Eine Museumsbesucherin steht mit Maske vor einem Bild im Prado.
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Antonio Fillol: El Sátiro. Die Brisanz und Brutaliät dieses Gemäldes von 1906 und seiner Werkgeschichte erschließt sich in der Prado-Ausstellung „Invitadas“. Bis März 2021

Ausstellung im Prado

Eingeladen und ausgenutzt: Madrids Prado-Museum stellt sich Machismo

  • vonMarco Schicker
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In „Invitadas“, der ersten Sonderaustellung in der neuen Normalität, arbeitet der Prado in Madrid pointiert und brutal die Bigotterie und Ranzigkeit der Männerwelt des 19. Jahrhunderts auf. Und auch sein eigenes machistisches Erbe.

Madrid - Über 100 Jahre vagabundierte das Werk "Familienszene" der granadinischen Malerin Concepción Mejía de Salvador, entstanden um 1890, durch die Depots verschiedener Museen in Spanien. Unsachgemäß behandelt, nie ausgestellt. Seit 2016 gehört es dem Prado, ist aber praktisch zerstört. Heute begrüßt der ausgefranzte Fetzen, dessen Sujet kaum noch erkennbar ist, die Besucher der ersten Sonderausstellung im Prado von Madrid in der "neuen Normalität", die eine neue Normalität im doppelten Sinne bringen soll.

Das wünscht sich Carlos G. Navarro, Spezialist für Malerei des 19. Jahrhunderts und Kurator der Schau mit rund 130 Werken. "Diese Ausstellung ist eine Selbstkritik des Museums, auch der Prado trägt eine machistische Erbschaft mit sich, die er jetzt aktiv durchforstet und diese Ausstellung ist ein erstes Ergebnis davon".

Austellung im Prado: Es geht nicht um Quote, sondern um Erkenntnis

Die Schau ist absichtlich harmlos mit "Invitadas" (weibliche Form von Gäste) betitelt. Die Frau als Außenstehende eines geschlossenen Männerzirkels, die eingeladen, dazu geholt wird, wenn es beliebt, aber ohne Hausrecht bleibt. Der Prado untertitelt: "Fragmente über Frauen, Ideologie und Bildende Kunst in Spanien von 1833 bis 1931", also eine Zeit, die sich selbst als progressiv postulierte, sogar als "Moderne" und "Avantgarde" dem überholten Alten abhold sein wollte.

Die fast zur Unkenntlichkeit verfallene „Familienszene“ der Malerin Concepción Mejía de Salvador eröffnet die Prado-Sonderausstellung „Invitadas“.

Das misshandelte Werk Mejías zum Auftakt steht nicht nur als corpus delicti für die Missachtung von Frauen als Künstlerinnen, sondern auch der Misshandlung der Frauen als Objekte der männlichen Kunst, die nichts anderes war als ein Spiegel der frauenfeindlichen Lebensrealität. Es geht dem Prado nicht mehr nur um das Aufhängen einiger Werke von Frauen, um eine Quote zu erfüllen, einem #meetoo-Trend zu folgen, sondern um die Aufdeckung eines strukturellen Machismo, um die Selbsterkenntnis über künstlerische Aha-Effekte als erstem Schritt zu einer Besserung.

Ausschluss mit System: Frauen in der spanischen Kunstwelt als Dekoration und Objekt

Die Ausstellung im Prado von Madrid wurde in 17 Kapitel geteilt, eine "traurige, aber notwendige Realität, der sich der Besucher stellen soll", so Kurator Navarro. Der erfährt, wie der spanische Staat Künstlerinnen über ein System der Prämierungen, Ankäufe und Stipendien systematisch von der Kunstwelt und dem Kunstmarkt ausschloss - Ausnahmen eingeschlossen, die wie Exoten von Schaustellern exponiert wurden, wenn sie stereotype Kriterien erfüllten. Ein System, das, so weisen die Macher nach, bis in heutige Tage wirkt.

Gerne wurde und wird dabei entschuldigend argumentiert, dass eben nur die besten Werke, die von großem Genie, in die großen Museen gehörten. "So will man alle Frauen immer nur mit den genialsten Männern vergleichen, aber nie unfähige oder mittelmäßige Männer mit genialen Frauen", wirft die Journalistin Carmen de Burgos schon in den 20er Jahren ihren männlichen Kollegen um die Ohren, die damals auch im Journalismus eine Exotin im Männerclub war. Der Prado zeigt in "Invitadas" viele Werke, die große Staatspreise erhielten, aber - sogar für den Laien ersichtlich -, sie nicht verdienten.

Nacktheit als Sexualisierung: Radikal neu ausgeleuchtete Idyllen

Von den ignorierten Künstlerinnen und über ihre Marginalisierung als dekorative Blümchenmalerinnen, führt uns der Prado zum Frauenbild im Bild. So führt eine der krassesten Abschnitte der Schau in die Welt der Nacktheit in der Kunst. Ein Genre, an das sich das Auge des Betrachters durch endlose Engels-Szenen und Nymphen-Idyllen in der Kunstgeschichte längst gewöhnt hat, wird hier radikal neu ausgeleuchtet.

Pedro Saenz: „Inocencia“. Sexualisierte Kinder unter dem Vorwand der Kunst. Die Ausstellung „Invitadas“ des Prado in Madrid offenbart den inhärenten Machismo.

Bei den meisten Werken handele es sich weder um künstlerische Überhöhung, noch Gesellschaftskritik oder freie Formbildung, im Gegenteil: "Es handelt sich um sexualisierte Kinder, versklavte und entkleidete Frauen, gezwungen zu posieren, auch wenn sie es nicht wollten", konterkariert und reinterpretiert Navarro Bilder im neuen Kontext, ihrem eigentlichen Kontext, die man sonst eher beiläufig registriert hat.

Machismo in Spaniens Kunst- und realer Welt: Sexuelle Gewalt verharmlost - der Kampf dagegen verboten

Zu diesen gehören auch die beiden Werke "Inocencia" und "Crisálida" von Pedro Sáenz vom Ende des 19. Jahrhunderts, hoch prämiert von einer stockkonservativen Regierung, aber im Grunde Kinderpornographie in Öl. Auch das Werk "Ein zu modernes Mädchen" von Álvaro Retana, das die Geschichte von Pili erzählt, ein Mädchen, das von den Freunden des Vaters gerade vergewaltigt worden war, weil es eine "zu moderne Erziehung" erfahren hatte. "Auch dieses Bild ist hochprämiert von einem konservativen Staat", ergänzt der Kurator.

Jiménes Aranda: „Frauenakt“ als Beispiel des Ergötzens an Gewalt. Teil der Ausstellung „Invitadas“ im Museo del Prado de Madrid.

Diese Maler des 19. Jahrhunderts suhlten sich in dem "Skandal, dem Horror und der Faszination", weit davon entfernt ihre Kunst gegen den patriarchalischen Diskurs, die Macht des Mannes über die Frau, einzusetzen. Im Gegenteil: Künstler wie der Valencianer Antonio Fillol, der 1906 in seinem Bild "El Sátiro" einen Mann malt, der vor einer Art Schlichtungsstelle einen anderen öffentlich des sexuellen Missbrauchs seiner kleinen Enkelin anzeigt, während das gedemütigte Opfer sich vor der erneuten Exhibition vor ihren Peinigern zu verdecken sucht, wird "durch ein Real Decreto aus einer Ausstellung verbannt - per Gesetz als unmoralisch verboten", erklärt Carlos G. Navarro die Hintergründe, die sich beim schieren Blick auf das zunächst harmlos wirkende Bild (siehe unser Titelfoto) niemals eröffnen. Man hing dem vergewaltigten Kind das gleiche Etikett an wie der Darstellung der Prostitution - das ist gerade 100 Jahre her, und, um genau zu sein, in diversen Milieus noch immer an der Tagesordnung.

0,6 Prozent der im Prado in Madrid gezeigten Werke stammen von Frauen

11 Werke der Dauerausstellung des Prado, die 1.700 Gemälde umfasst, stammen von Frauen. Im vergangenen Jahrzehnt hat das Museum ganze drei Werke von Künstlerinnen angekauft, müßig zu ergänzen, dass das weltweit renommierte Museum in seinen 200 Jahren Geschichte auch nie eine Direktorin hatte. Eine Bilanz, mit der man weit hinter der Entwicklung in der Gesellschaft hinterherhängt, aber in "guter Gesellschaft" mit den großen Museen der Welt ist. Der Prado stellt sich diesem Erbe mit "Invitadas" erstmals so offensiv: "Das Museum versteht die Botschaft, die ihr die Gesellschaft ausrichtet", glaubt Navarro und daher "ist diese Ausstellung auch nur ein Anfang."

Wichtige Teile der Ausstellung "Invitadas" (Museo del Prado Madrid, bis 21. März 2021) sind auf der Webseite des Prado multimedial aufbereitet (span./engl.).

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