Szenenbild Don Giovanni an der Oper Barcelona.
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Vielschichtige Dreiecksbeziehung. Der Komtur, Leporelle und Don Giovanni aus Mozarts „Oper aller Opern“. Hier eine Inszenierung am Gran Teatre del Liceu in Barcelona.

Mozart und Spanien

Mozart trifft Don Juan: Vom Wüstling zum Weltmann

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Mozart war nie in Spanien, sein Genie aber schon. Es verwandelte Don Juan in einem musikdramatischen Höllenritt vom simplen Ibero-Macho und moralischen Zeigefinger der Katholischen Kirche zum ambivalenten Freigeist, - dem Faust des Südens.

Sevilla - „Aber in Spanien schon tausend und drei“. Halb echauffiert, halb fasziniert singt Don Giovannis Diener Leporello das Register der Eroberungen seines Herrn herunter. So viele wie in Spanien waren es nirgendwo. Die Arie gilt Donna Elvira zur Warnung, einer der Betrogenen des pathologischen Schwerenöters aus Sevilla.

Als Mozart seine OperDon Giovanni“ 1787 im Ständettheater in Prag zur Uraufführung bringt, - Wien war dafür zu spießig und reaktionär - kommt nicht nur ein Stück Sevilla - der Kulisse für über 150 Opern von Figaro bis Carmen - auf die Opernbühne und erblickt eines der genialsten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte, „die Oper aller Opern“ (E.T.A. Hoffmann), das Licht der Welt. Mit Mozarts musikdramatischem Genie erfährt auch der Titelheld, Don Juan, entscheidende Wandlungen. Aus dem „Burlador de Sevilla“, dem Spötter von Sevilla, wird ein vielschichtiger Charakter, der die Kategorien von Gut und Böse aus den Angeln hebt.

Urpsrung des Don Juan und der "steinerne Gast" aus Kastiliens Sagenwelt

Von der Kulisse für Opern, über Inspiration, Gleichnis und dramaturgisches Exil, wird Spanien erst und einzig im „Don Giovanni“ Mozarts auch zur originären Quelle, in ihm verschmelzen der südliche Archetyp mit Idealismus und Aufklärung Europas. Der dichtende Mönch Tirso de Molina hatte die Don-Juan-Saga unter dem Titel „Der Spötter von Sevilla und der steinerne Gast“ um 1630 erstmals als Drama in Worte gesetzt, wobei der Don Juan viel ältere, teils namentlich bekannte und auch literarische Vorbilder hat. Auch der „steinerne Gast“, der als Komtur oder Commendatore Theaterkarriere machte, geisterte schon lange in kastilischen Volkssagen herum.

Wiens neue Hofoper eröffnete 1869 mit dem Spanier Don Juan aus Mozarts genialer Feder.

Mit Calderón (1639) und erst recht Molières Fünfakter von 1665 wurde Don Juan bereits zur Weltliteratur und bis ins Heute arbeiteten sich die namhaftesten Literaten und Philosophen der ganzen Welt an ihm ab. In Spanien blieb das romantische, aber recht flache Drama „Don Juan Tenorio“ (1844) von José Zorrilla die populärste Version, die noch heute bevorzugt um Allerheiligen auf spanischen Friedhöfen aufgeführt wird, wie eine schön-schauerliche Telenovela.

Vom Don Juan zu Don Giovanni: Wie Mozart die betrogenen Frauen emanzipierte

Die Opernwelt des 18. Jahrhunderts verwurstete den Draufgänger aus Sevilla geradezu inflationär, immer mit dem von der Zensur geforderten katholischen Zeigefinger im Finale, dass auf die Untat die Strafe zu folgen habe. Mozart, dem wahrscheinlich größten Genie der Musikdramatik, war das alles zu glatt.

Schon die Frauenrollen im Don Giovanni erfahren durch seine Musik eine zuvor undenkbare Schärfung, die sie von reinen Opferlämmern, von Objekten für eine verlogen-züchtige christliche Morallehre zu willentlich handelnden Individuen mit eigenen Abgründen macht, einschließlich dem Recht auf ein Scheitern.

Ihr Auftritt bitte: Die Plaza Doña Elvira im Zentrum von Sevilla. Eine der vielen Orte, die als Kulisse und Bühne für Opern dienten.

So ist Zerlina bei Mozart nicht mehr nur eine leichtlebige Naive aus der Unterschicht, die Giovannis Charme und Reichtum erliegt, sondern vielleicht auch ein kalkulierendes Flittchen, das materiellen Pragmatismus mit Lebenslust in einem sonst tristen Alltag verbinden will und dabei auf die Nase fällt. In Donna Elviras flehentlichen Arien, sie ist Giovannis treueste Ex-Frau, klingen ebenso übersteigerte Hoffnungen wie toxischer Kontrollwahn durch.

Mozarts musikalischer Mittelfinger: Don Giovanni befreit sich

Und dann erst Donna Anna: Die Betrogene, die Entehrte, womöglich sogar ein Vergewaltigungsopfer Don Giovannis, deren Vater von diesem auch noch auf offener Bühne erstochen wird. Sie, vor den Trümmern ihres Lebens stehend, jagt Don Giovanni nach Rache dürstend durch die ganze Oper und halb Andalusien. Was sie singt, ist eindeutig. Doch wie sie es singt und was da im Orchestergraben mitwuselt, als machte Mozart die Tiefen des Unterbewusstseins hörbar, offenbart ein Panorama, das Interpretationen in alle Richtungen nicht nur erlaubt, sondern geradezu provoziert.

Und was macht Mozart aus dem cavaliere dissuloto, dem ausschweifenden Herrn? Er ersetzt kurzerhand den katholischen Zeigefinger durch seinen kompositorischen Mittelfinger. Mit ihrer Kritik an der Dekadenz des Adels dichten sich Mozart und sein Librettist Lorenzo da Ponte wieder einmal haarscharf an den Scheren der Zensur vorbei. Wie man in der Oper erleben kann, haben sie sehr viel Spaß dabei.

Doch am Ende wird es bekanntlich ernst: „Noch nie hab‘ ich gezittert, Ich fürchte nichts, drum sei’s“ schleudert Giovanni dem steinernen Gast am Ende der atemberaubenden Jagd entgegen. Als Don Giovanni in die Hölle fährt, wandelt sich das notorische d-moll der Oper in ein erst dumpfes, dann fast hysterisches D-Dur. Das Schluss-Sextett, das spätere Regisseure immer mal wieder ratlos wegließen, das die vermeintlichen Opfer wie eine Gardinenpredigt abspulen, macht Mozart im Grunde zu einer Persiflage.

Mozarts Don Giovanni: Der Triumph des Menschlichen, auch seiner Abgründe

Denn die Rächer bekommen keine Genugtuung, sie heucheln sie dem Publikum eher ratlos vor. Die Gewissheit, dass der Bösewicht Don Juan seine Strafe erhalten hat, gibt ihnen weder ihre zerstörten Leben zurück, noch befreit sie sie aus dem beklemmenden Moral-Korsett. Mit offenen Mündern stellen sie fest, dass es ihre Welt war, die einen Don Juan überhaupt erst hervorgebracht hat.

Durch Mozarts Willen und Genie verwandelt sich Don Juan als Don Giovanni vom simplen, mächtigen, aber nichtsnutzigen Verführer zum so universalen wie ambivalenten Freiheitskämpfer in eigener Sache, willens, für seine Vorstellung von Glück und Selbstverwirklichung über alles und jeden – selbst die Grundfesten des Glaubens hinweg – bis in die Hölle zu fahren und auf irdische Zwänge zu pfeifen. Dabei blieb er, trotz aller Universalität, doch ganz ein Spanier, in Pose und Ambivalenz.

Im Leben mag Don Giovanni der Gegenentwurf zum deutschen Faust gewesen sein (an dem Goethe gerade schrieb, als Mozarts Giovanni die Bühne der Welt betrat), der am Ende aber in der gleichen Hölle landet, Erkenntnisse und Moral hin oder her. Don Juan erspart sich den Umweg über den Intellekt, er wählt die Instinkte, er ist der Faust des Südens. Mozart setzt mit seinem Musikdrama zu einem damals revolutionären Gedankenflug an: das Menschliche, auch das Allzumenschliche, über das Göttliche zu stellen. Spanien war ihm dabei nicht nur Kulisse und Bühne, sondern auch Quelle und Inspiration.

Zum Thema: Sevilla - die ganze Stadt eine Bühne. Über 150 Opern spielen in und um Sevilla.

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