cervantes gemälde don quijote
+
„Cervantes, sich Don Quijote vorstellend“. Gemälde von Mariano de la Roca y Delgado.

Freiheit oder Nichts: Cervantes unter Verschluss

Kreative Quarantäne: Wie erzwungene Isolation große Geister auf Trab und Don Quijote in den Sattel brachte

  • vonMarco Schicker
    schließen

Ob Shakespeare, Isaac Newton, Heine, Schiele oder Karl May: Große Geister wurden in Quarantäne kreativ. Isolation als Inspiration hat auch Miguel de Cervantes gelebt und ihm womöglich zum Durchbruch verholfen.

  • Künstler und Forscher nutzten Quarantänen für große Werke.
  • Cervantes‘ Abenteuer als Sklave in Algerien prägten „Don Quijote“.
  • Freiheit ist ein innerer Zustand, der Wege nach draußen sucht.

Giovanni Boccaccio floh 1348 vor der Pestepidemie in Venedig, die 60 Prozent der Bewohner umbrachte, in die Einsamkeit der Toscana. Er hätte sich dort vergnüglich zu Tode saufen können, stattdessen schrieb er in der selbstgewählten Isolation die 100 Kurzgeschichten und Parabeln, die als „Decameron“ zu einem Schlüsselwerk der Renaissance und des Humanismus wurden.

William Shakespeare durchlebte die Pest gleich mehrfach. In London wurde verfügt, dass ab 30 Seuchentoten pro Woche Theatervorstellungen einzustellen seien. Zwischen 1603 und 1613 waren die Bühnen 80 von 120 Monaten geschlossen. In diesen unsteten Zeiten, Shakespeare verdiente sein Geld ja vor allem als Theaterunternehmer, erblickten „König Lear“, „Antonio und Cleopatra“ und „Macbeth“ das Licht der Welt.

Große Momente von Newton bis Heine

Der Schwarze Tod kehrte bald nach London zurück, 1665 ging als das Jahr der Großen Pest in die Geschichte ein. 100.000 Menschen starben wieder daran, geschätzt 25 Millionen waren es in ganz Europa in den 300 Jahren davor, das entsprach einem Drittel der Gesamtbevölkerung um 1500. Der junge Isaac Newton floh vor der Epidemie aufs Land, da hatte er die Studien am Trinity College noch nicht beendet. Die Zeit werden Biographen später als seine goldenen Jahre verklären, die Gravitationstheorie, die Bewegungsgesetze, das Lichtspektrum und die Mathematik als Basis der Definition von Naturgesetzen, also nichts weniger als eine Revolution in der Wissenschaft, gehen auf die damaligen Studien zurück.

Cervantes als Sklave in Algerien. Stahlstich aus dem 19. Jahrhundert.

In Wien malte Egon Schiele 1918 während der Quarantäne zur Spanischen Grippe seinen Freund und Mentor Gustav Klimt auf meisterliche Weise. Klimt starb an der Grippe, im gleichen Jahr auch Schieles schwangere Frau Edith und dann Schiele, 28-jährig, selbst. Sein Werk „Die Familie“ verblieb unvollendet auf der Staffelei. Edvard Munchs „Der Schrei“ von 1895 ist inspiriert vom Tod der Mutter und einer Schwester an der Tuberkulose. Ein Trauma, das ihn nie wieder losließ, 1919 malte er, in Quarantäne, das „Selbstportrait nach der Spanischen Grippe“.

„Die Freiheit, Sancho, ist eine der schönsten Gaben, die der Himmel den Menschen vermachte; Sie kann man nicht mit den Schätzen gleichsetzen, die Erde und Meer bedecken; Für die Freiheit, so wie für die Ehre, kann und soll man das Leben auf´s Spiel setzen, und hingegen ist die Gefangenschaft das größte Elend, das über die Menschen kommen kann.“ - Aus Don Quijote.

Oder nehmen wir Heinrich Heine. Erst von der deutschen Pickelhaube und ihrer Zensur unter Quarantäne gestellt, dann in seiner Matratzengruft in Paris von der Syphilis gefesselt, sandte er geniale dichterische und revolutionäre Spitzen in alle Welt, verlachte sein und der Welten Schicksal, brachte die deutsche Sprache zum Klingen, erfand das Feuilleton und verhalf der deutschen Dichtkunst zu einem Ruf, dass sogar Franzosen sie für eine Weile als echte Poesie gelten ließen.

Karl May, der Erfinder des Winnetou und 100 weiterer unterhaltsamer Abenteuerromane, saß wegen Diebstählen, Betrugs und Schulden mehr im Gefängnis als draußen. Hinter sächsischen Gardinen floh er sich in imaginären Weiten der Prärie, schlug sich „Durch die Wüste“ und „Die Schluchten des Balkan“ bis zum „Schatz im Silbersee“. Macchiavellis bis heute angewandte Staatsphilosophie „Der Fürst“ entstand während dessen Verbannung durch die Medici nach Florenz und Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ legt Zeugnis ab über die sibirischen Straflager.

Hitler schrieb sein wahnwitziges Vernichtungsdrehbuch „Mein Kampf“ auch in Haft. Kein Kunstwerk, aber unbestreitbar epochal. In der Reduktion auf engem Raum bricht sich Bahn, was in den Menschen steckt. Viel Leere, aber auch Genie oder Wahn.

Isolation als Inspiration hat auch Miguel de Cervantes gelebt. Er kam bei mehreren Gelegenheiten in Haft, saß mal im Schuldturm, mal war er Opfer eines Mordkomplotts um einen Adeligen. 1575 geriet Cervantes, als Soldat in königlichen Diensten zuvor in der Seeschlacht von Lepanto unterwegs, in die Fänge maurischer Piraten, gemeinsam mit seinem Bruder Rodrigo. Sie wurden nach Algerien verschleppt, als Sklaven verkauft und als Geiseln gehalten, bis man das geforderte Lösegeld zahlte. Das war damals eine regelrechte Industrie, wobei spanische Geistliche als Vermittler fungierten, das Geld überbrachten und dabei Provisionen einstrichen.

Cervantes fiel dem Kosaren-Kapitän Arnaute Marni, ein Türke mit europäischen Wurzeln, dadurch auf, dass er lesen und schreiben konnte und ein Empfehlungsschreiben von Don Juan de Austria mitführte, dem Feldherren und illegitimen Sohn Carlos I. Das war großes Pech für Cervantes, denn man hielt ihn daher für eine besonders hochstehende Persönlichkeit. Entsprechend vervielfachte sich sein Lösegeld auf 500 Escudos, ein Betrag, den seine stets klamme Familie unmöglich auftreiben konnte.

Sklaverei als Lebensschule

Fünf lange Jahre lebte Cervantes in Gefangenschaft in Nordafrika. Zunächst im Hause seines Käufers, verkehrte er im Ort auch mit den Oberen, die seinen Esprit schätzten. Mehrere Fluchtversuche scheiterten, an Verrat oder Dummheit. Cervantes kam mal in Ketten, dann ließ man die Leine wieder lockerer. Ihm wurde hier eine regelrechte Typenschau serviert: Halunken, Tagelöhner, arme Seelen aller Völker paradierten in Algerien vor seinen Augen vorbei, alle suchten sie ihr kleines Glück und die Freiheit. Zwar sind viele biographische Daten umstritten, nicht aber die Tatsache, dass die Sklaverei in Algerien Cervantes’ Hauptwerk entscheidend prägte. Sowohl die Charakterisierung der Figuren, als auch die Mechanismen von Macht und Machtlosigkeit haben ihre Wiege hier.

Don Quijote gefangen im Ochsenkarren. Illustration aus einem Kartenspiel von 1972.

Vor allem aber das stolze Auflehnen gegen widere Umstände, auch wenn die Revolte hoffnungslos erschien, trieben den Don Quijote an. Auch wenn er wusste, dass er wieder scheitern musste, rief ihn das Ideal wie eine Sirene. In Algerien traf Cervantes Theologen genauso wie Ärzte und einfache Menschen aller Schichten. Sie wurden seine Lehrer und die Vorlagen für Quijotes Begegnungen.

1580 wurde Cervantes freigekauft und betrat in Dénia spanisches Festland. Die Gegend beschrieb er als verwaist, die Leute als abweisend. Er suchte sein Glück in Madrid, fand und verlor eine Frau, lernte das Theater Lope de Vegas kennen, scheiterte daran, einen Platz in ihm zu finden und lief Gefahr, sich in den Gassen der jungen Hauptstadt zu verlieren. Die nächste „Quarantäne“ brachte ihn wieder in die Bahn. 1597 saß er für drei Monate im Königlichen Gefängnis von Sevilla.

„Vertraue auf die Zeit, die süße Auswege aus vielen bitteren Schwierigkeiten findet.“ - aus Don Quijote.

Er war für König Felipe II. als Steuer- und Provianteintreiber für dessen längst verlorene Kriege unterwegs. Das brachte ihm zunächst eine kurzzeitige Exkommunikation ein, als er anstelle der – wie es damals Brauch war – armen Bauern die katholische Kirche schröpfen wollte. Als dann auch noch seine für den Madrider Hof gedachten Wechsel platzten, weil die Bank, die sie überweisen sollte, Pleite ging, steckte man ihn in Sevilla ins Gefängnis. Die absurde Episode wird durch den Umstand geadelt, dass er seinen Mitinsassen dort die ersten, gerade verfassten Kapitel des „Don Quijote“ vorgelesen haben soll.

„Es gab im spitzbubenreichen Sevilla keinen Ort, wo so planmäßig und ohne Mitleid gestohlen wurde wie im königlichen Gefängnis“, schreibt Bruno Frank in seiner Romanbiographie „Cervantes“. Felipe II., stets auf der Suche nach Geldquellen, verpachtete den Knast an den Gouverneur, der ihn wiederum an den meistbietenden Geschäftsmann vermietete. Der hatte nun nichts anderes im Sinn, als aus den 800 Häftlingen so viel Geld heraus zu quetschen wie nur möglich, für Essen, Besuche, Gefälligkeiten, bequemere Haftumstände.

Die inneren Dämonen besiegen - oder erdulden

Cervantes, mit hellem Geist und Fantasie gesegnet, arrangierte sich irgendwie. Nebenbei dürften die Umstände hier ihm die letzten Unklarheiten über die Dekadenz der Gesellschaft beseitigt haben. Bruno Frank resümiert: „Die Befreiung eilte ihm nicht. Ihn hätte die Aussicht nicht erschreckt, in diesem Zimmer ein Jahr lang abgesondert zu leben oder auch drei, und hier sein Werk zu vollenden. Alles kommt in der Kunst auf den Ausgangspunkt an.“

Erstausgabe des „Don Quijote“ von 1605.

Doch Cervantes’ Zeit war schon gekommen, seine äußeren Umstände banden ihn nicht mehr. Seine inneren Dämonen brauchten nicht mehr abgeschüttelt oder analysiert zu werden, sie verschmolzen zu einem der größten Werke der Menschheitskultur. „Längst schon war Don Quijote nicht der einfache Narr mehr, dem die Ritterbücher das Hirn verrückt haben. Er war ein höherer Besessener. Unsinn trieb er noch immer wie zehn, doch seine Rede war weise“, so Frank. Alles war „Eins geworden, wie die Frucht und ihr Duft.“

„Die Welt ändern zu wollen, Freund Sancho, ist keine Utopie oder Verrücktheit, sondern: Gerechtigkeit.“

Dass große Werke der Kulturgeschichte in Abgeschiedenheit entstanden, ist nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass für Künstler und Denker Ruhe und Fokussierung unabdingbare Voraussetzungen für ihre Inspiration sind. Sich von der Welt draußen abzukapseln, um durch Entzug und Perspektivenwechsel eine neue innere Welt entstehen lassen zu können, ist das Eine. Die Entscheidung über die Klausur aber nicht in der eigenen Hand zu haben, eine ganz andere Herausforderung. Manch große Geister brachte der Zwang zur Einsamkeit überhaupt erst zum Durchbruch. Andere zerbrachen daran, mit ihrem inneren Ich allein gelassen zu werden, als sie erkannten, dass es ein unbeherrschbarer Dämon ist.

Cervantes wurde seine inneren Dämonen nie los. Er übertrug sie aber auf seine Helden und setzte so sich und ein Meisterwerk frei. Wieviel Cervantes letztlich in Don Quijote steckt und umgekehrt, ob er mit ihm litt oder ihn vortäuschte, ist ein beliebtes, aber müßiges Spiel der Literaturwissenschaft. Natürlich schreiben Autoren am Ende über sich, besser gesagt aus sich – worüber auch sonst – doch ihr Genius versetzt sie in die Lage, dieses Ich zu verschieben, ihm Eigenleben einzuhauchen.

Cervantes, der ja nicht nur der erste Romancier der Neuzeit, Gründer und Meister einer eigenen Gattung, sondern vor allem ein Großmeister der Ironie war, wird genau mit diesen Zwischenwelten gespielt haben. Denn der Humor ist gleichermaßen Stilett wie Medizin, ein Universalinstrument des hellen Geistes. Und eben auch Rettungsanker im Meer der Verzweiflung. Kaum einer beherrschte dieses Instrument so virtuos und subtil wie Cervantes. Der Teufel eventuell noch.

Die Freiheit, über deren Wert Don Quijote seinen Sancho – und damit uns – so weise belehrt, strebt zwar stets nach draußen, ins Freie. Doch sie wohnt uns inne, ist dem Menschen wesenseigen. Quijote spricht von der „Gabe“ (kastilisch: „don“) nicht nur als Geschenk, sondern als Fähigkeit, die entwickelt werden will. Der Mensch ist frei oder er ist nicht. Und das Nichts, das sang uns schon Don Juan, ist schlimmer als der Tod.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare