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LGBT in Spanien: Autor José Luis Serrano rüttelt an Etiketten - Buch-Cover „Lo peor de todo es la luz“

Schwule Literatur

LGBT in Spanien: Versteckte Homo-Liebe - Autor rüttelt an Etiketten

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Lesbisch, schwul, hetero? In den Büchern von José Luis Serrano aus Spanien verschwimmen die Grenzen zwischen den sexuellen Identitäten. Warum, verriet der Autor uns auf dem LGBT-Festival „Diversa“.

Alicante – Am 28. Juni gedenkt das LGBT-Kollektiv mit dem „Gay Pride“-Tag des homosexuellen Aufstands von 1969 in New York. Die Costa Blanca feiert die Homo-Liebe jeweils im Juni mit dem LGBT-Festival „Diversa“ und interessanten Gästen aus ganz Spanien. José Luis Serrano etwa, ein in der spanischen Schwulenszene populärer LGBT-Blogger und Autor. Im Buch „Lo peor de todo es la luz“ („Das Schlimmste an allem ist das Licht“) rüttelt er an Etiketten: Zwei heterosexuelle Männer lieben sich viele Jahre versteckt, ohne es wahrhaben zu wollen. Die Geschichte bettet Serrano in einen autobiographischen Dialog mit seinem langjährigen Ehepartner ein. Über das Buch sprach der LGBT-Autor bei „Diversa“ mit costanachrichten.com.

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LGBT in Spanien: Versteckte Homo-Liebe - Autor rüttelt an Ettiketten

costanachrichten.com: Mittlerweile werden in ganz Spanien nicht nur Ihre Blog-Einträge, sondern auch Bücher gelesen. Fühlen Sie sich als Buch-Autor angekommen?

Serrano: Drei Romane sollten genug dafür sein. Aber ich gebe mich nicht damit zufrieden, „ein“ Autor zu sein, der nur „weitere“ Bücher schreibt. Vielmehr will ich mich mit jedem Buch neu erfinden.

In Ihrem Buch „Lo peor de todo es la luz“ erleben die Protagonisten ihre Homo-Liebe nur versteckt. Kann man die Story also überhaupt der LGBT-Literatur zuordnen?

Ich würde es andersherum sagen. Das wirklich Schwierige ist doch, „Hetero-Literatur“ zu definieren. Hetero-Identität ist sehr brüchig. Das zeigt auch schon der Blick in die Vergangenheit. Die beste Literatur war immer die von homosexuellen Autoren oder deren, die der Homosexualität zumindest nicht „unverdächtig“ waren: Proust, Shakespeare, Mann, Cervantes, Lorca, Pessoa... Bei diesen Autoren fühle ich mich in guter Gesellschaft.

Ein Merkmal Ihrer bisherigen Bücher ist es, dass die Figuren an gängigen Etiketten rütteln. Welchen Grund hat das?

Ja, das ist bewusst so gewählt. Etikettieren heißt für mich eingrenzen, verkürzen. Es schafft eine Welt für Dumme. Klar, waren Etiketten in der Geschichte immer auch hilfreich. Nehmen wir den Kampf für die Menschenrechte. Aber man muss Etiketten auch ablegen können. Denn erst das Zweifeln veranlasst zum Nachdenken.

Als weiteres Kennzeichen Ihrer Bücher gilt die Subtilität. Die Homo-Liebe bleibt versteckt. Erotische Szenen fehlen. Warum?

Zum einen hat das mit der Handlung zu tiun. Die Figuren haben für Geschlechtsverkehr keine Zeit, weil das Buch früher endet. Hätten sie Zeit, müsste das Buch mit dem Ende der Liebe aufhören oder mit dem Tod, wie jede andere Liebesgeschichte (lacht). Wie auch immer, über Sexualität kann man auch auf subtile Weise schreiben.

Ich glaube an das Zusammenwirken der Kräfte im Kampf. Ob Feminismus, Antirassismus, Kampf für LGBT-Rechte, für Menschenrechte – gemeinsam sind wir stärker. 

José Luis Serrano, Buch-Autor aus Spanien

LGBT in Spanien: Versteckte Homo-Liebe - „Historische Schuld“ mit transsexuellen Menschen

Welchen Stellenwert hat das LGBT-Kollektiv in Spanien im internationalen Vergleich?

Einerseits macht sich das Gesetz zur Gleichstellung der Ehe bemerkbar, das viel früher eingeführt wurde als im Rest unserer kulturellen Umgebung. Auch ist hier die Akzeptanz für LGBT seitens des Hetero-Kollektivs eine besondere. Ich glaube, dass die sehr weite Auffassung von Familie in Spanien eine Rolle spielt. Kaum eine Familie hat kein Mitglied aus dem LGBT-Kreis. Daher sind die Schwulen hier immer „unsere Schwulen“ (lacht).

Aber ist die Bezeichnung „LGBT“, oder wie man aktueller sagen sollte, „LGBTQIA...“, nicht auch ein verkürzendes Etikett?

Sicher sind die Interessen der einzelnen Gruppen des LGBT-Kollektivs verschieden. Aber ich glaube an das Zusammenwirken der Kräfte im Kampf. Ob Feminismus, Antirassismus, Kampf für LGBT-Rechte, für Menschenrechte – gemeinsam sind wir stärker. Zudem haben wir gerade mit den transsexuellen Menschen eine historische Schuld, da sie es in erster Linie waren, die den Kampf für Frauenrechte eröffneten.

Sie sind Mathematiker. Macht sich das irgendwie in Ihrem Schreiben bemerkbar?

Auch Mathematik ist eine Sprache, die jedoch, anders als die Literatur, keine Interpretationen zulässt. Daher spiele ich umso lieber im Text mit der Sprache und lasse jeden Leser etwas anderes herauslesen.

LGBT in Spanien: Autor José Luis Serrano wurde als Blogger „elputojacktwist“ bekannt.

Sie haben es geschafft, vom LGBT-Blogger zum anerkannten Buch-Autor in Spanien aufzusteigen. Wie ist diese Erfahrung für Sie?

Dieser Erfolg ist für mich eine große Überraschung. Das war es aber auch schon, als der Blog von zehn Besuchern am Tag auf 10.000 pro Woche hochging. Die Verleger kamen, und schon verkaufte ich das erste Buch. Wie ich mich seitdem entwickelt habe, das müssen allerdings die Leser sagen.

Schreiben Sie bald wieder?

Das ist unausweichlich. Wenn ich schreibe, befreie ich mich von dem, worüber ich schreibe. Wenn es in mir bleibt, macht es mich verrückt.

Gesagt, getan. Soeben hat José Luis Serrano 2021 das neue Buch „La vida a medias de Andros“ vorgestellt, einen Roman, der, teils in innovativer Dialogform mit dem Protagonisten, eine LGBT-Geschichte erzählt. Serrano wurde in Spanien als Blogger „Elputojacktwist“ bekannt.

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