brunnen im generalife garten alhambra granada
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Brunnenbecken im Generalife, den Gärten der Alhambra in Granada.

Geschichte Andalusiens

Beste Feinde: Pedro und Mohammed - Eine Lektion aus Sevilla und Granada

  • vonMarco Schicker
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Pedro I. und Mohammed V., die Herren im Real Alcázar von Sevilla und in der Alhambra von Granada: Die Geburt bestimmte sie zu Blutsfeinden, der Überlebenskampf und der Sinn für das Schöne führten sie zusammen.

  • Das Königreich von Kastilien und die Herrscher von Al-Ándalus gingen Koalitionen ein.
  • Pedro I. von Kastilien und Mohammed V. von Granada hatten viele Parallelen in ihrer Biographie.
  • Islamische und christliche Herrscher in Spanien bildeten Allianzen für Kriege, schufen aber auch zusammen Kunst und tauschten Wissen aus.

Sevilla/Granada - Sie waren getrennt durch Religionen, die den gleichen Gott anbeteten und den gleichen Vorwand boten, um Land, Macht und Reichtum für ihre Dynastien zu sichern. Der eine war König von Kastilien, der andere Sultan von Granada, Chef des Herrscherhauses der Nasriden.

Pedro und Mohammed schrieben gemeinsame Kapitel der spanischen Geschichte

Pedro I. nannten seine Gegner später „den Grausamen“, seine Anhänger den „Richtenden“. Ihre Reiche, alles andere als konsolidierte Gemeinwesen – wir dürfen uns sie nicht wie heutige Staaten vorstellen – verzettelten sich bis zur Selbstzerstörung in Kriegen. Es war machtbewusster Pragmatismus, der die beiden zunächst zueinander führte, aber aufrichtige Verehrung, die sie verbunden blieben ließ. Unter anderen Umständen hätten sie Freunde fürs Leben werden können, denn ihre Biografien ähnelten sich sehr.

Pedro und Mohammed waren fast gleich alt, geboren 1334 und 1338 und in ihren verzweigten Dynastien nicht unumstritten. Beide wurden im zarten Alter von 15 Jahren auf den Thron gesetzt und waren einer intriganten Verwandtschaft und Hofcamarilla ausgesetzt. Beide wurden abgesetzt, kehrten aber auf ihre Throne zurück, jeweils auch dank der Hilfe des anderen.

Real Alcázar in Sevilla. Das älteste, durchgehend von Regenten benutzte Schloss Europas. Orient und Okzident verschmelzen in diesem Wandrelief, arabische Ornamentik neben dem Wappentier Kastiliens, dem Löwen.

Mohammed V. war der älteste Sohn Sultan Jussufs I., aber seine Mutter war eine Sklavin, sein Blut also nicht rein königlich. Der Vater hatte – neben vielen Gespielinnen – noch eine zweite Familie gegründet, deren Kinder dem „illegitimen Bastard“ nach dem Leben trachteten, ihn kurzzeitig absetzten und aus Granada vertrieben. Er musste sich mit seiner Familie in höchster Not nach nur ein paar Jahren Amtszeit nach Marokko flüchten.

Franzosen sandten „falsche Braut“

Pedro hat ebenfalls einen „vielweibernden“ Vater und musste seinen Posten blutig verteidigen. Hinzu kamen in Kastilien die Pest, Hungersnöte und beständige Scharmützel bis hin zu Kriegen mit der um Land und Einfluss konkurrierenden Krone von Aragón und seinen eigenen Cousins, die ihm seine Krone streitig machten. Dazu die Großwetterlage: Frankreich und England im Dauerkrieg versuchten sich Pedro über Hochzeiten zu kaufen – und mit ihm seine starke Flotte.

Die Franzosen entsandten ihm eine Braut und versprachen ihm einen Schatz als Beigabe. Doch schon die erste Rate blieb aus, stattdessen fielen die aragonesischen Freunde der Franzosen in Kastilien ein. Pedro sperrte die Angetraute gleich nach der Hochzeitsnacht in einen Turm in Sevilla und zog, auf Rache trachtend, gegen die Verräter.

Pakt mit dem „Teufel“: Herrscher ohne Thron helfen sich gegenseitig

Was Pedro da gar nicht brauchte, waren instabile Verhältnisse im Süden, in Granada. Pedro rüstete also eine Expedition aus und verhalf Mohammed V. zurück auf den Thron. Als Lohn gab es einen Separatfrieden, nicht nur mit Granada, sondern auch mit den Merimiden, in Spanien Benimerines genannt, einem Sultanat, das große Teile Marokkos beherrschte. Sie waren Nachfolger der radikal-islamischen Almohaden, die von den Nasriden einst gemeinsam mit den Kastiliern bei Sevilla bekämpft wurden. Granada war der Lohn, das Emirat war zeitweise sogar ein Vasallenstaat Kastiliens.

Sind wir in der Alhambra in Granada? Nein, im Königspalast Pedro I. von Kastilien in Sevilla. Seinerzeit eine der bedeutendsten und größten Städte der Welt.

Die Koalition, der Pakt mit dem „Teufel“, war also erneut geschmiedet, was nun kam, war ganz großes Kino: Pedro verdiente sich seinen Beinamen redlich. Er marschierte nach Alicante bis vor die Tore Valencias und lief in den Hafen Barcelonas ein.

Bedrängt von vielen Feinden - Köpfe zum Präsent

Er holte sich die südliche Mancha, Murcia und Andalusien von den Aragonesen und ihren Verbündeten zurück, vergiftete seine unbezahlte Braut, köpfte den Thronräuber Mohammed VI., und ein paar weitere Verräter, diesmal im Solde Englands, stellte ihre Köpfe in Sevilla aus und schickte sie dann seinem Kumpel Mohammed V. nach Granada als Präsent.

Der sogenannte „Erste kastilische Bürgerkrieg“, doch eigentlich sein Halbbruder Enrique, zwangen Pedro dann vom Thron ins portugiesische Exil, der Heimat seiner Mutter. Er schaffte die Rückkehr, auch weil die Koalition mit dem Sultan von Granada hielt.

Auch an den Außenmauern der Alhambra von Granada verschmelzen maurische und christliche Elemente. Im Hintergrund ein Wachturm der Alcazaba, vorne barocke Reliefs.

1369 wurde Pedro von Enrique auf der Burg Montiel abgestochen. Das Haus Borgoña hörte auf zu existieren, die Trastámaras übernahmen, bis 1516 Carlos I. für die Habsburger Spanien weitgehend, wenn auch nur vorläufig einte. Er heiratete übrigens im Palast Pedro I. in Sevilla - damals eine der größten und bedeutendsten Städte der Welt. Sein Hochzeitsornat kann man in der gewaltigen Kathedrale von Sevilla besichtigen, einen Reichsapfelwurf von Columbus´ Grab entfernt.

1391 starb Mohammed V. als gefestigter Herrscher in seinen nun strahlenden Palästen. Er starb sozusagen in Schönheit, ein seltenes Privileg in jenen Zeiten. Und dieser Zeit können wir heute beim Besuch in den Nasriden-Palästen, nachspüren, auch wenn uns der Abgleich der dortigen Schönheiten mit dem geschichtlichen Hintergrundwissen im Surrealen lässt.

Spaniens Schicksalsjar 1492: Umbruch in die Neuzeit

Noch ein Jahrhundert sollte Mohammeds Familie den Thron Granadas beherrschen, die Alhambra ihr Zuhause sein. In diesen 100 Jahren erwacht langsam das christliche Abendland aus dem Mittelalter. Mit Leonardo da Vinci und der italienischen Renaissance befreien sich Wissenschaft und Künste langsam aus dem Klosterschlaf, Gutenberg schafft in deutschen Landen mit dem Buchdruck eine mächtige Waffe zur Verbreitung von Wissen, Wahrheit und Lüge. Byzanz, das oströmische Reich, wird an die Osmanen fallen, die später bis vor Wien stehen sollten. Und bald dreht sich auch nicht mehr alles um die Erde.

Brunnen in den Gärten des Generalife der Alhambra von Granada.

1492 dann das Schicksalsjahr: Die Vertreibung des Islam aus Spanien und die Entdeckung Amerikas. Es folgen die Deportation der Moslems und Juden, später auch der Konvertiten, Pogrome, die Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner, Bücher- und Menschenverbrennungen, Inquisition, und weitere 500 Jahre Krieg in Europa. 1984 wurde die Alhambra mit ihren Nasriden-Palästen zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt, da war das eigentliche Erbe, in dem Pedro und Mohammed ein kleines, aber feines Kapitel mitschrieben, schon längst getilgt.

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