Auf einem Platz steht ein Kind und betrachtet eine bunt bemalte Wand.
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Cartagena feiert eine Spanischlehrerin aus Bonn: Ein ganzer Platz mit Wandbildern ist der Poetin gewidmet.

Poesie aus Spanien

Poetin aus Cartagena unterrichtete in Deutschland Spanisch - Maria Teresa Cervantes wird 90

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Auch auf Deutsch erhielt María Teresa Cervantes Glückwünsche zum runden Geburtstag. Die Poetin aus Spanien wohnte lange in Deutschland. Ihre früheren Schüler sind ganz begeistert, dass sie noch lebt, dichtet und E-Mails schreibt. Von einer Frau, für die in der Lyrik ein besonderer Trost innewohnt.

Cartagena - Sie seien wie die eigenen Kinder. Hier könne auch keine Mutter sagen, welches ihr besonders am Herzen liege. So beantwortet uns María Teresa Cervantes von der Costa Cálida die Frage danach, ob eines ihrer Gedichte besonders hervorzuheben sei. Nein, das gesamte Spektrum ihrer Poesie sei für sie stellvertretend, ob die ersten Gedichte, die sie mit 23 herausgab, oder die, die sie heute schreibt. „Ich fühle mich prima, obwohl das keiner glauben will“, sagt die 90 Jahre alte María Teresa Cervantes in wunderbarem Deutsch. Dieses spricht sie dank ihrer Zeit in Bonn, wo sie 25 Jahre lang Spanischlehrerin war.

María Teresa Cervantes Autorin
Geboren8. November 1931 (Alter 90 Jahre)
AusbildungSorbonne

Cartagena: Spanischlehrerin aus Bonn wird 90 Jahre alt - „Wieviel begrabenes Licht...“

Ein gefeiertes Jubiläum war der 90. Geburtstag der Spanischlehrerin aus Bonn am 8. November auch für Cartagena. Denn ihre Heimatstadt im Südosten Spaniens fühlt sich der Poetin sehr verbunden. So sehr, dass sie María Teresa Cervantes einen Platz widmete, den seit 2019 ein sehenswertes Wandbild von der Dichterin und ihrer Poesie umrahmt. „Ich war lange in der Welt“, erzählt die Dichterin, gefragt danach, ob sie in Cartagena nun zu Hause sei. „Ich lebte lange in Paris, studierte an der Sorbonne Literatur. Ein Jahr lang war ich in den Pyrenäen, ein Jahr in Barcelona. Aber Cartagena... hier bin ich geboren.“

Geboren – in menschlicher wie poetischer Hinsicht. Mit zwölf Jahren schrieb María Teresa Cervantes in Cartagena ihre ersten Gedichte. In der Familie habe es einen Onkel gegeben, der schrieb, „aber das tat er nur für sich, er veröffentlichte die Werke nicht“. Ansonsten habe sie Spaniens Poet Juan Ramón Giménez inspiriert. „Er schrieb sehr lyrisch, sehr tief, mit Herz.“ Ihre Geburtsstunde als Poetin erflolgte 1954, als ihr erstes Buch „Ventana de amanecer“ (Fenster bei Sonnenaufgang) erschien. Darin ließ die Autorin unter anderem diese aufmunternde Jugenderinnerung aufleben:

Durch die engen Straßen meines Viertels / zieht ein süßer Klang zarter Stimmen / in hektischen Gruppen lachen sie und singen / die Mädchen von der Schule.“

Die Spanierin erzählt, dass die Poesie zunächst ein „Fundstück“ für sie war. Aber dann wurde sie zur stetigen Begleiterin. „In sie legte ich meine Geheimnisse, meine Ängste, meine Leiden“, bekennt María Teresa Cervantes. Leiden etwa einer Ehe, die kein Glück brachte. Weil der Mann nicht anders konnte, als nur eifersüchtig zu sein.

Wieviel begrabenes Licht / wieviel irrende Zärtlichkeit / welch Nässe in der Nacht und im Blut“, klagte Dichterin Cervantes 1966 im Buch „Lluvia reciente“ (Frischer Regen).

„Liebe Frau Cervantes, Sie sind ja noch da!“

„Meine Poesie ist lyrisch, weil die Lyrik aus dem Herzinneren kommt. Sie war immer ein großer Trost.“ Trost für die Dichterin selbst, aber eben nicht nur. „Viele Menschen schrieben mir, dass sie meine Poesie getröstet hat.“ Auch Menschen aus Deutschland. Wie María Teresa Cervantes in Bonn landete? „Über eine Freundin, die mich für ein paar Tage einlud.“ Durch die spanische Botschaft vermittelt, wurde Cervantes zur Spanischlehrerin an zwei deutschen Schulen: „Morgens arbeitete ich in Bonn-Oberkassel, nachmittags in der Marienschule - in der Heerstraße“, lacht die Spanierin aus Cartagena herzlich.

Aus Cartagena in Bonn: Spanischlehrerin María Teresa Cervantes mit damaligen Schülern.

Wer ihre Schüler damals waren, fragen wir. „Fast alle meine Schüler waren Kinder spanischer oder südamerikanischer Migranten“, erzählt die damalige Spanischlehrerin aus Bonn. Doch es gesellten sich auch immer mal deutsche Kinder hinzu – in Zeiten, als das Lernen der spanischen Sprache Castellano noch höchst exotisch war.

Ich werde 50, es sind Jahre / die meine Augen und Haare mitschleifen. / Umso mehr suche ich mich in den Echos / die mich formten. / Ich klingele fest an der Tür, um zu wissen, ob ich da bin“, dichtete María Teresa Cervantes in „A orillas del Rhin“ (Am Ufer des Rheins, 1985).

1995 in Rente, pendelte die Poetin eine Weile durch Europa, um 2003 wieder in Cartagena an der spanischen Costa Cálida zu landen. Die Kontakte, Freundschaften in Deutschland jedoch blieben. „Wenn jemand etwas Schlechtes über Deutsche sagen will, bin ich immer schneller mit dem Einwand“, lacht die Spanierin. Gerührt sei sie, wenn sich dank sozialer Medien und E-Mails die alten Schüler melden. „Liebe Frau Cervantes, Sie sind ja noch da!“ – lese sie hin und wieder.

Die meisten Migrantenkinder seien – im Gegensatz zu den Eltern – nie nach Spanien gezogen. Aber es gebe Ausnahmen. „Eine Familie, das waren Analphabeten. Ihr Sohn ist aber heute Professor für Spanisch an der Uni Granada.“ Andere, aus der Schweiz etwa, hätten Cervantes mehrmals in Cartagena besucht. Oder schrieben einfach lustige Sachen auf Facebook. „Leider“ habe sie keine eigenen Kinder zur Welt gebracht. Aber da sind ja doch die vielen, vielen Gedichte, die wie Kinder sind, deren alleinige Anwesenheit das Gemüt beruhigen und trösten kann.

Cartagena feiert Poetin: María Teresa Cervantes inspirierte und tröstete viele Menschen.

Überraschungsgeschenk der Stadt: „Poesie, das bist du.“

So besonders war die Wirkung ihrer Poesie, dass sie nicht nur aus dem Spanischen in die deutsche Sprache übersetzt wurde, sondern auch auf Arabisch. „1958 tat das Mohammad Sabbag aus Tetuan. Es war eine kleine Revolution.“ 1975 nahm Carmen Conde María Teresa Cervantes‘ Gedichte in die „Spanische Antologie der weiblichen Poesie“ auf. All das seien „Spuren meines ganzen Lebens“, sagt die Poetin aus Cartagena, die von ihrer Stadt zum 90. Geburstag ein Überraschungsgeschenk erhielt: Das Buch „Poesía Completa“ vom Verlag Torremozas – 932 Seiten mit allen ihren Werken. Jemandem etwas Schönes schenken, eine Rose etwa, auch das sei Poesie, sagt Cervantes. Und zitiert ein dichterisches Sprichwort: „Poesie, das bist du.“

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