Stahlstich mit Szene einer Bücherverbrennung.
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Szene einer Bücherverbrennung in Spanien. Stahlstich aus dem 19. Jahrhundert.

Heine und Spanien

Heinrich Heine und Spanien: Dort, wo man Bücher verbrennt...

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Donquixotereien, Almansor und Vizliputzli: Heinrich Heine und „sein“ Spanien kreisen um zwei Fixpunkte: Cervantes und das Jahr 1492, die große Zeitenwende.

Düsseldorf/Granada - Heinrich Heine war nie in Spanien. Auch Goethe und Schiller waren es nicht. Lessing wollte kommen, aber er musste seine Europareise wegen des Siebenjährigen Krieges abbrechen. Mozart schickte wenigstens sein Genie vorbei, um Don Juan abzuholen. Die deutsche Klassik und Romantik hatte andere Sehnsuchtsorte. Griechenland, das man im Wortsinne vergötterte, den Orient, den man mystifizierte, Frankreich, an dem man sich rieb und vor allem Italien, nach dem man sich verzehrte. Nach den Idealen der italienischen Renaissance, der Wiedergeburt des antiken Geistes, sowohl in der Ideenwelt als auch in seiner manifesten äußeren Schönheit.

Das Spanien-Bild der deutschen Klassik und Romantik: Ein einziges Klischee?

Die deutsche Dichtkunst und Schriftstellerei wies Spanien hingegen eine Nebenrolle zu. Vom Land wusste man nicht gar so viel, noch die Reiseberichte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts lesen sich, als würde der Weg nicht durch Europa führen, sondern durch ferne, exotische Länder. Eine rückständige, bäuerliche Gesellschaft mit eigenartigen Traditionen. Ein trauriger, im finsteren Katholizismus hängengebliebener Torso eines einstigen Weltreichs, das Ozeane überwand und neue Welten eroberte, um sich mit fremdem Gold zu schmücken, aber die Kurve in die Neuzeit verfehlte. Geschildert meist von altklugen deutschen Hausmeisterseelen, selten auch von großen Geistern und Witz, wie Humboldt auf seiner Spanien-Reise 1799 oder in den 1920er Jahren Deutschlands Kulturpapst Alfred Kerr mit „O Spanien!“

Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Heinrich Heine in: „Almansor“.

Schillers zentralem Bühnenstück, Don Carlos, dient die finstere Zeit Felipe II., geprägt von Weltmachtstreben und geführt durch die Heilige Inquisition als Gleichnis, die Verderbtheiten des Absolutismus zu geißeln, auf offener Bühne „Gedankenfreiheit“ und nationale Selbstbestimmung zu fordern, genau zwei Jahre vor dem Sturm auf die Bastille. Goethes Verssammlung „West-Östlicher Diwan“ hingegen lässt die Ideenwelt von Al-Ándalus wiedererstehen, dichtet ihm Toleranz und Weisheit in einem Maße an, das mehr zweckdienlich als real war. Das Werk erschien 1819, also während der postnapoleonischen Restauration und angesichts eines aggressiven Osmanischen Reiches im Kampf um den Balkan. Wegweisende Werke, die nach Frieden, Toleranz, Freiheit und – ganz im Sinne der Aufklärung – nach Selbstbestimmung riefen, individueller wie nationaler.

Heinrich Heine und sein epochales Vorwort zum Don Quijote von Cervantes

Für Heinrich Heine, dem poetischsten Lästermaul der deutschen Literaturgeschichte, kreist die spanische Welt um zwei Fixpunkte. Einen literarischen und einen politisch-philosophischen: Cervantes und das Jahr 1492, die große Zeitenwende.

Spanische Werkausgabe von Heinrich „Enrique“ Heine vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

„Don Quixote (...) war das erste Buch, das ich gelesen habe, nachdem ich schon in ein verständiges Kindesalter getreten und des Buchstabenwesens einigermaßen kundig war“, schreibt Heine in seinen Reisebildern in den 1820er Jahren. „In meiner kindischen Ehrlichkeit nahm ich alles für baren Ernst; so lächerlich auch dem armen Helden von dem Geschicke mitgespielt wurde, so meinte ich doch, das müsse so sein, das gehöre nun mal zum Heldentum, das Ausgelachtwerden ebensogut wie die Wunden des Leibes. (...) Ich war ein Kind und kannte nicht die Ironie, die Gott in die Welt hineingeschaffen und die der große Dichter in seiner gedruckten Kleinwelt nachgeahmt hatte...“

1837, Heine war längst im Pariser Exil, erscheint der Text erneut, erweitert und ergänzt um eine brillante Literaturkritik als Vorrede einer Neuauflage der Übersetzung des „Quixote“ von Ludwig Tieck (1802). „Ist mein Herz nach einem wunderbaren Kreislauf zu den Gefühlen der Kindheit zurückgekehrt? (...) Ich erinnere mich, daß ich in jedem Lustrum meines Lebens den ‚Don Quixote‘ mit verschiedenartigen Empfindungen gelesen habe. Als ich ins Jünglingsalter emporblühete und mit unerfahrenen Händen in die Rosenbüsche des Lebens hineingriff (...), auf allen meinen Lebensfahrten verfolgten mich Schattenbilder des dürren Ritters und seines fetten Knappen, namentlich wenn ich an einen bedenklichen Scheideweg gelangte.

Heine kam zu dem Schluss, dass Cervantes mit seinen „Donquixotereien“ nichts weiter im Sinne hatte, als das ganze, damals wild sprießende Genre der Ritterromane „mit einem Schlage zu vernichten. Der Kerl ist ein Narr, sagte ich. (...) Aber die Feder des Genius ist immer größer als er selber, und ohne daß er sich dessen klar bewußt wurde, schrieb Cervantes die größte Satire gegen die menschliche Begeisterung.“ Lies auch: gegen das hohle Pathos.

Die Erkenntnis, den Quijote als zeitlose Satire zu lesen, war damals nicht selbstverständlich, denn Tiecks Übersetzung blieb vor allem hinsichtlich des Wortwitzes mangelhaft. Dieser gab selbst zu, nur „unvollkommen spanisch“ zu beherrschen, weshalb viele „indirectos“ auf der Strecke blieben.

Heine übt Gerechtigkeit für Cervantes: „Stifter des modernen Romans“

Heine nahm Cervantes in Schutz gegen Biographen, vor allem auch in dessen Heimat, die ihn als einen sich an die Macht anbiedernden Opportunisten abtaten, und stellte ihn als Dichter auf eine Stufe mit Shakespeare und Goethe. Ersterer war für ihn der unumschränkte Meister und Begründer der modernen Dramatik, Goethe der Poesie und „so müssen wir in Cervantes den Stifter des modernen Romans verehren.“ Eine Einschätzung, die bis heute Bestand hat und die auch in die spanische Literaturwissenschaft Eingang fand. Seinem deutschen Altmeister gab er indes noch einen mit: „Cervantes und Goethe gleichen sich sogar in ihren Untugenden: in der Weitschweifigkeit der Rede, in jenen langen Perioden, die wir zuweilen bei ihnen finden und die einem Aufzug königlicher Equipagen vergleichbar“ sind.

Der junge Heinrich Heine, Stahlstich.

Heinrich Heine und Spanien: Sehnsucht nach Granada

Dass Heine bald auch in Al-Ándalus landen musste, ergab sich fast zwangsläufig. Neben Goethes Diwan hatte die halbe Dichterwelt im 19. Jahrhundert die romantisierende Begeisterung für die Geschichte der islamischen Epoche Spaniens ergriffen. Am direktesten in den Erzählungen „Die Alhambra“ des Amerikaners Washington Irving (1829), der als Botschafter der jungen USA Monate in den alten Mauern in Granada lebte. Heines Quellen waren auch die aus dem 13. Jahrhundert stammende Gayferos-Romanze, die im Roman „Der Zauberring“ (1812) des Brandenburgers Friedrich de la Motte Fouqué aufschien, die altarabische Liebesgeschichte Madschnun Laila sowie der Geschichtsroman über „Die Bürgerkriege Granadas“ von Ginés Pérez de Hita (1604), die in deutscher Übersetzung vorlagen.

Heine hatte aber noch einen persönlichen Zugang zum Land: Als formal zum Protestantismus konvertierter "Jude", waren die Pogrome und die Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 auch Teil seiner Geschichte – und Gegenwart.

Schon im frühen Meisterwerk „Buch der Lieder“ tauchten spanische Figuren auf, wie die sich verschmachtenden Don Ramiro und Dona Clara (1821). Im Romanzero lässt er den „Mohrenkoenig“ klagen: „Aber, Allah! Welch ein Anblick! Statt des vielgeliebten Halbmond, Prangen Spaniens Kreuz und Fahnen, Auf den Tuermen der Alhambra.“

Einer der Höfe in den Palästen der Nasriden in der Alhambra von Granada, Werk der letzten Mauren-Dynastie in Spanien.

In den „Spanischen Atriden“ machte er Ausflüge in die Geschichte, bis ins 14. Jahrhundert zu König Pedro dem „Grausamen“, der mit Granadas Maurenherrscher Mohammed V. eine verbotene Allianz und Freundschaft pflegte. Sprach- und Kulturkenntnisse offenbaren sich dort in Versen wie: „Manchmal schickt er ihnen auch Eine Kumpe mit Garbanzos (Kichererbsen, Anm.), Und die Jungen merken dann, Daß es Sonntag ist in Spanien.“

1823 wird in Braunschweig ein neues Theaterstück Heines namens „Almansor“ wegen einer auf einem Missverständnis beruhenden Intrige gnadenlos ausgepfiffen und verschwindet bald wieder ganz von den Bühnen. Es ist Heines zentrales Werk mit Spanien-Bezug. Der Name Almansor ist bei Heine nicht einem bestimmten Herrscher zuzuordnen, es ist eine Latinisierung des arabischen Begriffs für „den Siegreichen“, ein Ehrentitel. Heine dient er sozusagen als Avatar. Denn in der spanischen Mauren-Geschichte gab es viele Almansors.

Heine hat das Werk in einem Brief an mögliche Verleger selbst als religiöse Polemik beworben, die sich auf aktuelle Zustände beziehe. Doch die Zeitgenossen fanden das Werk langatmig und dramatisch ungeschickt. Mit „Ratcliff“ legte Heine noch ein zweites Bühnenwerk vor, es wurde nicht sein stärkstes Genre.

Heinrich Heines „Almansor“: Romeo und Julia in Granada

Mit dem Ausruf „Wie tief bist du gesunken, o Granada!“ lässt Heine in der Tragödie den Prinzen Almansor um 1500 aus dem Exil in dessen ehemaliges Emirat Granada zurückkehren, das jetzt von den Christen beherrscht ist. Er will seine Jugendliebe Zuleima wiedersehen, die zum Christentum konvertierte, um in der Heimat bleiben zu können. Sie soll mit einem anderen Konvertiten, früher Ali, heute Don Gonzalvo, verheiratet werden.

In acht Akten führen Fluchtpläne, Intrigen und eine tragische Verwechslung zum gemeinsamen Liebestod der Beiden. „Der Tod, der trennet nicht, der Tod vereinigt. Das Leben ist’s, das uns gewaltsam trennt.“ Heine mochte als damals 24-Jähriger nur ahnen, dass er nicht nur ein politisches, sondern auch ein autobiographisches Gleichnis schuf. Denn die gleiche Phrase traf bald auch auf seine deutsche Heimat zu. „Almansor“ entstand ab 1820, da scheiterte in Spanien gerade eine Revolution. Bürgerliche Kräfte wollten nach dem verlustreichen Befreiungskampf gegen Napoleon eine Neuinstallation des Absolutismus verhindern. Die Bewegung scheiterte, Fernando VII. verweigerte den Schwur auf die Verfassung von Cádiz. Es folgten Mord und Verfolgung. Einmal mehr.

Der Wiener Kongress hatte ausgetanzt, die gekrönten Häupter saßen vorerst wieder fest in ihren güldenen Sätteln. Doch die spanische Episode wurde, wie die Aufstände in Frankreich 1830, einer der Vorboten der europäischen Revolutionen 1848/49. Heine, eine wichtige Stimme dieser Revolutionen, setzte beiden spanischen Helden von 1820, Quiroga und Riego (die Riego-Hymne ist bis heute Symbol der Republikaner), im Almansor ein Denkmal. Er schob einen Chor im Wald ein, der aus dem dramatischen Rahmen des Stückes herausfällt. Dort tauchen urplötzlich Quiroga und Riego auf, um als Hoffnung auf wieder bessere Zeiten zu fungieren. Dass Theatermacher an dieser Stelle den Kopf schüttelten, mag nachvollziehbar sein.

1826 erscheint die Figur des Almansor nochmals als Gedicht. Dieser beobachtet „In dem Dome zu Corduva“ wie dort auf dem Turme, wo „Auf den Stufen, wo die Gläub’gen Das Prophetenwort gesungen, Zeigen jetzt die Glatzenpfäfflein Ihrer Messe fades Wunder.“ Nach 118 Zeilen lässt er den Dom einstürzen, die „Christen wimmern“, doch Almansor verliert seine Heimat endgültig. So wie fünf Jahre später Heine auch.

Heine in Spanien auf der Suche nach dem roten Faden in Europas Geschichte

1847, nun schon in der „Matratzengruft“ in Paris an der Syphilis siechend, nimmt Heine das Thema wieder auf, in drei düsteren Strophen „Der sterbende Almansor“. Kurz danach, auch die 1848er Revolution war gescheitert, nahm er sich Spanien nochmals vor. Diesmal im „Vizliputzli“, das die Eroberung Amerikas, die Ausrottung der Inka-Kultur in Mexiko durch Hernán Cortéz thematisiert und kein gutes Haar an der Katholischen Kirche Spaniens lässt.

Hierin spannt Heines Beschäftigung mit Spanien sozusagen einen Bogen. Beginnend mit Cervantes Spott und ernster in „Almansor“ war Spanien Heine mehr als ein Bühnenbild oder ein Gleichnis auf die Zustände in seinem Teil Europas. Er forschte in Spaniens Geschichte und Geschichten nach jenem roten Faden, der eine historische Kontinuität ergeben könnte, an der es sich entlang zu hangeln lohnte, in der Hoffnung auf einen Ausweg in eine bessere, menschlichere Zukunft.

Die Zeitenwende 1492 stand ja nicht nur für das Ende eines idealisierten Reiches, der vertanen Möglichkeit der Koexistenz, der Vertreibung von Menschen wegen ihres Glaubens und Denkens, sondern auch für den Beginn der Neuzeit, den Aufbruch in die Neue Welt. Doch dieser Aufbruch stellte sich als Trug heraus.

Zu Kolumbus resümiert Heine im „Vizliputzli“: „Nicht befreien konnt‘ er uns - Aus dem öden Erdenkerker, - Doch er wußt‘ ihn zu erweitern - Und die Kette zu verlängern.“ Für Cortéz indes hatte er nur Verachtung übrig: „Auf dem Haupt trug er den Lorbeer, Und an seinen Stiefeln glänzten Goldne Sporen – dennoch war er Nicht ein Held und auch kein Ritter. / Nur ein Räuberhauptmann war er, Der in’s Buch des Ruhmes einschrieb, Mit der eignen frechen Faust, Seinen frechen Namen: Cortez.“

Heine sieht durch Spanien in die Zukunft: Bücherverbrennung als Vorboten des Holocaust

Dass Al-Ándalus Heines Spanienbild prägte, kann man nachlesen. Ob auch Cervantes Spuren in Heines Werken hinterließ, höchstens unterstellen, vielleicht nachfühlen. Waren Satire, Ironie und Schabernack Cervantes Stilmittel, waren sie Heine Lebenselixiere. Beide verband lange Zeiten der Isolation, bei dem einen die Sklaverei in Algerien und Haft in Sevilla, bei dem anderen die Verbannung aus dem reaktionären Deutschland und das Krankenlager in Paris. Für Heine wie Cervantes waren es kreative Quarantänen.

Seiner Dichtung, den Essays und Reisebildern, auch seinen politischen Schriften, kommt der Verdienst zu, die deutsche Sprache zum Klingen gebracht zu haben, was auch nach Meinung vieler Spanier eigentlich unmöglich sei. Was Goethe in Worte fasste, brachte Heine zum singen. Dem Deutschen nahm er Schulmeisterlichkeit, schnitt alte Zöpfe ab und injizierte ihr gleichzeitig Humor, Eleganz und Subversivität. Sozusagen nebenbei erfand er das Feuilleton.

Ein Deutscher mit Humor?! Na gut, es kommt darauf an, wen man fragt. Ein Jude, sagten sie später und verbrannten auch seine Bücher. „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Dieser Satz stammt aus Heines Feder, aus eben jenem „Almansor“. Es ist Resümée des zum Christentum konvertierten Dieners Hassan angesichts der Reconquista in Spanien, aber auch eine konkrete Erinnerung an die Vernichtung der Bibliothek der Alhambra von Granada 1499 durch Kardinal Cisneros. Und der Satz wurde Prophezeiung für das, was in Deutschland noch kommen sollte.

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