Der Glöckner von Madrid justiert das Uhrwerk in der Puerta del Sol
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Wird 2022 besser als 2021? Ojála! Der Glöckner von Madrid justiert das Uhrwerk in der Puerta del Sol für Silvester.

Zum neuen Jahr

Ojalá 2022: Auf ein Wort - Spaniens Stoßgebet als Neujahrsgruß

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Manche behaupten, das Jahr 2022 werde nur die dritte Staffel von 2020 bringen. Diese Optimisten. 2022 wird ein klassisches Jahr des Ojalá! Ein Ausdruck, eigentlich mehr ein Gefühl, dem der Titel für die spanischste aller spanischen Vokabeln gebührt. Eine linguistische Neujahrsansprache.

Alicante - Zum vergangenen Neujahr versuchten wir Sie, liebe Leser, in „El tiempo pasa“ zum Erlernen der spanischen Sprache zu animieren, in dem wir den Beweis führten, dass ein einziges Wort - und seine 1.001 Varianten und Mutationen - vollauf genügen, im Alltag sprachlich zurecht zu kommen. Dieses Coronavirus im Wortschatz des Spanischen ist „pasar“. Wir hofften, dass die Pandemie passé sein würde und 2022 bereits pasado (Vergangenheit) sei. Nun stehen wir wie begossene Pudel mit unserem pasaporte covid an der Pforte der Kneipen und des neuen Jahres und fragen uns: Qué pasó? - Was ist geschehen?

Um 2022 beschreiben und ausdrücken zu können, brauchen wir doch noch eine weitere Vokabel, das ist aber wirklich die letzte, die Sie nicht nur für die Sprach-, sondern auch die spanische Gefühlsprüfung benötigen werden. Ojalá. Oder genauer: ¡Ojalá! Denn es handelt sich um einen Imperativ. Doch ist es weder eine Handlungsaufforderung, noch ein einfacher Ausruf und schon gar nicht handelt es sich um den kategorischen Imperativ nach Immanuel Kant, sondern als das iberische Gegenteil davon. Es ist sozusagen der Iberikativ, so gewitzt und einzigartig wie der Buchstabe Ñ.

Ojalá: Imperativ ohne Aufforderung, Wunsch ohne Hoffnung, Sehnen ohne Aktion

Jawohl, die Spanier widerlegen Kant mit einem einzigen Wort. Ojalá ist das emotionale Prinzip für alles, was erwünscht und erhofft werden kann, mit der gleichzeitigen Verweigerung des sprechenden Subjekts, an der Erfüllung dieser Wünsche aktiv mitzuwirken oder es auch nur für möglich zu halten, irgendeinen Einfluss auf diese Erfüllung ausüben zu können. Das Ojalá vertont, je nach Einsatz, den gefühlten oder vorgetäuschten Zustand von Überraschung und Ungläubigkeit über ein Ereignis, auch wenn dessen Eintritt noch so wahrscheinlich war, oder die Hoffnung auf den Eintritt eines Ereignisses, dessen Zustandekommen selbst nach himmlischen Maßstäben unmöglich ist.

Mit einem wohlgeseufzten Ojalá, in der Google-Übersetzung ein schnödes „Wenn nur...“ oder „Hoffentlich“, entlässt der Spanier Geschehenes wie Ersehntes in einer fatalistischen Mischung aus mediterraner Wolllust und Melancholie in die Unbestimmtheit eines transzendenten Schicksals, das ihm bereits in Jahren harter Realität sarkastisch vorgetanzt hat, dass er der Allerletzte sei, der es irgendwie steuern könnte. Ojalá! Aber wenn es nichts wird, geht die Welt auch nicht tiefer unter als sie es tagtäglich schon tut.

Ojalá mag vordergründig wie ein Hoffnungs- oder gar Freudenausdruck daherkommen, in ihm schwingt aber immer mit, dass der Lotto-"Gordo" stets genau eine Zahl neben das eigene Los fällt. Die spanische Weihnachtslotterie treibt den mathematischen Beweis auf die Spitze, dass es gar keinen Sinn ergibt, gegen die eigene Passivität - über das Bedauern hinaus - anzukämpfen. Das gleiche gilt für die Personenwaage nach Weihnachten.

Das wohl inbrünstigste „Ojalá“ der spanischen Geschichte dürften die Herren um Kolumbus 1492 ausgestoßen haben als sie Land erblickten. Gemälde von Dióscoro Puebla y Tolín von 1862 im Prado von Madrid.

Ojalá: Denn es hätte auch schlimmer kommen können

Ojalá, ein schöner neuer Tag. Doch nach dem noch erbaulichen Morgenkaffee erscheint da wieder dieses gewohnte und gewöhnliche Gesicht des Partners, der immer noch da ist. Dann gehen wir zur Arbeit, die - ojalá - bald vorübergehen möge. Dieses ojalá drückt nurmehr den Wunsch nach Erträglichkeit, höherer Gnade aus. Man könnte seinen Job ja kündigen, den Partner wechseln. Aber das wäre zu viel Aufwand. So seufzen wir lieber. Schon gehört? Politiker XY wurde zu vier Jahren Haft wegen Korruption verurteilt. Mama, ich habe meinen Führerschein geschafft. Übermorgen soll eine Warmfront kommen. Es wurde ein Medikament gegen Krebs erfunden. Ojalá! - Wurde ja Zeit, dran geglaubt habe ich nicht mehr, aber ich nehme es wohlwollend zur Kenntnis, denn es hätte auch schlimmer kommen können oder anders oder eigentlich ist es auch egal. Und erst mal sehen, ob das auch so stimmt.

Wie geht es Dir heute? Mejor, ojalá. Die Briten haben dafür das „not too bad“ als Ausdruck größtmöglichen Enthusiasmus‘ in einem ganz sicher nur kurzen Moment geringstmöglicher Alltagskatastrophen. Das latente Chaos, die permanente Enttäuschung ist der Ruhezustand jedes glaubwürdigen Ojalá!

Zum Thema: Bitcóin, Cachopo, Poliamor: Viele neue Wörter im spanischen Wörterbuch 2022

Noch vor dem Olé, seinem hysterischen Cousin und der Siesta, seiner horizontalen Entsprechung, gebührt dem Ojalá der Titel für die spanischste aller spanischen Vokabeln. Trotz oder gerade weil sie arabischer Herkunft ist. Viele meinen, es sei eine verballhornte Vulgarisierung des "In sha'a Allah" (so Gott will), das im Islam noch häufiger benutzt wird als ein Teelöffel. Doch nichts da, Linguisten fanden heraus, dass dem Ojalá das "Wa sha'a Allah" zu Grunde liegt, übersetzt: Wenn Gott wollen würde oder gewollt hätte. Der Spanier überlässt also das Schicksal nicht einfach einer höheren Macht, sondern unterstellt Gott gleichzeitig, unter Umständen gar keine Lust zu haben, sich mit seinen Belangen zu befassen.

Ojalá: Gottes Werk und des Spaniers Beitrag

Gott selbst, da er seinen Job nicht in unserem Sinne macht, wird so indirekt in Frage gestellt, was angesichts des eigenen Schicksals und des Zustands der Welt naheliegend und weise, aber auch ketzerisch wäre. Und so schafft es der Spanier, mit einem einzigen Ojalá Gott gleichzeitig anzurufen und zu verhöhnen, trickst die Inquisition aber aus, weil er ja Allah und nicht den "wahren" Christen-Gott im Munde führte. Ojalá ist dialektisch, Ojalá, bringen wir es auf den Punkt, ist der Philosoph unter den spanischen Vokabeln. Der Volksmund kürzt auf ein Wort zusammen, wofür Cervantes zwei Bände "Don Quijote" brauchte.

Was Gott will, ist eine Sache, was der Spanier darüber denkt, eine ganz andere. Ojalá ist sein weltliches Amen - und bringt auch genauso viel. Als die Virgen de Pilar dereinst dem verzagt am Ufer des Ebro sitzenden Jacobus erschien und Mut zusprach, weil dessen Missionierungstour nicht gar so erfolgreich verlief, dürfte in Spanien das erste Ojalá! erklungen sein. Als Stoßgebet.

Spanien ist voll von historisch bedeutenden Ojalá-Momenten, von den Scheiterhaufen der Inquisition über die Schützengräben des Bürgerkrieges bis zu Don José vor - und noch mehr nach - seinem ersten Date mit Carmen. Denken wir nur an den Blick des Boabdil, des letzten Sultans von Granada, als er 1492 vom Schiff Richtung Marokko sehnend auf seine alte Heimat zurückschaute oder, im selben Jahr, als der Matrose Rodrigo aus dem Carajo der "Santa María" seinem Kapitän Kolumbus das wichtigste "Land in Sicht" der Geschichte entgegenrief. Cristobals Antwort wird nicht Olé, sondern Ojalá gelautet haben, vielleicht unterstützt mit einer ausholenden Handbewegung, denn er war ja Italiener. Dass er einen Weg nach Indien finden sollte, aber was ganz anderes (Spoiler: Amerika) dabei herauskam, könnte man hingegen schon wieder als originär spanisch bezeichnen. Während der napoleonischen Herrschaft soll das Ojalá verboten und durch das Oh-la-la der Franzosen ersetzt worden sein. Aber das ist vielleicht doch nur eine Legende.

Wir backen heute kleinere Brötchen. Manche behaupten ja, das Jahr 2022 werde nur die dritte Staffel von 2020 bringen. Diese Optimisten. 2022 wird so ein klassisches Ojalá-Jahr. Eigentlich sollte es vorwärts gehen, das Licht am Ende des Tunnels einmal nicht nur wieder ein weiterer Zug sein. Man könnte auch von den Schienen runtergehen, aber ein Ojalá! genügt uns. Nun hören Sie es schon selbst heraus oder? Wahrscheinlich wird es 2022 wieder nichts oder nicht das, was wir uns erträumen. Und falls doch: Mit unserem melancholischen, so zutiefst spanischen Ojalá haben wir uns bereits für alle Gelegenheiten und in alle Richtungen abgesichert. In diesem Sinne: Ein glückliches neues Jahr - Ojalá!

Ein Lied der Liebe und der Hoffnung in der Verzweiflung: Das „Ojalá“ des kubanischen Liedermachers Silvio Rodríguez:

Zum Thema: Liebe, Lust und Leiden in Spanien - Ihr kleiner Sprach(ver)führer.

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