Kopf des Zeus, Werk der Etrusker.
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Aus Zeus wird Jupiter: Die Römer assimilierten die Kultur der Etrusker. Der ausdrucksvolle Kopf ist im MARQ Alicante zu besichtigen.

Ausstellung in Alicante: Etrusker zu Besuch bei Iberern - Von Rom verschlungen

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Das Schicksal verband Iberer und Etrusker. Und beider Schicksal hieß: Rom. Eine stimmungsvolle Sonderausstellung im MARQ Alicante beleuchtet jetzt das Volk der Etrusker als bunten Mosaikstein der Vielfalt der Kulturen Europas.

Alicante - „Die Frauen nahmen wie die Männer an den religiösen Zeremonien teil, aber auch an den Banquetten und sie soffen auch genauso viel Wein wie die Männer“. Dies ist eine der epochalen Erkenntnisse, die italienische Archäologen und Historiker über die Etrusker gewonnen haben. Jene Kultur auf dem heutigen Gebiet der Toskana, Umbriens und Teilen Latiums, die als eine der Vorläufer des Römischen Reiches gilt und – so wie die iberische in Spanien – quasi als Urvolk der Italiener herhalten muss, auch wenn das historisch viel zu kurz gegriffen ist.

Die Etrusker - Roms Erwachen: Ausstellung im Archäologischen Museum Alicante, MARQ

Einer der vielen kunstvoll gestalteten Urnen-Deckel der Etrusker. Zentraler Teil der Ausstellung im MARQ Alicante.

Die Experten haben Beweise für die relative Gleichberechtigung bei den Etruskern, denn die Festszenen mit Wein, Weib und Gesang sind auf Tongefäßen aus dem 6. bis 1. Jahrhundert vor Christus festgehalten, zum Teil auch auf schwarzglänzender Bucchero-Keramik. 150 Fundstücke aus Etrurien, aus Museen in Florenz und Volterra, sind bis 21. Dezember 2021 im Marq Alicante, dem Archäologischen Museum der Provinzhauptstadt, zu sehen. Besser gesagt: in Szene gesetzt, denn das Marq ist berühmt dafür, seine Schauen sinnenreich und multimedial zu inszenieren. Nach langer Corona-Starre nimmt das Publikum die Sonderausstellung „Etrusker – Roms Erwachen“ („Etruscos – El amanecer de Roma“) gerne an, am kostenlosen Eröffnungswochenende bildeten sich lange Schlangen. Die drei Euro Eintritt, die die Schau nun kostet, sollten aber auch niemanden abschrecken.

Das Kerngebiet der Etrusker (rosa) und die weiteste Ausdehnung des Einflussbereichs (rot).

Das Marq führt den Besucher chronologisch durch fast sieben Jahrhunderte Etrurien, beginnend bei der Verschmelzung der schon hierarchischen aber noch überwiegend agrarischen Villanova-Kultur mit Einwanderern aus dem griechisch dominierten Lydien, heute Türkei, aus der die Etrusker hervorgegangen sind – so weitgehend der Konsens der Geschichtsschreibung. Diese Orientalisierung, der Einfluss der östlichen Hochkulturen, bleibt ein Kontinuum vieler Völker der vorromanischen Epoche in Europa, nicht nur durch die Herkunft in den Völkerwanderungen, sondern vor allem durch Eroberungskriege sowie den steten Handel im Mittelmeer bedingt.

Die Etrusker: Griechisches Erbe und Allianz mit Karthagern

Der Begräbniskult inspirierte die Etrusker zu höchsten künstlerischen Leistungen. Ein Sarg aus dem 3. Jahrhunder v.u.Z., zu sehen im MARQ Alicante.

Etrurien lag in der Mitte des Mittelmeeres, das damals fast allmächtige Karthago aber auch, von Süden her. Die Etrusker beherrschten die Kunst, in einer fragilen Allianz mit den Karthagern einige Jahrhunderte den Mittelmeerhandel mitzubestimmen, lieferten selbst Erze, Getreide, vor allem aber Wein aus. Einige Funde an den Küsten Alicantes belegen die Lieferungen von Wein aus der „Toskana“ ab dem 3. Jahrhundert vor Christus.

Das antike Multikulti der Etrusker findet sich in Kleidung, Alltagsgegenständen, Technologie und Riten. Wobei gerade die Religion dieses Volkes ein besonders mystisches Gewebe darstellt. Bei den Gottheiten herrscht ein polytheistisches Durcheinander, gegen das der Turm zu Babel wie eine Einsiedelei wirkt. Da werden sorglos altsemitische Götter der Phönizier mit den Stars des griechischen Olymps und vorzeitlichen Urmüttern gemischt, um die Toten in ein Jenseits zu senden, das Aldilà oder Plus Ultra, das so unbestimmt und nebelig bleibt wie das Jaru der alten Ägypter. Tief religiös, streng hierarchisch sei Etrurien gewesen, zunächst als loses, fast demokratisches Bündnis stammesähnlich organisierter Siedlungen und Städte, wurde es aber unter dem wachsenden Einfluss des Klerus und der Oberschicht, die sich das Handelsmonopol und so Reichtum und Macht sicherten, immer mehr zu einem militaristischen Zentralstaat.

Über 2.200 Jahre altes Figurenensemble aus den Werkstätten der Etrusker. Ausgestellt in Alicante.

Doch in Kunst und Kultur lebte hier, mitten in der Toskana, noch immer das alte Griechenland weiter, dessen Sagenwelten und Schönheitsideale die Etrusker mit Statuen, reicher Reliefkunst und Schmuck an die Nachwelt überliefern. Vor allem die Gestaltung der Gräber, später meist prachtvolle Urnen, war eine Obsession der etruskischen Kunsthandwerker, besetzt mit Gottheiten und Allegorien zu Ehren des Verstorbenen, mitunter aber auch mit launig-lebensechten Abbildern der „Bewohner“ der Urnen, die fast Karikaturen mimen.

Rom verschlingt alle: Etrusker gingen im Römischen Reich auf

Die Allianz mit Karthago, Roms Erzfeind, war es auch, die den Niedergang der Etrusker beschleunigte, die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. von den ambitionierten Nachbarn in Latium, den Latinern, vulgo Römern, überrannt, assimiliert und aufgesogen wurden. Die Kultur der Etrusker ging auf im Römischen Reich, dessen Glanz und Gewalt alles bisher in Europa Dagewesene übertrumpfte, aber doch auch wieder nicht von Dauer sein würde.

Zum Thema: Spaniens Little Italy - Die Römerstadt Itálica bei Sevilla.

Etruskische Urne im hellenistischen Stil um 2. Jh. v. Chr. Zu sehen bis Dezember 2021 im MARQ Alicante.

Die Etrusker im Marq sind eines dieser historischen Mosaiksteine der Vielfalt Europas, die es zu lesen lohnt. Denn Geschichte ist keine starre Lehre rund um ein paar alte Steine, sondern immer auch ein Fingerzeig. Am Ende der Ausstellung schaut uns ein beeindruckender Zeus-Kopf an, der sich beim Betrachten allmählich in Jupiter verwandelt. Es ist der gleiche Gott geblieben, doch die Sieger gaben ihm einen neuen Namen. Heute könnte er locker wieder so heißen, wie ihn die Aramäer einst tauften: Mammon. Es wäre an uns, ihn vielleicht dauerhaft zu einem entspannten Bacchus zu machen.

In vino veritas: Das wussten die Etrusker wie die Iberer schon vor den Römern

Den befruchtenden Einfluss der orientalischen Kulturen haben die Etrusker mit den Iberern ebenso gemeinsam wie ihr radikales Ende, denn fast zeitgleich mit ihnen wurden auch die Iberer unterworfen und assimiliert. Die römische Elite schmückte sich zuweilen mit etruskischen Wurzeln und verklärte deren Geschichte zur Wiege der eigenen. Kaiser Claudius verfasste Mitte des 1. Jahrhunderts eine 20-bändige Geschichte dieses Volkes, die viel zum Mythos vom italienischen Urvolk beitrug.

Die Geschichte der Etrusker, ihre Gesellschaftsstruktur, ihr Handel und Wandel, aber auch ihr Ende zeigen interessante Parallelen zu der mindestens ebenso geheimnisvollen iberischen Kultur von Tartessos, auf dem Gebiet des heutigen Andalusiens.

Das griechische Schönheitsideal lebt in der Formensprache der Etrusker weiter.

Die lebendigen Spuren der letzten Etrusker verloren sich im 6. Jahrhundert mit der Erwähnung durch einen byzantinischen Geschichtsschreiber. Aus Historie wurde Archäologie. Was blieb? Die Liebe zum Wein behielten die Nachfahren der Etrusker wie der Iberer ungebrochen aufrecht. Denn dass in ihm die Wahrheit liegt, das wussten diese weinseligen Brüdervölker schon, bevor dieser Römer, Gayo Plinio Secundo, den berühmten Spruch dazu erfand.

Infos zu Anfahrt, Öffnungszeiten und sonstigen Angeboten: www.marqalicante.com

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