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Heiliger in Unterhose: Die wundersame Wende im Streit ums verlorene Erbe von Miguel H.

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Von: Stefan Wieczorek

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Auf einer vergilbten Postkarte stehen handgeschriebene Worte.
Costa Blanca: Zum Erbe von Dichter Miguel Hernández gehören Briefe an seine Frau Josefina Manresa. © Diputación Alicante

Hundert persönliche Erbstücke des verstorbenen Dichters Miguel Hernández werden in Alicante ausgestellt. Und siehe da: Zwei Provinzverwaltungen begraben das Kriegsbeil.

Alicante - Die Aura eines säkularen Heiligen umgibt Miguel Hernández. Schon das berühmte Porträt des Dichters aus Orihuela hat in Spanien einen Ikonenstatus wie kaum ein kirchliches Heiligenbild. Geradezu angebetet wird der berühmte Leinenschuh-Träger von vielen Spaniern. In Erzählungen vom Mann von der Costa Blanca mischen sich Realität und Mythen. Und natürlich darf bei einem San Miguel ein Märtyrertod nicht fehlen. Am 28. März 2022 wird der Tod des Dichters 80 Jahre her sein. Zu diesem Anlass hat Alicante eine Ausstellung an Land geholt, die es in sich hat: Hundert persönliche Erbstücke von Miguel Hernández. Um das verlorene Erbe herrschte mit der andalusischen Provinz Jaén lange ein Streit - erfährt nun aber eine wundersame Wende.

Miguel HernándezDichter
Geboren:30. Oktober 1910, Orihuela
Verstorben:28. März 1942, Alicante

Costa Blanca: Streit um Erbe des Miguel H. - Wundersame Wende

„A plena luz“ – In vollem Licht – ist eine Sammlung von verloren geglaubten Erbstücken des Mannes, die so persönlich sind, dass sie, wenn er ein Heiliger wäre, glatt als Reliquien durchgehen würden. Handgeschriebene Briefe, Postkarten, Schmierzettel, selbst aus Zeiten, als San Miguel noch ein Ziegenhirte war, der nicht ahnte, dass er, ein kleiner David aus Orihuela, einmal zum Goliath der spanischen Kulturwelt aufsteigen würde. Dass Straßen, Viertel, ein Bahnhof und seit neuestem sogar der Flughafen der Costa Blanca seinen Namen tragen würden: „Aeropuerto Alicante-Elche Miguel Hernández“. Schwer im Trend ist dieser Mann, den der Palast der Provinzverwaltung, die Diputación de Alicante, im wahrsten Sinn des Wortes in Unterhose zeigt.

Ein entsprechendes, freizügiges Foto im Großformat zieht an der Wand, die den Frauen im Leben des Miguel Hernández gewidmet ist, die Blicke auf sich. Nein, die Ausstellung über den Dichter ist nicht nur eine zum Lesen poetischer Sprache. Sie lädt zu einer Begegnung ein. Mit einem Spanier voller Facetten, dem Universaldichter, wie es heißt, der Projektionsfläche für abenteuerlichste Idealisierungen, die in Spanien so manchen Streit auslösen, aber eben auch zu wundersamer Wende bringen kann. Was hat man dem jung verstorbenenen Alicantiner nicht alles angedichtet? Dass er ein Staatsfeind sei und der Inbegriff des Kommunisten. Dann erklärte man ihn zum Friedensengel. Zur Vaterfigur überhaupt. Zum Apostel der Umwelt. Zur Ikone des Stierkampfs.

In gewisser Weise bestätigt die Ausstellung „A plena luz“ mit dem sehr persönlichen Erbe des Dichters all diese Seiten des San Miguel, lässt aber zugleich, Station für Station, den (un-)heiligen Schein von ihm abfallen. Über zehn Abschnitte führt die spannende Reise durch die Welt eines, der vor allem ein Mensch in Fülle war. (Zum Thema: Schnipsel vom toten Dichter)

Unschuld, Treuebrüche, Inbegriff von Qual

Genesis, Religion, Eros, Ideologie, Liebe, Krieg, Kerker, Tod, Auferstehung, Literatur. An jeder dieser zehn Stationen der Ausstellung an der Costa Blanca wartet ein Miguel Hernández, aber ist es immer derselbe? An seiner Kindheitswand treffen wir auf die fleischgewordene Unschuld, bei der Liebe auf schwere Treuebrüche, im Krieg auf enthemmten Fanatismus und Hass. Im Kerker lässt uns dagegen ein von einem Mithäftling handgezeichnetes Porträt des Dichters erschaudern. Das Gesicht von Spaniens Ikone, nur noch der Inbegriff von Qual. Ein Ecce homo.

In der Ausstellung „A plena luz“ der verlorenen Erbstücke des Dichters spielt Miguel Hernández’ künstlerisches Schaffen mit nur 15 der hundert Ausstellungsstücken übrigens lediglich eine untergeordnete Rolle. Besondere Hingucker sind dabei die Erstausgaben der Bücher „Perito en lunas“ (Experte in Monden, 1933), „El rayo que no cesa“ (Der Blitz, der nicht erlischt, 1936) und „Viento del pueblo“ (Wind des Volkes, 1937). Ansonsten reizen eher lebensnahe, ja kuriose Dinge, ein Zeugnis des jungen Miguel an der Schule Santo Domingo, die er in seiner Heimat Orihuela besuchte, etwa.

Wie richtete Spaniens großer Dichter sein Wort an seine Freundin und spätere Frau Josefina Manresa, wie versuchte er seine Idole Pablo Neruda oder Federico García Lorca für sich zu begeistern? Die Antwort darauf geben die Briefe, die den Betrachter der Ausstellung „beivollem Licht“ in einen intimen Gefährten des Dichters von der Costa Blanca verwandeln.

Vor einem schicken Gebäude steht eine Säule mit Versen unter einem Baum.
Verlorenes Erbe der Costa Blanca: Gedicht unter monumentalem Feigenbaum - Die Ausstellung bleibt bis 28. März. © Stefan Wieczorek

Verlorenes Erbe: Warum eigentlich Andalusien?

Ein intensives Erlebnis ist der Besuch der Ausstellung der dichterischen Erbstücke für die Provinz Alicante. Denn was als Wanderausstellung nur bis zum 28. März - Hernández´ 80. Todestag - bleibt, ist für die Costa Blanca ein bitter verlorenes Erbe. 2013 sicherte sich nämlich die Diputación vom andalusischen Jaén für drei Millionen Euro die bedeutendsten 5.600 Besitzstücke von Miguel Hernández. Dass sich ausgerechnet seine Heimatregion das entgehen ließ, tut der hiesigen Kulturwelt sehr weh und sorgte zwischen den Provinzen bis heute für manchen Streit. Warum eigentlich Jaén, eine Provinz in Andalusien?

Verbunden war der Dichter mit Jaén durch seine dort geborene Frau Josefina. Das Paar verbrachte dort seine, durch den Bürgerkrieg schwer getrübten, Flitterwochen. Hernández´ Gedicht „Aceituneros“ für Spaniens Olivenbauern wurde zur offiziellen Hymne dieser andalusischen Provinz. Mit der Ausstellung wollen Jaén und Alicante, so heißt es, nun das Kriegsbeil um das dichterische Erbe begraben. Und eine neue Union eingehen, mit vielen Aktivitäten rund um Miguel Hernández. Irgendiwe auch wieder typisch für Spaniens ikonischen Dichter. Wäre er ein Heiliger, könnte man glatt von einem Wunder sprechen.

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