Drei Hauptdarstellerinnen der Netflix-Serie Sky Rojo
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In der temporeichen und teils surrealen Netflix-Serie „Sky Rojo“ befreien sich drei Frauen aus der Hölle der Zwangsprostitution in Spanien.

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Netflix: Termin für fünfte Staffel von „Casa de Papel“ steht - Bis dahin eine Empfehlung: „Sky Rojo“: Zwischen Tarantino und Torrente

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Die fünfte Staffel der spanischen Netflix-Serie „Casa de Papel“ startet am 3. September, der zweite Teil am 3. Dezember 2021. Die Macher von „Haus des Geldes“ bieten in der Zwischenzeit mit „Sky Rojo“ den Zuschauern acht knallige Folgen Road-Movie, rabenschwarze Komödie, Hochglanz-Porno und ein Manifest gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel auf einmal um die Ohren. Ein „Latin Pulp Fiction“ mit offenem Ausgang und von der Kritik kontrovers diskutiert. Der Termin für die zweite Staffel steht fest.

Update, 26. Mai: Der Termin für die fünfte Staffel von „Casa de Papel“ steht fest. Der erste Teil der fünften Staffel startet bei Netflix am 3. September 2021, der zweite Teil der Staffel 5 am 3. Dezember.

Madrid - Legionen von Fans scharren seit einem Jahr mit ihren Fernbedienungen und warten auf die allem Anschein nach finale fünfte Staffel von "Casa de Papel", - Haus des Geldes - dem spanischen Welterfolg auf Netflix. Viele waren von der vierten Staffel enttäuscht, die im April 2020 zeitlich passend zum ersten, fatalen Höhepunkt der Coronavirus-Krise in Spanien in die Wohnzimmer streamte. Die einen waren traurig, weil die Staffel viel zu wenige Folgen hatte (nur noch acht anstelle 13, wie die erste Staffel), die anderen sauer, weil die Geschichte vom Bankraub, der gleichzeitig ein Aufbegehren gegen "das" System sein sollte und in seiner Symbolik weltweit Kultstauts erreichte, seit Staffel 3 stark nachgelassen hatte.

Die bemühten Rückblicke in der vierten Staffel ermüden zunehmend, die Story rund um die "Casa de Papel" wird schematisch, der Wortwitz flaut ab, überraschende Wendungen überraschen kaum noch. Es scheint, als säßen die Autoren der Netflix-Serie genauso ausweglos in der spanischen Nationalbank fest, wie ihre heterogene Räuberbande der Protagonisten um Tokio, Lissabon, Palermo und einen Professor, der seit nun einem Jahr mit einer Pistole an der Schläfe den Cliffhanger macht.

Netflix lässt Haus des Geldes-Fans zappeln: Kein Termin für fünfte Staffel - Aber neue Serie „Sky Rojo“ von den Machern

Netflix lässt die Fans von Casa de Papel weiter zappeln, zunächst lancierte man inoffiziell den April 2021 als Start für die fünfte Staffel, doch nichts da. In den Foren der Fans spekuliert man nun auf den Sommer, doch es mehren sich Hinweise, dass das Haus des Geldes erst Ende 2021 oder sogar erst 2022 seine fünfte Staffel abbrennen wird.

In der Zwischenzeit meldeten sich andere spanische Serien zu Wort, die nicht minder interessant waren, die dystopische 1984-Adaption "La Valla - Leben am Zaun" oder der Politkrimi "Die Schergen des Midas" auf Netflix. Auch die Autoren von "Haus des Geldes", Álex Pina und Esther Martínez Lobato starteten am 19. März mit einer neuen Serie auf den Netflix-Schirmen: "Sky Rojo" heißt das Werk, bei dem sich, im Unterschied zu "Casa de Papel" die Frage nach Untergang oder Happy End nicht stellt. Denn die "Sky rojo" beginnt direkt in der Hölle auf Erden.

Sky Rojo: Neue Netflix-Serie der Casa de Papel-Macher thematisiert Zwangsprostitution in Spanien - Trailer deutsch

Acht temporeiche und mit je 25 Minuten sehr kurze Kapitel erzählen in „Sky rojo“ auf Netflix, auch in deutscher Synchronisation, die Geschichte der drei Prostituierten Coral (Verónica Sánchez), Wendy (Lali Espósito) und Gina (Yany Prado), die aus einem spanischen Bordell irgendwo in der Mancha entfliehen, nachdem sie ihren Zuhälter und Puff-Betreiber brutal außer Gefecht gesetzt und - es soll wohl wie ein Unfall aussehen - seine Assitentin umgenietet haben.

Aus der Flucht der drei Frauen entwickelt sich ein Road Movie zwischen sehr schwarzer Komödie und aufklärerischem Erklär-Film, bei dem sich die Zuschauer nicht sicher sein können - und vielleicht auch nicht sollen - ob die Macher ihn veräppeln oder zum Nachdenken provozieren oder - wir sind immer noch bei Netflix - einfach gut unterhalten wollen. Das Problem: "Sky Rojo" stellt durch den Erzähler, aber auch Interviews der Hauptdarstellerinnen von Anfang an einen gewissen Anspruch auf, sich kritisch mit der gesellschaftlichen Schande der Zwangsprostitution, des Menschenhandels, toxischer, gewalttätiger "Männlichkeit" und kommerzialisiertem Machismo auseinanderzusetzen. Dabei bedient sich die Serie aber einer marktschreierischen Bildsprache zwischen Action-Movie, klamottiger, rabenschwarzer Komödie, Gangsta-Videoclip, Porno und Hochglanz-Drama, dass sich nicht wenige Kritiker in Spanien fragten, ob "Sky Rojo" am Ende nicht doch eher ein Werbeprospekt für die Rotlicht-Industrie als eine Anklageschrift für eines der größten alltäglichen Verbrechen unserer Zivilisation geworden ist.

Sky Rojo oder die Hölle auf Erden: Netflix-Serie zwischen Anspruch, Klamauk und verkapptem Porno?

Haben die Autoren und der Regisseur der Serie "Sky rojo" vielleicht völlig aneinander vorbeigeredet oder ging der kritische Anspruch durch die Produktion, die Anforderungen des Kommerzes flöten? Man kann die Serie als politisch korrekten Voyeurismus kritisieren oder ihr zu Gute halten, dass sie es schafft, das Thema der Zwangsprostitution samt dem ganzen Elend dieses klandestinen Universums, einschließlich der schmieirigen Ignoranz des "normalen Kunden", überhaupt auf eine große, internationale Bühne zu bringen. Möglicherweise soll auch die Diskrepanz zwischen der glamourösen cienastischen Bildsprache und der brutalen Banalität des Themas einen besonderen Kontrast erzeugen. Nicht zuletzt, holt man vielleicht die "coolen Kids" dort ab, wo sie stehen. Aufgewachsen in einer zwar überpornographischen Bilderwelt, aber einer sonst verlogen prüden Gesellschaft, in toxischen "Gangs", die manchmal einfach "Familie" heißen, in denen man nicht wirklich über Gefühle sprechen kann, sondern Rollen spielt, einer Gruppendynamik folgt, die oft selbst- und fremdzerstörerisch ist.

Das knallige Plakat von „Sky Rojo“ steht im krassen Gegensatz zur tiefdunklen Thematik der Netflix-Serie.

Während Coral, Wendy und Gina vor ihren Verfolgern fliehen und der Zuschauer irgendwo zwischen „Kill Bill“ des Quentin Tarantino und der spanischen Kultserie Torrente sich selbst überlassen wird, schwärmen einige Kritiker hingegen von einer Art Latin „Pulp Fiction“. Jeder Zuschauer kann seine Wahrheit finden. Die Serie verlegt sich in späteren Folgen auf ein permanentes Changieren zwischen flachen Witzen, Faszination für das Böse und bemühtem Anspruch, bei gutem cineastischen Handwerk. Bei so vielen Richtungswechseln knirscht es im dramaturgischen Gebälk gewaltig.

Drei Huren auf der Flucht: Netflix-Serie "Sky Rojo" eingeklemmt zwischen Entertainment und Gesellschaftskritik

In subjektivierten Rückblicken versucht "Sky Rojo" zu erklären, wie diese Frauen in der Prostitution landeten. Da gibt es Einblicke in zerrüttete Familien, verrannte Lebenspläne, Drogenkarrieren, die abgrundtiefe Armut der dritten Welt, die Eltern dazu bringt, die eigenen Töchter über "Vermittler" als "Kellnerinnen" in die Ferne zu schicken, obwohl sie genau wissen, dass sie nur eine Schürze tragen werden, wenn ein Freier das will. Blicke erhaschen wir auch auf die Kundschaft, die ihre Perversionen und ihre gestörte Sexualität als "Dienstleistung" auslebt. Eine Männerwelt, in der das Bordell nicht nur eine selbstverständliche Institution ist, wie die Stammkneipe oder die Lotto-Bude, sondern Teil des patriarchalen Machtapparates, der im Puff nur in ungeschminkter Direktheit sichtbar wird, aber dessen Logik und Mechanismen die ganze Gesellschaft durchdringen.

Coral, Wendy und Gina, eine Spanierin, eine Kubanerin, eine Argentinierin, fliehen aus dieser Welt, auf die ganz harte Tour und auf einem Weg, der in der Realität praktisch unmöglich ist. Die Realität ist scheinbar nicht filmreif. Diese Befreiung der Frauen bedeutet auch ein Kampf gegen die inneren Dämonen, die sie so lange in dieser Welt gefangen hielten. Die Illusionen, wenn die eine denkt, sie könne im Bordell Geld für ein besseres Leben zusammensparen, die andere glaubte, ihrem verfahrenen Leben einen neue Richtung geben zu können und die Dritte verliebte sich gar in einen Freier, der ihr das Blaue - oder das Rote - vom Himmel versprach, nur um sie dann - natürlich - fallen zu lassen, als sie auf seiner Türschwelle steht.

Gleich am Anfang klärt der Erzähler auf, dass Spanien in punkto bezahltem Sex einer der größten Weltmärkte sei, 40 Prozent der hiesigen Männer "konsumieren Prostitution", sagt nüchtern die Statistik oder bezahlen dafür, Frauen vergewaltigen zu dürfen, heißt es dann doch im Klartext, eine der höchsten Quoten weltweit. Eine Statistik, die man stark anzweifeln darf. Möglicherweise prahlen die spanischen Männer mehr mit ihren Puffgängen oder schämen sich weniger dafür, während der sich moralisch aufgeklärter gebende Nordeuropäer spießig im Geheimen austobt. Wie auch immer, wir dürfen gespannt sein, ob "Sky rojo" mit einer zweiten Staffel eine Fortsetzung erfährt - laut Netflix wird es so sein - und ob und wie die Serie ihre Widersprüche zwischen Form und Inhalt auflöst.

Sky Rojo: Termin für zweite Staffel auf Netflix steht fest

In der Serie ist das Bordell, aus dem die drei Frauen spielen, ein surrealistischer Club, fast ein Theater, auf dessen Bühne sich ein exentrisch-psychopatischer Lude seine profitable Traumwelt auf den Existenzen und der Würde seiner Opfer erschafft. Doch die banale Brutalität, der graue Alltag der sexuellen Gewalt, kennt diesen Glitter nicht, dort müssen kleine Bretterbuden mit Blümchentapete und Sperrholzregalen genügen. Schichtbetrieb, Massenfrauenhaltung, ein Milliardengeschäft knallhart kalkulierender Krimineller. Mehr ist es nicht.

Immerhin, "Sky rojo" gibt dieser Masse drei Gesichter. Dass eine Netflix-Serie diese kranke Welt aber letztlich nur ankratzt und künstlerisch überhöht darstellen muss, um "anzukommen", liegt in ihrer Natur als Plattform der Unterhaltungsindustrie, gute Autoren hin oder her. Sonst wäre es nicht "Sky rojo", sondern nur die Hölle auf Erden. Und die will keiner sehen, wenn er abends den Fernseher anmacht. - Die zweite Staffel von "Sky Rojo" hat Netflix für den 23. Juli 2021 angekündigt. Wieder sollen es acht Folgen werden und es sollen die letzten sein.

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