Szenenfoto mit Unax Ugalde und Olivia Molina aus der Netflix Serie La Valla.
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Unax Ugalde und Olivia Molina, Protagonisten der apokalyptischen „1984“er Familien-Saga „La Valla“ auf Netflix.

Neue Netflix-Serien

Spanische Netflix-Serien: „Schergen des Midas“ und „La Valla“ - Apokalypse mit viel Seelenschmalz

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Katastrophenszenarien sollten eigentlich das das Letzte sein, was das TV-Publikum in Zeiten realer Katastrophen wie der Coronavirus-Pandemie sehen will. Doch nach „Haus des Geldes“ proben die spanischen Netflix-Produktionen „Schergen des Midas“ und „La Valla“ schon wieder die Revolution von der Couch aus. Erfolgreich. Und eine Watschn für selbsternannte Freiheitskämpfer gibt es gratis dazu.

Update: Sky Rojo, die neue Netflix-Serie der Macher von Haus des Geldes: Rezension, Trailer und Termin zweite Staffel.

Madrid - Das Konzept, gesellschaftliche Katastrophen als Hintergrundrauschen für Krimis, intime Kammerspiele und Telenovelas mit vorgegaukeltem Anspruch zu benutzen, scheint bei Netflix aufzugehen. Zwei bemerkenswerte Serien-Produktionen aus Spanien kommen beim Publikum von Netflix derzeit sehr gut an.

Haus des Geldes: 5. Staffel kommt im April 2021 auf Netflix - Mit Happy End?

Das tat zuvor schon die Banküberfall-Saga „La Casa de papel“ (Haus des Geldes), die es von Atresmedia zu Netflix und damit zu einem weltweiten Erfolg schaffte. Diese Revolution, für die man nicht vom Sofa aufstehen muss, erlebt am 3. September die fünfte Staffel von Haus des Geldes – und wie es heißt letzte – Staffel, auch wenn es Gerüchte gibt, die Macher arbeiten doch noch an einer sechsten Staffel.

La casa de papel/Haus des Geldes: Sirene, Freigeist und Unruhestifterin „Tokio“ (Úrsula Coberó) in der Netflix-Erfolgsserie.

Ob es rund um Tokio und den Professor zu einem Happy End unter Dalí-Masken kommt, wird wohl eher im Auge des Betrachters liegen, denn nicht wenige Fans waren schon von der etwas schludrig gestrickten vierten Staffel von „Casa de Papel“ enttäuscht.

Die Schergen des Midas - Neuer Netflix-Politthriller spielt in Madrid

Seit Mitte November läuft – auch in deutscher Synchronisation – auf Netflix „Die Schergen des Midas“ (Los favoritos de Midas), eine Miniserie aus sechs Teilen, inspiriert von der gleichnamigen Erzählung von Jack London und unter Regie von Mateo Gil Oskar Santos.

Spannender Polit-Thriller auf Netflix seit 13. November auch in deutscher Synchronisation: „Die Schergen des Midas“.

Im zeitgenössischen Madrid sieht sich der erfolgsverwöhnte Medienmogul Victor Genovés (gespielt von Luís Tosar) der Erpressung seitens einer mysteriösen und offenbar sehr mächtigen Organisation, den „Schergen des Midas“ ausgesetzt. Zahlt er nicht rechtzeitig Millionen, stirbt in regelmäßigen Abständen ein Mensch, willkürlich und wie ein Unfall aussehend.

Offizieller Trailer zu „Die Schergen des Midas“:

Während sich Genovés in Gewissenskonflikten ergeht, seine Starjournalistin das Medienimperium mit Enthüllungsgeschichten ins Fadenkreuz von Lobbygruppen und einer moralisch verkommenen Polit-Elite - und nebenbei ihren Chef Genovés ins Bett - bringt, tobt draußen in Madrid das Volk in einem außer Kontrolle geratenen Aufstand. Es sind soziale Unruhen, die sich nicht mehr stoppen lassen, die aber auch in Paris, Mexiko Stadt oder Philadelphia toben könnten, - eine Hintergrundmusik für die „Solisten“, die weiter ihre Strippen ziehen.

Dass Midas, dem alles zu Gold wird, was er anfasst, einen tödlichen Preis für seine „Gabe“ zu zahlen hat, wissen wir aus der Mythologie. Doch wer sind diese „Schergen“, die sich zu Richtern aufspielen? Auf wessen Seite stehen sie? Auf jener des Volkes oder auf Seiten der Macht, des Systems, des Deep States?

Luís Tosar als Victor Genovés in Gewissensnöten in „Die Schergen des Midas“ auf Netflix.

Die Frage bleibt nach sechs Folgen "Midas" offen, als sich die Tür einer dunklen Limousine schließt. Offen bleibt damit auch die Hoffnung auf eine Fortsetzung eines handwerklich gut gemachten Krimis und Polit-Thrillers, der noch eine ironische Note mitbringt. Der Polizeikommissar, der sich gegen die Schergen des Midas in Stellung bringt, wird nämlich grandios von einem gewissen Willy Toledo gespielt, jenem Enfant terrible der spanischen Schauspielszene, der im realen Leben wegen „Blasphemie“ gerade mächtig Ärger mit der Justiz hatte.

"La Valla" auf Netflix: Apokalypse und ein bisschen Telenovela

Ein paar Nummern größer braucht es die Weltuntergangs-Saga „La Valla – Überleben an der Grenze“. 13 Folgen aus dem Hause Atresmedia gibt es derzeit bei Netflix – bei deutscher Standorteinstellung synchronisiert, sonst mit deutschen Untertiteln – zu sehen, ein Ende ist nicht in Sicht, auch wenn am 4. Dezember erstmal die letzte Folge gelaufen sein soll. Doch so kann es wirklich nicht bleiben.

Ein gigantischer Zaun trennt Unterdrückte und Privilegierte im Madrid des Jahres 2045: Szene aus „La Valla - Überleben am Zaun“ auf Netflix. In der Mitte: Ángela Molina.

Wir sind im Madrid des Jahres 2045, ein dritter Weltkrieg hat die Menschheit locker um zwei Jahrhunderte zurückgebombt, ein gigantischer Zaun (la valla) trennt Privilegierte in grünen Villenvororten vom unterdrückten Volk, das fast wie im Mittelalter leben muss, der gewalttätigen Willkür der Herrscher, die für sie freilich nur das Beste wollen, ausgeliefert. Die überspitzte Parallele zur Armenquarantäne im Madrid des Coronavirus ist sicher nur Einbildung. Zäune zur Spaltung brauchen sie heute gar nicht mehr, das erledigen Kontostand und Herkunft ganz von selbst.

„La Valla“, offizieller Trailer:

Mitten in der Szenerie von SS-gleichen Uniformen, der ranzigen Welt der Franco-Dikatur und einem Panorama, das fast 1:1 aus George Orwells apokalyptischem Meisterwerk „1984“ entsprungen scheint, ringt eine Familie, exemplarisch für alle Unterdrückten dieses "Neuen Spaniens" um ihr Überleben, um ihre Rechte.

Zu allem Überfluss wabert auch noch ein tödliches Virus, hier das Noravirus, als dramaturgischer Katalysator durch die Folgen, die sich einer dystopischen Bildsprache befleißigen, die manchmal fast lächerlich im Kontrast steht zu Szenen, die einer billigen kolumbianischen Telenovela entnommen sein könnten. Weltkriegs-Apokalypse mit Wifi und Seelenschmalz.

Der Zuschauer lernt Widerstandskämpfer, Zweifler, Denunzianten, Sadisten und opportunistische Wendehälse kennen, die auf der schweigenden Masse ihre Tänze vollführen. Die Handlung wird immer vorhersehbarer, bleibt aber unterhaltend und spannend, wenn man im Hinterkopf behält, dass Streaming-TV und Netflix nun mal eine Unterhaltungsplattform und keine Revolutionsschulung ist. Denn dass sich der Gesundheitsminister einer faschistischen Regierung binnen weniger Folgen zum Lorca-rezitierenden Widerstandskämpfer transformiert, – das schafft wirklich nur das ganz große Kino.

Ángela Molina erhält Goya 2021 für ihr filmisches Lebenswerk:

Mancher Humbug ist verzeihlich, angesichts einiger berührender schauspielerischer Leistungen. Während Hauptdarsteller Unax Ugalde – Goya-Preisträger hin oder her – als Hugo Mujica nicht viel mehr als einen Schönling mit abgedroschener dramatischer Dutzendgestik abliefert, macht Ángela Molina als Großmutter alles wieder wett. Sie hält nicht nur die Familie in den entscheidenden Momenten zusammen, sie rettet, zusammen mit großartigen Kinderdarstellern, die Serie insgesamt. Ángela Molina erhielt gerade den Ehren-Goya 2021 für ihr filmisches Lebenswerk zugesprochen.

Netflix-Serie "pädagogisch" wertvoll gegen selbsternannte Freiheitskämpfer und Corona-Leugner

Ohne spoilern zu müssen, sei die Serie auch jenen heutigen Hobby-Stauffenbergs und -Scholls ans Herz gelegt, die meinen, im Handling der Corona-Pandemie eine Diktatur erkennen zu müssen, während sie im warmen Heim, unbelästigt von Amtswillkür und nur ihrer inneren ethischen Armut ausgeliefert, ihr Übergewicht verwalten und das Sterben von Menschen höhnisch als Beeinträchtigung ihrer Freiheit kommentieren, weil sie mal ein paar Monate eine Maske tragen sollen. So gesehen ist „La Valla“ vielleicht kein filmisches Meisterwerk, kommt aber als „pädagogisch wertvoll“ zur rechten Zeit. Eine cineastische Watschn für unseren Kindergarten der verzogenen Egozentriker, die zurecht rückt, worum es wirklich geht, was Freiheit wirklich bedeutet. Das sollte uns die paar Euro Netflix-Gebühr im Monat allemal wert sein.

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