Bunte abenteuerlich aussehende Gefäße stehen in Reihe.
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Ibiza: Neue Schönheit für altes Glas - dank Enrique Lejárraga.

Kunstvolles Spanien

Ibiza: Neue Schönheit für altes Glas - Die erstaunliche Entdeckung eines Künstlers

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Eine besondere Kunst schafft Enrique Lejárraga aus Ibiza. Inspiriert von einem deutschen Maler verleiht er Resten neue Schönheit. Vor Jahren lag der Traum des Spaniers in Scherben.

Ibiza - Möglich, dass im Jahr 2300, 2500 oder 3000 ein Spaziergänger an der Costa Blanca oder auf Ibiza eine rätselhafte Entdeckung macht: Erstaunliche Gefäße, deren Form und Muster an das 21. Jahrhundert erinnern, aber sich nicht recht in die Epoche einordnen lassen. Vielleicht grübelt der Finder auch nicht viel darüber, sondern nimmt die Fundstücke und verleiht ihnen eine neue, wieder andere Schönheit. Dann wäre er auf den Spuren von Enrique Lejárraga, von dem die genannten Gefäße stammen. Es handelt sich um die neueste Serie des Künstlers aus Spanien, der aus Scherben Kunstwerke - ja, Kunstwelten - schafft.

IbizaInsel im Mittelmeer
Fläche572,6 km²
Einwohner151.827 (INE 2020)
HauptstadtIbiza-Stadt

Ibiza: Neue Schönheit für altes Glas - Künstler macht erstaunliche Entdeckung

Für diese besonderen Werke, die Enrique Lejárraga online anbietet, nimmt der Spanier Reste von Weggeworfenem, nicht mehr Gebrauchtem, bevorzugt aus Glas, aber auch Metall. In neuen Kombinationen verleiht der auf Ibiza und Alicante heimische Künstler mit selbstgemachten Schneide-Werkzeugen wieder neue Gestalt. Grün, blau, orange schimmern in seinem Atelier die Flakons, in denen sich noch recht leicht Weinflaschen und Einmachgläser erkennen lassen, doch dann erstaunen auch Ringe, die im früheren Leben mal Münzen waren. Eine Kollektion, die futuristisch und antik zugleich wirkt, und auch zeitgemäß, mit dem Recycling.

Auch wenn die erstaunliche Serie aus altem Glas eine neue Episode für den Maler, Fotografen und Skulpteur darstellt, fügt sie sich in Enrique Lejárragas ganzes Schaffen ein. Sein Auge für die Schönheit im scheinbar Alten, Entsorgten kam auch früher zur Geltung, etwa in der Fotoserie „Carteles“, Plakate. In Metropolen unterwegs, Madrid oder Berlin, beobachtete der heute 67-Jährige Wände, die sich Tag für Tag veränderten. Erst, indem Poster darauf geklebt wurden, Schicht auf Schicht auf Schicht, und dann, indem sie Passanten, Wetter und Stadtreinigung in unterschiedlichste Formationen rissen und spülten.

Eine solche Wand voller Fetzen - Scherben aus Papier sozusagen - mag nach Verfall aussehen. Enrique Lejárraga aber machte eine erstaunliche Entdeckung: Die Paradoxie, dass unbedachtes, auch zerstörerisches Handeln, aus den Fetzen auf seltsame Weise neue Bilder erschuf. Wie wichtig dem Künstler aus Ibiza diese Einsicht war, zeigen drei Fotos der Serie an der Wand in seinem Esszimmer: Drei große vertikale Ausschnitte von Großstadtwänden, wie ein Triptychon angeordnet.

Künstler aus Ibiza: Scherben der Informationsflut - Kästen mit Kadavern

Das klassische Merkmal der Dreiteilung wiederholt sich im Atelier des Künstlers aus Ibiza mehrmals, und besonders klar, als es um die Ecke geht. Drei große Kästen hängen an einer Wand, jeder von ihnen nochmals dreigeteilt. Oben und unten hat Enrique Lejárraga die Nische jedes Kastens mit Papierkugeln gefüllt: Geknüllte Zeitungen, auf denen große und kleine Lettern dem Betrachter nur noch Bruchstücke von einstigen Schlagzeilen übermitteln.

Nur in ihrer Mitte unterscheiden sich die Kästen deutlich. Der mittlere beinhaltet eine Lupe und ein Raster: Ein Bild für den Versuch, die Informationsflut zu sortieren? Links läuft einem der Schauer über den Rücken. Der Knochen eines Tieres liegt darin.

Es ist nicht der einzige Kasten mit einem solchen, wenn man sich im Raum umschaut. „Manche finden Kadaver absto“, lächelt Enrique Lejárraga. „Andere mögen sie.“ Eine Kundin wolle nur Kästen mit „bichos“, Viechern. Der Künstler aus Ibiza erinnert daran, dass Knochen in der Vergangenheit oft zu Kunst verarbeitet wurden. „Doch heute gehört der Tod zu den Tabus, die der Mensch so tief wie möglich verbergen will.“ Ein Gegenstück zu dem leblos gewordenen Element ist das Motiv im rechten Kasten. Hier scheinen, zwischen den runden Zeitungsresten, einige Buchstaben zu schweben – als sei eine Kraft dabei, sie zu sortieren.

Ibiza: Scherben der Informationsflut? - Kasten von Enrique Lejárraga.

Künstler aus Ibiza: Aus Traum vom Film wurden Scherben

Die Verzweiflung an der Informationsflut hingegen scheint ein weiterer Kasten an der Seite der Wand auszudrücken: Eine kaputte Brille, von Zeitungspapierkugeln geplättet, wie die eines Überfahrenen. Ob Kästen oder Poster. Sie verweisen darauf, was Enrique Lejárraga nie wurde: Filmemacher. „Ich begann die Kunstausbildung und ging an die Filmakademie“, sagt der Künstler, der nun aus Scherben von Stränden neue Kunstwelten schafft. Es war die Zeit der Transición: Spanien brach aus dem Kasten des grauen Franquismo aus.

In der Movida Madrileña, dem kulturellen Aufbruch Madrids, „drückte sich jeder aus – jeder war auf einmal Künstler“, erzählt der in der Hauptstadt geborene Enrique Lejárraga, der nun aber auch in Alicante und auf Ibiza heimisch ist. Damals sah der Spanier seine Stunde gekommen. Immer hatte er das Kino geliebt. Nun drehte er Videos, etwa Dokus für das Museum Reina Sofía. Doch in seinem Element war der junge Regisseur erst, als er sich den ersten eigenen Kurzfilmen widmete.

Später bereitete er lange Zeit die Komödie „Torero“ vor. Über einen Jungen, der Stierkämpfer werden will, doch nur einen tragischen Showdown erlebt. Mit dem Ende der Geschichte verrät Enrique Lejárraga nicht zu viel. Denn aus diesem Film wurde nichts. Über die genauen Umstände des Scheiterns sprechen wir nicht. Fest steht, dass es eine Zäsur für den Spanier war – der Moment, in dem ein Traum in Scherben vor ihm lag.

Ibiza: Aus altem Glas schafft Enrique Lejárraga neue Kunstwelten.

Ibiza: Ein besonderes Licht - „wo die Erde rötlich ist und das Meer türkis“

Beim Einsammeln dieser Scherben trug der Künstler Verletzungen davon, auch das zeigen die Narben in seinem Blick. Doch der Mann, der formschöne Gefäße aus scheinbar Altem bastelt, sagt auch: „Das Kino hat mir viele Dinge beigebracht. Ich lernte, das Licht zu sehen.“ Das Licht der Costa Blanca vielleicht, wo wir das Atelier des Künstlers besuchten? „Das ist ein besonderes, ja – aber mehr gefällt mir das Licht von Ibiza, wo die Erde rötlich ist und das Meer türkis.“

Ibiza - auf die Insel kommt der stille Mann im Gespräch mehrmals zurück. Sie muss dem Künstler etwas Wichtiges geschenkt haben. „In der Filmschule lernte ich, Formen und Dimensionen einzurahmen. Was mehr ist, als sie nur anzuordnen. Es geht auch darum, den Betrachter durch das Bild zu führen, bis zum wichtigsten Element. Doch mir fehlte noch eines“, erzählt Enrique Lejárraga. „Ich wusste nicht, auf was ich den Blick fixieren sollte.“

Am Ende brachte den Künstler aus Spanien ein deutscher Maler und Grafiker aus Berlin darauf: Rudolf Kügler – der Vater der Frau, die heute an Enrique Lejárragas Seite lebt. „Er lehrte mich, aus einer beliebigen Sache etwas zu machen.“ Für Lejárraga öffnete sich eine neue Welt – die der Scherben, Splitter, Fetzen, Bruchstücke. Wo der damalige Lehrmeister aus Deutschland malte? Auf Ibiza.

Ibiza: Aus Scherben des Mondlichts - „Der Mond ist großzügiger als die Sonne“

Es könnte das klare Nachtlicht der Insel sein, das die Reihe inspirierte, die Enrique Lejárraga 2017 in Alicante zu komponieren begann: „Unter dem Mond“, digitale Fotomontagen im Hochformat. Der rote Faden der schwarz-weißen Serie: die Nacht mit dem mal mehr, mal weniger sichtbaren Mond. „Der Mond ist großzügiger als die Sonne. Er lässt sich anschauen, ändert die Form. Für mich ist er das Symbol der Frau“, sagt der Künstler aus Ibiza.

Ibiza: „Unter dem Mond“ - Lejárraga-Welten im Mondlicht

Das sagt er, um mit dem deutschen Titel aus dem Schema auszubrechen: „Mond“ ist ja, anders als spanisch „luna“, nicht weiblich. Irgendwie typisch für Enrique Lejárraga. Wie ein abstraktes Selbstportrait wirkt die Skulptur in der Ecke seines Studios: Aus einem aufgebrochenen Kasten purzeln die Papierkugeln wie Früchte. Für einen Kasten gemacht ist der Künstler mit dem Ibiza-Faible nicht.

Mit Schemen bricht der Spanier auch in der Mond-Serie. Nicht nur, indem er Futurismus, Surrealismus, Natur und Historisches vermischt, sondern auch alle Größenverhältnisse. Auf einem riesigen Insekt reitet ein Mann. Mikroskopisch klein wirkt die gelegentliche soziale Kritik.

Was auch immer den Figuren in der Mondwelt widerfährt, eine besondere Ruhe strahlen, dank des stillen Anwesenden am Himmel, die Fotos aus. Auch Ibiza kommt natürlich vor. Wer es bis zum nächsten Vollmond am Sonntag, 28. März 2021, nicht auf die Insel mit dem beeindruckenden Mondlicht schafft, kann zumindest dem Beispiel von Enrique Lejárraga folgen. Also den Kunstlichtern entfliehen, an den Strand gehen, und dort - mit der festen Absicht, Erstaunliches zu entdecken - einige Scherben des Mondlichtes einsammeln...

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