Zwei Herren auf der Bühne im Kursaal San Sebastián vor einer Leinwand.
+
Die Direktoren von San Sebastián und Cannes eröffneten am 18. September gemeinsam das Filmfestival in Donostia im denkwürdigen Jahr 2020.

Kinofestival Spanien

Filmfestival San Sebastián 2020: „Das Kino wird niemals sterben“ - Auftakt mit Woody Allen

  • vonMarco Schicker
    schließen

Die ambitioniertesten Streifen der Filmindustrie, Corona-Trotz und ein adoptiertes Pflegekind aus Cannes vereinen sich zum Filmfestival von San Sebastián 2020. Dazu gibt es Hollywood-Stars, starkes Autorenkino und vielleicht den Schwanengesang des Woody Allen.

  • 68. Ausgabe des Filmfestivals von San Sebastián gestartet, 142 Beiträge bis 26. September.
  • Woody Allen bildet den Auftakt, Stars wie Johnny Depp und Matt Dillon liefern Glamour, im Zentrum bleibt aber das internationale Autorenkino.
  • Filmbranche setzt trotz der Corona-Einschränkungen mit Festival in San Sebastián starkes Zeichen für das Überleben des Kinos als Kulturträger.

San Sebastián - Vor wenigen Tagen demonstrierten verzweifelte Kulturschaffende in ganz Spanien in rotes Licht getaucht gegen ihre Marginalisierung beim Kampf gegen das Coronavirus. Die Gesundheit, die Wirtschaft, der Tourismus würden mit Milliarden gefördert und gerettet, während die Künstler darben. Doch alles hätte keinen Sinn, ohne die Kultur. Die Gesellschaft wäre leer ohne die Kunst. Angesichts des Mangels an staatlicher Hilfe riefen sie "Alarmstufe rot" aus.

Flimfestival San Sebastián 2020 adoptiert Festival von Cannes

Am Freitag wurde hingegen der Rote Teppich wieder vor dem Kursaal in San Sebastián ausgerollt, denn: "The Show must go on". Lebt die Filmbranche in einer anderen Welt? Das wichtigste Filmfestival Spaniens, auf baskisch Donostia Zinemaldia, läuft, zum 68. Male, noch bis 26. September unter denkwürdigen Umständen. "Es ist Zeit, wieder ins Kino zu gehen" sagte der Festivaldirektor José Luis Rebordinos auf der Eröffnungsgala.

Nach dem Fernsehen und dem Streaming, die den Filmtheatern alter Prägung zusetzen, schickte sich das Virus an, den Kinos endgültig den Garaus zu machen. „Filme müssen vor Publikum in Kinosälen gezeigt werden“, zeigt sich der Direktor überzeugt und Thierry Frémaux, Direktor des Festivals in Cannes, ergänzte selbstbewusst: „Das Kino wird niemals sterben!“. Er erinnerte daran, dass es 2020 125 Jahre her ist, dass die Brüder Lumière den Filmprojektor und somit den Kinosaal erfanden.

Woody Allen in San Sebastián 2004, als er den Premio Donostia für sein Lebenswerk erhielt. 16 Jahre später eröffnet einer seiner Filme wieder das Festival.

Das Festival von Cannes wurde in diesem Jahr von San Sebastián sozusagen als Pflegekind adoptiert, denn es wurde bereits Opfer der Coronavirus-Krise und fiel dieses Jahr aus, im Mai war an Festivals nirgendwo zu denken. 17 Beiträge aus Cannes wurden so ins Wettbewerbs- und Festivalprogramm der Basken aufgenommen.

Woody Allen eröffnet Filmfestival San Sebastián mit "Rifkin´s Festival" - Schwanengesang?

In diesem Jahr scheint es unwichtiger zu werden als sonst, wer am Ende welche Preise einheimst. Allein der Umstand, dass das Festival - wenn auch unter strengen Limitationen - stattfindet und sich programmatisch von einem Virus nicht aus der Bahn werfen lässt, ist schon ein Sieg. 142 neue Filme werden gezeigt, das Autorenkino ist stark vertreten und die Auswahl der Filme überragt das reine Stargepränge der Eröffnungsgala dankbarerweise deutlich.

Der Auftaktfilm des Festivals von San Sebastián 2020 fährt mit der Bauchnabelshow der Filmbranche fort, für die sie ihre Ferstivals neben dem Marketing nutzt, allerdings auf einem so hohen Niveau, dass diese selbstreferentielle Art verziehen sei. „Rifkins´s Festival“ ist das jüngste Werk der Filmlegende Woody Allen und wurde in großen Teilen in San Sebastián gedreht, vor einem Jahr im Sommer 2019, als die Welt noch in Ordnung war - oder schien.

Woody Allen ließ sich zur Eröffnungsgala von seinem Zuhause in New York zuschalten. Der 84-jährige, dem man das Alter immer mehr ansieht, konnte das Risiko einer so langen Reise unter den heutigen Umständen nicht eingehen. Schließlich wolle er "bei Dreharbeiten oder auf dem Filmset" sterben, nicht am Coronavirus auf einer Intensivstation.

„Rifkin´s Festival“, der neueste Streifen von Woody Allen eröffnete das Filmfest und wurde auch in San Sebastián gedreht.

„Ich habe immer noch Ideen und will daraus Filme machen. Ich langweile mich, wenn durch das das Haus laufe. Das habe ich während der Pandemie gemacht, herumgeirrt und Klarinette geübt. Ich habe ein fertiges Drehbuch hier und ein fertiges Theaterstück. Aber ich will die Sache nicht anhäufen, ich will arbeiten, solange es die Gesundheit zulässt“, richtete Woody Allen dem Publikum in San Sebastián aus dem New Yorker Central Park aus.

Johnny Depp, Matt Dillon, Viggo Mortensen: Stars bringen Hollywood-Glamour nach San Sebastián

Mit "Rifkin´s Festival" liefert Allen wieder eine seiner romantisch-neurotischen Komödien ab, wobei das Festival von San Sebastián als Hintergrund der Geschichte mitspielt, als nostalgische Hommage an das alte, große Kino und seine schrägen Protagonisten. Vielleicht ist es Woody Allens Schwanengesang und ein bisschen auch einer auf die große Zeit des Kinos selbst. Die Hauptdarstellerinnen Elena Anaya und Gina Gershon sowie Produzent Jaume Roures waren bei der Premiere in San Sebastián persönlich anwesend.

Ich habe immer noch Ideen und will daraus Filme machen.

Woody Allen beim Filmfestival San Sebastián 2020

Ein Staraufgebot soll San Sebastián auch 2020 den Glamour verpassen, ohne dass ein Festival dieses Prestiges einfach nicht auskommen mag: Johnny Depp, Matt Dillon, Viggo Mortensen und die schon benannte Gina Gershon sind die wohl klingendsten Namen. Doch natürlich gibt sich auch die spanische Filmbranche ein Stelldichein, unter anderem mit: Elena Anaya, Candela Peña, Blanca Suárez, Paz Vega, Raúl Arévalo, Alejandro Sanz, Javier Cámara, Irene Escolar, Bárbara Lennie oder Roberto Álamo.

"Patria": HBO-Serie vielversprechender Festival-Beitrag aus Spanien zur Geschichte der ETA

Der zumindest medial aufregendste Beitrag aus Spanien ist die HBO-Serie "Patria", die sich der Thematik der Terrorgruppe ETA nähert. Aber eben nicht auf die plumpe politische Weise, die nur Täter und Opfer, Schuldzuweisungen und Rache kennt, sondern "Vom Leid zur Umarmung" führt, sagt Macher Aitor Gabilondo. Die Serie fühlt dem gleichnamigen Roman "Patria" von Fernando Aramburu nach und sei vor allem auch an eine junge Generation gerichtet, "die keine Ahnung mehr hat, was die ETA war und warum es sie gab."

Aus der europäischen Filmszene haben sich unter anderem angesagt Danille Arbid (Passion simple), Šarunas Bartas (Sutemose/In The Dusk), Harry Macqueen (Supernova), aber auch Debütanten wie die Georgierien Dea Kulumbegashvili (Dasatskisi/Beginning), die auch um die Goldene Muschel, wie der Hauptpreis des Festivals in Anlehnung an die Bahía de la Conca, die berühmte Muschelbucht der Stadt heißt.

Kino aus Lateinamerika stark in San Sebastián vertreten

Besonders stark vertreten ist in diesem Jahr das lateinamerikanische Kino, das in gewisser Weise auch vor Corona auf der Flucht ist, denn in vielen Ländern Latein- und Südamerikas ist an Filmproduktion oder -festivals überhaupt nicht mehr zu denken. Angesichts der dortigen sozialen Zustände relativiert sich auch das Leid der Kulturschaffenden in Spanien wieder etwas, die in ihren Werkstätten und Studios oder von leeren Bühnen vielleicht etwas traurig oder wütend zu den Cineasten nach San Sebastián schauen, die sich auf ihrer Gala mit den Filmemachern und -festivals auf der halben Welt solidarisch erklärten, ansonsten aber innerhalb ihres Tellerrandes blieben.

Das staatliche spanische Fernsehen stellt hier etliche Erfolgsfilme des Festivals von San Sebastián noch bis Ende September kostenlos zum Anschauen zur Verfügung:

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare