der sänger joaquin sabina singt mit mara barros auf der bühne
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Joaquín Sabina, Spaniens letzter Troubadour, hier mit Mara Barros bei einem Konzert in Granada 2009

Poet, Sänger, Lebemann

Geliebte Kanaille: Joaquín Sabina - Spaniens letzter Troubadour

  • vonMarco Schicker
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19 Tage und 500 Nächte: Sabinas Songs haben in Spanien und Lateinamerika den Status von Hymnen, im deutschsprachigen Raum ist er ziemlich unbekannt. Joaquín Sabina ist seit vier Jahrzehnten der einflussreichste Songwriter Spaniens, vielleicht der letzte Troubadour.

  • Sänger und Songwriter Joaquín Sabina legt gern den Finger auf alltägliche Wunden.
  • Während der Franco-Diktatur setzte sich Joaquín Sabina nach London ab.
  • Joaquín Sabinas Lebenswerk umfasst 24 Alben. Nebenbei malt der Künstler.

Madrid - Joaquín Sabinas Repertoire reicht von Rock’n’roll über Balladen bis hin zu Country-Songs und Flamenco-Rumbas. Seine Poesie handelt von permanenten Grenzgängen und Sinnsuche, legt, mal ironisch, mal bitter, den Finger auf Wunden der alltäglichen Absurditäten, vor allem die eigenen, ob sie Politik oder Liebe heißen.

Joaquín Sabina: Ein Original inmitten von Kopien

Sabina singt im Chor: sein Ich, sein Über-Ich und viele Neben-Ichs. Populär ist er auch in Mexiko, Kuba – er soll fünf Stunden mit Castro „getagt“ haben – oder Argentinien, berüchtigt in Bars und Hotels auf der halben Welt. Kündigt er mal wieder ein Konzert an, dann sind die Karten nach Stunden ausverkauft. Sabina ist, was der heutigen Musikindustrie voller glattgelutschter, marketing-optimierter Kitschschleudern abgeht: authentisch. Man nennt ihn Original, weil wir von Kopien umstellt sind.

Dass Sabina 2020 seinen 71. Geburtsag begehen konnte, grenzt fast an ein Wunder. Danach sah es lange gar nicht aus, schon 2001 erwischte ihn ein leichter Schlaganfall und in den vergangenen Jahren musste er immer wieder Konzerte absagen, zuletzt, im Februar, sogar mitten in der Show abbrechen, weil er von der Bühne stürzte.

Geboren wurde Joaquín Sabina 1949 in Úbeda, in der andalusischen Provinz Jaén. Mutter Hausfrau, Vater Polizeikommissar. Er begann früh mit einer eigenen Band, den Merry Youngs, spielte im Stile von Elvis Presley, Chuck Berry und Little Richard. 1968 schrieb er sich in die Uni Granada für romanische Philologie ein. Die 68er Studentenbewegung zog ihn mit sich, in Francos Spanien war das kein Spleen, sondern ein gefährlicher Akt wirklicher Rebellion.

Ein Mann und seine Gitarre: So kennen Generationen von Spaniern Joaquín Sabina.

Sein eigener Vater bestellte ihn zum Verhör, ihm wurde die Mitgliedschaft in der verbotenen Kommunistischen Partei unterstellt. Einige Demonstrationen, verbotene Publikationen und einen Molotow-Cocktail-Wurf auf eine Bank später, und Sabina musste mit gefälschtem Pass fliehen.

Auf der Flucht vor Franco - Auf der Suche nach sich selbst

Über Paris kam er nach London. Dort verwandelte er seine WG in Camden Town in die Höhle der Bohemians. Er gab Filmvorführungen verbotener Streifen, zum Beispiel von Buñuel, tingelte durch Pubs, traf andere Exilanten, ge- und verbrauchte Musen und sich selbst, versteckte ETA-Terroristen und bedauerte das später. „Damals fanden wir es witzig, Leuten zu helfen, die anderen ins Genick schossen. Es ist Zeit, dass wir uns dafür entschuldigen.“

Der Beatle George Harrison soll ihm für ein Geburtstagsständchen fünf Pfund Trinkgeld zugesteckt haben, „den Schein hüte ich bis heute wie einen Schatz“, sagt Sabina an einer Stelle, „kann auch sein, dass ich ihn bei einem Umzug verlor“, an anderer. „Ich glaube, ich habe das Geld am gleichen Abend versoffen“, ist Version drei, die man ihm glauben darf. Legenden und Wahrheit kreuzen sich, er spielt mit ihnen. Sabinas Lebenslied hat Strophen aus Dichtung und Wahrheit, welchen Sinn hätte es, zu erfahren, was was ist?

„Das Gute an den Jahren ist, dass sie Wunden heilen. Das schlechte an Küssen ist, dass sie süchtig machen“

Joaquín Sabina

In London begann Sabina immer mehr zu schreiben und zu komponieren, bezahlte aus eigener Tasche eine Edition von Texten Exilierter, trat mit anderen Größen, Protestsängern, Lyrikern auf, die in Spanien verboten und verfolgt waren und bis heute mit Ehrfurcht genannt werden: Paco Ibáñez, Luis Eduardo Aute, Javier Krahe oder Lluís Llach, der sich heute als Stimme des katalanischen Separatismus pronunciert, nicht so wie Joan Manuel Serrat und Sabina, der sogar als Festredner auf dem Karneval in Cádiz einen deftigen Fluch gegen die Puigdemonts losließ. Sabina sieht in Katalonien kein linkes, solidarisches Projekt am Werk, als dass es viele ihrer Protagonisten verkaufen wollen. Er sieht tumben Nationalismus und fragt auch ehemalige Mitkämpfer nicht um Erlaubnis, ihnen seine Meinung um die Ohren hauen zu dürfen.

Sich selbst blieb Sabina treu, treuer als allen seinen Frauen

1977 kehrt er, wie auch die Hoffnung, nach Spanien zurück. Franco ist erst seit zwei Jahren tot, die Demokratie liegt noch in schmerzhaften Wehen. Er wird Teil der Madrider Off-Szene, verlegt erste Platten. Nur langsam erhalten diese Künstler Zugang zum öffentlichen Rundfunk. 1980 erscheint mit „La Mandrágora“ in Zusammenarbeit mit Krahe und Alberto Pérez ein Album, das ein Fundament des folgenden Aufstiegs und anhaltenden Ruhmes bildet.

18 Studio-Alben, sechs autorisierte Live-Alben, etliche Kollaborationen, Werke für Kollegen, Bücher folgen. Sabina malt. Liebeserklärungen eines einsamen Wolfes, Satiren im Rumba-Rhythmus, beißend, scherzend, grübelnd, liebend, suchend. Allein vom Album „Física y Química“ 1992 wurden eine Million Exemplare verkauft. Bis 2001, als das Leben anfing, Schulden bei Sabina einzutreiben, waren es geschätzte zehn Millionen Tonträger und tausende Live-Auftritte. Die Exzesse forderten Tribut, Kritiker sprachen von Schaffenskrise, die Legende reproduziere nur mehr sich selbst.

19 Tage und 500 Nächte: Heiliger und Schwerenöter

Sechs Alben seit dem gesundheitlichen Tiefschlag 2001 kamen als regelmäßige Lebenszeichen, über die Qualität streitet man nicht mehr. Seine Stimme wandelte sich, wurde whisky-rauer. Sich selbst blieb er treu, treuer als allen seinen Frauen. Sein bis dato jüngstes Album von 2018 trägt den Titel „Lo niego todo...“, ich leugne alles. Es ist das musikalische Augenzwinkern eines singenden Mimen im besten Sinne. Der alles zugibt, oder auch nicht.

Als ich noch ganz neu war in Spanien, da sangen in einer Dorfbar plötzlich drei Generationen das gleiche Lied aus dem Radio mit, textsicher, mit Inbrunst. 19 Tage und 500 Nächte hieß der Song, es hätten aber auch ein Dutzend andere Lieder sein können. „Sabina ist ein Heiliger.... Ok, er ist auch ein Hurenbock. Aber ein heiliger“, erklärte man mir kurz und bündig. Er sei der spanische Bob Dylan und Leonard Cohen.

Barde mit Schwermut: Der Sänger Joaquín Sabina als Büttenredner beim berühmten Karneval von Cádiz 2019.

Ein bisschen auch Wecker und Juhnke, interpretierte ich dazu, als man mir die Schwänke aus seinem Leben erzählte. Tiefgang und tiefer Fall, mal barfuß, mal Lackschuh. Nur Sekt oder Selters, diese Frage stellte sich ihm nie. „Un buen champán francés“ sollte es sein und wenn es ging, mit einer Frau, die vor dem Frühstück wieder verschwindet, damit er sie vermissen und davon singen kann.

Sekt oder Selters sind für Sabina keine Alternative - Champagner muss es sein

Diese, von Sabina so grandios versprühte Ambivalenz, erklingt in einem seiner schönsten Liebeslieder. In „Sin Embargo“, das in Spanien den Status einer Hymne hat, singt er, dass „Ich nicht lüge, wenn ich schwöre, dass ich für dich mein ganzes, ganzes Leben gäbe“, um nur eine Zeile später zu gestehen, „dass ich dich, ohne zu zögern, mit jeder betrügen würde, – ein bisschen“. Die Linie zwischen Genie und Wahnsinn ist auch deshalb unsichtbar, damit sie Menschen wie Sabina nicht im Wege steht.

„Das Gute an den Jahren ist, dass sie Wunden heilen. Das schlechte an Küssen ist, dass sie süchtig machen“, sagt er. Seine Lieder sind seine Küsse, mal bitter, mal süß. Sabina verzeihen die Spanier alles, weil man ihm so viel verdankt. Manche Verse schreibt man eben nur im Dunkeln. Tiefe Poesie, eingängige Musik, eine Stirn, die bietet, Konzerte, die man ein Leben lang nicht vergisst. Sabina gehörte einfach immer dazu. Man kann nur schätzen, wie viele Kinder zu seinen Songs gezeugt, wie viele Tüten geraucht, Pläne geschmiedet wurden, um dann selig verschlafen zu werden. Sabina hat seinen Traum gelebt, unterstellt man ihm.

Nach eigener Aussage sind zwei Stunden tägliche Zeitungslektüre heute sein größtes Vergnügen. Man muss es ihm nicht glauben, um es ihm noch viele Jahre zu wünschen.

Sabinas größte Hits:

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