Mehrere Pfarrer stehen in der Kirche von Toledo.
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Erik der Belgier wollte Kunst „in Sicherheit bringen“. In Spanien raubte der Kunstdieb deshalb Kirchen aus.

Kunstdieb an der Costa del Sol

Der Mann, der für Kunst lebte: Erik der Belgier raubte in Spanien Museen und Kirchen aus

  • VonClementine Kügler
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Erik der Belgier war wohl der größte Kunstdieb des 20. Jahrhunderts. In Spanien raubte er Kirchen und Museen aus, später arbeitete er als Berater der Polizei.

Er hat in ganz Europa, vor allem aber in Frankreich und Spanien, Kirchen, Klöster und Museen ausgeraubt und sakrale Kunst gefälscht. Aber er hat als Sammler und Restaurator auch viele Werke vor dem Verfall gerettet und die Polizei beraten, um Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken oder Raubfälle aufzuklären. Erik el Belga, Erik der Belgier, war eine der schillernden Persönlichkeiten, die sich in Spanien niederließen. Jahrzehnte lebte er in Málaga an der Costa del Sol, in siebter Ehe verheiratet mit einer Anwältin, Vater von sechs Kindern. Als René Alphonse Van den Berghe wurde er 1940 in Belgien geboren. Als Erik el Belga ist er im Juni vor einem Jahr in Málaga, Andalusien, gestorben.

Erik der Belgier in Spanien: „Größter Kunstdieb des 20. Jahrhunderts“

Dazwischen liegt ein Leben, das in den Nachrufen in Spanien für treffende Schlagzeilen sorgte: „Vom Messdiener zum Räuber“ („La Vanguardia“), „Der größte Kunstdieb des 20. Jahrhunderts“ („El País“). Seine Witwe hält ihn für „den Mann, der ausschließlich für die Kunst lebte“ („Málaga hoy“). Tatsächlich entdeckte Erik der Belgier, Sohn eines Polizisten und einer Blumen-Malerin, seinen Kunstsinn als Messdiener. Oder als jugendlicher Waffenhändler. Die Aussagen gehen durcheinander. Jedenfalls interessierte er sich besonders für die Materialien. Alte Holzrahmen vom Flohmarkt und natürliche Pigmente, um die Farben herzustellen, ließen seine „flämischen Meister“ und Skulpturen wie echt wirken.

Er wurde Kunsthändler, restaurierte Antiquitäten und nahm Kontakte zu Sammlern auf, die viel Geld zahlten für Altarbilder, mittelalterliche Tafeln und Madonnen-Statuen aus Spanien. Um die zu organisieren, bediente sich Erik el Belga in kleinen Kirchen und großen Kathedralen. Die Überfälle auf Kirchen und Klöster fanden in den 1970er Jahren statt. 6.000 Werke habe er, so schreibt er in seiner Autobiografie, „Aus Liebe zur Kunst“ entwendet, 2.000 davon in Spanien.

Erik der Belgier wollte Werke in Spanien vor Pfarrern „in Sicherheit bringen“

In Sicherheit bringen, nannte er das, denn die meisten Pfarrer hatten keinen Kunstsinn und kein Geld, um die gotischen oder romanischen Skulpturen zu schützen. Viele andere wurden ihm direkt angeboten. Manches als gestohlen gemeldete Werk hat der Klerus ihm für gutes Geld überlassen. Andere bewahrte Erik der Belgier angeblich davor, vom Schimmelpilz oder Holzbock zerfressen zu werden. Der Kunstdieb verkaufte sie weiter, zumeist an private Auftraggeber, die nicht lange nach der Herkunft fragten. Andere gingen in seine eigene Kunstsammlung über.

Wie der berühmt-berüchtigte Fälscher Elmyr de Hory, der Kunstmuseen in aller Welt mit Werken berühmter Maler bestückte, verdiente auch Erik der Belgier viel Geld, indem er vor allem US-amerikanische Museen und Sammler mit angeblichen Originalen begehrter Impressionisten versorgte. Für Kirchen und Kathedralen in Spanien habe er Kopien alter Werke angefertigt, heißt es.

In Katalonien verhaftet: Erik der Belgier saß in Spanien drei Jahre in Haft

Anfang der 80er wurde er in Katalonien festgenommen. Er gab rund 1.500 Werke an ihre Besitzer zurück. Nachdem Erik el Belga in Barcelona eine dreijährige Haftstrafe verbüßt hatte, begann eine neue Etappe. Der ehemalige Kunstfälscher und Kirchenräuber stellte sein Wissen und seine Erfahrung in den Dienst von Polizei, Sammlern und Museen. Schließlich galt er als Experte in Sicherheitsfragen. Fälschungen von echten Schätzen unterscheiden konnte der ehemalige Kunstdieb ebenfalls. Erik der Belgier gab sich als kunstsinniger Meisterdieb mit weißer Weste, der dem Klerus ein Schnippchen schlug und fast straffrei davonkam. Seine Taten bereute er nie.

Bei der Verhaftung fertigte die Polizei ein psychologisches Profil an. Dieses spricht von einer fantasievollen Persönlichkeit, die mehr Fachwissen vortäusche als sie besitze und eher aus Geldgier handelte. In Katalonien, La Rioja oder Extremadura ist man nicht gut zu sprechen auf Erik el Belga. Das Kloster Yuste etwa, in dem Kaiser Karl V. starb, hat er geplündert, in Navarra das Altarbild im Santuario de San Miguel de Aralar abmontiert und anschließend für 100 Millionen Peseten verkauft. 30 Städte litten unter seinen Beutezügen Ende der 70er Jahre in Spanien.

Polizeiberater und Künstler: Eine Bühne für Erik der Belgier

Neben der Arbeit für die Polizei malte Erik el Belga unter dem Namen Erik Van den Berghe. Dabei bediente er sich großzügig aus der spanischen Kunstgeschichte: von byzantinischen Madonnen bis zur geschmäcklerischen Salonmalerei des 19. und 20. Jahrhundert, Landschaften und Stierkampfszenen. 2006 ließ er in Madrid eine Reihe seiner Werke versteigern. Oft steckten wohltätige Zwecke hinter den Auktionen. Ob Meisterdieb oder krimineller Selbstdarsteller, Erik der Belgier hat ein fast filmreifes Leben geführt. Zum Thriller mit Starbesetzung hat es nicht gereicht, aber zahlreiche Interviews und Dokumentarfilme im ZDF und TVE boten ihm eine Bühne – und die hat er bis zuletzt genutzt.

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