Gemälde von Sofia Dímshits Tolstaia
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Kunst, die entlarvt. So oder so. „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, Gemälde von Sofia Dímshits Tolstaia, um 1920

Spanien und der Ukraine-Krieg

Kunst im Krieg: Russisches Museum Málaga zwischen Propaganda und Sanktionen - Eine Groteske

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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„Spezialoperation und Frieden“: Das lehrreiche Dilemma zwischen Sanktionen und Zensur, Kultur und Barbarei um das Russische Museum Málaga im Angesicht des Krieges in der Ukraine. Picasso weiß Rat.

Málaga - Als hätten sie es geahnt: "Krieg und Frieden" heißt die aktuelle Sonderausstellung des Museo Ruso, des Russischen Museums in Málaga, bei der - so wie die Dinge im Moment liegen - nicht sicher ist, ob sie wie geplant bis 24. April zu sehen sein wird. Ausgestellt sind Werke russischer und sowjetischer Künstler zwischen freier Entfaltung und Propaganda-Heroik, Staatskunst neben solcher, die einen Seiltanz aufführt, Subtexte lesbar macht. Die Ausstellung ist fast ein Jahr alt und könnte aktueller nicht sein.

Flankiert wird sie nicht wie sonst von Romanow-Portraits und Zaren-Tant, sondern von einer Schau russischer Avantgardisten, die einst Weltruhm genossen, von den viele erst im Exil erblühen konnten und dort nicht nur künstlerische Grenzen sprengten. Dazu gibt es eine Hommage an Dostojewskis 200. Geburtstag, ein Weltschriftsteller, dessen Hauptwerke "Schuld und Sühne", "Der Idiot" oder "Die Brüder Karamasow" nicht nur Putin nochmals gründlich lesen sollte. Der aber vor allem. Und dazu findet sich ein Themenraum zu Wladimir Majakoswki, dem Dichter, der vom talentierten Avantgardisten zum scheiternden Propagandisten mutierte, der als forcierter Staatskünslter, als Homosexueller, als Mensch am System zerbrach und sich 1930 das Leben nahm, als nähme er so all die stalinistische Pein, die sein Land ereilen würde, vorweg.

Dilemma in Málaga: Russisches Museum schließen oder Kunst als Brücke zum Dialog nutzen?

Als wäre solch dichte, brandaktuelle Themenwelt an der auf arglosen Tourismus gepolten Costa del Sol nicht surreal genug, rückt das Russische Museum durch sein Russischsein nun selbst ins aktuelle Spannungsfeld zwischen Kunst im Krieg und Krieg gegen die Kunst. Wer darüber entscheiden soll, ob und wie das Russische Museum im Rahmen der Sanktionen gegen Putins Invasion in der Ukraine zu bestrafen sei, das ist die Stadtverwaltung von Málaga. Sie sieht sich dabei nicht nur in einem mehrfachen Dilemma, sondern vor allem intellektuell völlig überfordert, besetzt durch Provinzschauspieler, die einen Akt des Welttheaters inszenieren sollen. Inmitten einer warhaften Tragödie erleben wie deren plausible Fortsetzung, eine absurde Komödie.

Die Tabacalera, die alte Königliche Tabakfabrik in Málaga, Sitz des Russischen Museums.

Witzbolde meinten bereits, die Museumsleitung müsse die aktuelle Ausstellung umbenennen, in "Spezialoperation und Frieden", das gleiche müsse mit Tolstois Roman geschehen, denn Krieg darf man im offiziellen Russland bei hoher Strafe zu dem aktuellen Gemetzel in der Ukraine nicht sagen. Und das Russische Museum in Málaga ist ein Teil des offiziellen Russland, eine Außenstelle des Staatlichen Museums Sankt Petersburg, das wiederum bis 1921 die Zarensammlung war. Damit wäre die Sache eigentlich klar. Eine staatliche russische Institution, die von Málaga subventioniert wird. Das geht natürlich nicht, solange dieser Staat einen Angriffskrieg gegen ein anderes Land führt.

Das ist auch die Haltung der linken PSOE-Opposition im Rathaus, die sich mit Details wie der Freiheit der Kunst nicht lange auffhält. Schließen, solange sie schießen. Lokale Akademiker und Künstler zeigen sich in Statements gespalten. Die einen halten das Museum für ein Instrument der Propaganda einer kriegsführenden Staatsmacht, andere die Schließung hingegen für eine Instrumentalisierung der Kunst, eine dem freien Westen unwürdige Zensur.

Der Gedanke einer Schließung umweht ein Hauch von Bildersturm. Ein Gedanke, auf den die russische Botschaft sofort mit einer Twitter-Botschaft ganz im Stile der Jammerkultur der vereinigten Populisten dieser Welt aufsattelte: Das Museum zu schließen, das wäre ja genauso, als würde man den Menschen verbieten wollen, Dostojewski zu lesen, so die Botschaft. Es sind jene Diplomaten, die eine Regierung vertreten, die gerade Menschen verbieten will, selbstbestimmt - oder überhaupt - zu leben.

Putin und der Bürgermeister von Málaga: Weltbühne und Provinzposse

Es bleibt dennoch ein Dilemma. Die gezeigten Künstler sind schließlich alle schon tot, was können die für Putin? Außerdem ist das Museum selbst, die alte Königliche Tabakfabrik Málaga, im Eigentum der Stadt, sie zahlt lediglich die Bestückung der Säle durch die Sankt Petersburger, rund 400.000 Euro waren es für die aktuellen Schauen. Dass die nächste "suspendiert" bleibt, sei klar, doch was macht man mit der jetzigen? Und was geschieht nach Kriegsende, werden die Russen auf immer beleidigt abziehen?

Entscheiden müsste der Bürgermeister, Francisco de la Torre, ein 77-jähriger PP-Politiker, der - und hier sind wir wieder mitten in der Komödie - im gleichen Monat des Jahres 2000 sein Amt als Bürgermeister von Málaga antrat, als Putin seinen Thron als Russlands Präsident in Moskau bestieg. 2015 holte der das Sankt Petersburger Museum nach Andalusien, Investitionen, russischsprachige Residenten, Marbellas Oligarchen, Tourismus als Hintergedanken. 2018 begegneten sich die zwei, auf einer großen, flaggengeschmückten Bühne nahm de la Torre die Puschkin-Medaille aus Putins Hand "für die Verbreitung der russischen Kultur in der Welt" entgegen.

Propaganda, Kunst, alles beides? Gely Korzhev-Chuvelev, „Abschied“, 1967. Zu sehen im Russischen Museum Málaga.

Das muss ihm ein unvergesslicher Moment gewesen sein. Denn der als ein wenig eitel bekannte Stadtchef wollte die Medaille nicht an den Kriegsherrn Putin zurückgeben. Vor wenigen Wochen noch war Málaga im Gespräch über eine Hermitage-Filiale. "Medaillen sind mir egal", flunkert der Bürgermeister inzwischen, nachdem die andalusische Landesregierung ihm die Ohren lang zog, "darüber nochmal zu reflektieren". Ihm gehe es um die Konsequenzen einer Rückgabe und "Kunst und Kultur sind das beste Gegegengift zur Barbarei" wuchs de la Torre literarisch über sich hinaus. Doch er werde sich hinsichtlich des Umgangs mit dem Museum an die Maßgaben der Sanktionen der Regierung in Madrid halten, schrumpfte er dann gleich wieder auf Beamtenmaß zusammen. Und die sind klar: Keine Geschäfte mit staatlichen russischen Stellen.

Warum es keinen "Kulturkampf" gibt: Friede den Hütten - Krieg den Palästen

Da die Bilder und Objekte nun mal da sind: Что делать? Was tun? - um Lenins Kampfschrift zu zitieren. Eines der Werke der Schau „Krieg und Frieden im Werk russischer Künstler“ trägt den Titel „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“. Es ist der treffliche Slogan der französischen Revolutionäre, der sich über Georg Büchners Flugschrift auch in Deutschland verbreitete. Er beschreibt den heutigen Krieg wie alle Kriege, die immer aus Palästen ausgingen und die Hütten verbrannten. Als es um 1920 entstand, konvertierten die einstigen Hüttenbeschützer und Volksbefreier nach der Revolution schon erkennbar wieder in Palastbewohner und ideologische Sklaventreiber. Aber kann der Künstlerin die ehrliche Intention abgesprochen werden? Ist es einfach Propaganda?

​Kunst ist immer politisch, sonst wäre sie nur dekoratives Gepinsel. Wo also hören politisch opportune Sanktionen auf, wo fangen wir selbst mit der Barbarei an? Wo ist die Grenze? Ein russisches Ballett von seinem Auftritt in Torrevieja abhalten, russischen Wodka aus den Regalen nehmen, russische Kunst abhängen, russische Gäste nicht mehr im Chiringuito bedienen, die Ensaladilla rusa, den Russischen Salat verbieten oder wie unter Franco in „Nationalsalat“ umbenennen? Es kann keinen Kulturkampf West gegen Ost geben. Das Wort ist ein grobes Missverständnis, denn eine Kultur, die gegen eine andere Kultur kämpft, hört in diesem Moment auf, Kultur zu sein und wird zur Barbarei.

2018 noch auf einer Bühne mit Putin, jetzt solidarisch mit ukrainischen Künstlern: Málagas Bürgermeister Francisco de la Torre (2.v.l.).

Eine Sondersitzung des Stadtrats Málagas, eine Art moralisch einwandfreies Inquisitionsgericht, soll nun über das Schicksal des Russischen Museums entscheiden. Unser Puschkin-Preisträger de la Torre zeigte sich noch schnell pflichtschuldig mit dem ukrainischen Künstler Andrej Krytsun und einer blau-gelben Flagge, die er wie eine Schürze vor sich hielt, die Scham oder fehlende Teile bedeckend. Dass für die um ihre Landsleute bangenden Ukrainer in Málaga ein geöffnetes Russisches Museum eine Provokation sein könnte? Sicher. Aber die haben im Moment wohl andere, echte Sorgen.

Picasso weist den Weg: Was mit dem Russischen Museum Málaga geschehen sollte

Wie wäre es, wenn die aktuelle Ausstellung ein bisschen zusammenrückt und ergänzt wird mit Werken aktuell verfolgter russischer Künstler und ihrer ukrainischen Kollegen? Und damit der gleichsam verlogene Westen sich nicht in Selbstgerechtigkeit suhlen kann, nehmen wir kurdische, syrische, palästinensische Künstler oder Berichte afghanischer Übersetzer oder Studentinnen gleich dazu und stellen Fotos von im Mittelmeer ertrunkenen "Schwarzafrikanern" den Bildern der großen Anteilnahme für die ukrainischen Kriegsflüchtlinge gegenüber? Wenn das den Towarischi Kunstwächtern in Sankt Petersburg nicht passt, können die ihre Werke gerne abholen und sich damit selbst entblößen. Es ist nur zu fürchten, dass das auch einigen im Westen nicht passen würde.

Was tun? Um den Kreis nach Málaga zu schließen: Der größte Sohn der Stadt Pablo Picasso hat eine klare Meinung zu dem Thema. Es sei denn, der steht jetzt auch auf der Liste der Verbannten, wegen seiner Frau Olga, einer Russin. Mehrere ihrer Portraits hängen schließlich - frei einsehbar - im Picasso-Museum. Picasso sagte, als wäre er gerade durch das Russische Museum seiner Geburtsstadt geschlendert: "Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lässt". - Doch dafür muss man sie natürlich sehen können.

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