Ein schwarz-weißes Bild von spanischen Leinenschuhen mit Beschädigungen.
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Costa Blanca: Leinenschuhe mit Hanfsohlen im Hausmuseum von Miguel Hernández. Traditionelle Fußbekleidung, aber auch Ausdruck von Idealen.

Spaniens verwundete Seele

Auf Hanfsohlen in den Tod: Spanische Leinenschuh-Erinnerung an Costa Blanca

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Für zwei junge Spanier der Bürgerkriegszeit waren Alpargatas kein Mode-Accessoire. Sondern Ausdruck einer Haltung, die sie mit dem Leben bezahlten. Ihre Schicksale sollte man kennen, um zu verstehen, wie Spanien tickt. Sie bleiben auch in der Zeit relevant, die nur noch bunte Schuhe mit Kunststoffsohlen kennt.

Alicante - Wenn es etwas gibt, das Spanien und sogar Teile der spanischsprachigen Welt eint, ist es der Leinenschuh. Je nach Gebiet Alpargata oder Espardenya genannt, wurde der traditionell mit Hanfsohle versehene Schuh als Sinnbild vom Landleben zur typischen Tracht von Andalusien über Katalonien bis nach Südamerika. Heute werden bunte Alpargatas als trendy Sommer- und Fiesta-Kleidung getragen. Aber Spaniens historische Erinnerung zeichnet ein anderes Bild. Überzeugte Leinenschuh-Träger gingen darin im Bürgerkrieg oder in der Franco-Diktatur in den Tod. Darunter zwei ikonische Gestalten von der Costa Blanca.

Verbunden sind die Schicksale der beiden getöteten Leinenschuh-Träger durch die Stadt Alicante. Eine Menge Blumen schmückt auf dem Friedhof der Provinzhauptstadt derzeit das Grab eines von ihnen. Denn zum Allerheiligen-Fest in Spanien gesellte sich am 30. Oktober der 111. Geburtstag des Poeten. Die Rede ist von Miguel Hernández, dessen Namen neuerdings der Flughafen der Costa Blanca trägt. Sein Stern leuchtet derzeit wohl heller als je zuvor. Doch das Leben des Spaniers war voller Tragik, insbesondere das frühe Ende vor bald 80 Jahren. 1942 fand der junge Spanier im Gefängnis der Franco-Diktatur einen qualvollen Tod.

Costa Blanca: Getötete Leinenschuh-Träger - Spaniens Erinnerung auf Hanfsohlen

Wenn man so will, hatte Miguel Hernández für seinen viel zu frühen Tod selbst gesorgt: durch seine Konsequenz. Denn die Bauernschuhe mit Hanfsohlen, für die der aus dem ländlichen Orihuela stammende Spanier bekannt war, waren keine Maskerade. Auch in Madrid trug der Dichter sie nicht zur Schau, um dort den Durchbruch zu schaffen. Sein Äußeres war wie seine Poesie: handfest, volksnah, lebendig. Damit eckte der Leinenschuh-Mann von der Costa Blanca in der eleganten Hauptstadt an. Aber optisch passte er damit auch zum gängigen linken Diskurs der avantgardistischen Künstler-Elite.

Doch an Miguel Hernández war etwas Besonderes: Wenn er von gerechter Verteilung von Gütern träumte, von der Überwindung sozialer Klassen - dann meinte er das wirklich ernst. Im Spanischen Bürgerkrieg ging der in Sachen Poesie so feine Mann in seinen Leinenschuhen an die Fronten. Nah zu denen, die litten, hassten, fürchteten und fielen. Anders als die linke Elite, die, je näher die Niederlage rückte, sich vom Volk abschottete und per Flieger das Weite suchte. Hernández wurde fallengelassen und dann zu Fuß auf seinen Hanfsohlen fliehend gefasst. Frei kam der junge Spanier nicht mehr, bis zum grausamen Tod in der Zelle.

Suche nach „Lichtstrahl, der jeden Schatten besiegt“

Nicht, dass das faschistische Franco-Regime dem 1939 gefassten Miguel Hernández die Freiheit nicht angeboten hätte. Der junge Leinenschuh-Träger hätte nur seinen republikanischen Ideen abschwören und fromme Verse (wie in seiner Frühzeit) schreiben müssen. Dann würden das Todesurteil und sogar die lebenslängliche Haftstrafe fallen. Der Druck auf den Gefangenen war immens, aber sein Leib in der düsteren Zelle immer schwächer. Zu Hause warteten seine Frau Josefina Manresa, die später Hernández‘ Erbe bewahren würde, und Sohn Manuel. Aber der Poet sagte zum Angebot der Franquisten nein.

Sicher hatte der Republikaner seinen kommunistischen Utopismus von 1936 abgelegt. Längst hatte Miguel Hernández sich auf universellere Weise der menschlichen Natur gewidmet, schrieb über die Abgründe der menschlichen Seele, die im Krieg allzu sichtbar werden. Doch den „Lichtstrahl, der jeden Schatten besiegt“, nach dem der junge Spanier im Kerker sehnsüchtig Ausschau hielt, sah er im Regime mit dem zur Schau getragenen Nationalkatholizismus nicht. Durch sein Martyrium und den Tod 1942 wurde Hernández zur spanischen Ikone. Bevorzugt für die linksgerichtete Seite des Volkes, aber nicht nur.

Kein Held, sondern „wie Millionen von Spaniern“

Denn die Erfahrungen des leidenschaftlichen Leinenschuh-Trägers - ob im Bürgerkrieg, in der Armut, auf der Flucht, im Gefängnis oder mit dem Tod ringend - waren die von einer Menge Menschen in Spanien, unabhängig von ihrem Lager. „Manche wollten Miguel Hernández zum Helden machen. Aber in Wirklichkeit war sein Leben traurig, so wie das von Millionen von Spaniern“, sagt Carmen Alemany, Literaturforscherin von der Uni Alicante. Ähnliches kann man sicherlich von Francisco Castelló sagen, der sein überzeugtes Stehen auf Hanfsohlen 1936 als blutjunger 22-Jähriger mit dem Tod bezahlte.

Traditionelle Leinenschuhe von der Costa Blanca: Sinnbild für Landleben und Bodenständigkeit.

Heute wird Francisco Castelló als Seliger der katholischen Kirche verehrt. Denn das republikanische Lager tötete den jungen Spanier von der Costa Blanca wegen seines christlichen Glaubens. Seine Biographie liest sich in Zügen jedoch wie ein Spiegelbild vom Schicksal des Republikaners mit den Leinenschuhen. Wo der Poet starb, wurde Francisco Castelló 1914 geboren, in Alicante. Wie der eine, wuchs der andere in einem naturliebenden und frommen Umfeld auf. Wahrscheinlich war Castelló nicht ganz so brillant in seiner Disziplin, Chemie, wie Hernández in der Lyrik. Aber eines hatten sie gemein:

Sie waren in ihrem Wesen gewöhnliche, junge Spanier, Kinder ihrer Zeit. Jedoch störte sie beide der ungerechte Zustand der Gesellschaft. Nach dem Umzug von der Costa Blanca ins katalanische Lleida - die Heimat der Mutter - machte sich Francisco Castelló an die soziale Arbeit. In der katholischen Organisation Acción Católica, aus der später die Frauen-NGO Manos Unidas hervorging, engagierte sich der Alicantiner für finanziell gebeutelte Arbeiterfamilien. Mit Kindern, die sich keinen Urlaub leisten konnten, reiste der christliche Aktivist auf Freizeiten in die Berge.

„Macht es euch nicht zu bequem. Seid Menschen in Leinenschuhen.“

Francisco Castelló sympathisierte durchaus mit der spanischen Republik unter der dreifarbigen Flagge. Denn die 1931 ausgerufene Staatsform verlieh etwa der Region Katalonien, mit der sich der junge Spanier identifizierte, die ersehnte Autonomie. Als sich anarchistische Übergriffe gegen katholische Geistliche mehrten, zog sich der Christ zusehends aus dem politischen Geschehen zurück. Sein religiöser Glaube wurde ihm 1936 jedoch zum Verhängnis. Gerade war Castelló zum Militär eingezogen, als das rechtsradikale Franco-Lager gegen die republikanische Linksregierung putschte. Der Spanische Bürgerkrieg brach aus.

Da Spaniens katholische Kirche Francos Kreuzzug gegen den Kommunismus offiziell billigte, wurden Katholiken wie Francisco Castelló den republikanischern Befehlshabern suspekt. Der junge Spanier wurde verhaftet und unter Drohungen verhört. Nein, Faschist oder Monarchist sei er nicht. Jedoch der Diener eines Königs: Jesus Christus. Das bekundete der von den Peinigern immer aggressiver bedrängte Castelló. Hätte er das Bekenntnis widerrufen, wäre er freigekommen. Vergeblich versuchten seine Verwandten ihn dazu zu bewegen. Denk an Mariona Pelegrí, deine Verlobte, sagten sie ihm. Wenn sie dich töten, ist sie allein.

Aber der junge Spanier von der Costa Blanca blieb standhaft. Die Ideale, an die Francisco Castelló glaubte, würde er auch unter Drohungen nicht verleugnen. Doch dafür - das teilten ihm die republikanischen Fanatiker in aller Klarheit mit - wartete auf den Häftling der Tod durch Erschießung. Im Gefängnis schrieb er seinen Lieben noch Briefe voller Gottvertrauen, bevor er sich mit 22 Jahren vor das tödliche Gewehrkommando stellte. Sein Leib liegt bis heute in einem Massengrab in Lleida. „Macht es euch ja nicht bequem“, hatte Castelló seine Zuhörer einst gemahnt. „Seid Menschen in Leinenschuhen.“

Jede Menge Leinenschuhe: Lauter Schicksale, in Spaniens Volksseele tief eingebrannt.

Der Satz hätte genauso von Miguel Hernández stammen können. Die jungen Spanier waren Opfer verfeindeter Lager, wirken aber - in ihrer Konsequenz, mit der sie ihre Ideale bis in den Tod trugen - wie zwei Seiten einer Medaille. Die Schicksale vieler solcher Menschen (siehe Soldat, der im Krieg in die Luft schoss) sind tief in Spaniens Volksseele eingebrannt. Man muss sie kennen, um zu verstehen, warum Spanier so und nicht anders ticken, ob in Madrid oder in Barcelona. Und sie bleiben relevant - auch in der Zeit der konsumistischen Psychose, die höchstens noch knallbunt-auswechselbare Leinenschuhe mit Kunststoffsohlen kennt.

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