Orangen an einem Baum mit Blüten.
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Blüte, Blatt und Frucht: Die Orange ist ein Gesamtkunstwerk der Natur. Spanien, Valencia und Orangen sind zum Synonym verschmolzen.

Spaniens Orangen

Orangen in Spanien: Eine bittersüße Kulturgeschichte

  • vonMarco Schicker
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Die Orange ist Spaniens Paradiesapfel(sine) und könnte gut auch Spaniens Weihnachtsbaum sein. Sie erzählt eine bittere und eine süße Geschichte. Eine Zeitreis von der Azahar in Al-Ándalus bis zu den Orangen-Plantagen in Valencia.

Sevilla/Valencia - Der Weihnachtsbaum in Spanien sollte eigentlich ein Orangenbaum sein. Nicht nur, weil die Orangen, die gerade jetzt zur Weihnachtszeit reif werden, wie Kugeln an den nordischen Tannen wirken. Auch seine Blüten - manche Sorten reifen und blühen ja zur gleichen Zeit - erscheinen wie flackernde Kerzen, die man im Norden mühsam aufstecken muss.

Orangen in Spanien: Der Duft der Orangenblüte - der Azahar - ist wie das Land

Der Duft der Orangenblüten, süß und einzigartig, so leichtfüßig verspielt wie penetrant und doch komplex, verführerisch-exotisch und auch ein bisschen dick auftragend, markiert das ganze Land Spanien von der Huerta Valencias bis zu den Straßen Sevillas.

Und die Autoren des Alten Testaments haben die Orange nur deshalb nicht zum Paradiesapfel oder der Paradiesapfelsine gemacht, weil Adam und Eva sich nach Genuss dieser saftig-sinnlichen Frucht, an deren Fleisch man so leicht kommt, niemals aus diesem Paradiese hätten vertreiben lassen. Die Geschichte der Menschheit wäre hier einfach zu Ende, die katholische Kirche stünde ohne ihre große Story da, mit der sie uns das Fürchten lehren will.

Pomeranzen: Spaniens Bitterorangen als Schmuck und Grundstoff für Englands Marmelade

Dabei liefert die Orange in Spanien zwei Geschichten, eine bittere und eine süße. Denn zunächst, ab dem 10. Jahrhundert etabliert sich die Pomeranze, die Bitterorange, in Europa, die selbst schon eine Kreuzung war, vermutlich aus Pampelmuse und Mandarine. Beide Sorten, die bittere wie die süße, haben die gleichen Vorfahren aus der Himalaya-Region. Über die venezianischen Handelswege findet die Pomeranze aus dem Osten nach Sizilien, mit den Arabern und Berbern kommt sie als narandsha über Nordafrika nach Hispanien, wo sie ihren Namen für die ganze Welt erhält, naranja die Frucht, naranjo der Baum, davon abgeleitet die Orange. Allerdings tauchen Pomeranzen auch schon auf römischen Mosaiken auf, es ist also wahrscheinlich, dass sie schon mit den Zitronen viel früher in Europa zu finden waren.

Zunächst schätzt man den Baum in Al-Ándalus seiner Ästhetik wegen, seit tausend Jahren schmückt er in Córdoba, Málaga, Sevilla die Patios, Gärten und Straßen. Allein in Sevilla sollen 40.000 Orangenbäumchen im öffentlichen Raum gepflanzt sein. Der Hof der Kathedrale mit der maurischen Giralda in Sevilla, jener der Moschee-Kathedrale in Córdoba und auch ein Hof in der Alhambra von Granada sowie der Hof der berühmten Seidenbörse von Valencia heißen patio de naranjos.

Den Sevillanern ist es bis heute ein köstliches Vergnügen, den guiris - meist britischen Touristen- dabei zuzusehen, wie sie die Früchte von den Bäumen klauben, um herzhaft hinenzubeißen und dann allerlei Grimassen des Ekels zu schneiden. Denn die Citrus aurantium (lat.: goldige Zitrone) ist intenisv bitter-sauer und noch ungenießbarer als die englische Küche. Noch heute liefern Sevilla und Andalusien den Briten, einschließlich dem Buckingham Palace, den Grundstoff und auch die fertig gekochte berühmte Bitter Orange Marmalade, die auf der Insel so beliebt ist. Das Oranging ist indes weit ungefährlicher als das Balkoning.

Azahar: Die Blüten der Orange - Duft der Verführung in Al-Ándalus

Doch bevor es soweit kam, waren die Bitterorangen in Spanien ein Privileg der Sultane, Emire und Kalifen, die damit ihre Schlösser schmückten und aromatisierten. Die Mauren verliebten sich schnell in die Blüten, die heißen noch heute auf Spanisch azahar, nach dem arabischen Wort für weiße Blüte. Kein Zufall ist es da, dass das "Versailles des Mittelalters", die Palastanlage Medina Azahara bei Córdoba, den Namen der Orangenblüte führt. Die war dort nicht nur überall präsent, sondern Azahar soll auch der Name der Lieblingsfrau des Kalifen und Erbauers Abderramán III gewesen sein. Die Namensgebung des Schlosses scheint indes einer linguistischen Folklorisierung der Spanier geschuldet, denn das arabische Madinat al-Zahr bedeutet eigentlich "strahlende Stadt".

Die schneebedeckte Sierra Bernia in Alicante, davor Orangenbäume in Altea in voller Frucht.

Agua de Azahar: Medizin, Backzutat, Parfum

Den Duft der Orangenblüte fing man ein, als Aufguss (Tee mit nie mehr als zwölf getrockneten Blüten) und Destillat (Nerolíöl) fand und findet es Verwendung in der traditionellen Naturheilkunde als Beruhigungsmittel und Medizin gegen Ohnmacht, Verdauungs- und Menstruatrionsbeschwerden. Diese Vorzüge erwähnte um 1250 auch der deutsche Gelehrte Bischof Albertus Magnus (Entdecker des Arsens), der in seinem Werk die "arangus" latinisiert einführte und die später in deutschen Landen als Sevilla-Orange bekannt wird. Die moderne Medizin hat die Wirkstoffe zwar isoliert und analysiert, die Fachwelt streitet aber über ihren empirisch belegbaren Nutzen. Die Parfümindustrie hingegen liebt nicht nur das Destillat der Blüten, sondern auch der Blätter und unreifen Früchte namens Petitgrain. Badezusätze, Duftkerzen und Raumerfrischer bedienen sich dem Orangenaroma, doch nichts davon kommt an die Straßen Sevillas im April heran.

Einige Tropfen des Destillats erscheinen auch als Zutat für viele orientalische wie europäische Süßigkeiten und es ist kein Zufall, dass das "agua de azahar" in jeden Roscón de Reyes, das traditionelle Hefegebäck in Spanien zum Tag der Heiligen Drei Könige gehört, die bekanntlich alljährlich aus dem Morgenland einmarschieren. Im Orient tröpfelt man sich noch heute manchmal etwas agua de azahar in den Kaffee und auch der beliebte mit Bergamotte versetzte Schwarztee geht auf eine Bitterorangen-Kreuzung zurück.

Die Legende von Azahar und Xurán

Der Sultan von Granada, Alkabul, hatte sich hoffnunglos in die junge Sklavin Azahar verschaut. Er ließ alle ihre Verwandten töten, damit sie ganz ihm gehörte und setzte die Hochzeit an, sobald sie 13 Jahre alt ward. Damit sein Hochzeitsfest alle anderen überstrahle, holte er den jungen Künstler Xurán, ein berühmter Architekt und Kalligraph, er solle die Zeremonie organisieren und schmücken.

Doch kaum am Hofe eingetreten, verlor sich Xurán in den Augen Azahars, in denen er das Leid, aber auch die wahre, tiefe Liebe erblickte. In einem heimlichen Stelldichein gestand Azahar dem jungen Mann ihr traurig Schicksal und Xurán erzählte ihr, dass der Sultan ihn nach dem Fest blenden wolle, damit er nie wieder eine solche Pracht entfalten möge. Vereint in ihrem Leid verbrachten sie die Nacht vor der Hochzeit heimlich im Garten, die Orangenbäume standen gerade in Blüte und weinten, ach, ihre weiße Pracht wie Tränen auf das unglückliche Paar.

Irgendwo hier in der Alhambra von Granada weht der Duft von Azahars und Xuráns tragischer Liebesgeschichte.

Dem Sultan tat man Kunde von der "Untreue" seiner gezwungenen Braut, er ließ sie stante pede verbrennen, Xurán floh in letzter Sekunde in die Berge. Doch als Azahar in Flammen aufging, strömte ein schwerer, bitter-süßer Duft und setzte sich in alle Kleider und wurde immer stärker. Sultan Alkabul zog mit seinen Leuten aus der Stadt, dem Duft folgend und fand den toten Xurán in den Bergen, der den Verlust der Geliebten nicht verwinden konnte. Als er auch ihn verbrennen ließ, entstieg dem Feuer der gleiche intensive Geruch nach Orangenblüten, der Alkabul in Irrsinn und Selbstmord trieb.

In jedem Frühjahr wehte nun der Duft der Orangenblüten, die seitdem Azahar geheißen, durch die Alhambra und kündeten von ihrer Liebe und der Schmach des Sultans. Die Bräute in Spanien stecken sich die Blüten bis heute als "azahar de la novia" in die Haare als Zeichen der Reinheit und es heißt, überall in Spanien, wo die Azahar duftet, gibt es die wirklich wahre Liebe.

Saft der bitteren Orangen: Reiniungsmittel für Kupfer und Schweinedärme

Der franziskanische Schriftgelehrte Francesc Eiximenis, ein wichtiger Historiker der Krone von Aragón, berichtet bereits um 1370 vom Anbau von Orangenbäumen in der Gegend von Valencia. Allerdings hatten die Christen zunächst eine ganz andere Verwendung für den ätzenden Saft der Bitterorange. Es war ein bevorzugtes Reinigungsmittel, man putzte damit das Kupfer und anderes Metall und reinigte sogar die Schweinedärme damit, bevor man sie als Wursthaut benutzte. Allmählich lernte man die Marmelade und die Schale (als Orangeat für Kuchen und Gebäck) schätzen und nutzte den Ansatz des Obstes als Basis für Liköre, Schnäpse und "Weine", man kennt heute die Marken Gran Manier oder Cointreau. Bitterorangen- und Blütenextrakte finden sich indes auch in der italienischen Limonade Chinotto, oder dem Campari.

Über Lissabon in die Welt: Die süße Orange kommt nach Spanien

Kunde von den ersten süßen Orangen in Spanien bekommen wir vom venezianischen Botschafter Andrés Navajero, der in seinen "Reisen in Spanien" um 1525 von Pflanzungen um Sevilla berichtet, "wo sie so hoch wachsen, wie bei uns die Wallnussbäume", aber nach wie vor ein Privileg der Oberschichten waren. Angeblich soll der portugiesische Entdecker und Seefahrer Vasco de Gama sie einige Jahrzehnte zuvor aus China mitgebracht haben, was sich aber nicht verifizieren lässt. Nachgewiesen ist indes, dass die Portugiesen den Handel mit Orangen dominierten und die Spanier ihre Früchte zunächst nur über den Hafen von Lissabon in die weite Welt verschiffen konnten.

Orangen aus Valencia: Eine Industrie im Sog der Globalisierung

Erst ab dem 17. Jahrhundert werden größere Mengen auch direkt aus Valencia, Andalusien und den Balearen in alle Welt geliefert und im Jahre 1717 verzeichnet das Register des Hafens von Sagunto, nördlich von Valencia gelegen, allein in einer Fuhre 18.000 Orangen, die in Holzkisten in die Niederlande geliefert werden. Es entwickelte sich eine Industrie, der es gelang, Valencia und Orangen quasi zu einem Synoym verschmelzen zu lassen. Selbst die Strände dort heißen Costa de Azahar, wegen des Duftes, den die huerta herüberweht. Wohl jeder Deutsche kennt den Werbespot von Onkel Dittmeyer, der den Saft von in 13 Monaten sonnengereiften "Spätapfelsinen" seiner Marke Valensina anpreist: "Zwar nicht frisch gepresst, aber schmeckt fast so."

Den valencianischen Zitrus- und Orangenbauern, die heute über 60 Prozent des gesamten spanischen Marktvolumens erwirtschaften, setzt die industrialiserte Quasi-Monokultur indes mehr zu als sie ihnen Segen bringt.

Vertreibung aus dem Paradies: Spaniens Orangenbauern protestieren gegen Billigimporte. Die Globalisierung gab den Orangen in Spanien wieder einen bitteren Beigeschmack.

Und so schließt sich der Kreis der Geschichte, bekommt die süße Orange in Spanien wieder einen bitteren Beigeschmack. 80 Prozent des in Europa konsumierten Orangensaftes kommt aus Spanien, allein nach Frankreich wird jährlich Saft - und häufig auch Konzentrat, das sogar an Börsen gehandelt wird - im Wert von 200 Millionen Euro exportiert.

Ähnlich wie bei den Oliven und ihrem Öl sowie dem Wein gingen die Spanier zu häufig auf Masse statt Klasse und befinden sich daher im Zuge der Globalisierung im stetigen Preiskampf mit Billigimporten aus dem Maghreb und Südafrika, gegen die die europäische Kostenstruktur kaum ankämpfen kann. Der Handel drückt die Preise ins Unerträgliche und der Klimawandel gibt vielen Orangenbauern den Rest, dort wo die alten Bewässerungstechniken an ihre Grenzen geraten und auch der Himmel nicht mehr genügend Wasser hergibt.

Mit Innovation gegen Preisverfall: Valencias Orangenbauern erfinden sich neu

In der Vega Baja im Süden Valencias, aber auch in Andalusien geben immer mehr Bauern auf, weiter im Norden von Alicante und in Valencia versuchen sich innovative Kooperativen mit neuen Orangen-Sorten, dem Direkt-Marketing und lokalen Qualitätssiegeln im Markt zu behaupten. „Adoptiere einen Orangenbaum“ heißt eine dieser Initiativen, mit denen man die Kundschaft näher an Produkt und Erzeuger bringen will. Denn die Nordeuropäer, die einmal von den echten Früchten in Valencia gekostet haben, rühren die industrielle Massenware aus den Reifehallen der Großhändler nur noch ungern an. Für um die 80 Euro im Jahr bekommen sie so die gleiche Anzahl Kilos, damit ein gesundes Stück Spanien nach Hause geliefert und das Geld bleibt zum größten Teil beim Erzeuger und versickert nicht bei Zwischenhändlern und Handelsketten.

Orangen in Spaniens Küche

In der spanischen Küchentradition ging die Orange außerhalb der Patisserie etwas flöten, in alten Kochbüchern tauchen als herzhafte Verwendung immer mal wieder Saucen auf, in denen bittere und süße Orangen mit Brühe verkocht werden. Heute finden wir Varianten des pollo a la naranja (in Orangensauce gebeiztes Hühnchen) in der andalusischen Küche, in der Mancha den lomo de cerdo, also Schweinebraten in Orangensauce, der warm wie kalt serviert wird, einen Salat aus bacalao, also getrocknetem und wieder hydriertem und entsalztem Kabeljau mit Orangenfilets zum Beispiel in der Küche von Navarra als die häufigsten Erwähnungen dieser für Spanien so emblematischen Frucht.

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