Spaniens Eurovision-Kandidatin Chanel wirft bei einer Pressekonferenz ihre Haare zurück.
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Spaniens ESC-Kandidatin Chanel hat einiges vor in Turin.

Eurovision Song Contest

Spanien beim ESC 2022: Chancen auf den Sieg mit ungewöhnlicher Kandidatin? Startplatz steht fest

  • Judith Finsterbusch
    VonJudith Finsterbusch
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Sie zieht sich an, wie es ihr passt, singt, wie es ihr passt und tanzt, wie es ihr passt. Spaniens ESC-Kandidatin Chanel macht sich mit einem ungewöhnlichen Lied Hoffnungen auf den Sieg 2022 - und steht gar nicht schlecht da.

Update, 16. Mai: Spanien hat beim ESC-Finale in Turin den dritten Platz geholt - und das Land feiert Sängerin Chanel, als wäre sie Erste geworden. Seit 27 Jahren war Spanien kein dritter Platz mehr gelungen, in den letzten acht Jahren schaffte es das Land nicht einmal mehr unter die Top Ten.

Update, 13. Mai: Der Countdown hat begonnen, am morgigen Samstag, 14. Mai, steigt das große ESC-Finale in Turin, das auch per Liveticker verfolgt werden kann. Spaniens Kandidatin Chanel startet mit ihrer Tanz-Nummer „SloMo“ auf Platz 10, wie heute bekannt gegeben wurde. Die Buchmacher sehen Spanien zwar nicht auf dem ersten Platz, aber immerhin unter den besten fünf Teilnehmern. Als Favorit zieht die Ukraine ins Finale des Eurovision Song Contest, gefolgt von Großbritannien, Schweden, Italien und dann Spanien. Wer sich das große Finale des Eurovision Song Contest an der Costa Blanca anschauen möchte, hat dazu unter anderem in Benidorm Gelegenheit, wo bereits der spanische Vorentscheid ausgetragen wird. Ab 19 Uhr lädt die Hochhaus-Stadt auf der Plaza de la Hispanidad zur Pre Party, ab 21 Uhr wird das Finale live auf Großleinwänden übertragen. Davor und danach treten DJs und Halbfinalisten aus dem Vorentscheid auf. Der Eintritt ist frei.

Erstmeldung, 9. Mai: Turin – Seit über 50 Jahren wartet Spanien auf einen Sieg, dieses Jahr soll er endlich gelingen: Mit einem Lied übers Popowackeln. Chanel heißt Spaniens Kandidatin beim Eurovision Song Contest (ESC) 2022 in Turin. 1969 gewann das Land den internationalen Gesangswettbewerb zum letzten Mal, die diesjährige Ausgabe in Turin am kommenden Samstag, 14. Mai, ist die erste, bei der Spanien wieder Chancen auf den Titel haben könnte – oder zumindest darauf, in dessen Nähe zu rücken. Dank Chanel.

ESC 2022: Schnelles Lied in Zeitlupe - Das ist Spaniens Kandidatin Chanel

Chanel Terrero heißt die 30-Jährige mit vollem Namen, eine Kubanerin, die mit drei Jahren nach Katalonien kam und dort aufwuchs. „SloMo“ heißt ihr Lied, Zeitlupe, dabei ist der Beitrag ganz und gar nicht langsam, sondern schnell, rhythmisch und tanzbar. Die Zeitlupe bezieht sich wohl eher auf den Inhalt des Textes, das eingangs erwähnte Popowackeln, oder auch twerken, wie es wohl in der „Fachsprache“ heißt. Als Feministin versteht sich Spaniens ESC-Kandidatin, schließlich könne sie „anziehen, was sie will und sich bewegen, wie sie will“. Und das tut sie auch.

Ihre Bühnenshow bestreitet die Sängerin, die sich bisher in Spanien einen Namen als Tänzerin, Musical-Darstellerin und Schauspielerin gemacht hat, zusammen mit fünf Tänzern, drei Männer und zwei Frauen. Um das viele Rumhüpfen, die schnellen Drehungen und natürlich das Popowackeln auf der ESC-Bühne durchzuhalten, trainierte Chanel singend in Highheels auf dem Laufband, erzählte sie neulich in einem Interview mit der spanischen Presse.

Lächeln und weitermachen: Spaniens ESC-Kandidatin 2022 eckt an

Keine Frage, Chanel eckt an. Nach dem ESC-Vorentscheid in Benidorm an der Costa Blanca, den die Sängerin Ende Januar gewann, hagelte es in Spanien Kritik an ihr und ihrem Song. Der Inhalt sei sexistisch. Der Anteil englischer Textpassagen sei größer als laut Vorentscheids-Regeln erlaubt. Sie sei hauptsächlich von der Jury zur Finalistin gewählt worden, das Publikum dagegen wollte andere Kandidaten nach Turin schicken. Sie pflege berufliche Beziehungen zu einem der Jury-Mitglieder. Chanel lächelte die Kritik weg, löschte ihren Twitter-Account und stellte sich souverän der Presse. Morddrohungen habe sie bekommen, berichtete Spaniens ESC-Kandidatin später. Von rassistischen bis hin zu homophoben Beleidigungen sei so ziemlich alles dabei gewesen.

Seit dem 4. Mai ist Spaniens ESC-Kandidatin nun für die Proben in Turin, am Dienstag, 10. Mai, geht das erste Halbfinale über die Bühne, am Donnerstag, 12. Mai, das zweite und am Samstag, 14. Mai, dann das große Finale. Einen Live-Ticker über das erste ESC-Halbfinale 2022 am Dienstag, 10. Mai, bietet tz.de. Spanien ist als einer der größten Geldgeber des Eurovision Song Contest Teil der „Big Five“ und damit ohnehin fürs Finale gesetzt. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass Chanel für Spanien das seit über einem halben Jahrhundert scheinbar Unmögliche schafft: endlich wieder eine gute Platzierung, vielleicht sogar den ersten Platz.

Nach Proben auf Platz 1: Spaniens ESC-Kandidatin überzeugt Presse

Nach der zweiten Probe der Big Five am 7. Mai, die erste, die die akkreditierte Presse in voller Länge verfolgen durfte, sah es jedenfalls gut aus für Spaniens ESC-Kandidatin. Die Presse wählte Chanel bei der täglichen Umfrage anschließend mit 38,2 Prozent auf den ersten Platz unter den „Big Five“, dicht gefolgt von Großbritanniens Kandidat Sam Ryder mit 37,2 Prozent der Stimmen. Und auch in den Wetthäusern liegt Chanel zumindest recht weit vorne, aktuell auf dem fünften Platz. Favorit ist derzeit die Ukraine. Es gibt eben doch noch wichtigere Themen als Popowackeln.

Doch auch wenn Spaniens ESC-Beitrag sicherlich keinen Lyrik-Wettbewerb gewinnen wird, das Thema des Liedes keinen Beitrag zum Weltfrieden leisten wird und Chanel vielleicht auch nicht die beste Sängerin des Landes ist: Gönnen würde man Spanien eine gute Platzierung trotzdem. Immerhin gilt das Land als Eurovision-Pechvogel, 1968 und 1969 gewann Spanien den Eurovision Song Contest zwar zweimal in Folge, doch seitdem nie wieder. Den besten Platz schaffte zuletzt Ruth Lorenzo, als sie 2014 mit „Dancing in the Rain“ auf dem zehnten Platz landete. Seitdem hat es Spanien nicht wieder in die Top Ten geschafft.

Den ESC-Nerv 2022 treffen: Spaniens Kandidatin Chanel singt nicht (nur) auf Spanisch

Vielleicht könnte Chanel das am Samstag in Turin ändern. Immerhin traut sich die 30-Jährige etwas. Sie singt teils auf Spanisch, teils auf Englisch, was in Spanien mindestens mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert wird. Bis auf Barei 2016 sangen alle spanischen Kandidaten immer komplett oder zumindest größtenteils in ihrer Muttersprache. Und Chanel kommt nicht im langen Abendkleid daher, um eine herzzerreißende Ballade ins Mikrofon zu schluchzen. Stattdessen tritt sie in Glitzer-Torero-Jäckchen und –Body auf, wackelt mit dem Popo und singt darüber. Vielleicht trifft die 30-Jährige damit ja den ESC-Nerv.

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