Spanien erlöst Musiker

Madrid knackt Beethoven-Rätsel: Oma war Spanierin - Metronom nicht defekt

  • vonStefan Wieczorek
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Zum Jubiläum von Ludwig van Beethoven erinnert Spanien daran, dass der Komponist zu einem Viertel Spanier war - und will in Madrid das Rätsel um das Tempo seiner Stücke gelöst haben.

Madrid - Spanisch an Ludwig van Beethoven kam der Welt seit langem einiges vor. Nehmen wir das Rätsel um seine Tempoangaben. Eine unspielbar schnelle Geschwindigkeit verlieh das Genie einigen Stücken auf den Partituren. Lange ignorierten Musiker den Umstand, spielten einfach so, wie sie konnten. Nun aber, pünktlich zum Jubiläum - 250 Jahre Beethoven - soll das Rätsel gelöst worden sein. Wo? In Spanien.

Ludwig van BeethovenKomponist
Geboren: Dezember 1770, Bonn, Deutschland
Verstorben: 26. März 1827, Wien, Österreich
Getauft:17. Dezember 1770
Großeltern: Ludwig van Beethoven, Johann Heinrich Keverich, Anna Clara Keverich, Maria Josefa Ball

250 Jahre Beethoven: Spanien lüftet Tempo-Rätsel - Oma war Spanierin

Schon lange glauben Musiker, dass das Rätsel etwas mit dem Metronom zu tun haben muss, das Ludwig van Beethoven nutzte. Als einer der ersten nutzte der Komponist das Gerät, das Johann Mälzel frisch erfunden hatte. Präzise maß es die Geschwindigkeit. Die alten Angaben wie „allegro“ oder „andante“ schienen passé. Die neuartigen Angaben in Beethovens Partituren waren aber alles andere als so klar, wie es das Gerät versprach. Jahrhundertelang verzweifelten Musiker am viel zu schnellen Tempo der Beethoven-Stücke. Auf eine erlösende Idee kam bisher niemand.

Pünktlich zum Jubiläum „250 Jahre Beethoven“ sei das Tempo-Rätsel endlich gelöst worden, melden die Musikforscher aus Madrid. Bevor wir zum Ergebnis der spannenden Studie kommen, überlegen wir noch kurz, ob es wirklich Zufall ist, dass ausgerechnet Spanien das Mysterium um das Tempo des Komponisten knackt. Vielleicht hat es mit seinem Temperament zu tun: Denn Beethoven war tatsächlich Spanier, zumindest zu einem Viertel.

Ja, von Ludwig van Beethoven weiß man gar nicht so viel, wie es scheint. Nicht einmal, wann genau er in Bonn geboren wurde. Der 17. Dezember 1770 ist das Datum seiner Taufe. Sicherer ist die Herkunft seiner Oma, María Josefa Poll, die wohl im Erbfolgekrieg aus Spanien nach Deutschland floh. Dieser spanische Akzent in Beethovens Leben lag lange im Dunkeln. Zur Vorfahrin gaben Biographien meist einfach keine Herkunft an. Amerikanische Forscher waren die ersten, die die Spanierin als solche bezeichneten. 2018 tat dies auch der Spanier Andrés Ruiz Tarazona im Buch „España en los grandes músicos“.

250 Jahre Beethoven: Komponist im spanischen Liebesdreieck

Darin akzentuierte der Musikforscher, dass Ludwig van Beethoven sein Leben lang ein auffälliges Faible für Spanien zeigte. Seine einzige Oper „Fidelio“ spielt in Sevilla. Auch mit „Egmont“ widmete Beethoven ein Werk einem Helden des spanisch-französischen Kriegs. Immer habe er sich für Nachrichten aus Spanien interessiert.

So habe Ludwig van Beethoven auch seinen Neffen Karl auf eine spanische Schule geschickt. Errichtet hatte sie in Wien Cayetano Anastasio del Río, ein Aristokrat aus Spanien. Mit diesem war Beethoven befreundet und dadurch in ein tragisches Liebesdreieck verwickelt. Denn del Ríos Tochter Nanny gefiel dem Komponisten außerordentlich gut, er ihr allerdings nicht so. Stattdessen stellte ihre Schwester Fanny ihm nach – was er wiederum nicht wollte.

Ein Happy End war dem deutsch-spanisch-Wiener Dreieck zwar nicht vergönnt. Jedoch habe Familie del Río dem keineswegs pflegeleichten Komponisten immer herzlichst beigestanden – ob bei Wutzuständen, Krankheiten oder Melancholien – wie sonst kaum jemand, erzählt Musikexperte Ruiz in „El País“. Die del Ríos schienen sich an Ludwig van Beethovens aufbrausendem Temperament weniger zu stören – vielleicht, weil sie Spanier waren?

250 Jahre Beethoven: Jubiläums-Plakat aus Altea.

250 Jahre Beethoven: Deutscher Komponist in Spanien absolut in

Fest steht, dass Ludwig van Beethoven in Spanien im 19. Jahrhundert absolut in war. Mit seiner Musik gründete sich etwa 1863 die Sociedad de Cuartetos in Madrid. Groß feierte Spanien die Premieren aller seiner Werke, vor allem natürlich der in Spanien spielenden Oper „Fidelio“ im Teatro Real. Über den Mythos Beethoven debattierte im 20. Jahrhundert Spaniens großer Essayist José Ortega y Gasset. 1927, hundert Jahre nach Beethovens Tod, verglich Spanien ihn mit Goya, der nur ein Jahr nach ihm starb.

Sagenhaft spielte das RTVE-Orchester 1965 im Teatro de la Zarzuela Ludwig van Beethovens fünfte Sinfonie. Und, und, und. Auch im Jubeljahr 2020 war Spanien mit Beethoven-Hommages von Anfang an vorn dabei. Zum Glück. So gab es noch vor Corona die Musik des Deutschen, der eine Prise Spanien in sich trug, live zu hören.

250 Jahre Beethoven: Rätsel in Madrid gelüftet - Metronom war nicht kaputt

Nun zu des Tempo-Rätsels Lösung. 170 Stunden Musik von Ludwig van Beethoven analysierten die beiden Musikforscher Almudena Martín und Iñaki Úcar, kauften Metronome, nahmen sie auseinander, rechneten, maßen, spielten nach. Erst nach einem Jahr harter Arbeit fiel der Groschen: Beethovens Gerät war nicht defekt, wie viele dachten. Aber er las es falsch.

Am kleinen Gewicht an der Nadel nahm Ludwig van Beethoven die Zahlen unten, statt oben. Das führte zur Differenz von zwölf Schlägen, die Musiker zweier Jahrhunderte zur Verzweiflung treiben sollte. Offenbar hatte das temperamentvolle Genie die Gebrauchsanweisung nicht gelesen. Wie es Millionen passiert, etwa wenn sie ein neues Spielzeug zu Weihnachten bekommen. Millionen Spaniern, Millionen Menschen.

250 Jahre Beethoven: Den Komponisten unter Corona digital erleben

Rund um die Welt hat das Jubiläum „250 Jahre Beethoven“ dem Coronavirus zum Trotz – geniale Ideen sprießen lassen, um zumindest auf digitalem Wege den Komponisten gebührend zu feiern. In Spanien schuf die Stiftung „La Caixa“ ein Online-Konzert, worin ein Sinfonieorchester, zwei Chöre und drei Schauspieler eine musikalische Reise durch die Welt des Ludwig van Beethoven gestalten.

Eine weitere starke Erfahrung bietet „Symphony“, ein Projekt des venezolanischen Musikers Gustavo Dudamel. 40 Minuten lang erlaubt es eine 3D-Brille, sich mitten im Konzert mit Musik großer Komponisten – natürlich auch Ludwig van Beethoven – wiederzufinden. Bis 19. Januar in Madrid am Palacio Real, später in Granada und Málaga.

Rubriklistenbild: © Rathaus

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