Werk „Die Umarmung" als Sinnbild für Spaniens Demokratie

Umarmung einer Generation: Maler Juan Genovés in Madrid gestorben

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Der Maler Juan Genovés gilt als „Ikone der Versöhnung“. Nun ist der Autor des bekannten Werks „Die Umarmung" gestorben.

  • Juan Genovés schuf Spaniens großes Bild der Versöhnung.
  • „Die Umarmung" von Juan Genovés drückt wie kaum ein anderes Werk den Geist der Transición aus.
  • Die daran angelehnte Skulptur ist Mahnmal für die Bluttat von Atocha.

Madrid - Picassos „Guernica“ blickt dem Horror des Bürgerkriegs ins Gesicht, das Werk „El abrazo" (deutsch: die Umarmung) von Juan Genovés zeigt der Diktatur seinen Rücken und blickt in die Zukunft der Demokratie. Der geniale Vertreter der modernen spanischen Malerei ist im Alter von 89 Jahren in Madrid gestorben.

„Trotz Deines Erfolgs wolltest Du Spanien nie verlassen, auch nicht, als Dir angeboten wurde nach New York zu gehen - denn dies war Dein Land und Dein Kampf als Künstler war hier. Juan, wir werden Dich so sehr vermissen“,. schrieben die Marlborough-Galerien, die den aus Valencia stammenden Juan Genovés vertraten, auf Facebook.

Juan Genovés „Die Umarmung“ als Sinnbild der jungen Demokratie

Die „Umarmung“ von Juan Genovés symbolisiert den Aufbruch in die Demokratie.

Seit jeher gilt „El abrazo“ von Juan Genovés als Sinnbild der Transición, jener wechselvollen Jahre, in denen Spanien nach dem Tode Francos 1975 verzweifelt nach einer neuen Identität suchte. Auf dem Gemälde zu sehen ist eine Gruppe von Menschen, die sich umarmen, so gut wie alle Figuren zeigen dem Betrachter den Rücken. Ein Sich-Wiederfinden sollte es sein, der Neuanfang einer Gesellschaft, die seit dem Spanischen Bürgerkrieg in zwei Lager gespalten war. Mit dem Bild sei Genovés, der sich stets gegen die Diktatur engagiert habe, zu „einer Ikone der Versöhnung der Spanier“ avanciert, schrieb das spanische Kulturministerium.

Das Motiv für sein wohl geschichtsträchtigstes Werk fand Juan Genovés bei einer Gruppe von Kindern, die sich beim Verlassen eines Schulgebäudes in Madrid aus der Menge lösten und umarmten – für den Künstler einer jener Momente, in denen sich menschliches Miteinander fernab von Norm und Drangsal seinen Weg bahnte.

Juan Genovés war Francos Schergen ein Dorn im Auge

Dass „El abrazo“ überhaupt eine solch politische Tragweite erhalten sollte, liegt in der Biographie des Künstlers begründet. Juan Genovés war Regimegegner und den Schergen Francos ein Dorn im Auge, sein Schaffen geprägt von jenem leisen Protest, der ihn 1973 letztendlich ins Exil nach London trieb. Erst nach Ende der Diktatur kehrte der Spanier in seine Heimat zurück, rüttelte abermals an den Grundfesten einer entfremdeten und zerrissenen Gesellschaft.

Als Juan Genovés 1976 dann „El abrazo“ malte, meldete sich die politische Linke zu Wort. Die aus dem Lager der Kommunisten, denen Genovés zeitweilig angehörte, entstandene Junta Democrática nutzte das Motiv des Valencianers für Pamphlete, forderte damit die Freilassung von politischen Gefangenen. Eine Aktion, die gerade mal ein Jahr nach Ende des Regimes auf Ablehnung stieß. Genovés wurde wegen illegaler Propaganda verhaftet, das umstrittene Werk an einen US-Sammler verkauft. Erst nach Vermitteln einer Madrider Galerie trat „El abrazo“ wieder seine Heimreise nach Spanien an, dieses Mal ins Museum für zeitgenössische Kunst Meac, dem Vorgänger des heutigen Museums Reina Sofía in Madrid. Auch über die Grenzen hinweg gelangte Genovés mit dem Bild zu Ruhm. So sah man das Motiv unter anderem auf Plakaten der Hilfsorganisation Amnesty International, die damit ihrerseits für den Erhalt der Menschenrechte kämpfte.

Juan Genovés als „Maler der Massen“

Im Ausland schätzte man das Werk von Juan Genovés anders als in seiner Heimat. Nur wenig wusste man hier vom leisen Protest des Künstlers gegen die Unterdrückung des Franco-Regimes, nur selten sprach man vom politischen Kontext, die das Schaffen des Spaniers von jeher beeinflusste. Fernab seiner Heimat schätzte man ihn für sein Können, das Phänomen Masse auf die Leinwand zu bringen. Den „Maler der Massen“, nannten ihn seine Kritiker ihn. Bis ins Detail skizzierte der Spanier seine Figuren, ließ sie als Gruppen stehen, mal in Furcht und Panik, dann wieder in friedlichem Zusammenhalt.

Anders als im Ausland fand Juan Genovés in seiner Heimat recht spät Anerkennung fernab der politischen Ideologie. „Ich bin zwar nicht im Reina Sofía, dafür aber im Moma in New York“, resümierte der Künstler noch in den 1990er Jahren. Inzwischen besitzt auch das Museum Reina Sofía in Madrid Werke – unter anderem „El abrazo“, jenes Bild, das in den 1970er Jahren für politischen Tumult sorgte.

Die „Umarmung" steht als Skulptur an der Plaza Antón Martín in Madrid, in den die Straßen Atocha und Magadalena münden. Dort erinnern die markanten Figuren an das furchtbare Blutbad von Atocha vom Januar 1977, als mehrere Anwälte für Arbeiterrechte der Gewerkschaft CC.OO. in der Calle Atocha 55 von einem faschistischen Terrorkommando erschossen wurden, fünf Menschen dabei starben und vier wurden verletzt. Nur durch einen Zufall hielt sich Manuela Carmena zur Tatzeit nicht im Büro auf, sonst wäre sie vielleicht niemals Bürgermeisterin von Madrid geworden.

Manuela Carmena über Juan Genovés:

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