Mosaik aus Itálica bei Sevilla.
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Eines der prachtvollen Mosaiken einer der römischen Villen in Itálica. Viele verschwanden allerdings in privater Hand, bis der Staat und das Land durchgriffen.

Reisetipp Sevilla

Römerstadt Itálica bei Sevilla: Zu Besuch in Spaniens Little Italy

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Itálica, vor den Toren von Sevilla, das sind mehr als römischen Ruinen: Die Spur der Steine führt zur ersten Stadt Roms außerhalb des Stiefels, zur Wiege zweier „spanischer“ Kaiser Roms, von hier wütete sich Julius Cäsar zum „Diktator auf Lebenszeit“. Was blieb von Glanz und Gloria?

Itálica/Sevilla - Bringen wir die Steine zum Sprechen. Denn sonst sehen sich römische Ausgrabungsstätten doch überall zum Verwechseln ähnlich, von Britannien bis Sizilien: ein paar Sitzreihen Theater, abgebrochene Säulen, Grundmauern von Villen, manchmal ein Tempel, ein Aquädukt. Mal prächtiger, mal verfallener. Im Museum nebenan die Statuen, Tontöpfe, Amphoren, Fibeln, Münzen, ein bisschen Glasschmuck, manchmal Gold. Die Farben sind verblasst.

Reise nach Itálica: Wie Rom sich in Hispania festsetzte

Das römische Erbe in Spanien scheint zudem endlos. Egal wo hier gegraben wird, Rom bildet immer die Mittelschicht. Darunter, erdrückt von römischen Legionen: Prähistorie, Agrargesellschaften, Iberer, Tartessier, Kelten, Karthager, Phönizier, Griechen. Dann jede Menge Rom. Drüber: Goten, Byzantiner, Mauren, zwischen allen Stühlen und Steinen immer ein bisschen jüdisches Spanien und dann das christliche Mittelalter, das locker bis Napoleon reicht und in Murcia noch anhalten soll. Wir reisen nach Itálica. Nicht die wichtigste römische Stadt in Hispania, einer der wichtigsten Provinzen des Großreiches – Mérida, Tarragona, Cartagena, ein Dutzend andere kämen dafür in Frage – aber nach meinem Ermessen die beredteste.

Denn Itálica war die erste Stadtgründung der Römer außerhalb des Stiefels. Eine Weltpremiere also. Itálica, sinngemäß: Little Italy. Aus Itálica stammen zwei der drei römischen Kaiser aus „Spanien“. Zwei der „glorreichen Fünf“, wie die Historie meint. Dazu gleich mehr. Von Itálica aus wütete sich Julius Cäsar zum „Diktator auf Lebenszeit“ und hier zeugte er seinen eigenen Mörder, sagt die Legende. Mit diesem Hintergrund werden die Steine in Itálica, keine drei Steinwürfe von Sevilla entfernt, gleich bunter.

Das Amphitheater in Itálica bei Sevilla, mit 25.000 Plätzen das drittgrößte, das Rom hinterließ.

Sevilla, nur acht Kilometer flussabwärts, nicht verwechseln, war bei den Römern Hispalis. Hier wurde ein mächtiges Industrie- und Verwaltungszentrum für den Südbezirk, auf iberischen auch keltiberischen Siedlungen und Kulturen errichtet. Turdetanier hießen sie hier, die bereits lange mit Mächten aus dem Osten handelten und anbandelten. Orientalisierung nennt der Fachmann das. Die Mode der Griechinnen war bei der Iberer-Schickeria en vogue, während die Männer mit semitischen Großreichen wie Phöniziern und Karthagern Handel trieben. Erze und Olivenöl gegen Kultur und Küstenschutz.

Was die Iberer, die mit Tartessos, Spaniens Atlantis, schon ein Ausnahmereich vorweisen konnten, nicht gewohnt waren: sich überrennen zu lassen. Die Römer begnügten sich nicht mit Handel, sie wollten die gesamte Liefer- und Wertschöpfungskette und prügelten die Völker zu einem Staatsvolk zusammen, mit Sklaven und materiellen Anreizen für die Mittelschicht, damit die spurt. Assimilierung bis zur Unkenntlichkeit. Aber auch eine nie dagewesene Staatsstruktur: Recht und Ordnung. Recht für die Privilegierten freilich, sogar Wahlrecht, Ordnung für den Pöbel. Ein gigantischer, auch technologischer Sprung für ganz Europa und erst Recht für das „Kaninchenland“, wie die Phönizier die Halbinsel tauften. Die Römer hatten das effizientere Konzept – und ihre Legionen, um es den anderen zu „erklären“.

Itálica: Vom Lazarett im Punischen Krieg zu ersten Stadt Roms im Ausland

Itálica entstand sehr früh auf diesem Weg. 206 vor Christus schon, die Römer waren bisher nur im Ebro-Tal zugange und fast noch informell in Hispanien unterwegs, wuchs hier zunächst ein Lager für die verwundeten, ermatteten Helden des Zweiten Punischen Krieges. Feldherr Publius Cornelius Scipio Africanus führte seine Legionen an das Ufer des Betis-Flusses (Guadalquivir), 50 Kilometer von der Küste entfernt und doch mit Seehafen. Da waren die Legionäre sicher, nachdem sie Qart Hadasht, das Ersatz-Karthago für Rom erobert und damit das Ende der Karthager besiegelten. Asdrubal, Neffe des Hannibal, hatte die Stadt gerade befestigt, der Putz war noch nicht trocken, da musste er sie Scipios Römern schlüsselfertig übergeben. Cartago nova hieß es nun, Cartagena heißt es heute. Cartagena: Besuch in einer 3.000 Jahre alten, jungen Stadt.

Immer wieder legen Archäologen neue Schätze in Itálica frei. Der älteste Teil liegt allerdings seit 400 Jahren unter einem Dorf.

Scipio zog weiter, um 202 auch Hannibal zu erledigen, da wurde Itálica vom Lager für Verwundete zur ersten Urbanisation von ausländischen Residenten in Spanien. Denn die Legionäre hatten sich sozusagen in die Pensionierung freigekämpft, zehn, manchmal 15 Jahre dienten sie, um dann Bürgerrechte und eine Pension zu erhalten. 8:2 standen die Chancen, gegen den Soldaten. Scipios Mannen blieben hier, errichteten eine Stadt und ihre Kinder und Kindeskinder wurden Zeuge gewaltiger Entwicklungen. Aus dieser Zeit sieht der Besucher in Itálica heute fast nichts mehr als ein paar Mauern, denn fast nur die Bauten aus „Neu Itálica“, sozusagen der zweiten Phase der Urbi, sind freigelegt, auf dem alten Teil steht das Örtchen Santiponce, eines der vielen schönen Dörfer Spaniens oder er wurde vom Winde verweht.

Die Karriere begann in Andalusien: Julius Cäsar - Über Itálica zur absoluten Macht in Rom

Diese Phase hatte es aber in sich, denn kein Geringerer als Julius Cäsar tauchte gleich drei Mal in Itálica auf. 69 vor Christus als Quaestor, Steuereintreiber und Oberster Finanzbeamter im Auftrag Roms, für den Süden Spaniens und Lusitanien (Portugal, Galicien). In Itálica hat er Truppen rekrutiert, in der Nachbarstadt Hispalis eine Iberer-Prinzessin geschwängert. Der zweite Teil ist Legende: Von den beiden Kindern brachte er eins als Opfergabe um, das andere soll sich als Brutus später mit ein paar anderen Messerstechern dafür tödlich gerächt haben.

Fakt hingegen: 62 v.u.Z. kam Julius Cäsar als Gouverneur für das Untere Hispanien wieder, unterwarf die Lusitanier und hielt die Kelten im Norden im Zaum. Auch Spanien hatte seinen Asterix. Asturix sozusagen. Erst Kaiser Augustus, 100 Jahre später, vollendete die Unterwerfung der gesamten Halbinsel. Auch nach Britannien streckte Julius schon seine Lanzen aus, mit Legionären aus Itálica.

Cäsars wichtigste Besuche aber datieren auf die Jahre 49 bis 45 vor Christus. Denn hier, in Hispania mit den Bewohnern von Itálica als seinem treuesten Gefolge, entschied sich in Schlachten von Lérida in Katalonien bis Munda (zwischen Córdoba und Itálica) der Römische Bürgerkrieg, die Zeitenwende von der Republik zum Imperium, mit Julius Cäsar als Möchtegern-Kaiser, offiziell „Diktator auf Lebenszeit“ dazwischen. Ein Jahr dauerte die Lebenszeit, dann endete Cäsar bekanntlich als Messerblock.

Venus-Statue aus Itálica, heute im Archäologischen Museum von Sevilla.

Itálica war ihm stets Rekrutierungs- und Rückzugsort, Cäsars Sanssouci. Er schenkte der Stadt den Status als Municipium Civium Romanorum. Wer in Itálica lebte, war also Bürger Roms, das höchste der Gefühle damals. Hispalis, also Sevilla, hingegen gewährte den Gegnern Cäsars, den Anhängern des Pompeius Unterschlupf. Der Tyrann rächte sich mit Mord, Plünderung und Versklavung. Noch heute ehrt Sevilla den Diktator dafür als ihren Stadtgründer, „obwohl es ihm gar nichts schuldet“, wie Althistoriker und Akademiemitglied Antonio Caballos Rufino seinen vor Cäsar-Verzückung erstarrten Kollegen einmal die Leviten las.

Goldenes Zeitalter: Spaniens römische Kaiser

Für Itálica begann mit und nach Julius Cäsar die strahlendste Epoche, genauer, mit dem ersten Kaiser, Augustus, dem Großneffen und Adoptivsohn Cäsars, dessen Name allen kommenden Cäsaren, Zaren, Kaisern, Shahs als Titel dienen sollte. Augustus belohnte Itálica für seine Treue zu Rom mit großen Bauten: Tempel und Thermen entstanden, die ganze römische Hightech zog ein. Itálica, nun Großstadt, prägte eigene Münzen. Immer mehr Senatoren in Rom kamen aus Itálica, eine spanische Seilschaft bauten sie am Tiber auf.

Das bereitete den Boden für die beiden größten Söhne Itálicas. Trajan, noch gänzlich in Itálica aufgewachsen, wurde im Jahr 98 der XIII. Kaiser des Römischen Imperiums, sein Sohn Hadrian, vermutlich nur in Itálica geboren und bald nach Rom gebracht, 138 dessen Nachfolger. In ihre Zeit fallen die meisten Prachtbauten, deren Reste wir heute in Itálica bewundern können: das Amphitheater mit bis zu 25.000 Plätzen, das drittgrößte jemals im Reich errichtete. Das Teatrum romanum, 3.000 Plätze und wahrscheinlich mit dem besten Spielplan seiner Zeit. Es ist fast so gut wieder freigelegt wie jene in Mérida, Tarragona, Málaga oder Cartagena.

Hadrian - Der Mann für's Schöne: Ein Nussknacker, der zur Venus wurde

Trajan und Hadrian führten Rom zu seiner größten Ausdehnung, das gesamte Mittelmeer war dank der „Spanier“ nun mare nostrum, „unser Pool“ sozusagen. Trajan verleibte Rom Dacia (Rumänien) ein und machte die Parther (Persien) zu Vasallen. Hadrian sicherte das Erreichte, der Hadrianswall begrenzte die Gelüste in Britannien und auch am kontinentalen Limes baute er weiter. Und er ließ Juden und Christen verfolgen, das gehörte damals zum Standardprogramm.

Hadrian war ansonsten ein Mann für’s Schöne. „Der Kaiser, der ein Grieche sein wollte“, spöttelten ihm schon Zeitgenossen hinterher. Itálica belegt diese Vorliebe. Denn hier fanden sich eine ganze Reihe prachtvoller Statuen aus seiner Zeit, alle im klassisch griechischen Stil geschaffen. Herausragend die Standbilder seines Vaters, ein Mercurio, eine Diana und eine, leider heute kopf- und armlose, Venus (siehe Abb. links). Diese Liebesgöttin diente bis 1940 einer einfachen Familie als Mandel- und Nussknacker. Ein aus dem Fußboden eines Zimmers ragender Marmorklotz wurde von ihnen nicht als Statue identifiziert und derart zweckentfremdet. Erst Renovierungarbeiten brachten die Pracht zutage, die an dem Armstumpf hing.

Die hispanischen Senatoren in Rom, sozusagen die Iberer-Mafia, waren clever und lagerten viel Vermögen in die alte Heimat aus. Grandiose Villen entstanden, mit Wand- und Bodenmosaiken voller künstlerischer Höchstleistungen und einer Grandezza, die sogar Platz für einen spezifisch hispanischen Stil im klassisch römischen Kunstspektrum schuf.

Und die Senatoren und Geschäftsleute drängten ihren Kaiser dazu, Itálica von der Römerstadt zur eigenständigen Kolonie zu machen. Das verschaffte eine größere Selbstverwaltung, lies: Steuerparadies.

Itálica: Vom Paradies zum Steinbruch - Legaler Kunstraub über Jahrhunderte

Eines der Itálica-Mosaiken im Palacio de Nebrija in Sevilla.

Mit dem Ende des Römischen Reiches als kontrollierbarem Zentralstaat, das auch mit einem „spanischen Kaiser“, Teodosius (347-395), zusammenfällt, verkam Itálica zum Steinbruch für die kommenden Völker und Geschehnisse. Die Goten schleiften viel, errichteten Basiliken, die nicht lange hielten. Die Byzantiner, Ostrom, fielen nochmals in der Gegend ein, brachten Dreifaltigkeit und Judenverfolgung nach Spanien, hielten sich aber nicht mehr lange. Die Mauren, ab 711, hatten ihre eigenen Baumeister und zogen Sevilla Itálica vor. 844 fielen sogar die Wikinger über die Gegend her. 1601 wurde auf den Resten Alt-Itálicas Santiponce errichtet und Neu-Itálica geriet lange als „Alt-Sevilla“ in Vergessenheit.

Ab 1780 gab es Bemühungen von Einzelkämpfern, das Geerbte zusammenzuhalten. Doch Ausgrabungsaktivitäten bis Mitte des 20. Jahrhunderts dienten eigentlich oft dem Zweck, dass sich die Oberschicht an den Schätzen bediente. Spanische Adelige, französische Geschäftemacher, britische und amerikanische Neureiche kauften prachtvolle Mosaike, Statuen für ihre Gärten, als Schmuck für ihre Weinkeller zum Spottpreis auf.

Besuchen Sie in Sevilla einmal den Palacio de Lebrija der gleichnamigen Sherry-Dynastie: Das ganze Erdgeschoss ist mit Itálica-Mosaiken ausgelegt. „Das hat die Gräfin 1912 gekauft“, erklärt die Führerin ohne rot zu werden. Darunter findet sich mit den "Geliebten des Jupiter" vielleicht das kunsthistorisch bedeutsamste Mosaik aus Itálica. Das Plündern, auch das "legale", der Kulturschätze und Bausubstanz hielt in Spanien regimebedingt länger an als anderswo, noch heute gibt es einen riesigen Schwarzmarkt, den die Guardia Civil nur mosaiksteinweise bearbeiten kann. Etliches scheint für immer für die Öffentlichkeit verloren.

Zu viel Römisches? Itálica, "Spaniens Pompej", bleibt im Schatten anderer Kulturstätten in Spanien

Was nicht verschwand – und das ist noch immer sehr viel – ist im Archäologischen Museum Sevillas unter Landesaufsicht untergebracht, das allerdings bis 2025 wegen umfassender Renovierung geschlossen ist. Es stellte sich heraus, dass die über 2.000 Jahre alten Fundstücke im besseren Zustand sind als das keine 100 Jahre alte Haus, das sie beherbergt. Die Mudéjar-Villa war als iberoamerikanischer Pavillon für die Weltausstellung 1929 auch nur als Provisorium gedacht. Bis zur Wiedereröffnung wird ein sich stetig wechselndes „Best of“ im Convento de Santa Inés gezeigt: „Wegen Bauarbeiten geöffnet“, heißt es dort. 11.000 Kisten packte das Museum zusammen, gut die Hälfte davon römisch, darin Mosaike, die seit über 130 Jahren nicht aus den Kisten kamen und nun helfen, so manches Puzzle zu lösen.

Die Grabungen in Itálica, aber auch die Präsentation für Besucher werden der historischen Bedeutung des Ortes lange nicht gerecht. Das ist eine Klage, die spanische Archäologen und Historiker, aber auch die Tourismusindustrie immer wieder erheben. Es tut sich was in Itálica: nächtliche Führungen, Kulturfestivals (Festival Anfitrión läuft noch bis 7. August), Theater. Doch es fehlt an Archäologen, geschätzt 70 Prozent liegt noch vergraben.

Möglich, dass das prächtige Sevilla, Spaniens eigentliche Kulturhauptstadt, zu erdrückend ist für diesen „Vorort“, der längst Unesco-Weltkulturerbe sein müsste, so wie es Córdoba mit seinem Kalifats-Palast Madīnat al-Zahrā vor den Toren der Stadt auch schaffte, trotz Altstadt, trotz Mezquita-Kathedrale. Es wäre Spaniens 50. offizielles Welterbe. Nur China hat mehr und – natürlich – Italien. Mag auch sein, dass es in Spanien einfach allerorten zu viel Römisches zu sehen gibt, das Publikumsinteresse zu gering für noch eine Stätte sein könnte. Daher müssen wir die Steine zum Sprechen bringen, dann nämlich wird Itálica unvergleichlich und hätte auch nach Meinung von Fachleuten das Potenzial eines „andalusischen Pompeji“.

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