zwei weingläser auf dem tisch einer bar in spanien
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Informeller Beginn, tiefsinnige Liebe, flüchtiger Abschied. Die Liebe kennt viele Spielarten. Die Wahrheit bleibt im Wein.

Spanisches Rendezvous

Liebe, Lust und Leiden in Spanien - Ihr kleiner Sprach(ver)führer

  • vonMarco Schicker
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Te quiero bedeutet: Ich liebe Dich. Aber auch: Ich will Dich. Ein bisschen forsch, finden Sie nicht? Amouröse Feinheiten der spanischen Sprache vom ersten Rendezvous bis zum erotischen Pulverdampf über Cuenca.

  • Wie erklärt der Mann auf Spanisch einer Frau seine Liebe - und was sagt man lieber nicht?
  • Für den Geschlechtsakt gibt es im Spanischen eine bunte Auswahl frivoler Ausdrücke, aber auch uralte Gleichnisse.
  • Am Ende leiden verlassene Liebende auf der ganzen Welt gleich, doch lieben sie auch gleich?

Madrid - In Sozialen Netzwerken geistert immer mal wieder der Witz umher, dass Spanier und Deutsche den gleichen Stammvater hätten: Julio Iglesias. Dieses Schlager singende Trugbild eines Mannes hat viel zum Klischee des oberflächlichen, lästig romantisierenden Latin-Lovers beigetragen, das sich in nördlichen Breiten teils hartnäckig hält. Fragen Sie mal die spanischen Frauen, was die von diesem Typus halten!

Ein Text über die Liebe und die Lust der Spanier soll vor Klischees nur so triefen, sonst macht er doch keinen Spaß. Dabei wollen wir aber versuchen, den Männern aller Länder möglichst gleichmäßig auf den Schlips, - ja, belassen wir es bei Schlips, zu treten.

Spanien, Deutschland: Männer sind überall gleich - Frauen überall gleich großartig

Wer sein Bild vom spanischen Mann oder dem, was der spanischen Frau gefällt, noch immer aus der Farbpalette des so verführerischen wie rücksichtslosen Ibero-Machos, des spöttelnden Schwerenöters Don Juan und der feurigen Gitana Carmen koloriert, sollte seinen Pinsel, - ja, belassen wir es bei Pinsel, mal in andere Farben tauchen. Die Männer in Spanien sind in der Liebe genauso großartig und hilflos, romantisch und mitleiderregend wie die deutschen oder Herrschaften sonstiger Nationen, tragen nur seltener Socken in den Sandalen und haben oft dunklere Haare. Die Frauen sind einfach nur großartig. Immer und überall. Natürlich.

Statue für Don Juan in der Altstadt von Sevilla, den „burlador“, wörtlich Spötter und Verführer. Er prägte das Bild des spanischen Liebhabers, ist aber ein universeller Archetyp.

Strand, Sauerkraut und horizontale Pünktlichkeit

Wie erklärt man auf Spanisch einer spanischen Frau seine Liebe? Zu den Männern kann ich naturgemäß nicht viel sagen, ich höre meist nur Klagen, von spanischen Frauen, aber auch von solchen, die aus dem Ausland kamen mit einer überromantisierten Vorstellung vom Latin-Lover, der sie auf Händen durch die Gischt der Wellen ins Sternenzelt der Liebe trägt. Die Realität ist meist banaler, das fängt schon mit dem vermaledeiten Sand am Strand an.

Doch auch die Erwartungshaltung der spanischen Frau hangelt sich mitunter an Vorstellungen entlang, die sie weiß-der-Geier-wo inhaliert hat. So dachte ich einmal zunächst, sie macht mir ein Kompliment als sie sagte: „Du bist eigentlich überhaupt nicht richtig deutsch, - so als Mann“. Ich war verwirrt, denn ihr Ton trug Enttäuschung. Was erwartete sie? Eine Art von preußischem Parade-Sado-Maso, Marschmusik beim Liebesakt, einen Sauerkraut-Fetisch oder einfach nur absolute horizontale Pünktlichkeit?

Te quiero, te amo, te adoro... - und ein Notausgang

Frauen, besonders die spanischen, erklären ihre Liebe nicht, sie geben einen beiläufigen Wink, einen Gnadenerweis, bereit zu sein, sich die Avancen der Männer vorführen, sich den Hof machen (hacer la corte) zu lassen. So gesehen sind sie traditionell, denn das sind die ganz alten Spielregeln Amors, dem Gott der Liebe. Und der ist selbstverständlich eine Frau. „Amor, der schlaue Plagegeist des menschlichen Geschlechts“, wie Cervantes ihn nennt und den wir hier lieber zitieren als Julio Iglesias. Als Meisterschützin hat Amor einen Heidenspaß dabei, den putzigen Männlein bei ihren wackeligen Zielübungen zuzuschauen. Zumal sie längst alles mit dem ersten Blick entschieden hat.

Klischees entstehen, weil sie wahr sind, schrieb mal irgendwer. Und die Wahrheit des Gedanken liegt letztlich in der Sprache. Sie deckt alles auf: Das landläufige: „Te quiero“, heißt auch „Ich will Dich“. Spanien, ein Land der Conquistadores, der Eroberer. Feingeistigen Aspiranten könnte das zu forsch erscheinen, doch bekanntlich macht der Ton die Musik. „Te quiero“ hat den Vorteil, elegant verlängert werden zu können: Antwortet die Angebetete mit einer abwertend hochgezogenen Augenbraue oder dem Ansatz einer Ohrfeige (lateinisch: hostia), erwidert man: „Te quiero ... äh... ver feliz...“, „Ich will dich ..- stammel - .. glücklich sehen.“ Ein verbaler Notausgang, den uns die spanische Liebesgöttin in den Köcher gesteckt hat.

Liebeserklärungen und gehobene Gassensprache: Dick auftragen mit Stil

Je nach Laune und Vorsehung werden Sie von der Angebeteten dann zur „pareja sentimental“ geadelt, dem amtlichen Ausdruck für ein Liebespaar oder Neuspanisch in die „friendzone“ verschoben, das „wir können aber Freunde bleiben“ ist bekanntlich die Höchststrafe im Kodex der emotionalen Zurückweisung. Es gibt aber einen Mittelweg, der beglückt sie mitunter zum „Follamigo“, diskret übersetzt: ein Freund mit Sonderrechten. Das Mitspracherecht ist in keinem Fall inkludiert. Das letzte Wort hat sie. Wie schon erwähnt, der Gott der Liebe ist eine Frau.

Das Spanische kennt natürlich auch das „Te amo“. Den Liebesgott als Verb. Aber damit liebt man auch die Heimat oder die Mutter. „Te adoro“ ist zwar ritterlich, aber das Verehren, was es wörtlich heißt, ist ein bisschen aus der Mode und macht den Verehrer verbal älter als er vielleicht ist.

Die Liebe schaut durch eine Brille, die aus Kupfer Gold macht, aus Armut Reichtum und aus Tränen Perlen.

Miguel de Cervantes

Allerdings darf man in Spanien ruhig ein bisschen dicker auftragen, denn die Frauen hier haben sich bei all dem verbalen Feuerzauber angewöhnt, das meiste mit einem Lächeln zu überhören und ins Archiv nett gemeinter Verlogenheiten wandern zu lassen.

Ist der Mann nun doch dort angelangt, wo er nach alter Überlieferung immer und einzig hin will, schlagen wir ein äußerst buntes Kapitel sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten auf. Die meisten romantischen bis vulgären Arten den Sexualakt auf Spanisch zu bezeichnen, lassen sich durch Übersetzung einigermaßen nachvollziehen. „Acostarse con alguien“ - mit jemandem schlafen, „Hacer el amor“ - Liebe machen. So weit, so langweilig. Schon beim „mojarse“ - sich anfeuchten, auch für eindippen verwendet und der gehobeneren Gassensprache entsprungen, könnten indes Missverständnisse entstehen, die auf eher exzentrische Sexualpraktiken deuten, denn das Wort findet auch als Einnässen Verwendung.

Warum bei Sex nach Cuenca schauen?

Zwar sind die Krauftausdrücke „follar“ und „joder“ recht eindeutig zuzuordnen, doch Ersteres kann auch das Blasen mit dem Blasebalg oder das Zerlegen in einzelne Schichten bedeuten. Kopfkino läuft? Wie im Englischen kann man auch negativ „estoy jodido“ oder „me han follado“, also gefi..., reingelegt, erledigt, erbost, sein. Diese Ausdrücke beherrschen in unendlichen Abwandlungen die Alltagssprache.

Ein Kellner erzählte mir mal, dass er die Aufforderung eines Berliner Gastes, „Haste Feuer?“ als „Hazte follar“, also „Such dir was zum Vögeln“ missverstand und Spanier ein „I follow you“ stets mit einem inneren Kichern begleiten, denn das ll wird von von ihnen in jeder Sprache hartnäckig als j ausgesprochen. Daher wird aus dem follow im Spanischen der Vollzug in der ersten Person.

Zwei Begriffe zur Bezeichnung des Beischlafs fallen indes gänzlich aus der Reihe: „Poner mirando pa’ Cuenca” (in etlichen Varianten), also in etwa „sie gen Cuenca schauen lassen“ sowie „Echar un polvo“ - „ein Pulver einwerfen“. Was hat das kastilische Städtchen Cuenca so Erotisches an sich und wieso Pulver, wenn es doch eher um Feuchtgebiete geht?

Cuenca liegt von Madrid gesehen auf einer Luftlinie nach Mekka und die mit der Phrase erwünschte Stellung ähnelt jener der Moslems beim Gebet. Machismo, Sexismus und Xenophobie geballt in vier kurzen Worten? Um nicht so offensichtlich islamfeindlich daherzukommen, schob der gewitzte spanische Volksmund Cuenca - übrigens eine wundervolle Stadt - vor Mekka, das einst auch eine bedeutende islamische Gemeinde beherbergte und die Redensart war wasserdicht gemacht.

Alles, worauf Liebe wartet, ist Gelegenheit.

Miguel de Cervantes

Vorsicht mit dem „polvo“

Echar un polvo“ wiederum stammt aus der Zeit der Salons, in denen sich die Herren dezent für ganz kurz in ein dunkles Eckchen zurückzogen, um sich etwas Schnupftabak einzuwerfen, ohne dabei die Umstehenden allzu sehr zu belästigen und, um gleich darauf wieder zur geselligen Tagesordnung überzugehen. Laden Sie Ihre Liebste lieber nicht auf solch einen „polvo“ ein, wenn Sie sich ihres Humorverständnisses nicht vollständig im Klaren sind, sonst „estás jodido“ und zwar zu Recht und länger als ein Quickie, spanisch Kiki, dauert.

Drama please: Desamor heißt das schöne, vielschichtige Wort auf Spanisch, der mehr ein Prozess als ein Zustand ist, wenn Amor die Flügel hängen lässt.

Desamor: Melancholisches Ende

Irgendwann ist der „luna de miel“, der Honeymoon vorbei, Lucifer vertreibt Amor und die Dinge gehen in die Brüche. Die Spanierin macht das kurz, knapp, effizient, mit einem kleinen dramatischen Olé-Effekt: Die Beziehung wird „cortada“, also getrennt, ja durchschnitten. Der besten Freundin wird mitgeteilt: „he hecho la cruz“, dass sie über Sie das Kreuz der letzten Salbung gemacht hat, - Sie wurden emotional beerdigt.

Das Spanische kennt für das Durch- und Nachleiden dessen, was dann kommt, das bittersüße Wort „Desamor“. Das ist Amor, dem die Pfeile ausgegangen sind. Man kann es vielleicht mit ent-lieben übersetzen, aber man muss auch nicht alles in Worte fassen, wenn man fassungslos am Boden liegt. Desamor ist ein Abschied mit Leid, aber ohne hassen zu müssen.

„Die Liebe ist unsichtbar, kommt und geht wie sie will und niemand kann Rechenschaft über ihr Handeln fordern“, sagt Cervantes . „Es ist was es ist, sagt die Liebe", meint der deutschsprachige Dichter Erich Fried, womit sich die beiden Kulturen am Ende einig sind und auf den Punkt treffen, wie die launische Amor leider nicht immer.

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