Geliebte Kanaille

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Die vielen Facetten des Joaquín Sabina: Poet, Gigolo, Weltmann, Bajazzo. Das vielseitige Original erfindet sich immer wieder selbst. Fotos: Sony Music, Archiv

Alicante – mar. Beim diesjährigen Festakt des berühmten Karnevals in Cádiz hielt ein als Pirat verkleideter ältlicher Mann, ein gewisser Joaquín Sabina, die Festrede, den pregón. In der Narrengemeinde eine feierliche Ehre, die nur den größten Clowns zuteil wird. Er ist der größte. Wer nicht aus Spanien stammt oder in die hiesige Kultur eingetaucht ist, sah wohl einen alten Zausel, der bedeutungsschwanger teils wirr wirkende Poesie deklamierte, selbstreferenziell, mehr Audienz haltend als darbietend.
Doch alle anderen hingen an den Lippen einer lebenden Legende, froh, den Mann überhaupt noch halbwegs agil auf einer Bühne erleben zu können. Sabina wurde im Februar 70 Jahre alt. Danach sah es lange gar nicht aus, denn 2001 erwischte ihn ein leichter Schlaganfall und in den vergangenen Jahren musste er immer wieder Konzerte absagen, zuletzt sogar mitten in der Show abbrechen.
Sabina ist seit vier Jahrzehnten der einflussreichste Liedermacher des Landes. Cantautor heißt das auf Spanisch, singender Schreiber ist es holprig übersetzt. Barde trifft es besser, ein Wort, das aus der Zeit fällt, wie Sabina selbst.
Sein Repertoire reicht von Rock’n’roll über Balladen bis hin zu Country-Songs und Rumbas, seine Poesie handelt von permanenten Grenzgängen und Sinnsuchen, legt, mal ironisch, mal bitter, den Finger auf Wunden der alltäglichen Absurditäten, ob sie Politik oder Liebe heißen. Sabina singt im Chor: sein Ich, sein Über-Ich und viele Neben-Ichs. Populär ist er auch in Mexiko, Kuba – er soll fünf Stunden mit Castro „getagt“ haben – oder Argentinien, berüchtigt in Bars und Hotels auf der halben Welt. Kündigt er mal wieder ein Konzert an, dann sind die Karten nach Stunden ausverkauft. Sabina ist, was der heutigen Musikindustrie voller glattgelutschter, marketing-optimierter Kitschschleudern abgeht: authentisch. Man nennt ihn Original, weil wir von Kopien umstellt sind.
Geboren wurde Joaquín Sabina 1949 in Úbeda, in der andalusischen Provinz Jaén. Mutter Hausfrau, Vater Polizeikommissar. Er begann früh mit einer eigenen Band, den Merry Youngs, spielte im Stile von Elvis, Chuck Berry und Little Richard. 1968 schrieb er sich in die Uni Granada für romanische Philologie ein. Die 68er Studentenbewegung zog ihn mit sich, in Francos Spanien war das kein Spleen, sondern ein gefährlicher Akt wirklicher Rebellion.
Sein eigener Vater bestellte ihn zum Verhör, ihm wurde die Mitgliedschaft in der verbotenen Kommunistischen Partei unterstellt. Einige Demonstrationen, verbotene Publikationen und einen Molotow-Cocktail-Wurf später, und Sabina musste mit gefälschtem Pass fliehen.

Wilde, kreative Jahre im Exil
Über Paris kam er nach London. Dort verwandelte er seine WG in Camden Town in die Höhle der Bohemians. Er gab Filmvorführungen verbotener Streifen, zum Beispiel von Buñuel, tingelte durch Pubs, traf andere Exilanten, ge- und verbrauchte Musen und sich selbst, versteckte ETA-Terroristen und bedauerte das später. „Damals fanden wir es witzig, Leuten zu helfen, die anderen ins Genick schossen. Es ist Zeit, dass wir uns dafür entschuldigen.“

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