Skulptur von Spaniens König Philipp II. im Escorial.
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Spaniens König Felipe II. beim Beten. Figurengruppe im Klosterschloss El Escorial bei Madrid von Pompeo Leoni.

Katholizismus in Spanien

Katholische Kirche in Spanien: Geschichte eines ewigen Kreuzzuges

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Päpstlicher als der Papst? Gegründet auf Mythen und Gewalt wurde der die Katholische Kirche in Spanien bald eins mit dem Staat. Ihre Sonderrolle behauptet Spaniens Katholizismus bis heute, doch die Gläubigen laufen ihr weg. Die Geschichte eines ewigen Kreuzzugs.

Madrid - Apostel Jakobus, auch Santiago der Ältere (el Mayor) genannt, einer der Lieblingsjünger Jesu, kam, so die Legende, um das Jahr 40 aus dem Heiligen Land, also nur ein paar Jahre nach der Sache mit dem Kreuz, um Hispanien das Evangelium zu bringen. Doch von der Zurückweisung der Heiden entmutigt, saß er traurig am Flusse Ebro, da erschien ihm die Heilige Jungfrau auf einer Jaspis-Säule (Pilar), um ihm klarzumachen, dass er selbst die Säule des neuen Glaubens sein solle und standhalten möge.

Santiago und die glorreichen Sieben: Wie das Christentum nach Spanien kam

Im Jahr 44 köpfte man ihn in Jerusalem, woraufhin Petrus dessen sieben Jünger, die „siete varones“, nach Hispanien sandte, um Jacobs Evangelisierungswerk fortzusetzen. Torcuato, Tesifonte, Indalecio, Segundo, Eufrasio, Cecilio und Isicio landeten in Cartago nova (Cartagena) an, platzten aber in Acci (heute Guadix, Provinz Granada) mit ihren frommen Gebeten in eine römische Orgie, wo man Jupiter und Venus huldigte. Sie waren wenig willkommen, flohen über eine Brücke, die wundersam hinter ihnen abbrach und sie so rettete. Die edle Dame Luparia versteckte die glorreichen Sieben zunächst, die sich dann – nachdem sie in Guadix das erste Untergrund-Bistum errichteten – über das ganze Land verteilten, um ihr Werk fortzuführen.

Die Erscheinung der Virgen del Pilar, Gründungsmythos des Christentums in Spanien und ein Frühwerk von Francisco de Goya.

Die Gebeine des Jacobus sollen alsdann in einem Geisterschiff aus Stein in Galicien angelandet sein, ein paar Jahrhunderte und Anekdoten später fand man das Grab, baute über ihm eine Kathedrale und erklärte des Jakobs Weg zum Camino de Santiago. Doch zurück zu den Fakten.

Der Widerspenstigen Zähmung: Hispaniens Goten werden zum Katholizismus geprügelt

Ab 380 war das Christentum im Römischen Reich endgültig Staatsreligion, also auch in der Provinz Hispanien, da war diese nur noch ein loses Gefüge. Die Hispano-Romanos waren zwar vom großen Reich geprägt, aber beherrscht wurden sie von lokalen Fürsten. Die Reste des Reiches in Spanien wurden bald be- und verdrängt von Franken, Kelten und germanischen Stämmen, vor allem den Goten, die zum Teil zunächst selbst römische Legionäre waren. Die Goten huldigten, zumindest die Stämme, die schon christianisiert waren, dem Arianismus, eine urchristliche Ausprägung des neuen Glaubens, die noch ohne die Dreifaltigkeit auskam. Damit stand man aber bald im Widerspruch zur Lehre der Kirchenobrigkeit. Denn 325 hatte das Konzil von Konstantinopel (genauer Nicäa) die Einheit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist zum Dogma erklärt, praktisch den orthodoxen Katholizismus begründet.

Diese Santísima Trinidad, die Heiligste Dreifaltigkeit, bedeutete die zentrale Abgrenzung der christlichen Kirchen zur Vielgötterei der Heiden, aber auch zum Judentum mit seinem universellen, weitgehend unpersönlichen Gottesbegriff. Jesus war zu vergöttern, also zu entmenschlichen. Denn die Geschichte von einem aufrührerischen, jüdischen Wanderprediger mit sozialrevolutionärem Gedankengut, der den Reichen nahm, um den Armen zu geben, passte nicht mehr ins Konzept einer allmächtigen Kirche von oben. Die brauchte vor allem gehorsame Untertanen.

Die heiligen Schriften wurden auf dem Konzil zerfleddert, zensiert und neu geordnet, die eine Maria jungfräulich begattet, die andere, die Gefährtin Jesu, zur Büßerin marginalisiert. Die Frau bekam ihren Platz von alten Männern zugewiesen zwischen Hure und Heiliger, in jedem Falle passiv und untertänig. Eine Rolle, die man ihr noch heute aufzudrängen sucht. Kinder durfte das Paar schon gar nicht haben. Den Heiden gab man viele Heilige als Ersatz für viele Götter.

Geschichte der katholischen Kirche: Erste Bistümer und Klöster in Spanien

Das Kloster San Yuste in der Extremadura, Rückzugsort von Spaniens König Carlos I. - und Braustube in einem.

Fast gleichzeitig versuchten die Urbistümer auf hispanischem Boden auf dem Konzil von Elvira, das wahrscheinlich auch in Guadix stattfand, eine Konsolidierung unter den konstantinischen Richtlinien durchzusetzen. Doch die Goten wehrten sich. Im 6. und 7. Jahrhundert schlugen sich Justinians Truppen, aus Byzanz kommend, im Süden der Halbinsel mit den Gotenkönigen herum, im verzweifelten Versuch, das weströmische Reich wieder zu errichten. Es wurden Klöster und Kirchen gebaut, die den nun einzig wahren, reinen Glauben verkündeten, Judenverfolgung und kirchliche Gerichtsbarkeit bei päpstlicher Unfehlbarkeit inklusive. Bis Ende des 7. Jahrhunderts wurden so die von den Byzantinern besetzten Gebiete, vor allem das heutige Andalusien, die Levante bis etwa Valencia und die Balearen katholisch.

Das Monasterio de Suso in La Rioja ist eines der ältesten Klöster in Spanien.

Auch bei den widerstehenden Goten gab es viele Überläufer, der Widerstand gegen die Byzantiner war schließlich mehr Macht- als Glaubenskampf. Die Religion, die mehr Anhänger versprach, wurde angenommen. Man versammelte unter einem Kreuz, meinte aber das Schwert. Die Goten siegten schließlich, weil Byzanz an zu vielen Fronten die Kräfte verließen. Zu der Zeit lebten Katholizismus und Arianismus und sogar der Paganismus, also die Vielgötterei und andere „heidnische“ Kulte, die bis in die Ibererzeiten zurückreichten, noch bunt durcheinander.

Der Islam als Segen: Spaniens Kirche macht einen Eroberungskrieg zum Kreuzzug

Nur Jahrzehnte später sollte sich das ändern: Den endgültigen Durchbruch des Katholizismus und seine dauerhafte Verankerung in Spanien brachte ausgerechnet der Islam. Dessen Expansion auf der iberischen Halbinsel ab 711 sollte die Kirche zu einem Rettungsanker, zur Bastion des "einzig wahren" Glaubens machen. Zunächst nur im äußersten Norden, der sich gegen die islamische Eroberung behauptete und dann als Banner bei der "Reconquista". Wir gegen die, das konnte man den Menschen mit einem Kreuz und einem Halbmond einfach und verständlich erklären. Das 8. bis 15. Jahrhundert war immer wieder von schweren Epidemien gekennzeichnet, die Pest verheerte die Länder. Auch das festigte den Glauben, denn man konnte den Feinden die Schuld daran geben: Juden, Moslems, Konvertiten, Andersdenkenden und Andersliebenden.

Wird im Ausland schon mal mit dem Klu-Klux-Klan verwechselt. Nazarener in einer Kathedrale in Spanien bei der Osterprozession.

Die Kirche sollte in den christlichen spanischen Königreichen Navarra, Aragón, Kastilien das soziale Alltagsleben organisieren und so steuern und tat dies durch die Gründung von Pfarreien, Klöstern als geistig-kulturelle, aber auch wirtschaftliche Zentren, die eine wichtige Rolle bei der Wiederbesiedelung spielten und eine Unterordnung und Bereinigung der Ordensstrukturen. Die Verfolgung der auch in Spanien sesshaften oder hierher geflohenen Tempelritter, die dem französischen König und dem Papst im 13. und 14. Jahrhundert zu mächtig geworden waren, ist nur eine der illustren Geschichten aus dieser Zeit. So konnte es kommen, dass eben noch als Schützer der Gläubigen verehrte Ritter, Katholiken mithin, der Sodomie und Häresie bezichtigt und enteignet, vertrieben und ermordet wurden. In dieser Zeit bekam auch die Gründung von Laien-Bruderschaften Aufwind, die als sichtbares Glaubensbekenntnis und zur sichtbaren Abgrenzung zu den alten Nachbarn bis heute ihre österlichen Prozessionen quasi zum Erkennungsmerkmal des spanischen Katholizismus gemacht haben.

Einheit von Kreuz und Krone: Die drei düsteren Kardinäle, brennende Bücher und Menschen

Kardinal Cisneros, Chef der Inquisition, Beichtvater der Katholischen Könige, Bücherverbrenner. Relief aus dem 16. Jahrhundert.

Mit dem Jahr 1492 und der Vollendung der sogenannten Reconquista personifizierte sich der Katholizismus durch die „Katholischen Könige“, es verschmolzen Staat und Kirche zu einer Einheit. Kurz danach kam mit Carlos I. ein Habsburger aus Burgund an die spanische Krone, der die Landessprache kaum beherrschte. Er brachte das „Gottesgnadentum“ als Selbstverständnis seines Herrscherhauses mit. Um erstmals in der Geschichte die Kronen Navarras, Aragóns und Kastiliens zu vereinen, dazu diente Carlos I. der Katholizismus als kleinster gemeinsamer Nenner. Es blieb aber das Schwert, das diesen Anspruch durchsetzte.

Drei Kardinäle repräsentierten damals diese Einswerdung von Kirche und Staat: Kardinal Mendoza, der die Katholischen Könige nach Granada zur Alhambra, der letzten Festung der Mauren begleitete, die Deportation der Juden aus Spanien vorantrieb und der heute noch als eleganter Brandy in vieler Munde ist. Kardinal Cisneros, der vom Beichtvater der "Katholischen Königin" Isabel I. zum Erzbischof von Granada und Chef der Bischofskongregation aufstieg.

Spaniens Katholizismus vernichtete Welterbe der Menschheit

Cisneros ließ 1499 mitten im Zentrum von Granada die Bibliothek der Alhambra verbrennen. Über 4.000 Manuskripte, ein Welterbe der Menschheit aus den Übersetzer- und Schriftschulen, Europas ersten Universitäten,von den Omeyaden in Córdoba, bis zu den Nasriden, in denen 800 Jahre lang Juden, Moslems und Christen das Wissen der Menschheit akkumulierten, wo die Werke der Antike, Sokrates, Aristoteles, Platon übersetzt wurden und von Al-Ándalus den Weg in die europäische Renaissance ebneten. Poesie, Philosophie, Astronomie ging in Flammen auf und Cisneros brüstete sich, dass "es in Spanien jetzt nur noch christliche Bücher" gebe. Nur die medizinischen Werke verschonte er und ließ sie nach Alcalá de Hernares bringen, wo noch heute die Bibliothek nach diesem "Helden" benannt ist. Cisneros wurde dann auch oberster Inquisitor, was nur konsequent war, denn "Wo man Bücher verbrennt, da verbrennt man bald auch Menschen..." wie Heinrich Heine in seinem Grandada-Drama "Almansor" 300 Jahre später resümieren würde und was sich gut 100 Jahre nach Heine nochmals wiederholen wird.

Der dritte im katholischen Bunde war Kardinal Adrian von Utrecht, den sich Carlos I. aus Burgund mitbrachte und der später (1522/23) als "Barbaren-Papst" Adrian VI. für knapp zwei Jahre auf dem Petrus-Thron regieren würde, als letzter nicht italienischer Papst bis Johannes Paul II. 455 Jahre später. Alle drei Kardinäle waren in der einen oder anderen Weise immer wieder Regenten Kastiliens und Aragóns, leiteten die Staatsgeschäfte, als Johanna die Wahnsinnige als regierungsunfähig erklärt wurde und 1506 Felipe I. als Thronfolger starb oder Carlos I. wegen der Reichsgeschäfte als Kaiser Karl V. ab 1516 immer wieder abwesend war.

Teile und herrsche: Carlos I. und Felipe II., tief katholisch, aber gegen den Papst

Im Klosterpalast El Escorial bei Madrid ließ Spaniens König Felipe II. Kirche und Staat eine Einheit werden.

Doch Carlos war clever, zwar beförderte er die Kirchenspitzen in die höchsten Ämter, gliederte damit aber gleichzeitig die Kirche als Teil seines Machtapparats ein und degradierte sie zum Dienstleister in ideologischen Fragen. So löste er sie und sein Spanien vom Vatikan. Er nahm der Kirche Teile ihrer weltlichen Macht zugunsten des Adels ab, ohne dass die Kardinäle das als Machtverlust sahen, sie saßen ja ganz oben. Teile und herrsche, die Tricks aus der römischen Mottenkiste funktionierten noch immer. Und er ließ sich alle Verlautbarungen der Kirchenoberen vor Veröffentlichung zur Genehmigung vorlegen. Diese Beschneidungen erhöhten natürlich die Spannungen mit Rom. 1530 krönte Papst Clemens VII. Carlos zwar zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, als Karl V. Es sollte aber die letzte Krönung eines römisch-deutschen Kaisers durch einen Papst werden.

Zwar einten zwei gigantische Feinde die katholischen Herrscher Europas mit dem Papst: die mit 1517 beginnende Luthersche Reformation und die Expansion der Osmanen. Doch Carlos und erst recht dessen Sohn, Felipe II., scheuten auch den offenen Konflikt mit dem Vatikan nicht, wenn es um die Macht in ihren Territorien ging. Beide sandten Armeen und Flotten gegen die Osmanen und eilten dem Vatikanstaat so mehr als einmal zur Hilfe. Nur, um ihn danach zu bekämpfen. Auch das Konzil von Trient ab 1545, das die Gegenreformation mit wichtigen Impulsen zu steuern suchte, schaffte es nicht, die bekrönten Häupter zu beugen und die spanische Krone zu unterwerfen.

Spaniens Katholische Kirche verübt Verbrechen gegen die Menschlichkeit

„Die Vertreibung der Juden aus Sevilla“ - Gemälde im jüdischen Museum von Sevilla von Joaquin Turina d. Ä. aus dem 19. Jahrhundert, Vater des gleichnamigen berühmten Gitarristen und Komponisten.

Denn schon 1481 setzten die Katholischen Könige die Inquisition, das Santo Oficio, ein, sozusagen ihre Universalwaffe gegen alles Unkatholische. Dazu brauchte Spanien keine Handlungsanleitung aus dem Vatikan. War die Inquisition zunächst eine höfische Behörde Kastiliens, gegründet in Sevilla, übergab man die „Verhöre“ sehr bald der Kirche. Diese schuf einen Folterstaat, ein umfangreiches Spitzelwesen, und eine Zensurbehörde in einem Amt. Die Judenpogrome seit dem 14. Jahrhundert im christlichen Teil Spaniens gingen auf die Kappe der Kirche, die gänzliche Vertreibung der Juden 1492 gleich nach den letzten Mauren, betrieben Klerus und Könige in trauter Eintracht. Auch die Versklavung und Deportation der Islam-Konvertiten, der Morisken, ab 1609 geht auf diese heilige Allianz zurück. Mitsamt der Seuchen waren so ganze Landstriche entvölkert, vom Brain-Drain ganz abgesehen, aber: Spanien war nun vollständig katholisch. Ein Katholizismus aufgebaut auf Genozid, Massendeportationen, Folter und Zensur.

Szenen der Inquisition, Gemälde von Francisco de Goya 1812, kurz bevor diese Institution aufgelöst wurde.

Nationalisten, Kleriker, auch Historiker, wollen das Geschehene als „Schwarze Legende“ herunterspielen, die sich Kirchenfeinde über die Zeit zusammengesponnen hätten. Als Beleg führen sie an, dass nur einige Hundert Delinquenten der Inquisition auf Scheiterhaufen landeten. Sie wiegen das auf mit den mindestens 30.000 in deutschen Landen, vor allem Frauen, die als Hexen in protestantischen (kalvinistischen) Gebieten hingerichtet wurden. Man darf dem entgegenhalten, dass es in Spanien nach den Massakern und Vertreibungen um die Reconquista nicht mehr gar so viel zu verbrennen gab, wenn man das Volk nicht endgültig ausrotten wollte. Auch unterschlägt man bei dieser Reinwaschung die Gräueltaten an den spanischen Gitanos, die man noch Mitte des 18. Jahrhunderts - wieder unter der "Organisation" der katholischen Kirche, ausradieren wollte und an den amerikanischen Ureinwohnern, die man quasi zu Tode missionierte. Auch hier gaben Mendoza, aber mehr noch Kardinal Cisneros die Regeln und den Takt vor.

Schwarze Legende vs. Goldenes Zeitalter

Szene einer Bücherverbrennung in Spanien. Stahlstich aus dem 19. Jahrhundert.

Für Spaniens Kirche brach damals das „Goldene Zeitalter“ an. Carlos und Felipe, die persönlich Autodafés, also rituellen, öffentlichen Hinrichtungen mit Hunderten Opfern beiwohnten, machten Spanien zum Weltreich und kontrollierten auch die Missionierungen in „Neu-Spanien“. Felipe II. war ein fanatischer Katholik, aber kein Papstfan. Er stellte klare Weichen, um alles im Staate dem Staate unterzuordnen. Er kniete auch schon mal vor dem Großinquisitor, wenn das seinem Ziel nutzte, nur, um am Tag darauf, eine päpstliche Bulle außer Kraft zu setzen. Zurückgezogen und innerlich verhärmt starb schon sein Vater in einem Kloster, San Yuste. Felipe grübelte sich im Klosterschloss El Escorial zu Tode, dieser in Stein gehauenen Fusion von Katholizismus und Krone.

Spanien sei katholischer als der Papst, spöttelte man im Rest Europas und es fehlte nicht viel, dass sich der spanische Katholizismus - so wie einst Britannien - gänzlich von Rom abwandte. Doch die Geschichte stellte neue Aufgaben. Felipe II. und seine Nachfolger mussten zusehen, wie ihnen die Felle wegschwammen: Zuerst gingen die spanischen Niederlande verloren, die Carlos einst mit ins Reich brachte, dann die Kolonien in Amerika und mit ihnen viel Geld und somit Einfluss auch in Europa.

Mit den Bourbonen ging es auch mit der Kirche in Spanien bergab: Albtraum Aufklärung

Die Bourbonen lösten die Habsburger nach dem blutigen Spanischen Erbfolgekrieg ab. Zur gleichen Zeit erklärte die Aufklärung den Menschen in Europa, sie mögen ihr Himmelreich doch schon auf Erden errichten, auf die Versprechungen der Kirche bezüglich eines Paradieses sei womöglich kein Verlass. Ein Gespenst ging um im Klerus: Ketzertum und Häresie nannten sie es. Selbstbestimmung, Freiheit waren seine wirklichen Namen.

Mitte des 18. Jahrhunderts setzte Carlos III., zwar Katholik, aber ein großer Fan des aufgeklärten Absolutismus und auch des religionsverlachenden Friedrich II. im protestantischen Preußen, eine Reihe von für Spanien unerhörte Reformen um. Er nahm die Bildung teilweise aus den Händen der Orden, es begann etwas wie Gewaltenteilung, sogar eine Art Laizismus französischer Prägung hielt Einzug, ohne die Grundprivilegien der Kirche anzutasten. Dazu war sie noch zu stark. An die Inquisition traute sich Carlos nicht heran, zähmte sie nur etwas. Sie war ja noch nützlich, um allzu liberale Geister wegzusperren, den Schwarzen Peter aber der Kirche zuschieben zu können.

Brennende Kirchen, gemordete Pfarrer: Überlebenskampf gegen die Republik-Versuche

Amen und faschistischer Gruß. Kirchliche Würdenträger an der Seite von Franco.

Erst Napoleon räumte mit der Inquisition auf, da half es auch nichts, dass sein brutaler Bruder als Vizekönig in Spanien schlimmer wütete als die Inquisition selbst. Erst 1821 wurde das Santo Oficio geschlossen, auf Druck der rebellischen Liberalen von Cádiz, und damit auch die kirchliche Rechtsprechung in weltlichen Belangen beendet. Kirchenbesitz wurde zum Teil verstaatlicht, auch niedergebrannt, nochmals ab 1868 und während der Ersten Spanischen Republik 1873/74. Industrialisierung, Bildung und Aufklärung hatten die Kirche förmlich überrollt. Ihr Gewerbe war der Trost der Armen und die Begaukelung der Dummen. Doch auf dieses Geschäft verstanden sich nun andere Mechanismen und Akteure besser: Der Konsum und der Nationalismus ersetzten immer mehr die Heilsbotschaft.

Staatskatholizismus: Franco holt das Opus Dei ins Kabinett

In der Zweiten Republik brannten wieder Kirchen, tausende Kleriker wurden hingerichtet oder weggesperrt. 1931 sagte der republikanische Präsident Manuel Azaña: „Der Katholizismus in Spanien ist tot.“ Eine Vorlage, die Franco nutzte, um mit dem Kreuz das Land in Gut und Böse, in Göttlich und Teuflisch zu spalten. Er deklarierte den Nationalkatholizismus zur Staatsform, wieder ein kirchliches Etikett für eine Gewaltherrschaft. Franco ernannte Mitglieder des 1928 in Spanien gegründeten Opus Dei der "Kampftruppe des Papstes" zu Ministern und erhielt für seine Diktatur daher den stillen Segen des Vatikan.

Wieder wurde unter dem Kreuz im Spanischen Bürgerkrieg und in der Franco-Diktatur gemordet, die Kirche segnete Waffen, quälte geraubte Kinder in Erziehungsanstalten, sprach die letzte Ölung vor Hinrichtungen Andersdenkender. Der Klerus war noch einmal eine Säule der Macht, eine andere Säule, als jene, die Maria damals Santiago als Zeichen sandte. Einzelne Geistliche scherten aus, reichten dem Nächsten eine Hand. Sie blieben Ausnahmen.

1975 starb Franco, 1978 seine Diktatur, zumindest das Meiste davon. Was ist geblieben vom Katholizismus in Spanien?

Die Bourbonen sind verweltlicht, wenn auch noch nicht demokratisiert, die spanische Fremdenlegion und die Guardia Civil treten bei kirchlichen Akten auf, öffentliche Schulen tragen Namen von Heiligen. Das Konkordat mit dem Vatikan aus der Franco-Zeit gilt noch fast unverändert. Die Kirche agiert steuererleichtert und subventioniert, kann ihren unendlichen Immobilien-, Grund- und Kunstbesitz vermarkten und verschleiern. Auch ihre interne Gerichtsbarkeit behält sie, die darin besteht, dass Kinderschänder in ihren Reihen mit Versetzung „bestraft“, anstatt der Justiz ausgeliefert werden.

Gotteskrieger? Legionäre tragen ein Jesus-Kreuz bei einer Prozession zur Semana Santa in Málaga im Jahre 2018.

Gleichzeitig gibt es Bischöfe, die Homosexuelle therapieren wollen. Die Kirche in Spanien besitzt mehrere hochdefizitäre TV- und Rundfunkanstalten, Zeitungen, während Pfarrer kein Geld für die Restaurierung ihrer Gotteshäuser haben. Die Vereinigung „Christlicher Anwälte“ spielt sich als Inquisition auf, in dem sie Freigeister wegen Blasphemie verklagt. Und wieder gibt es politische Parteien, die den Katholizismus auf ihre Banner schreiben und das Land in gute und schlechte Spanier anhand des Bekenntnisses spalten wollen. Und: Opus Dei betreibt und kontrolliert mehrere Universitäten, Landschulheime, Internate im Land.

Spaniens Kirchen bleiben zunehmend leer

Doch die Realität heißt auch: Die Kirchen bleiben zunehmend leer, der Kirche gehen die Gläubigen aus. 77 Prozent der in Spanien lebenden Menschen sind katholisch getauft, 69 Prozent sehen sich zwar als Katholiken, doch gleichzeitig besuchen 62 Prozent aller Getauften „praktisch nie einen Gottesdienst“, wie das Centro de Investigaciones Sociológicas, CIS, 2019 in einer Studie kundtat. 14 Prozent gehen danach zumindest „fast jeden Sonntag und zu Feiertagen“ in die Kirche. Jeder Zweite der 19- bis 24-jährigen bezeichnet sich als nicht gläubig.

Wenn das Santiago wüsste, er setzte sich nicht nur traurig ans Ufer des Ebro, sondern stürzte sich in selbigen. Was hingegen all die Wirrungen der Zeit überstanden hat und auch heute innig bis touristisch gefeiert wird, sind die baulichen und künstlerischen Zeitzeugen der Kirche und ihre folkloristische Abteilung, die Osterprozessionen. Sie überwanden die allein religiöse Zurschaustellung des Heiligen und emanzipierten sich zur Feier einer friedlichen Gemeinschaft, die – ob gläubig oder nicht – das Menschsein als Gemeinsamkeit erkannt hat und so Jesus wohl näher ist, als es die katholische Kirche je war. Spaniens Kirche ist für die Spanier von der Obligation, über die Tradition endgültig auf dem Weg zur reinen Folklore. Sie gehört dazu, aber sie kann immer weniger Schaden anrichten. Oder anders gesagt: Die Idee Jesus, die die Katholiken vom Menschen zum Göttlichen gedreht haben, dreht sich zurück. Jesus wird wieder Menschensohn.

Zum Thema: Dort, wo man Bücher verbrennt... - Heinrich Heine und „sein“ Spanien

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