Darstellerin von Tokio, Úrsula Coberó, in einer Szene der Serie „Haus des Geldes“.
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La casa de papel/Haus des Geldes: Sirene, Freigeist und Unruhestifterin „Tokio“ (Úrsula Coberó) in der Netflix-Erfolgsserie.

Hier spielt der Widerstand

Haus des Geldes: Globaler Netflix-Erfolg aus Spanien - Wann kommt die fünfte Staffel?

  • vonMarco Schicker
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In der TV-Serie „Casa de papel“ beginnt alles mit einem Banküberfall in Madrid und endet im globalen Chaos. Die fünfte Staffel von „Haus des Geldes“ steht an. Was bisher geschah und warum die spanische Serie zu einem globalen Phänomen wurde - ohne Spoiler.

  • Haus des Geldes: Netflix-Erfolgsserie aus Spanien knüpft an verlorene Generation der Finanzkrise an.
  • Weltweit identifizieren sich Millionen "Haus des Geldes"-Fans mit dem „Widerstand“ dieses modernen Robin-Hood-Gleichnis‘.
  • Starke Symbolik und emotionale Mittel in „Haus des Geldes“: Wie Farben, Musik und Charaktere Identifikation schaffen.

Madrid - Der Zeitpunkt konnte kaum besser sein. Mitten in der Coronavirus-Krise, als niemand von der Couch weg durfte, startete der Streaming-Anbieter Netflix die vierte Staffel von „La casa de papel“ - „Haus des Geldes“. Man konnte während der Quarantäne nicht nur Leben retten, indem man nichts weiter tat als zu Hause zu bleiben. Mit „Haus des Geldes“ konnte man sogar an einer Revolution teilnehmen, ohne von der Couch aufzustehen. Für ein paar Euro im Monatsabo.

SerieLa casa de papel/Haus des Geldes
ProduktionslandSpanien
OriginalspracheSpanisch
Jahrseit 2017
Episoden15 (Antena 3), 38 (Netflix)
GenreThriller

TV-Serie „Haus des Geldes“ - La casa de papel: Räuberpistole, weltweites Panorama und Kammerstück

Ein so zerstreut wirkender wie besessener „Professor“ versammelt in der Netflix-Serie "Haus des Geldes" ein paar verirrte Seelen, um mit einem irrwitzigen Plan eine Bank zu überfallen. Nicht irgendeine Bank, sondern die spanische Geldnotendruckerei. Was beginnt wie eine von etlichen filmischen Räuberpistolen, entwickelt sich in Casa de papel Folge für Folge zu einem komplexen Panorama weltweiten Aufbegehrens, wo kein Stein mehr auf dem anderen bleiben wird. Aber auch zu einem intimen Kammerstück zwischenmenschlicher Erkenntnisse.

Die 2017 beim Privatsender Atresmedia (Antena 3) gestartete Serie „Haus des Geldes“ aus der Feder des baskischen Filmemachers Álex Pina wurde bei Netflix zur erfolgreichsten nicht-englischsprachigen Produktion mit einer riesigen, weltweiten Fangemeinde. Die Salvador-Dalí-Maske und der rote Einteiler, den die zusammengewürfelte Räuberbande als Uniform und Markenzeichen verwendet, werden Symbol des Widerstands gegen „die da oben“, gegen „das System“. In Brasilien gibt es Nachahmer von „La casa de papel" bei tatsächlichen Banküberfällen und bei den Protesten in Chile taucht die Dalí-Maske als Ikone des Widerstands auf. Dalí war kein Revoluzzer, aber dem Surrealisten in ihm hätte das schon gefallen.

Haus des Geldes-Titelmusik „Bella Ciao“: Revival eines Partisanenliedes

Berlin, Palermo und der Professor. Die ambivalenten Köpfe der Bande in „Haus des Geldes“.

Die Hymne der italienischen Partisanen im Kampf gegen den Faschismus, „Bella Ciao“, wählte man sorglos und mit Kalkül als Erkennungsmelodie von „Haus des Geldes“ und sehr rotem, klingenden Faden, der über die Netflix-Serie sogar Generationen verbindet. Großeltern erklärten ihren Enkeln, was dieses Lied einst bedeutete und bekommen ihrerseits Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der jungen Generation.

Der Kopf der Bande, der Professor, besteht in „Haus des Geldes“ darauf, dass der Überfall auf die Notenbankdruckerei „niemandem etwas wegnimmt“, denn das Geld, das sie stehlen, gibt es noch gar nicht, gehört also auch niemandem, denn unsere Netflix-Gangster werden es selbst drucken. Das machen die Staaten schließlich auch, werfen es aber dann den Banken in den Rachen.

Das soll, das wird sich nun ändern. Das Robin-Hood-Gleichnis in Anlehnung an die noch sehr gegenwärtige Finanzkrise, - und die nächste große Krise kommt ja wegen des Coronavirus schon - zieht sich durch alle Staffeln der Netflix-Serie, weckt Empathie und lässt uns Teil eines größeren Ganzen werden, einer gerechten Sache. Dass auch „unsere“ Helden aus „Haus des Geldes“ sich zunächst nur persönlich bereichern wollen, von ihrer Insel in der Karibik träumen, bleibt ein Widerspruch und Spannungsbogen. Die Rollen scheinen klar verteilt: der kleine Mann gegen die Mächtigen. Es gibt reichlich Szenen, die in „La casa de papel“ zwischen „Ocean´s Eleven“ und „Olsenbande“ sehr nahe an der Klamotte changieren und schamlos die Klischees des Gangstergenres bedienen.

Doch „La Casa de Papel“ geht weiter und tiefer. Die Gangmitglieder der Netflix-Serie bekommen zur Tarnung jeweils den Namen einer Stadt und hinter diesen verbergen sich teils grandiose Schauspieltalente. Da wäre der Professor (Álvaro Morate), neurotisch, hochsensibel und intelligent, aber auch eitel und verletzlich, dessen innerer Antrieb mörderisch und selbstmörderisch wird, dessen Motive sich uns aber erst langsam erschließen.

Haus des Geldes-Darsteller: Sirene, Freigeist und Unruhestifterin „Tokio“

Zentral ist „Tokio“, gespielt von Úrsula Corberó, Sirene, Freigeist und Unruhestifterin im Team sowie „Nairobi“, verkörpert von Alba Flores, aus der berühmten Flamenco-Familie und Tochter des tragisch geendeten Liedermachers und Schauspielers Antonio Flores. Sie war schon in der Netflix-Knast-Serie „Vis a Vis“ bekannt geworden und mischt den Laden von „Haus des Geldes“ mit ihrem Temperament auf, bringt den Feminismus ins räuberische Spiel und liest der Homophobie die Leviten. Sie ist die Entdeckung der Produktion.

Alba Flores als „Nairobi“ in der Netflix-Serie „Haus des Geldes“. Vielleicht der intensivste Charakter der Serie.

Den Machern von „Haus des Geldes“ gelingt durch Charakterzeichnung, die Serie nicht zu einem billigen Spektakel verkommen zu lassen. In der Isolation des Banküberfalls verspinnen sich Liebesgeschichten, brechen Menschen zusammen, finden zu sich selbst und wachsen über sich hinaus. Man fällt weich, wenn da Liebe ist, aber man fällt auch tiefer. In „La casa de papel“ entspinnt sich ein spannendes Wechselspiel mit den Geiseln, Opportunisten treten auf, Verräter, Unscheinbare, die zu Helden werden. Die rot-graue Farbgebung fokussiert, schafft fast die Intimität einer Theaterbühne, ein Brechtsches Spiel mit den Ebenen. Doch dort: der fette Kontrast zur großen Hauptaktion der Handlung. Vergessen wir nicht, dass es sich immer noch um eine kommerzielle Produktion handelt, die den Drehbuchschreibern die Feder führt.

Haus des Geldes: Kann eine handvoll Verrückter tatsächlich das System erschüttern?

Hier das Innen, da das Draußen: Die Provokation des Staates bis in seine Grundfesten. Der entblößt in der Netflix-Serie einmal mehr seine hässliche Fratze über skrupellose Polizisten und Geheimdienstler, die, ohne mit der Wimper zu zucken, für die Staatsräson oder ihre persönlichen Ambitionen über Leichen gehen. Der Professor nutzt in „Haus des Geldes" die große Masse, in die der Zuschauer längst verschmolzen ist, natürlich für seinen „guten“ Zweck, betreibt offensiv „Marketing“, indem er Geld aus Zeppelinen verstreuen lässt. Eine instagramfähige Revolution als #trendingtopic.

Irgendwann reicht die Banknotendruckerei nicht mehr aus, die Bande von „Haus des Geldes“ trifft sich wieder, diesmal sollen es die Goldreserven der Nationalbank in Madrid sein. Der Truppe entgleitet mehrfach die Kontrolle, sie droht, an sich selbst und der von ihr entfachten Dynamik zu scheitern. Am Ende von Staffel 3 scheint der „Widerstand“ besiegt zu sein, „Nairobi“ liegt im Sterben, man ist völlig umstellt. Da bekommt die Sache einen neuen Dreh. Allen wird nun klar: Das ist längst kein Überfall mehr, jetzt ist es Krieg.

Haus des Geldes: Wann startet Staffel 5?

Kann eine handvoll Verrückter tatsächlich das System erschüttern? Na klar. Denn die Welt ist ein Kartenhaus – ein Geldkartenhaus. Bella Ciao... bis zur fünften Staffel.

Staffel 5 von „Haus des Geldes“ startet wahrscheinlich im Herbst. Netflix hatte die vierte Staffel auf Anfang April vorgezogen, auch weil das Publikum in ganz Europa wegen der Coronavirus-Krise zu Hause auf der Couch und vor dem Fernseher war. Bekannt ist, dass die Dreharbeiten zur 5. Staffel da schon anliefen und auch eine 6. Staffel geplant ist. Mit den genauen Daten hält sich der Streaming-Dienst zurück, er will flexibel bleiben, um auf Konkurrenten wie HBO, Amazon Prime und andere schnell reagieren zu können. Klar ist nur: La Casa de Papel wird eskalieren und ein Happy End ist keineswegs ausgemacht.

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