Deutsche Gemeinde in Spanien

Bonhoeffer in Barcelona: Von guten Mächten, auch für Coronavirus-Zeiten

  • vonStefan Wieczorek
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Vor 75 Jahren starb Dietrich Bonhoeffer als eines der letzten Opfer des Nationalsozialismus. Seine Texte trösten bis heute Menschen in Not - ob Krieg oder Pandemie. Auch in Spanien hinterließ Bonhoeffer Spuren.

  • Bonhoeffers Aufenthalt in Barcelona prägte das spätere Wirken des Kämpfers gegen das Nazi-Regime.
  • Spanien lag dem gelehrten Deutschen nicht so, verlieh seiner Theologie jedoch menschlichere Züge.
  • Warum Bonhoeffer auch eine Botschaft der Versöhnung für Spanien parat hat.

Update vom 17. Juni: Der heutige Pfarrer der deutschen protestantischen Gemeinde in Barcelona, Holger Lübs, hat kritisiert, dass der folgende Text Dietrich Bonhoeffer als „lutherischen" Theologen bezeichnete. Das sei falsch. Wir haben es in "protestantisch" geändert. Zudem meint Lübs, dass der Einfluss von Spanien auf Bonhoeffer viel geringer gewesen sei, als es im CBN-Artikel heißt. Entscheiden Sie selbst:

Barcelona - Am 9. April 1945 war Dietrich Bonhoeffer unter den letzten Getöteten im Konzentrationslager Flossenbürg. Im Angesicht des Todes verfasste er das Gedicht „Von guten Mächten“. In verschiedene Sprachen übersetzt - „„Maravillosamente protegidos“ auf Spanisch - tröstet es bis heute Menschen der ganzen Welt, auch in der Coronavirus-Krise. Der Text in Zusammenhang mit dem Tod am Galgen markiert das Ende von Bonhoeffers Lebensweg, auf dem er unter anderem in Spanien Spuren hinterlassen hatte.

1928 ging Bonhoeffer für ein Jahr nach Barcelona, als junger Vikar der deutschen evangelischen Kirchengemeinde. 22 Jahre zuvor hatte er das Licht der Welt erblickt: Am 4. Februar 1906 in Breslau - im heutigen Polen. Vor allem als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus ging der protestantische Theologe in die Geschichte ein. Der Aufenthalt in Spanien war jedoch eine besondere Station. Die „Barcelona-Predigten“ gelten als wegweisend für Bonhoeffers weiteres Schaffen.

Bonhoeffer besuchte Madrid und Sevilla, tat sich aber schwer mit Spanien

Denn, wie Isabel Best anmerkt, Herausgeberin einer Kollektion von Bonhoeffers Schriften, blieb der Deutsche ja nicht als Prediger in Erinnerung, sondern eher als Mensch der Tat. Doch in zwei Momenten des Lebens verkündete er die Frohe Botschaft vor allem predigend: 1928/29 in Barcelona und 1933 bis 1935 in London. In der katalanischen Hauptstadt Barcelona hinterließ Bonhoeffer bis heute bleibenden Eindruck. Vor allem Jugendliche konnte er für Gottesdienste und den Glauben begeistern.

Bonhoeffer staunte, als in Barcelona die Säulen am Montjuïc verschwanden.

Von Barcelona ließ sich Bonhoeffer bezaubern, von den blühenden Landschaften, von der eleganten Stadt. Der Pastor reiste durch Spanien, besuchte die Hauptstadt Madrid und das Herzstück Andalusiens, Sevilla. Doch der gesellige, aber intellektuell-verkopfte Theologe tat sich auch schwer mit der leichten spanischen Lebensart. Zu wenig Tiefe war für ihn im Austausch, ob unter Gelehrten oder im Alltag. Richtig warm wurde der Breslauer, der in Berlin aufwuchs, in Barcelona also nie.

Bonhoeffer wollte eine Kirche, die den Glauben aufrichtig lebt

Doch Bonhoeffer passte sich an, wie die „Barcelona-Predigten“ zeigen. Nicht theologische Höhenflüge, sondern vor allem lebensnahe Ausführungen über Kirche und Welt hörte die deutsche Gemeinde und staunte über den Tiefblick und das fundierte Wissen des 22-Jährigen. In der ersten Predigt sprach der junge Pastor über moralisches Handeln und den Unterschied dazwischen, ob man es aus eigener Kraft versucht oder auf Gottes Gnade setzt. (Bild unten: Sagrada Família in Bonhoeffers Zeiten, zwei Jahre nach dem tragischem Tod von Antoni Gaudí.)

Auch der Kontrast zwischen religiöser Praxis und wirklichem Glauben, der im Nationalsozialismus so fatale Früchte tragen sollte, trieb den jungen Mann schon in Barcelona um. „Wo ein Volk betet, da ist Kirche, und da ist keiner allein“, schrieb Bonhoeffer 1929 ins Tagebuch, und an einer anderen Stelle: „Eine große Einsamkeit ist über unsere Zeit gekommen", und man möchte es fast aufs Coronavirus-Zeitalter beziehen. Immer ganz konkret für seine Zeit, aber irgendwie auch allgemeingültig für jeden Menschen schrieb Bonhoeffer - das war eine seiner großen Gaben.

Aus Barcelona zog es Bonhoeffer zur schwarzen Gemeinde in New York

So sehr er mit Spanien und dessen Temperament haderte, habe es seine Theologie „vermenschlicht“, schreibt der Bonhoeffer-Biograph Charles Marsh. In Barcelona begegnete der Deutsche erstmals einer Diktatur. Nicht nur musste sich die protestantische Gemeinde im autoritären Katholizismus bedeckt halten. Eisern unterdrückte Miguel Primo de Rivera auch alles Katalanische. Die Regionalsprache war verboten, für die Expo 1929 in Barcelona riss der Diktator die vier Säulen des Katalanismus vor dem Montjüic ab. 1931 mit der Zweiten Republik kehrten sie wieder zurück.

Ungewöhnlich oft für einen Menschen seiner Zeit weilte Bonhoeffer im Ausland. Aus Barcelona zog es ihn nach New York, wo er in Harlem die Spiritualität der Schwarzen kennenlernte - aber auch ihre rassistische Ausgrenzung. Beides prägte ihn nachhaltig. Erst in den USA sei er „gläubig“ geworden, zuvor war er „nur Theologe“, sagte Bonhoeffer. Als Hitler 1933 die Macht ergriff, geißelte der Pastor in Berlin den Führer als „Verführer“. Die Radioübertragung wurde abgebrochen. Den Namen Bonhoeffers merkten die Nationalsozialisten sich.

Mann mit Brille: Dietrich Bonhoeffer verbrachte ein Jahr in Barcelona.

Für Bonhoeffer waren Jesu Worte nichts Abstraktes, sondern ein Appell

In der Kirche in Deutschland - ob protestantisch oder katholisch - war Bonhoeffer einer der wenigen, die offen das Wort gegen den Nationalsozialismus erhoben. „Es reicht nicht, die Opfer unter dem Rad zu verbinden. Man muss dem Rad selbst in die Speichen fallen“, ist ein bekanntes Zitat des Widerstandskämpfers, und auch: „Nicht zu sprechen ist sprechen, nicht zu handeln ist handeln.“ Sprechen und Handeln gehörten für den Theologen immer zusammen, der vor allem aus einer Quelle Kraft schöpfte, dem Evangelium.

„Eine größere Liebe hat niemand als der, der sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Jesu Sätze waren für Bonhoeffer nichts Abstraktes, sondern ein Appell. 1938 wieder in den USA, bevorzugte er den Widerstand statt der Sicherheit und nahm das letzte Schiff nach Deutschland. 1940 schloss er sich einer Widerstandgruppe an, die einen Anschlag auf Hitler plante. 1943 - gerade hatte sich Bonhoeffer mit Maria von Wedemeyer verlobt - verhafteten die Nazis den Rebellen. Der Kreuzweg des Christus-Nachfolgers stand kurz vor dem Abschluss.

1940: Hitler traf Franco, Bonhoeffer trat in Widerstsnd ein

Bonhoeffers letzte Worte: „Das Ende, aber auch der Anfang“

„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Diese völlig unrealistischen Wünsche dichtete Bonhoeffer aus der dunklen Zelle für seine Lieben in der ersten Strophe seines bekannten Liedes. Über den Umweg des KZ Buchenwald kam der Theologe nach Flossenbürg. Beinahe hätten die guten Mächte ihn aber noch gerettet: Im April standen die Alliierten vor der Tür, das Lager wurde geräumt. Doch Adolf Hitler persönlich befahl die Exekutierung der verbliebenen „Verschwörer“. Und ebnete Bonhoeffer den Weg für das erschütternde, aber konsequente Ende seines irdischen Weges.

Mit Seelenfrieden und „im innigen Gebet“ verbrachte Bonhoeffer die letzten Momente, erzählte später SS-Lagerarzt Hermann Fischer-Hüllstrung. Am 9. April 1945 - der Nationalsozialismus war so gut wie besiegt - stand der Galgen für den 39-Jährigen bereit. „Mutig und gefasst“ ging der Häftling in den Tod. „Sagen Sie ihm, dass es für mich das Ende, aber auch der Anfang ist“, sind Bonhoeffers letzte überlieferten Worte - gerichtet an seinen Freund George Bell, den Bischof von Chichester.

Bonhoeffer schrieb „von guten Mächten“ kurz vor dem sicheren Tod.

Bonhoeffers Tod füllte Gleichnis vom Weizenkorn mit Leben

Nahm die evangelische Gemeinde in Barcelona wohl Notiz von seinem Tod? Spanien war in fester Hand des frühen Franquismus. 1945 fanden - auch in Barcelona - noch systematische Hinrichtungen der Regime-Gegner statt. Als Hitler am 30. April starb, verschwieg die spanische Presse, dass es Selbstmord war, und lobte den bestialischen Führer vielmehr, gar als „letzte Bastion der westlichen Zivilisation". Als man in Barcelona dagegen irgendwann von Bonhoeffers Tod erfuhr, erschienen viele Erinnerungen an den Pastor in neuem Licht.

„Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“, war ein von Bonhoeffer gern zitiertes Bibelwort. Daran erinnerte Bischof George Bell bei der Trauerfeier für den Widerstandskämpfer am 27. Juli 1945 in London. Bonhoeffer hatte nur knapp das Ende des Krieges verpasst, und erntete damit nicht mehr die wundersamen Früchte der Nachkriegszeit, wie die Schuman-Erklärung am 9. Mai 1950 und den Frieden in Europa bis heute.

Außenminister gründen 1951 Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl.

Christ und Rebell: Bonhoeffer ähnelte Spaniens Opfern in Krieg und Diktatur

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will“, sagte Bonhoeffer mal. 75 nach seinem Tod bleibt er aktuell. Als Vorbild für Widerstandskämpfer gegen heutige Verführer und neue Verletzungen der Menschenrechte. „Die Ausschaltung der Schwachen ist der Tod der Gemeinschaft“, ist ein Satz von ihm, der gut ins Jahr 2020 passt. Auch für Spanien hat Bonhoeffers persönliches Opfer eine Botschaft der Versöhnung für die bis heute von Bürgerkrieg und Diktatur nicht verheilten Wunden.

Denn Bonhoeffer starb einerseits als überzeugter Christ - so wie tausende Geistliche und Laien, die das linke Spanien tötete. Aber auch als Stimme des Widerspruchs gegen ein Regime, das mit Spaniens faschistischer Diktatur mindestens seelenverwandt war. Zuletzt kann der Pastor - wie einst in Barcelona - vor allem der Jugend Mut zusprechen. Heutige Untergangsszenarien - von Klima bis Coronavirus - lassen nicht wenige junge Menschen mit „aufgeschreckten Seelen“, wie es in Bonhoeffers Gedicht heißt, gen Zukunft schauen.

Bonhoeffer zur Jugend: „Es ist keine Schande, grenzenlos zu hoffen.“

Doch das müssen sie nicht, sagt Bonhoeffer ihnen noch heute. „Wenn schon die Illusionen bei den Menschen eine so große Macht haben, dass sie das Leben in Gang halten können – wie groß ist dann erst die Macht, die eine begründete Hoffnung hat?“, fragte der evangelische Pastor einmal, und fuhr fort: „Deshalb ist es keine Schande, zu hoffen, grenzenlos zu hoffen.“ Die Botschaft kam 2008 bei jungen Gemeindemitgliedern in Barcelona an, die über Bonhoeffers Zeit in ihrer Stadt einen Film drehten. Kommt sie auch 2020 noch an?

Coronavirus-Zeiten: Ein junger Mann trägt Maske vor Sagrada Família in Barcelona.
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