseits nachhaltig zur bildreichen impressionistischen Prosa. „Man sah eine Welle, die über Oleza zog und über Getreide, Scheunen, Hanfplantagen, Orangen- und Olivenhainen herabfiel, die sich voller Duft räkelten“, beschrieb Miró einen Glockenschlag in der Stadt der Kirchtürme.

Er sei kein Romanautor, sondern Poet, hieß es wegen solch langsamer und präziser, doch verblüffender Beschreibungen von Feldern, Bergen, Himmelskörpern. Die Sätze schien Miró nicht zu formulieren, sondern aus einem Material zu meißeln, das direkt seiner Seele entsprang. Als Leser ist es leicht, sich in Mirós sinnlichen Meeren zu verlieren. Aber er war kein reiner Träumer, sondern auch aufmerksamer Beobachter des gesellschaftlichen Treibens. Und dieses missfiel ihm in Orihuela gehörig. Die religiöse Strenge der Schule engte den Freigeist ein und führte ihn in die Depression, aus der ein seltsames Knie-Rheuma wurde.

Station Oleza: Verborgene Untugenden der tiefkatholischen Stadt

Gabriel Mirós Eltern zogen die Notbremse und holten den Zwölfjährigen nach Alicante zurück. Doch Orihuela alias Oleza, das auch wie corteza, Rinde, klingt, blieb für immer in der Miró-Seele eingebrannt. Seine Erfahrungen mit der tiefkatholischen Stadt brachen in seiner zweiteiligen Saga über Oleza hervor, die er in den 20ern veröffentlichte. 1921 schilderte er in „Nuestro Padre San Daniel“ (Unser Vater San Daniel) den Glanz der stolzen Klerikerstadt im 19. Jahrhundert und 1926 mit „El obispo leproso“ (Der leprakranke Bischof) ihre Krise während der Industrialisierung.

Die Situationen, die Gabriel Miró – seinem Stil getreu – eher frei aneinanderreihte, ließen hinter der prächtigen Kruste allerlei verborgene Untugenden zu Tage treten, ob geheuchelte Moral, zu Aberglauben tendierender Wunderglaube oder geradezu fanatische Erhöhung Geistlicher. Oleza – allen war klar, dass es sich ums läutende Orihuela handelte – stand bei Miró so nackt da, dass sich das konservative Establishment an dem Autor nur rächen konnte. Die vom Katholizismus geprägte öffentliche Meinung brandmarkte Miró als Antiklerikalen.

Vom Farbeimer übergossen? Gabriel Miró kratzte an Orihuelas goldener Schale.

Nicht nur Wut, sondern auch Dank: Die verschwundene Büste

Prompt verpasste der Alicantiner 1927 zwei Auszeichnungen, auf die er hoffte: Weder wurde er Mitglied der Königlichen Sprachakademie noch holte er den renommierten Preis Fastenrath. Tief gekränkt zog sich Miró zurück, und schrieb bis zum Tod 1930 nur noch einen Roman. Doch aus Orihuela kam ihm nicht nur Wut, sondern auch Dank entgegen. Schließlich hatte er die Stadt – auf seine impressionistische Weise – als geradezu himmlisch besungen. Ein Denkmal setzte ihm „Oleza“ erst zwei Jahre nach dem Tod. Nicht am Renaissance-Palast Santo Domingo, der alten Jesuitenschule. Sondern im Garten der heutigen Glorieta Gabriel Miró.

Als der junge Gabriel Miró noch aus Alicante nach Orihuela pendelte, lief der Schüler vom damals abseits gelegenen Bahnhof täglich über den Landweg der Stadt entgegen, die vor dem Gebirge daliegt, das über den Dächern so inspirierend aufragt. Auf einem der alten Äcker am Weg liegt nun, umgeben von mehrstöckigen Häusern der Neustadt die Glorieta, Mirós grüne Insel. Unter Palmen und Kiefern toben, sitzen und meditieren nun Menschen von Jung bis Alt, aus unterschiedlichsten Weltteilen, die heute in Orihuela vertreten sind.

„Oleza für Gabriel Miró“ steht unter der Büste, die vor 87 Jahren aufgestellt wurde, vor einigen Jahren jedoch urplötzlich vom Sockel verschwand. Was war passiert? Das konservativ geführte Rathaus entschied sich für die Restaurierung der Figur, die, als sie in den Park zurückkehrte, für Entsetzen sorgte. Als wäre Mirós Kopf von einem Farbeimer übergossen worden, bedeckte ihn nun ein Ton, der wohl Gold darstellen sollte. Was weniger wie eine Ehrung wirkt als vielmehr wie das Symbol der durchwachsenen Beziehung des Autors zur Stadt, an deren güldener Schale er so gekratzt hatte.

Wegen Krankheit ins Bergdorf: Ganzes Herz verschenkt

Sei’s drum. Zu Gold brachte es der Gabriel Miró aus Fleisch und Blut ja nie. In Alicante wurde er weder als Jurist noch als Schreiber in Rathaus, Krankenhaus oder Hafen glücklich. Stets in Geldnot, schaffte er es als Chronist dann doch nach Barcelona und Madrid, wo er für das Arbeitsministerium arbeitete, und schließlich auch starb. Während Mirós Körper auf dem edlen Hauptstadtfriedhof Almudena ruht, blieb Gabriels Seele in Alicante am Leben, wovon man sich im fröhlichen Treiben – eine besondere Miró-Stimmung – auf seinen Plazas und Glorietas überzeugen kann.

Erinnerung an Gabriel Miró im Bergdorf Polop: Altes Foto in Casa-Museo.

Auch in Alicantes Viertel Benalúa, auf dem Platz, dessen Ecke Familie Miró bewohnte, kommt dieser Geist auf. In dem Haus lebte der Autor später mit seiner Frau Clemencia Maignon, Tochter des französischen Konsuls. Als 1902 und 1905 zwei Mädchen zur Welt kamen, zog die Familie ein Stück weiter gen Stadt, woran in der Calle Foglietti eine Tafel erinnert. Doch die Familienfreude währte nicht lange. Tochter Clemencia erkrankte schwer und benötigte reine Luft, weshalb das Paar sich vermehrt in Polop, einem der Bergdörfer m Norden der Costa Blanca, aufhielt.

Gabriel Mirós letztes, autobiographisches, Buch „Años y leguas“ (Jahre und Meilen) erschien 1928, wobei er nochmals – diesmal an das von Bergen geschmückte Dorf – sein ganzes Herz verschenkte. Seine Beschreibungen von Polop und Umgebung gingen in die Volkssprache ein. Vom Bergfriedhof aus - für Miró „Huerto de Cruzes“, Garten der Kreuze, - ließ sich der Gipfel Ponoig bewundern, den der Autor als „León dormido“, schlafender Löwe, identifizierte. Polop wurde zum Zentrum für Miró-Tourismus. Heute ist der cementerio – den Schilderungen im Buch entsprechend – als „literarischer Friedhof“ umgebaut.

Am Ende ein Engel: Der Barbier von Benalúa

Im Dorf Polop steht Gabriel Mirós „Casa Museo“. Das ist zwar in Wirklichkeit nicht seine Sommerresidenz, stammt aber aus derselben Zeit und bietet eine Sammlung von Fotos und Erinnerungsstücken. So kam der verkannte Engel Gabriel an seiner Küste doch noch zu Ehren – und erhielt sogar eine Art Heiligsprechung. Sein Barbier aus Benalúa nämlich, Ramón Soler, war so von Miró begeistert, dass er seinen Sohn Gabriel taufte und den Schrifststeller zu dessen Paten bestimmte. Soler war der erste, der Anfang 1900 in einer hügeligen Landschaft am Südrand Alicantes ein Haus baute.

Himmlische Costa Blanca: Glorieta Gabriel Miró in Orihuela, einst Ackerland, heute Neustadt voller Zuzügler

Wie es üblich war, widmete der Spanier sein Haus einem Heiligen. Der Barbier wählte - seiner Bewunderung für Gabriel Miró getreu - den Engel Gabriel. Als in den Jahren danach in der Gegend Fabriken entstanden, erwuchs um das Haus eine Siedlung voller fröhlicher, nicht allzu frommer Arbeiter. Das Viertel entstand, das heute den Namen San Gabriel trägt. Bekannt ist es unter anderem für sein farbenfrohes Ortsfest. Kurioserweise steigt es nicht am offiziellen Heiligentag des Erzengels Gabriel im März, sondern – Zufall oder nicht? – immer ganz am Ende vom Monat Juli, am Geburtstag von Gabriel Miró.

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