paco de lucia im konzert havanna
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Die Ikone der Flamenco-Gitarre Paco de Lucía 2013 bei einem Auftritt in Havanna.

Die Gitarre im Flamenco

Die unartige Schwester: Flamenco ist Weltmusik aus Spanien – Die Gitarre spielt darin eine besondere Rolle

  • vonMarco Schicker
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Die klassische, spanische Gitarre ist das Vorzeigekind der Familie der Zupfinstrumente, besuchte italienische und französische Schulen, weiß sich zu benehmen, hat einen angemessenen Ton und schaffte es bis in die feinsten Konzerthäuser und Ensembles. Die Flamencogitarre hingegen ist ihre wilde, etwas unartige Schwester, ungezügelt und gegen den Strich gebürstet, anarchistisch und mit einem Hang zur Straße.

  • Die Gitarre verbindet im Flamenco den Cante (Gesang) und den Baile (Rhythmus).
  • Für die Gitanos ist der Flamenco wesentlicher Teil ihrer Identität.
  • Paco de Lucía setzte im Flamenco neue Standards und gilt bis heute als wichtigster Gitarrist seiner Zunft.

Granada - Die Straßen Granadas sind eigentlich immer voll, besonders im alten Maurenviertel, dem Albaicín treten sich die Touristen gegenseitig auf die Füße. Neben etlichen Souvenirgeschäften und Teestuben werben Studenten vor den Tablaos de Flamenco um Kundschaft. Heute sei „eine Gruppe aus Sevilla“ da: 25 Euro, Getränk inklusive, Menü geht extra. Die übliche Beschreibung für eine Touristenfalle. Umso größer die Überraschung, als sich eine Gruppe waschechter Profis präsentiert, die zwar die Erwartungen des Publikums an Exotik und Erotik bis an den Rande des Kitsches erfüllt, dabei aber sich und ihrer Kunst treu bleibt. „Es ist natürlich ein Business und ein gutes, aber ein hartes“, resümiert Paco, der Gitarrist, der sich nach dem Auftritt sein Bier gönnt.

Der „Duende“ ist das ultimative Mysterium des Flamenco

Er ist seit zwanzig Jahren dabei. Derzeit vor allem in der Casa del Flamenco in Sevilla, mitten im Stadtzentrum, die neben Shows auch Kurse in Tanz und Musik anbietet, die vor allem von den Ausländern gebucht werden. Aber auch in den legendären Tablaos des Sevillaner Stadtteils Triana. Paco leugnet, dass alles nur angeboren, „im Blut“ sei. „Ich habe früher fünf bis sechs Stunden täglich geübt. Wenn du zu den Besseren gehören willst, kommt das nicht von selbst“.

Dennoch stimmt er mir zu, dass es praktisch unmöglich sei für einen Nicht-Spanier, ja Nicht-Andalusier oder Nicht-Gitano sich im Dschungel der Formensprache des Flamenco völlig sicher zurechtzufinden, erst recht den „Duende“, jenen ominösen Spirit zu verkörpern, der im Flamenco als das ultimative Mysterium gilt. Der Flamenco ist nicht nur eine Musik, er ist ein Lebensstil, ja, ein Schicksal. Paco de Lucía brachte es ironisch auf den Punkt: "Ich übe seit Jahrzehnten acht oder zehn Stunden am Tag. In meiner Heimat nennt man das Duende."

Gitarre als androgynes Element zwischen Tanz und Gesang

Der Gedanke, dass die Gitarre ursprünglich zum Flamenco gehört, liegt nahe, ist aber nicht richtig. Sie stieß erst im Laufe der nie abgeschlossenen Evolution dieses komplexen Genres zu Stimme, Tanz und rhythmischem Klatschen. Auch der Cajón als Schlaginstrument gehört nicht zu diesem Urensemble. Er stammt aus Peru und wurde erst durch die beiden Heroen des neuzeitlichen Flamenco, Camarón de la Isla und Paco de Lucía, etabliert. Anfangs unter Naserümpfen der Traditionalisten, die den ursprünglichen Flamenco hüten wie der Papst die unbefleckte Empfängnis – und mit dem gleichen „Erfolg“.

Tablao de Flamenco Torres Bermejas in Madrid.

Es lag im Wortsinne auf der Hand, dass das „fahrende Volk“ der Gitanos die Gitarre wählte, nicht nur, weil man sie überall mitnehmen kann. Sie vertieft die Stimmung, den „Duende“, den Geist des Flamenco, gibt und verstärkt den Takt und bebildert die treibenden Rhythmen um eine melodische Komponente. Ist der Baile, der Tanz, das primär weibliche Element des Flamenco, der Cante, der Gesang, eher männlich besetzt, kann man den Toque, das Spiel der Gitarre als verbindendes, androgynes Element erklären. Dazwischen wabern die Palmas (das Klatschen) und die Jaleos (Zwischenrufe).

12 Schläge, der Rest ist Poesie

Paco erzählt, dass es die Neugier war, die ihn über das Häusliche hinaus weiterstudieren ließ: „Es waren natürlich die großen Namen, die Leuchttürme unserer Zunft wie Ramón Montoya, Niño Ricardo, Sabicas und Mario Escudero, Manuel Cano, „El Serranito“, Manolo Sanlúcar – und Paco de Lucía, die mich neugierig machten, weiter zu studieren.“ Die Genannten vertreten die Crème de la Crème der Flamenco-Gitarre der letzten Jahrzehnte, und ihnen dankt das Genre nicht nur abenteuerliche Ausflüge und Fusionen mit der Welt der Klassik, des Jazz, der Weltmusik, sondern vor allem ihre universale Beliebtheit. „Es sind die Besten, die den Flamenco bewahren, weder die Traditionellsten und auch nicht die Ausgeflipptesten“.

Der Flamenco war und ist nicht einfach die Folklore der spanischen Zigeuner, er gilt in Praxis und Musiktheorie als die komplizierteste Volksmusik Europas. Die Essenz von mindestens fünf Jahrhunderten eingekocht auf einen Compás, einen Zirkel von Rhythmen, die sich auf eine zwölfschlägige Sequenz stützt, die sich wiederum in Dreier- und Vierertakte teilen und wieder zusammensetzen lässt. Der Wechsel zwischen geraden und ungeraden Takten, sogar 5/4-Takte, Auf- und Gegentakten, schwerer und leichter betonten Schlägen, Synkopen und, nicht zu vergessen, den Pausen, gibt die Marschrichtung vor, kategorisiert durch die Palos de Flamenco. Palo ist der Stab, mit einem Spazierstock schlugen die Alten früher den Takt. Der Rest ist Poesie, Überlieferung und Können, Improvisationstalent, das sich mit viel Fleiß und Selbstdisziplin paart. Am Flamenco zerschellen die Stereotype gegenüber den „Gitanos“.

Universum aus Rhythmen und Soniquette

Das Universum des Compás ist riesig: Soleá, Alegría, Bulería, Seguiriyas, Tangos, Rumbas, Fandango, Malagueñas, Verdiales, Garrotín, Farruca, Taranto und so weiter. Und alle diese „Tänze“ haben dann nochmals regionale Färbungen, sind nicht nur durch den Ryhthmus, sondern auch durch ihre Harmonik und Melodik definiert, die sogenannte "Soniquette".

Es ist zwar eine urbane Legende, dass Granada Geldstrafen für Falschklatscher verhängt, doch wenn man die hilflos-störenden Versucher mancher „Guiris“ sieht, wünschte man sich, es wäre wahr. Analysiert man Melodik und Rhythmik tiefer, findet man Verwandtschaften, die bis tief nach Osteuropa reichen, in den Klezmer der osteuropäischen Juden, die wiederum Melodien von den aus Spanien vertriebenen Glaubensbrüdern, den Sepharden aufsogen. Der arabisch-otomanische Einfluss, jener Nordafrikas, der Spanien jahrundertelang prägte, ist offensichtlich. Die spanische Folklore aus Coplas und Sevillanas und die Klassik auch, weniger indes die Verwandtschaften mit indischer Musik, der Ursprungsregion der „Gitanos“ und im Übrigen auch der europäischen Sprachen.

Und natürlich lässt sich der Flamenco, auch dessen Gitarre, mathematisch vermessen und musiktheoretisch erfassen. Doch jeder Musikstudent wird merken, dass er einen Großteil seiner Studien über den Haufen werfen kann, wenn er das erste Mal mit einem Straßenmusiker "Callejero" oder einem Gitarristen einer Flamenco-Gruppe zusammenspielt, der in diese Welt hineingewachsen ist.

Paco de Lucía und der Lebenskreis des Flamenco

Paco de Lucía, um den prominentesten Vertreter, den Gottvater seiner Zunft zu nennen, deckte eben dieses Universum musikalisch ab. Er unternahm, auf einem fast überirdisch wirkenden technischen Niveau, eine Weltreise mit seiner Gitarre, begann als kleiner Junge zu Hause und für Touristen die Rhythmen herunterzuspulen und spielte sich hinauf in die größten und feinsten Konzerthäuser der Welt. Er brach Verkaufsrekorde und provozierte die Altvorderen des Flamenco mit seinen Ensembles, die sogar Querflöten und Mundharmonikas einschlossen.

Legendär wurde die Jam-Session der „Friday Night in San Francisco“ mit den Jazz- und Worldmusic-Größen Al Di Meola und John McLaughlin, auch wenn sie für Paco mehr kommerziell interessant und musikalisch lediglich ein Ausflug blieben. Paco de Lucía bezweifelte, dass man Jazz und Flamenco wirklich fusionieren könne, ohne das Letzterer seinen Charakter verliert. Flamenco mit Jazz würzen: Jederzeit.

De Lucia schloss den Kreis und belegte durch viele Aufnahmen, dass Reisen bildet, Mischung befruchtet und Offenheit Freiheit und Reichtum bedeuten, ohne, dass man seine Wurzeln und Traditionen verleugnen muss. Sein Album „Almoraima“ von 1976 bildet bis heute den Höhepunkt der Gitarre im Flamenco, gefolgt von etlichen weiteren Aufnahmen, die längst Legende sind. Ihm folgten viele nach, um den Nachwuchs muss man sich kaum Sorgen machen. Hier seien nur einige genannt, die besonders durch ihren eigenen Stil und ihre technische Rafinesse auffallen: Gerardo Nuñez, Tomatito, Paco Serrano, Antonio Rey und vor allem Vicente Amigo.

Vicente Amigo, einer der aktuellen Stars der Szene beim Flamenco Festival in La Unión bei Cartagena.

Paco de Lucias musikalisches Fazit: „Die Gitarre ist wie eine Frau. Immer wenn man glaubt, man beherrscht sie, beweist sie einem das Gegenteil.“ Der Paco der jüngeren Generation, im überfüllten Tablao Jardines de Zoraya in Granada lacht mit seinem Bier in der Hand darüber: „Ich würde vielleicht nicht ,beherrschen’, sondern ,kennen’ sagen. Aber ansonsten hat er völlig Recht.“

Der kleine Unterschied: Clásica & Flamenca

Die spanische Gitarre, wie wir sie heute kennen, ist Kind vieler Eltern: der Renaissancelaute der Barden und Hofmusiker ebenso wie der arabischen Kurzhalslaute Oud (Holz). Großeltern sind ein ganzer Stammbaum von mit Saiten bespannten Gehölzen und Knochen, die man bis ins Zweistromland Hamurapis und ins alte Indien tausende Jahre vor unserer Zeitrechnung datieren kann.

Aus dieser Mischung entstand im frühen 17. Jahrhundert im iberischen Raum die Vihuela (vom lateinischen viola), die baulich und vom Repertoire zunächst die italienische und die französische, klassische Musizierschule der chitarra durchlief und ein Saloninstrument wurde. Bis sie in Spanien ihre wahre Bestimmung als eines der universalsten Musikinstrumente fand und von hier ihren Weg in die ganze Welt nahm.

Instrument der Individualisten

Sie ist leicht transportabel, verhältnismäßig preiswert herstellbar, pflegeleicht und verschafft dem Lernenden recht schnell anhörbare Erfolgserlebnisse, was kein unwichtiges Detail darstellt, wie man weiß, wenn man einmal angehende Geiger, Trompeter oder Pianisten als Nachbarn hatte. Die Gitarre reüssiert als Soloinstrument ebenso wie als ausdrucksstarker, aber nicht übertönender Begleiter und als wärmende, rhythmische oder melodisch pointierende Klangfarbe in verschiedensten Ensembles. Die Gitarre ist – nur überflügelt von der menschlichen Stimme – auch das demokratischste Musikinstrument. Sie entzieht sich dem Status des Bürgerlichen wie das Piano, dem Aristokratischen der Orchesterinstrumente oder dem Klerikalen der Orgel und des Chors.

Da sie zu leise und auch ein bisschen unwillig ist, in Orchestern zu spielen und sich damit einem autokratisch installierten Dirigat zu unterwerfen, empfahl sie sich ganz logisch zum Instrument der Chansoniers, Cantautores, Protestsänger und anderer Individualisten und eben auch als das Instrument des Flamencos, der seine eigenen musikalischen Regeln schreibt, die vor allem damit beginnen, Regeln zu brechen.

Die Gitarre ist dabei pazifistisch geblieben, die Militärmusik blieb ihr erspart, sie dient lieber allen zum Vergnügen und sie ist praktisch das einzige Instrument, das sich in allen musikalischen Genres zu Hause fühlt oder sie zumindest erträgt und sich anpasst wie kein zweites. Die elektrifizerte Version, die Mandoline, das Banjo, die Hawai-Gitarre, seien hier nur als Beispiele genannt.

Palisander oder Zeder? Bauliche Besonderheiten der Flamenco-Gitarre

Als spanische Gitarre bezeichnen wir heute die klassische Gitarre. Die Flamenco-Gitarre hingegen hat bauliche Eigenarten, bevorzugt besondere Hölzer für Zarge, Decke und Boden, eine eigene Anordnung der „Innereien“, und ihr Korpus ist etwas flacher als jener der „clásica“. Während sich eine Decke aus deutscher Fichte weitgehend durchgesetzt hat, die in der Lage ist zu reifen wie ein guter Wein, scheiden sich für Seiten und Boden die Geister zwischen Palisander (am besten aus Indien oder Madagaskar), der einen edlen, konzertanten, lange klingenden Ton provoziert und Zypresse oder Zedernholz, die direkt und schnell ansprechen, etwas wilder, flamencischer klingen und eine kürzere Nachklingzeit haben, was für die Begleitung zum Gesang oft bevorzugt wird.

Sichtbarer Unterschied sind die Schutzflächen um das Schallloch - der golpeador -, denn die Flamenco-Gitarre ist auch und vor allem ein Rhythmus- und Schlaginstrument. Ihr Klang wird durch Stimmung und Seitenwahl (zum Beispiel Carbon- statt Nylonseiten) schnarriger, wilder getrimmt. Das etwas geringere Klangvolumen der originalen „flamenca“ ist der Grund, warum sich viele professionelle Gitarristen heute Hybride anfertigen lassen.

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