Auf Felsen sitzt ein Wanderer und blickt herunter zu bunten Skulpturen.
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Skulpturen-Gipfel an Costa Blanca: Die bunte Welt des Mariano Ros ist ein Geheimtipp für Besucher.

Spaniens Wunder

Verbotene Skulpturen im Gebirge: Denkmal bunter Rentner-Welt an Costa Blanca

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Wie aus einem geheimen Unterschlupf älterer Menschen eine einmalige Galerie wurde. Ein kunstvoller Wandertipp im Hinterland der spanischen Küste.

Elche - Als Mariano Ros begann, mit Hammer und Meißel ein Gelände im Gebirge der Costa Blanca zu bearbeiten, war er beileibe nicht der erste. Steinbrucharbeiter vieler Epochen - Spanier, Mauren, Römer, Iberer - schlugen hier im Hinterland die Steine, aus denen die Stadt Elche entstand. Bis heute tragen die Felsen ihre Spuren. All diesen Vorfahren wollte der Rentner aus Spanien mit einer Skulptur ein Denkmal setzen. Als er 2001 zu picken begann, wusste Ros nicht, dass es verboten war. Und doch entstand El Cau, eine bunte, aber bedrohte Welt. Sein Testament in Stein.

Elche Stadt in Spanien
Fläche: 326,1 km²
Provinz: Provinz Alicante

Costa Blanca: Verbotene Skulpturen im Gebirge - buntes Testament

Es ist ein einmaliges Testament, das der 2017 verstorbene Mariano Ros im Gebirge der Costa Blanca hinterließ. Das erste Kunstwerk, das der damals 75-Jährige in den Fels schlug, ist heute nur ein kleines Element des Geländes der verbotenen Skulpturen von Elche. Ein erstaunlicher Farbtupfer ist El Cau zwischen den kahlen Felsen im Norden der Palmenstadt. Ein Eigenbrötler, gern allein in den Bergen unterwegs, war dieser Rentner aus der Palmenstadt. Darauf lässt bereits die Anreise schließen, die noch heute einer spanischen Schatzsuche gleicht.

Die Minuten vergehen während der Fahrt entlang des Weges Camí de Montfort, wobei die karger werdende Landschaft des Hinterlands der Costa Blanca immer mehr einer Wüste ähnelt. Schließlich biegen wir links in die kleine Straße ab, die in die bunte Rentner-Welt führt. Der Name der Straße: Cantera de Santa María, Steinbruch der Santa María. Hier nämlich wurde im Mittelalter das Gestein zum Bau der Basilika Santa María (bekannt für das Unesco-Weltkulturerbe Misteri d‘Elx) geschöpft.

Verbotene Skulpturen im Gebirge: 50 Stunden brauchte Rentner Cándido Escribano für seine Reptilien-Figur. Aber wie viele Schlangen sind zu sehen?

Freundliche Empfangspersonen: Das Kindliche in Rentnerhänden

„Otro mundo“ – eine andere Welt – lautet am Ende der Straße durch das Gebirge die Inschrift an einem Wegweiser, der neben einem gelben Jakobsweg-Pfeil in den Stein graviert ist. Von hier ist es nur noch ein kurzer Fußmarsch einen Schotterweg hoch, bis ein weiteres Schild nach rechts oben weist. Von einer Kalkwand grüßen dort die ersten zwei verbotenen Skulpturen: Zwei Empfangspersonen, links die Jungfrau Maria, rechts der Ortsheilige Pascual Bailón, der zu Lebzeiten Schafe durch das Hinterland der Costa Blanca trieb.

Die lebensgroßen Figuren wirken kindlich-naiv und freundlich, wie von sehr jungen Händen geformt. In Wirklichkeit waren es die Hände des heute 79-jährigen Cándido Escribano. Schon länger, seit Alter und Demenz dem 16 Jahre älteren Mariano Ros zusetzten, pflegte und erweiterte Escribano die verbotene Galerie. Als die beiden sich 2005 kennenlernten, war Ros noch voller Schaffenskraft. „Ich weiß noch, wie die Leute sich erzählten, dass ein Mann im Gebirge Skulpturen erschuf“, erinnert sich Escribano, der uns im El Cau empfängt.

„Bei Eiseskälte und großer Hitze – das war uns alles egal“

Seit jeher war Cándido Escribano ein guter Kenner des Gebirges von Elche. Als er von Mariano Ros hörte, beschloss er den außergewöhnlichen Künstler zu suchen. Und er wurde fündig. Die Chemie zwischen den handwerklich begabten Männern von der Costa Blanca habe sofort gestimmt. „Mariano war mehr als nur ein Freund“, sagt Cándido Escribano. Sein eigenes erstes Werk auf dem künstlerischen Hinterland-Gelände, ein freundlich dreinschauender Elefant, ist mit einer Widmung für Mariano Ros versehen: „Für meinen Meister“.

Verbotene Skulpturen an der Costa Blanca: Die Rentner Mariano Ros (r.) und Cándido Escribano bildeten eine bunte Welt im Gebirge ab.

Das Areal der verbotenen Skulpturen ist wie ein Park angelegt. Spazierwege schlängeln sich zwischen den bunten Formen und kleinen, mit Namen versehenen, Baumgärten. Zwei Grotten bieten den knappen Schutz vor der Mittagssonne. Die kleinere Grotte, El Cau genannt, gab dem Gebiet den Namen. Das Wort cau steht im valencianischen für Unterschlupf. „Die Grotte wurde früher von den Arbeitern des Steinbruchs genutzt“, berichtet Cándido Escribano, für den das Gelände nach der Begegnung mit Mariano Ros auch zu einem Zufluchtsort wurde.

Stundenlang weilten die Rentner, oftmals mit weiteren Bekannten, in den Bergen, schlugen das Gestein in Form und bemalten es mit bunten Farben. „Bei Eiseskälte und großer Hitze – das war uns alles egal“, strahlt Cándido Escribano. 50 Stunden „harter Arbeit“ hätte ihn seine Reptilien-Skulptur gekostet, die heute vor allem kleine Besucher begeistere. „Sie rätseln immer, wieviele Schlangen eigentlich zu sehen sind.“

Ministerium greift ein: Versteckspiel mit der Polizei

Mehrere Skulpturen des 79-Jährigen, der sich gern als Hobbyphilosoph betätigt, bilden die Natur ab oder behandeln soziale Themen. Ein Frauen gewidmetes Bild protestiert gegen die auch an der Costa Blanca verbreitete häusliche Gewalt. Ein anderes fordert von Jägern einen respektvollen Umgang mit Wildtieren ein. Ein Hingucker ist zudem der Hinterland-Staudamm Pantano de Elche in Miniatur. Das Leitungssystem funktioniere bei Regen tatsächlich „Für einige Werke nahmen wir Fotos als Vorlage, sonst ließen wir der Fantasie freien Lauf.“

Wunder der Costa Blanca: Die Basilika von Elche besteht aus Gestein aus dem einstigen Steinbruch am El Cau.

Auch die Beschaffenheit des Bodens des ehemaligen Steinbruchs habe die Arbeit an den Skulpturen beeinflusst. „An einer Stelle kann der Stein hart, direkt daneben brüchig sein“, erklärt Cándido Escribano. Marianos Ros‘ Werke hingegen sind größtenteils Abbilder seiner Elcher Wurzeln. Die Altar-ähnliche Hauptwand des Parks ist mit Ortssymbolik durchzogen. Die iberische Dame von Elche ist zugegen, genauso wie Schuhmacher bei der Arbeit. Der Soldat Francesc Cantó aus dem Stadtfest Venida de la Virgen reitet ein weißes Pferd.

An der Seitenwand ragt eine spektakuläre Basilika über den famosen Elcher Palmenhain, direkt neben einer Szene aus dem Weltkulturerbe-Schauspiel Misteri d´Elx. Auch Mariano Ros‘ Verwandte und Freunden sind verewigt, wie auch der Fußballklub Elche CF. Es ist die in Stein geprägte Lebenswelt eines Mannes – als hätte er vermutet, dass seine Erinnerung einst verblassen würde.

Die in Felsen gehauenen Erinnerungen des Mariano Ros am Cau reichen allerdings nur bis 2009. Dann nämlich griff das Umweltministerium gegen die Bildhauer, die nie um Erlaubnis gefragt hatten, ein. Einsatzkräfte der Umweltschutzbrigade Seprona rückten an, drohten mit Strafen. „Ich hatte gerade die Skulptur für die Frauen begonnen“, erzählt Cándido Escribano. „Und die wollte ich unbedingt beenden.“ Die Männer arbeiteten fortan heimlich weiter und mussten sich manches Mal in den Bergen vor den Beamten der Guardia Civil verstecken. „Da riskierten wir Einiges.“

„Sie haben uns zwar nie eine Tür geöffnet, aber auch nicht geschlossen.“

Zumindest die fertiggestellten Werke ließen die Behörden bisher gewähren. Doch auch dieses Testament auf Stein ist in Gefahr. Insbesondere die in schattigen Ecken gelegenen Bilder leiden an Erosionen. „Der Stein braucht Wasser und Sonne“, erklärt Cándido Escribano. „Zum Glück sind die Besucher sehr respektvoll.“ Als einziger restauriere er die Kunstwerke im Gebirge regelmäßig, was ihm aufgrund eines Knieschadens jedoch immer schwerer falle. „Die Stadt Elche will nichts davon wissen“, beklagt der Rentner. Seit Jahren werbe er am Rathaus um Unterstützung. „Ich habe 20 Hefte voller Unterschriften.“

Doch bis heute machen die Stadtregierungen um das Thema Cau einen Bogen. Das Tourismusbüro bietet ebenfalls keine offiziellen Auskünfte zu der eigentlich beliebten Ausflugs-Attraktion der Weltkulturerbe-Oase Elche an. Zu groß erscheint offenbar der Aufwand, einen Gesetzesverstoß zu legalisieren, der lediglich aus einer Leidenschaft von Rentnern entstand. Trotzdem blickt Cándido Escribano nicht zornig auf die Stadt, deren Umrisse vom Gebirge aus in der Ferne zu erkennen sind. „Sie haben uns zwar nie eine Tür geöffnet, aber auch nicht geschlossen.“

Die Skulpturen im Gebirge der Costa Blanca stellen viele Symbole der Palmenstadt Elche dar.

Seinen letzten Auftrag hat der Rentner erfüllt. Unter der Steinbüste von Mariano Ros inmitten der Elcher Stadtsymbole war lange eine unvollständige Inschrift zu lesen. „1926 – 20..“ hieß es dort. Als sein geschätzter Vorarbeiter vor vier Jahren starb, ergänzte Escribano noch die fehlende Jahreszahl.

Beim Abschied gibt er der Rentner noch einen Geheimtipp für Entdecker von Elches Schätzen mit. An der Stelle, wo der Pfad vorher rechts zu San Pascual und der heiligen Jungfrau führte, klettert Escribano mühsam den steinigen Hang links nach oben. Am Gipfel des Hügels angekommen, umgeht er rechts ein Krater-artiges Loch und gelangt zu einem metertiefen Schacht. „Diesen Steinbruch haben Archäologen untersucht“, sagt der Steinmetz des 21. Jahrhunderts. „Sie fanden anhand der Eigenschaften heraus, dass es exakt das Gestein ist, aus dem vor 2.500 Jahren unsere Dama de Elche geformt wurde.“

Wandern zu El Cau: Skulpturen im Gebirge von Elche

Da ausgewiesene Pfade zum El Cau bisher fehlen, bietet einzig die Google-Suche Vorschläge von Hobby-Wanderern. Ein rund zehn Kilometer langer Weg beginnt am Bahnhof Elx Parc und führt nordwärts über den Camí del Pantà. Bis zur Überquerung der Autobahn ist den Schildern zum Stausee Pantano zu folgen, danach geht es über den Camí de Bonavista. Wenn der Camí del Ferriol auf Häuserwänden erscheint, weisen mit „S.P.“ markierte Pfeile auf dem Boden den weiteren Abschnitt. Am Schild zum Camí de les Voltes de Ferriol rechts gehen. Nach einem Tümpel links vom Weg und Landhäusern wird es steiniger. Ab da einige Meter Richtung Camí del Rací de la Morera und einen felsigen Weg rechts den Berg hoch. Wenn rechts ein kurioser Johannisbrotbaum in einer Fels-Vertiefung erscheint, weisen die ersten in Stein gravierten Schilder zum Reich von Mariano Ros und Co.

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