Eine Christus-Figur hängt in Madrid im Museum an Kampfjet.
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Madrid: Bissige Kritik an Kirche - León Ferrari: Christus am Kampfjet

Ostern in Spanien

Madrid: Bissige Kritik an Kirche - Ausstellung provoziert Spanier

  • vonClementine Kügler
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Noch bis nach Ostern stellt in Spanien das Museum Reina Sofía die Welt des León Ferrari aus: Christus am Kampfjet, Vogeldreck auf Michelangelo. Bis 12. April, über die Kunst der Ketzerei.

Madrid - Bis 12. April können sich Kunstfreunde zu Ostern in Spanien eine besondere Freude machen und im Museum Reina Sofía in Madrid in die Welt des argentinischen Künstlers León Ferrari (1920-2013) eintauchen. Mit verschiedenen Techniken machte er seiner bissigen, ätzenden Kritik an totalitären Regimen und der katholischen Kirche, die allzu oft an ihrer Seite stand, Luft und rüttelt den Betrachter auf.

León Ferrari Künstler
Geboren: 3. September 1920, Buenos Aires, Argentinien
Verstorben: 25. Juli 2013, Buenos Aires, Argentinien

Madrid: Bissige Kritik an Kirche - León Ferrari, die Kunst der Ketzerei

Wer um Ostern 2021 nicht nach Madrid fährt, gewinnt auf der Webseite des Museums Reina Sofía einen Einblick per Video, und wer Spaniens Hauptstadt erst nach dem 12. April besucht, wird anschließend noch einen Blick auf einige Arbeiten werfen können. Denn die Familie von León Ferrari hat einen Teil seines Legats dem Museum gestiftet: 15 Collagen, Zeichnungen, Videos, ein mit Vogeldreck beschmiertes „Jüngstes Gericht“ von Michelangelo aus der Serie „Exkremente“ und 219 einzige Kopien von Objekten und Serien.

Die Ausstellung „La bondadosa crueldad. León Ferrari 100 años“ (Gütige Grausamkeit. 100 Jahre León Ferrari) zeigt in Madrid und anschließend in Eindhoven und in Paris einen Künstler, der bei aller bissigen Kritik hohes Ansehen als kreativer Aktivist verdient und in Europa noch als Geheimtipp gilt. Der Titel ist der eines Buches mit Gedichten und Collagen, das Ferrari 2000 seinem Sohn Ariel gewidmet hat. Ariel ist als eines der vielen Opfer der argentinischen Diktatur 1977 verschwunden.

Madrid: Bissige Kritik an Kirche - Komplizin der Diktatur

Formale Experimente, Poesie, Konzeptkunst, politische Anklage bis zu bissige Kritik bilden seit den sechziger Jahren die Basis seines Werks. Sein Einsatz für die Menschenrechte, zu der auch eine ausreichende medizinische Versorgung gehört – seine Tochter war an tuberkulöser Meningitis erkrankt – ließ bis in sein hohes Alter nicht nach. León Ferrari entlarvt Machtdiskurse und visuelle Rhetorik. Ein Bild macht die trockene Theorie verständlich: „Die Justiz“ (1991) nennt er eine Installation, in der ein (ausgestopfter) Vogel in einem Käfig über einer Justitia-Waage hängt. Der Vogeldreck beschmutzt den Fuß der Waage und eine der Schalen.

Madrid: Bissige Kritik an Kirche - Vogeldreck auf Justizia-Waage.

Der Fuß mit Waagebalken erinnert an das Heck eines Flugzeugs, und Flugzeuge spielen eine große Rolle im Werk Ferraris. Viele der in der Diktatur von den Schergen ergriffenen Regimegegner oder verdächtigte Oppositionelle wurden lebend aus Flugzeugen in den Río de la Plata oder Atlantik geworfen. Sie wurden nie gefunden und gelten als verschollen, obwohl jeder weiß, was mit ihnen geschah. „Wir wussten nichts“ heißt eine Serie León Ferraris von 1976 mit Zeitungsausschnitten aus der argentinischen Tagespresse.

Madrid: Bissige Kritik an Kirche - Christus am Kampfjet

Die argentinische Militär-Diktatur (1975 bis 1983) gilt als eine der Grausamsten. Die Kirche spielte mit und missbrauchte den Namen der Religion. Wie ein Sinnbild erscheint León Ferraris Christus, der auf einem Kampfjet wie am Kruzifix gen Boden saust. Allerdings ist diese Arbeit schon 1965 entstanden als Kritik am Vietnam-Krieg. „Die westliche und christliche Zivilisation“ lautet der ironische Titel. Der Flieger ist ein US-amerikanisches Bombenflugzeug. 2007 wurde dieses Werk auf der 52. Biennale in Venedig noch einmal ausgestellt, Ferrari erhielt den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk.

1976 ging Ferrari nach Brasilien ins Exil und kehrte erst 1991 nach Argentinien zurück. Anfang der 1950er Jahre hat er in Italien gelebt und als Autodidakt begonnen, Terrakotta-Skulpturen zu gestalten. Sein Vater war ein Maler, Fotograf und Architekt, der in Argentinien viele Kirchen baute. Der Sohn nahm Grundrisse und Pläne der Gottestempel als Grundlage für seine ketzerischen Werke. Mit Spanien verbanden ihn Poesie und Briefe Rafael Albertis. Text und Schrift waren Bestandteil vieler seiner Werke.

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Die Atombombe als „Hölle auf Erden“, die „Entdeckung Amerikas“, Hitler oder George Bush Jr. als Ikonografie des Bösen finden sich ebenso wie religiöse Werke von Michelangelo oder Fra Angelico, denen er eine erotische oder skatologische (also Fäkalien betreffende) Note verpasst, um ihre Verherrlichung grausamer Doktrin anzuprangern.

2004 brachte ihm seine bissige Kritik an der katholischen Kirche, die im Namen der Religion die Folter verteidigt, gerechtfertigt und praktiziert hat – gütige Grausamkeit oder Unbarmherzigkeit –, in Buenos Aires bei einer Retrospektive sonoren Ärger ein. Der Erzbischof der argentinischen Hauptstadt nahm Anstoß an Ferraris „Höllen-Objekten“. Ein „Jesus im Toaster“ oder eine „Muttergottes im Mixer“ duldete er nicht und ließ die Ausstellung schließen. Sein Name: Jorge Bergoglio, heute Papst Franziskus. Den Streit um Meinungsfreiheit oder Verletzung religiöser Gefühle legte ein Gericht mit dem Öffnen der Schau bei. Ferrari entschied: Die wirkliche Hölle sind Intoleranz und blinder Glaube.

„La bondadosa crueldad. León Ferrari 100 años“ ist bis zum 12. April im Museo Reina Sofía in Madrid ausgestellt und kann virtuell auf www.museoreinasofia. es/exposiciones/leon-ferrari besucht werden.

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