Neben einer Kirche im Jugendstil stehen Besucher und einige Bäume.
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Gaudís Sagrada Família brachte Ingenieur Sala Sala auf den Bau des Jugendstil-Tempels in Novelda.

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Kleine Sagrada Família von Novelda: Jugendstil-Route an der Costa Blanca

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Der von Antoni Gaudí in Barcelona geprägte Modernismus inspirierte Ingenieur José Sala Sala zu einem ikonischen Bau: Der Tempel für Maria Magdalena, im Stil einer jungen Rebe.

Novelda - Die Sagrada Família ist nicht nur eines der Wahrzeichen von Barcelona, sondern das wohl berühmteste Bauwerk des spanischen Modernismus. Die markante, von Antoni Gaudí geprägte Variante des Jugendstils inspirierte auch viele andere Künstler aus Spanien. Solche wie José Sala Sala, einen Ingenieur, der eine Art kleine Sagrada Família an der Costa Blanca baute. Der Tempel der Maria Magdalena ist auf dem Burghügel von Novelda zu finden und gehört zur Jugendstil-Route der Stadt, die man neben ihren Weintrauben und ihrem Marmor auch als Heimat des Modernismus kennt. Warum ist das so?

Costa BlancaKüstenabschnitt in Spanien
ProvinzAlicante
Autonome RegionComunidad Valenciana

Kleine Sagrada Família an Costa Blanca: Jugendstil-Route von Novelda

Manche haben einfach das Glück, die Neuheit schon im Namen zu tragen. Der Ort Novelda etwa. Ob damit im Kern ein „Neu-Elda“ in Anspielung auf den Nachbarort Elda gemeint war, oder womöglich „Nova vinya“ (Neue Weinrebe), wegen der Weinfelder im Umkreis, ist unter Linguisten nicht ganz geklärt. Doch markierten schon die Römer mit dem Präfix „Nov-“ im Ortsnamen, dass der Fortschritt in der Stadt an der Costa Blanca irgendwie heimisch ist. So scheint auch eine Jugendstil- oder Modernismus-Route hier genauso gut wie in Barcelona aufgehoben zu sein. Und damit auch eine kleine Sagrada Família.

Jugendstil-Route in Novelda: Kurven und Wellen, die sich zuvor nur Mutter Natur erlaubte.

Wie andere Baustile auch, war der Modernismus eine künstlerische Sprache, die der damaligen Kultur als besonders passend für anbrechende Zeiten erschien. Die dominante Schicht der Gesellschaft versuchte, das Weltbild auf neue Weisen auszudrücken. Gesprengt wurden alte, feste Muster. Man baute und dekorierte mit Formen, die zuvor ein Tabu gewesen waren – mit Kurven oder Wellen, die sich zuvor nur Mutter Natur hatte erlauben dürfen. Pflanzen und ihre Früchte etwa wurden zu Ideengebern für Architekten des Jugendstils. Ob in Barcelona oder an der Costa Blanca.

Spanischer Jugendstil in Novelda: Auf Aufschwung gebaut

Novelda hatte aus wirtschaftlichen Gründen das Glück, damals auf Spaniens modernistischer Welle mitzuschwimmen. 2007 wurde die Stadt im Vinalopó-Tal sogar zur Station der europäischen Jugendstil-Route „Art Nouveau European Route“ gekürt. In der Innenstadt sind die Gebäude Casa Museo Modernista, Centro Cultural Gómez Tortosa oder Casa Mira wahre Perlen des Modernismus. Auf dem Hügel der historischen Burg dagegen beeindruckt der Tempel der Maria Magdalena, die kleine Sagrada Família. Auf den Jugendstil brachte den Ort im Hinterland der Costa Blanca der Puls der Zeit.

Unternehmerfamilien aus Novelda nutzten an der Schwelle zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert geschickt die günstige Lage der Stadt im Hinterland der Costa Blanca. Das Vinalopó-Tal brachte Weintrauben hervor, die Berge dagegen den begehrten, cremefarbenen Marmor. Mit dem Handel und Export auch des „roten Goldes“ Safran füllten sich die Taschen der Geschäftsleute. Um ihren Status zu unterstreichen, bauten sie ihre Villen im Stil, der nicht nur in einer angesagten Stadt wie Barcelona, sondern auch in ganz Europa der neueste Schrei war. Novelda kleidete sich schick in den Jugendstil.

Weltweit einzigartig: Kirche in Form eines Kruges

Erst als die Erfolgswelle bereits am Abebben war, brachte der Jugendstil in Novelda noch eine besondere Frucht hervor: Den Tempel der Heiligen Maria Magdalena auf dem Burghügel. Ein heute kaum bekannter Ingenieur aus Novelda, José Sala Sala, hatte sich im Studium in Barcelona viel von seinem Idol Antoni Gaudí abgeschaut. Von der entstehenden Kirche in Kataloniens Hauptstadt tief berührt, beschloss Sala Sala ein ähnliches Bauwerk an der Costa Blanca zu platzieren. Auch seine kleine Sagrada Família würde mit alten Mustern brechen und neue Welten des Kirchenbaus erschließen.

Wie Antoni Gaudí, verbarg Baumeister José Sala Sala in seiner kleinen Sagrada Família bedeutsame Details. So baute er den Tempel von Novelda in der Form eines Kruges: Dieser steht für das Gefäß mit dem Balsam aus Nardenöl, mit dem Maria Magdalena, die Sünderin aus der Bibel, Jesu Kopf begoss. Eine solche Form einer Kirche gilt sogar auf der ganzen Welt als einzigartig. Ferner hat das Bauwerk von der Costa Blanca mit dem Vorbild aus Barcelona gemeinsam, dass es lange nicht fertig wurde. 1918 begonnen, wurde der Bau zweimal unterbrochen, unter anderem wegen des spanischen Bürgerkriegs.

Krone aus vierarmigen Kreuzen: Gaudí lässt grüßen

1946 gilt als das Jahr, in dem die kleine Sagrada Família von der Costa Blanca fertig wurde. Eigentlich jedoch wartet, wie das Vorbild in Barcelona, auch der Jugendstil-Tempel von Novelda auf seine Fertigstellung. Denn bis heute ist ein wesentliches Element unvollendet: die futuristische Marmor-Orgel im Inneren der Kirche. Bildhauer Iván Larrea entwarf das 40 Tonnen schwere Instrument mit 800 Pfeifen. Wie Gaudís Tempel ist auch das Kunstwerk in Novelda auf Spenden angewiesen. Diese können in der Magdalena-Kirche in einer Box mit einem kleinen Modell der Orgel entrichtet werden.

Wie Gaudís Sagrada Família wartet der Tempel der Magdalena auf die Fertigstellung: Die tränenförmige Marmor-Orgel ist noch im Bau.

Vor allem außen wirkt der Tempel der Maria Magdalena wie eine kleine Schwester der Sagrada Família. Am Eingang beeindrucken die zwei 25-Meter-Seitentürme, von vierarmigen Kreuzen gekrönt, wie man sie von Gaudís Jugendstil kennt. Kieselsteine vom Fluss Vinalopó, bunte Kacheln oder rote Ziegeln kombinierte Sala Sala mit Formen der Gotik sowie der Natur und Biologie. Im Inneren fallen neben dem Altargemälde des Alicantiner Malers Gastón Castelló aber wiederum die Gaudí-artigen schlanken, futuristischen Formen auf, wunderbar abgestimmt mit der Orgel, deren Schmuckelemente an die Tränen der Maria Magdalena erinnern.

Jenseits der Boom-Branchen: Stilles Gedeihen in tiefer Krise

Massen von Besuchern wie in der Sagrada Família in Barcelona wird man in der kleinen Jugendstil-Kirche von der Costa Blanca nicht antreffen. Vielleicht ist das aber auch der große Vorteil des Bauwerks, das nicht nur ein Teil der Jugendstil-Route von Novelda ist. Sondern auch auf dem Camino del Sureste, dem Jakobsweg aus Alicante eine unvergessliche Station darstellt. Womöglich ist gerade diese modernistische Perle auf dem Hügel die letzte Vertreterin ihres Kunststils, die in Novelda noch kein Relikt der Vergangenheit geworden ist.

Zwar erinnern die eleganten Häuser der Stadt noch heute an einen grandiosen Aufschwung. Aber längst sind die damaligen Boom-Branchen Marmor und Weintrauben in einer tiefen Krise. Auf Bewohner, die um Jobs und Existenzen fürchten, wirkt der stolze Modernismus von damals eher wie Schnee von vor-vorgestern. Nur die Santa Magdalena gedeiht auf ihrem Hügel, Tränen aus Marmor weinend, auf ihre Orgel wartend, noch vor sich hin. Ganz langsam und still, wie eine junge Weinrebe. Zum Thema: Ausflug zu Benissas Kapellen.

Die Tourismusinfo von Novelda bietet Material zur Jugendstil-Route an der Costa Blanca. Der Tempel Santuario de Santa María Magdalena öffnet täglich von 10 bis 14 und 17 bis 20 Uhr und kann gemeinsam mit der Burg daneben gratis besichtigt werden. Wer Glück hat, hört die bereits fertigen Orgelpfeifen, die neben dem Altar stehen, Musik spielen.

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