Glockenturm. Im Orangenhof der Moschee-Kathedrale von Córdoba
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Einst Minarett, seit 500 Jahren Glockenturm. Im Orangenhof der Moschee-Kathedrale von Córdoba.

Weltkulturerbe in Spanien

Moschee-Kathedrale von Córdoba: Weltkulturerbe in Andalusien hängt an Gnade der Kirche

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Das Domkapitel der Mezquita-Catedral von Córdoba verspricht mehr Geld für die Instandhaltung eines der wichtigsten Baudenkmäler Spaniens. Doch die Intransparenz der katholischen „Hausbesetzer“ setzt dem über 1.000 Jahre alten Architekturensemble ebenso zu wie Alter und Besuchermassen.

Córdoba - Sisyphos' Strafarbeit erscheint fast wie ein lockerer Ferienjob gegen die monumentale Aufgabe, die Moschee-Kathedrale von Córdoba in Schuss zu halten. Das Direktorium dieses grandiosen steinernen Monuments zweier Weltreligionen - und Albtraums der Konservatoren - hat jetzt zumindest etwas Konstanz zugesagt und reserviert für die kommenden zehn Jahre jährlich 2,5 Millionen Euro für die Instandhaltung der Mezquita-Catedral. Wer die Dimensionen der Anlage kennt, sieht, dass das ein Tropfen auf uralte Steine ist.

Moschee-Kathedrale von Córdoba: Über zwei Millionen Besucher jährlich

Drei große Bürden behindern einen konstanten Schutz eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Andalusiens und ganz Spaniens, deren Ruhm als einst zweitgrößte Moschee nach Mekka noch heute bis in die entferntesten Winkel des Orients reicht. Zum Einen die über zwei Millionen Besucher, die in normalen Jahren in die Hauptmoschee der alten Kalifatshauptstadt pilgern und dort auch unerwünschte Ausdünstungen und Spuren hinterlassen. Zum anderen natürlich das enorme Alter der Anlage, deren erste Steine im Jahre 784 geschichtet wurden, übrigens auch, in dem Säulen und Blöcke aus der Zeit der Römer und Goten in Hispanien recycelt wurden.

So leer wie 2019 war die Moschee von Córdoba wohl zuletzt zu Zeiten der Reconquista. Der berühmte Säulenwald.

Und zum dritten: Die bis heute ungeklärte Eigentumssituation der Moschee-Kathedrale von Córdoba. Die Kirche, genauer, das Bistum von Córdoba, hat sich frech als Eigentümer ins Katasteramt eingetragen, obwohl ein königliches Verdikt von Spaniens König Carlos I. aus dem 16. Jahrhundert vorliegt, dass der Kirche das Gebäude zwar ausdrücklich nur zur Nutzung und zur Abhaltung von Gottesdiensten zur Verfügung stellt, nicht aber schenkt. Auch danach gab es nie eine rechtlich haltbare Eigentumsübertragung.

Doch die behauptete Autorität der Katholischen Kirche in Spanien wurde nie wirklich in Frage gestellt, hunderte Immobilien werden so von der Kirche benutzt und vermarktet, die eigentlich öffentliches Eigentum sein sollten. Und so wacht auch über dieses Welterbe mietfrei das Cabildo, das Domkapitel, ein Rat, besetzt ausschließlich mit Geistlichen und kontrolliert nur vom Bischof von Córdoba, die allein entscheiden, welche Informationen sie weitergeben, was mit den Einnahmen der Moschee-Kathedrale geschieht, ob und welche Steuern sie zahlen und wer welche Arbeiten durchführt.

Niemand kontrolliert die Kirche: Gewohnheitsrecht katholischer "Hausbesetzer" in Córdoba

Christliches Hoheitszeichen in islamischer Architektur. In der Moschee-Kathedrale von Córdoba.

Allein beim "wie" hat die Landesregierung Andalusien ein Wort mitzureden, denn das Weltkulturerbe-Ensemble von fast 900 Säulen auf 2,3 Hektar, mit der gewaltigen und gewalttätigen Renaissance-Kathedrale, die in die Moschee gerammt wurde, wie ein Pflock in einen Vampir, steht natürlich unter Denkmalschutz. Doch die Einwände von Landesseite sind nur marginal, wie neulich, als die Landesrestauratoren über ein Gericht feststellen ließen, dass eine Tür im berühmten Orangenhof "ilegal" sei, da historisch nicht belegbar. Die Antwort des Domkapitels: "Wir haben keinerlei Richtlinien hinsichtlich dieser Tür vorliegen". Ein weltlicher Gerichtsbeschluss genügt offenbar nicht.

Dabei ist der Umbau das große Kontinuum des Hauses und bereitet den Konservatoren permanentes Kopfzerbrechen, umso dringlicher wäre eine transparente Betreuung durch eine demokratisch kontrollierbare Institution. Die wichtigsten Erweiterungen und Umbauten erfuhr die Moschee im Übergang vom Emirat zum Kalifat im 10. Jahrhundert, als weltliche und geistliche Macht in einer Hand, jener von Abd Ar-Rahman III. verschmolzen sowie noch mehr unter dessen Sohn, Al-Hakam II. Aus dieser Zeit stammt zum Beispiel die prachtvolle Gebetsnische, der Mirab, dessen Gebetsrichtung nicht, wie sonst zwingend im Islam, gen Mekka weist, sondern nach Süden.

Der kunstvolle Mihrab, die Gebetsnische der Moschee von Córdoba.

Der Verdacht: Abd ar-Rahman III., Enkel des einzigen Überlebenden eines Staatsstreiches und Massakers gegen die Omeyaden-Dynastie in Damaskus, kopierte wie aus Trotz die Ausrichtung der dortigen Omeyaden-Moschee. Und Mekka liegt im Süden davon. Die größte Ausdehnung erlebte die Moschee jedoch unter dem berühmt berüchtigten Almansor, dem Kriegsminister, der den minderjährigen Kalifen wegsperrte, die Macht an sich riss und das Kalifat in 56 Feldzügen gegen die christlichen Königreiche im Norden in den Ruin trieb bis es in Bürgerkriegen zerfiel, übrigens ziemlich genau vor 1.000 Jahren.

Blick zur Kuppel der Kathedrale, die inmitten der Moschee von Córdoba errichtet wurde.

Der Mirab und dessen Umgebung, später zum Teil "verziert" mit christlichen Heiligenfiguren, ist heute die Rückseite des Chores der Kathedrale, die 1523 mitten in der Moschee errichtet wurde, während das Minarett zum Glockenturm umfunktioniert wurde. Beim Anblick des Bauwerks im Bauwerk soll Carlos I. von Spanien (Kaiser Karl V.) ausgerufen haben: "Ihr habt etwas zerstört, das einzig in der Welt war und habt etwas an seine Stelle gebaut, das man überall finden kann. In allen Städten gibt es schöne Kathedralen, aber eine Moschee wie diese gibt es nur in Córdoba". Was Carlos da nicht erwähnte: Er selbst hat sich direkt neben die Prachtpaläste der Nasriden in der Alhambra von Granada einen Palast stellen lassen. Allerdings mit mehr Feingefühl für das Gesamtensemble, denn in die baulichen Strukturen der Mauren griff er nicht ein.

Intransparente Bilanzen: Wohin gehen die Millionen-Einnahmen aus der Moschee-Kathedrale von Córdoba?

Durch diese historisch-architektonische Gemengelage, das abrahamitische Patchwork zu Córdoba, zu der auch die Vermutung alter gotischer oder byzantinischer Klöster oder Kapellen unter der Anlage gehört, durch die Geheimnsikrämerei der katholischen "Hausbesetzer" und die Untätigkeit der kirchenhörigen andalusischen Landesregierung, bleiben Transparenz und konservatorischer Schutz der Gnade des Bischofs und seiner Ratgeber im Ornat ausgeliefert, auch wenn die archäologischen Arbeiten unter Mitwirkung von durch die Landesregierung anerkannten Experten stattfinden.

Immerhin: 40 Prozent der Einnahmen sollen ab jetzt für die Instandhaltung eingesetzt werden, bis dato seien es rund 30 Prozent gewesen, ließ der Präsident des Cabildo, des Domkapitels, Manuel Pérez Moya, die Öffentlichkeit wissen. Damit sollen unter anderem die Königliche Kapelle sowie die Kalifen-Loge Maqsura, die Nordfassade mit ihren zugemauerten Torbögen aus dem 10. und 11. Jahrhundert und der Orangen-Hof, der patio de las naranjas, betreut werden, in dessen Mitte weitere Ausgrabungen bis in die Vorzeit der Moschee durchgeführt werden. Und das alles neben der Sisyphos-Arbeit, bröckelnde Säulenkapitelle, Mauern und Fußböden fachgerecht unter Kontrolle zu halten. Kenner der Anlage sprechen von "maßgeblichen Defiziten" sogar "struktureller Natur".

Hunderte Meter lang sind die Außenmauern der Moschee-Kathedrale von Córdoba, die Tore aus der Almansor-Zeit von vor 1.000 Jahren sind geschlossen.

Doch bei den mutmaßlichen Budgets für die Moschee-Kathedrale sind wir auf Zahlen angewiesen, die allein von der Kirche stammen: Wegen Corona musste das Haus 2020 108 Tage schließen, 9 Millionen Euro Verlust seien das Ergebnis gewesen, heißt es. Allerdings war 2019 ein Rekordjahr mit 17,5 Millionen Euro Umsatz und 2,5 Millionen Euro Gewinn. Über die Gewinne der 497 Jahre zuvor seit 1523 schweigt der Bischof, die Reconquista dürfte sich für seinen Verein jedenfalls gelohnt haben. Seine Bilanz weist jährlich fast vier Millionen Euro Personalkosten, drei Millionen Euro für "Karitatives (spart Steuern) und Veranstaltungen" und andere Posten auf, für die bei jedem Normalsterblichen die Finanzpolizei ausrücken würde bis der wahrhaftig die Engel singen hört.

Doch die Situation ist so absurd, dass das Domkapitel sich sogar "juristische" Hoheit über sich selbst anmaßen kann. Finanzielle Unregelmäßigkeiten würden also nur geahndet, wenn die "Täter" das zulassen. Das ist eine intransparente Machtfülle, die eines Kalifen, nicht aber eine Rechtsstaates würdig ist, von der katholischen Kirche in Spanien aber als Selbstverständlichkeit erachtet wird.

Zum Thema: Córdoba unter Tränen - Reiseskizzen aus der "neuen Normalität".

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