Die Kluft einer Landfrau steht vor einem Schwarzweiß-Foto.
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Nicht nur Madrid: Im ländlichen Elche ehrte eine Ausstellung im Museo Pusol die Landfrauen.

Frauen und Feminismus

Spanien ist nicht nur Madrid: Junge Autorinnen schreiben gegen die Landflucht

  • VonClementine Kügler
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Eine neue Frauen-Generation erhebt in Spanien mit Büchern das Wort gegen die Benachteiligung des Landlebens. Von „historischer Schuld“ und dem „Horror“, sich fortzupflanzen.

Madrid - Feminismus spielt eine Rolle, das ist keine Frage. Rollenfindung, Geschlechteraufteilung, Muttersein, prekäre Arbeitsverhältnisse und Landflucht werden anhand autobiografischer Erlebnisse in Literatur verwandelt. Wenn Frauen Bücher schreiben, werden sie gefragt, wie sie sich als schreibende Frauen fühlen, während die männlichen Kollegen über ihre neuen Werke Auskunft geben dürfen, schimpft Sabina Urraca (San Sebastián, 1984) in der Tageszeitung „El País“ aus Spanien. Sie hat mit der fiktiv-biografischen Erzählung „Las niñas prodigio“ (2017) einen Hit gelandet und ist als Journalistin und Schriftstellerin eine Art Wortführerin der Generation von Autorinnen, die in den 1980er und 1990er Jahren geboren wurden.

SpanienLand
Hauptstadt: Madrid
Bevölkerung: 46,94 Millionen (2019)

Spanien ist nicht nur Madrid: Junge Autorinnen schreiben gegen Landflucht

Viele dieser Autorinnen kommen nicht aus den Metropolen Madrid und Barcelona, sondern aus Spaniens von Landflucht so betroffener Peripherie. Die Verknüpfung feministischer Sichtweise und Provinz ist samt des sich anbietenden Lokalkolorits eine erfolgreiche Mischung. Die Tierärztin und Autorin María Sánchez (Córdoba, 1989) hat erst mit dem Lyrikband „Cuaderno de campo“ Erfolg gehabt, dann mit dem 2019 erschienenen Essay „Tierra de mujeres“. Zum Buch motiviert hat sie „die historische Schuld an allen Frauen“, sagt Sánchez.

Das Landleben ist ohne die Frauen, die Bäuerinnen, Hirtinnen und Viehzüchterinnen, Köchinnen und solidarischen Nachbarinnen unvorstellbar, aber sie werden selten genannt, Grundbucheintragungen und Konten tragen nicht ihre Namen, ihre Geschichten werden nicht weitergegeben, erzählt die Autorin in einem Interview in „Vogue“. „Das angebliche ländliche Matriarchat ist eine Lüge“, fasst sie zusammen. Zusammen mit Lucía López Marco hat sie das Manifest „Hermanas de Tierra“ in Umlauf gebracht, das sich für die Rechte der Landfrauen einsetzt.

„Vulkanischer Erfolg“: Auf den Inseln hätte das Buch keinen Erfolg gehabt

Spanien, España: Das Land trüge einen weiblichen Namen, und mit dem Feminismus erreichten wir Ernährungssouveränität, sozio-ökonomische Umwandlungen, soziale Bewegungen, eine andere Lebensweise und andere Formen des Konsums. „Der ländliche Feminismus hat andere Formen und Rhythmen als der in Großstädten. Das müssen wir verstehen und unterstützen“. Andrea Abreu (Teneriffa, 1995) hat drei Jahre in Madrid gelebt, sich dann aber wieder nach Teneriffa zurückgezogen.

Zuvor brachte die Autorin aus Spanien ihr Buch „Panza de burro“ (2021) heraus, die Geschichte vom Erwachen zweier Mädchen auf einer Insel unter dem Vulkan. Urraca hat das Werk verlegt und freut sich über mehr als 30.000 verkaufte Exemplare. Einen „vulkanischen Erfolg“ nennt die Kritik dann auch das Buch, dessen Titel so viel wie „Wolkenmeer“ bedeutet, ein meteorologisches Phänomen auf den Kanaren. Hätte sie das Buch auf den Inseln verlegt, hätte es nicht den Erfolg gehabt, erzählt Abreu in „El País“.

 „Mit Romantik hat das nichts zu tun. Unsere Generation lebt unter prekären Umständen.“

Sabina Urraca, Autorin aus Spanien

„Teneriffa ist die Peripherie der Peripherie, der Nordosten Afrikas“, sie musste nach Madrid und Italien, dachte sie, um kulturell etwas zu erreichen, jetzt geht es in ihrer kanarischen Heimat weiter, denn die verschiedenen Geografien und linguistischen Feinheiten Spaniens gewinnen an Leserschaft. Die orale Sprache Abreus war es, die die Verlegerin Urraca überzeugte und viele Leser hinreißt.

Landflucht in Spanien: Standpauke für Pedro Sánchez

Die Schriftstellerin Ana Iris Simón (Ciudad Real, 1991) dagegen lebt in Aranjuez und findet es bezeichnend, dass sie früher die Großstadtgeschichten Ray Lorigas verschlang, während heute „Panza de burro“ mit ländlicher Identifikation mehr Erfolg hat. Sie verteidigt in ihrem autobiografischen Bestseller „Feria“ das vergangene Landleben in der Mancha, die Erinnerung, Tradition und Familie und den Wunsch, Kinder zu bekommen. Sie wird dafür von Lesern geliebt und von anderen als Neofaschistin beschimpft.

Ana Iris Simóns Romantisierung der Mutterschaft teilt Urraca überhaupt nicht: „Der Horror, den die Welt in mir produziert, lässt mich nicht begreifen, dass die Leute sich fortpflanzen wollen“, sagt sie. Simón stellt klar, dass die Rückkehr in die Heimatdörfer oft wirtschaftlichen Umständen geschuldet ist. Als Regierungschef Pedro Sánchez im Mai eine Rede gegen die Landflucht hielt, erwiderte sie ihm in den Sozialen Netzwerken mit einer viralen Standpauke: die Regierung müsse etwas tun, damit die jungen Leute nicht schlechter als ihre Eltern damals lebten, damit sie ihr Recht auf Wohnung, Arbeit und Familie umsetzen könnten.

Nur noch eine Schule für acht Dörfer. Im Vall de Gallinera (Costa Blanca) werden nur wenige Schüler unterrichtet.

Ihr Beispiel steht für viele einer Generation, die Wirtschaftskrise und Kurzarbeit, Niedriglöhne und überteuerte Mieten prägen. Dem demografischen Desaster würde Sánchez so nicht Herr werden. Spanien ist bekanntlich das Land mit der geringsten Geburtenrate und höchsten Lebenserwartung.

Auch die kleinen Orte in Spanien haben Bibliotheken

Um ihr erstes Buch zu schreiben, zog sich auch Sabina Urraca ein Jahr in die Bergwelt der Alpujarras zurück. Nicht, weil das Landleben so schön ist, das ist es zweifellos, sondern weil sie pleite war und dort mit wenig Geld auskam. „Mit Romantik hat das nichts zu tun. Unsere Generation lebt unter prekären Umständen.“

Das hat sich für sie inzwischen geändert, Urraca hat nicht nur die Alpujarras und Madrid und Barcelona hinter sich gelassen, sondern ist dank eines Stipendiums nach Iowa geflogen. Dort macht sie einen Master in kreativem Schreiben, wie Nobelpreisträgerin Louise Glück oder der ewige Kandidat Philip Roth. Im Grunde ist es inzwischen dank Internet egal, wo man lebt. Und trotz Landflucht darf man nicht vergessen, auch die kleinen Orte in Spanien haben heute Bibliotheken.

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