Uriah-Heep-Frontmann gestorben

Ken Hensley tot: Wie Uriah-Heep-Frontmann in Alicante zum Tierschützer wurde

  • vonStephan Kippes
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Uriah-Heep-Frontmann Ken Hensley ist tot. Der Rockstar zählte zu den letzten Urgesteinen der wildesten Jahre des Rock. Auf einer Finca bei Alicante begann er ein neues Leben. 

Alicante - Die Hammond klang wie früher. Es war der unverwechselbare Klang der 70er Jahre, wie ein warmer Teppich, der sich unter die harten Rhythmen von Gitarre, Bass und Schlagzeug von Uriah Heep schob. Es war sein Instrument. Mit ihr schrieb Ken Hensley Rockgeschichte und verkaufte mehr als 40 Millionen Platten. Und die Hammond ging ihm damals im Sacramento-Studio in Alicante locker von der Hand. Toningenieur Daniel Sáiz Gómez ließ ihn nur zweimal die Klangfarbe wechseln und das Stück für das Album „Love and other mysteries“ war im Kasten. Es war sein letztes Studioalbum. Seit Mittwoch ist Ken Hensley tot, er starb im Alter von 75 Jahren.

Ken Hensley über die wildeste Zeit des Rock and Roll: „Ich habe es überlebt.“

Mit Uriah Heep spielte Ken Hensley in ausverkauften Stadien, Hits aus seiner Feder wie „Lady in Black“, „The Wizard“ oder „Easy Livin’“ gingen um die Welt, seinen Ferrari nannte er Dino, den Rolls-Royce rief er Roller. Auf der Fahrt zum Studio erzählte ich ihm von meinen Lieblingsbands, er Anekdoten, die er mit den Musikern erlebte hatte. Für ihn war Mick Taylor ein netter Kerl aus seiner ersten Band, für mich ein Gott. Ken Hensley führte das Leben eines Rockstars. Sein Fazit über diese wilde Zeit der Exzesse fiel dennoch sehr knapp aus: „Ich habe es überlebt.“

Nach dem Studio ging es nach Hause, die Schafe und Ziege, Katzen und Hunde wollten gehütet werden. Der Hardrocker machte einen auf Freizeitfarmer. Mit seiner Frau führte er bei Agost eine Ranch und eine Stiftung Esperanzastreet, mit der sie streunenden und ausgesetzten Tieren ein Zuhause boten. Am Anfang war das nicht leicht. Seine Frau Mónica schickte ihn gnadenlos mit dem Einkaufszettel los, Spanisch üben. „Ich dachte, ich schaffe das nie.“ Sie war es aber auch, die Ken Hensley überhaupt wieder zurück zur Musik brachte, weil er ohne sie nicht leben konnte.

Ken Hensley spielte bis zuletzt Musik und nahm Alben im Tonstudio in Alicante auf.

„Wenn zu viele Träume wahr werden“ lautete der Untertitel seiner Autobiographie „Blut auf der Landstraße“, die 2007 mit dem gleichnamigen Konzeptalbum über das Leben eines Rockstars erschien. „Niemand verstand damals, was überhaupt vor sich ging. Am wenigsten wir Musiker selbst“, sagt Hensley. Der Vietnam-Krieg prägte wohl seinen Teil dieser Epoche. „Viele junge Leute waren wütend, rebellisch, wollten eine Revolution. Diese nannte sich Rock ’n’ Roll. Es war eine großartige Zeit“, meinte er. 1974 brachte das Heroin Uriah-Heep-Bassist Gary Thain um. Und Ken Hensley registrierte das nicht. Weil er vollgedröhnt war, ihn nur noch das Verlangen nach Kokain bewegte. 1985 raffte die Alkoholsucht Sänger David Byron dahin. Das bemerkte Ken Hensley auch kaum. „Ich glaubte noch immer, mir würde nichts passieren“, sagte Hensley. Da spielte er schon seit fünf Jahren nicht mehr für Uriah Heep und war längst kein Rockstar mehr.

Ken Hensley: „Ich lebte in einer Welt, die von der normalen völlig losgelöst war“

Er erlag der explosiven Mischung aus Erfolg und Exzess. Wie so viele gute Musiker. „Ich lebte in einer Welt, die von der normalen völlig losgelöst war“, meinte er. Rückblickend erschien ihm vieles sinnlos, missen mochte er die Erfahrung dennoch nicht. Er ließ gerne zotige Anekdoten aus dem Backstage-Bereich vom Stapel. Wie jemand, der sich gerne an alte Zeiten zurückerinnert, nicht aber wie jemand, der ihnen nachtrauert. Für Ken Hensley gab es noch ein anderes Leben als das eines Rockstars, für viele seiner früheren Weggenossen nicht.

Nach 13 Jahren hörte Ken Hensley mit den Drogen auf. Keine Therapie, keine Entzugserscheinung. Der Glaube half ihm heraus. „Ich glaube, dass Gott für jeden einen Plan hat, und mit mir hatte er noch etwas anderes vor“, sagte er. Und ihn beschlich das Gefühl, dass er dafür ganz schön anpacken musste. Ihm blieb nicht viel, worauf er sich ausruhen konnte. All die Millionen waren spurlos verschwunden, seine vier Ex-Frauen, meinte er, hätten wohl die besseren Anwälte gehabt. Über 50 Millionen Euro soll er an Tantiemen für „Lady in Black“ kassiert haben, sagt man. Hensley gab mindestens 51 davon aus. Mit nichts neu anzufangen und als Musiker seinen Lebensunterhalt zu verdienen, war für ihn nicht mehr einfach. Es machte das Comeback nicht leichter, dass er 15 Jahre weg vom Fenster war.

Uriah-Heep-Star Ken Hensley und sein Frau Mónica machten sich für viele Benefiz-Events stark.

Und er tourte bis zuletzt, oft quer durch Europa, in Skandinavien, den Ostblockländern, Deutschland und der Schweiz, mal mit seiner Band, mal allein als Liedermacher. In Spanien sah man ihn selten, obwohl er mal das Calper Oktoberfest zum Kochen brachte, bisweilen The Rockets auftrat. Manchmal sah man ihm bei einem Benefizfestival in Moraira an der Costa Blanca irgendwo sitzen und zuhören, ein großer, hagerer ganz in schwarz gekleideter alter Mann mit ewig langen Haaren, Irgendwann stieg auch er mal auf die Bühne und spielte ein paar Lieder - kaum jemand bekam überhaupt mit, dass das Original für sie spielte und nicht eine der vielen Coverbands an der Küste.

Große Hallen und Stadien füllte Ken Hensley nicht mehr , manchmal stellte man ihn als den Typen vor, der „Lady in Black“ schrieb. Das „dumme zwei-Akkord-Liedchen“, meinte er nur. Eins von über 300, die aus seiner Feder stammten. Ken Hensley sah darüber hinweg, es gab Schlimmeres, als mit einem Evergreen identifiziert zu werden. „Ich bin jetzt freier als mit Uriah Heep. Ich kann die Musik machen, die aus mir herauskommt“, sagte er. Früher hatte er mit Uriah Heep alle zehn Monate ein Album auf den Markt bringen müssen. Nun losgelöst von dem früheren Erfolgsdruck, wirkte das Komponieren auf ihn wie eine Befreiung. „Ich bin glücklich, dass ich von meinem Hobby leben kann.“ Mit Workshops, Liedermacher-Kursen und Hilfsaktionen in Afrika tat er viel, dass vielleicht der ein oder andere Nachwuchsmusiker seinen Weg weitergehen kann.

Rubriklistenbild: © Andre Sakarov - dpa

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