Sevillanas tanzende Frauen in Sevilla.
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Die Sevillana, dort wo sie herkommt, auf der Feria de Abril in Sevilla.

Spaniens Flamenco

Sevillanas: Andalusien im Dreivierteltakt - Was Spaniens beliebtesten Tanz ausmacht

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Francisco und seine Äpfelchen: Sevillanas sind nicht nur ein Tanz, sondern das getanzte Lebensprinzip Andalusiens, der kleinste gemeinsame Nenner aller Generationen auf Ferias und Fiestas, der Auftakt zum Flamenco. Und getanzt werden sie nicht nur in Spanien, auch in Berlin, mitten in Charlottenburg, wo sie sogar ein Tanz in die Freiheit sein können.

Berlin/Sevilla - „Wie pflücken das Äpfelchen..., wir essen den Apfel, wir werfen ihn weg...“. Im Dreivierteltakt wiederholt Francisco die Eselsbrücke, mit der Kindern Lust auf Sevillanas gemacht wird. Der Weg des Äpfelchens simuliert die spiralartige Bewegung der Arme und Hände. Doch seine Schüler sind keine Kinder, sondern Erwachsene. Die winzige Tanzschule steht mitten in Berlin Charlottenburg.

Francisco, der sich nicht Paco nennen lässt, stellt, nein wirft sich zwischen seine Gruppe und den wandlangen Spiegel, drückt theatralisch das Kinn an die Brust, zieht das Bein nach und macht im hautengen schwarzen Einteiler, dessen überdimensionaler U-Ausschnitt getöntes Brusthaar hervorquellen lässt „die Vase“, bevor er geschmeidig wie eine Sevillaner Katze den Teutonen zeigt, wie man es richtig macht.

Andalusiens Nationaltanz Sevillanas: Spaß vor Perfektion

Francisco ist weit über 60, genaue Angaben verweigert er. Er stammt aus Murcia und ist auch kein professioneller Tänzer, "obwohl ich noch alle Flamenco Tablaos in Madrid am Geruch erkennen würde. Mit seinem Lebensgefährten floh er in den frühen 80-ern aus der Enge, wo er als „Dorfschwuler“, wie er sagt, „nicht nur Schicksalsschläge“ einstecken musste. Die Liebe hielt, in Berlin, „wo man mich Tunte sein lässt und es nur Schläge gibt, wenn ich das will“, eröffneten beide ein spanisches Lokal, mit Kronleuchtern und Stierköpfen aus Plüsch. „Kinder, Kiiinder, hach, ihr Deutschen macht noch aus allem einen Marsch, federnd bitte, feeedernd, nicht stampfen... Eso éhhh, Salida, Vuelta, Cierre y Olé!, eso éhhh!“.

Sevillanas im Garten. Gemälde aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Franciscos Didaktik ist vielleicht nicht die ausgefeilteste, der Spaßfaktor für die Teilnehmer dafür so hoch, dass sie irgendwann mehr wegen Francisco kamen als für die Sevillanas. Er treibt seine „Kinder“ an, als müssten sie morgen bei der Feria de Abril in Sevilla als Hauptattraktion auftreten. Was die Deutschen aus dem Rhythmus bringt, sind Synkopen, Retardandi (Verzögerungen), auf den ‚‚Flamenco-Gitarren geraspelte Rasguedos, die kleinen kalkulierten Unregelmäßigkeiten, die den Unterschied machen, zwischen Grenadiermärschen und dem Swing des Südens.

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Geschichte der Sevillanas: Witz, Schmalz und triefende Spanien-Klischees

„Die Sevillana ist der populärste spanische Volkstanz, jede noch so kleine Señorita oder alte Dame bei uns kann sich ein bisschen nach dem Takt bewegen, er liegt uns im Blut“, ist sich Francisco sicher. Und für ihn scheint das alles hier, der Tanz, die Emotion, die bekannten Melodien sein sentimentales Heimatkabinett geworden zu sein. Die Texte triefen förmlich vor Heimweh, Liebeskummer natürlich, aber haben oft auch viel Witz. Da wird berichtet, wie der María Morena der Eintopf anbrannte oder wie ein Zwerg aus dem Bett in einen Spucknapf fiel, wie „Por el puente de Triana, pasa la Reina, no llevaba corona, tampoco peina“, wie die Königin über die Brücke von Triana schritt, keine Krone - und auch keine Frisur - hatte.

Das Spektrum reicht von tiefernsten biblischen Versen bis zu Texten, die an Pornographie heranreichen. Doch die meisten Sevillanas-Texte sind schlicht seichte Schlager mit Lokalkolorit, der Kommerz hat natürlich auch in diesem Orchester Platz genommen und das Klischee gehört heute zu den Sevillanas wie die gepunkteten Kleider und wie Francisco.

Sevillanas: Flamenco oder nicht - das ist hier eigentlich nicht die Frage

Zum Flamenco gehören die Sevillanas eigentlich nicht und doch auch wieder schon. Denn wie viele andere Stile und Rhythmen wurden auch die Sevillanas flamenquisiert und sind heute einer der „palos“ del Flamenco. Mit diesen palos oder pallillos, Stäbchen, schlägt man eigentlich auch den Takt, bis jemand auf die Idee kam, die castañuelas, vulgo Kastagnetten, dafür zu verwenden, weil sie die Tänzer mitführen können und die Handbewegung noch geschmeidiger aussehen lassen. „Mit der Sevillana fangen sie alle an, die sich für den Flamenco interessieren, beim Tanz, beim Gesang oder der Gitarre“, erzählt Francisco, „die Japaner sind völlig locos danach und sind auch die fleißigsten Schüler“, sagt er mit strengem Blick auf sein Grüppchen Charlottenburger Hausfrauen. „Bei den meisten bleibt es dann aber auch bei den Sevillanas - wenn überhaupt“, verdreht er Augen und Hüfte zugleich.

In Spanien tanzt man die Sevillanas, wie wir sie heute kennen, seit etwa 300 Jahren, vor allem auf den Romerías, den Wallfahrten und natürlich den Ferias, ob klein im Dorf oder ganz groß wie der Feria de Abril in Sevilla, wo sie 1847 erstmals offiziell unter diesem Namen vorgestellt wurden. Geht man dem Tanz auf den Grund, ist er eng verwandt mit dem Fandango aus Huelva, ganz im Westen Andalusiens, der damals zu Sevilla gehörte. Ein kleines Dorf, heute in der Provinz Huelva gelegen, soll die Wiege der Sevillana sein. „Nein, nein, nein. Die Sevillana kommt aus Triana, dem wilden Vorort von Sevilla“, ist sich Francisco sicher.

Eine Feria in Spanien ohne Sevillanas ist möglich, aber sinnlos.

Francisco kippt fast aus seinen Tacones als ich ihm erzähle, dass Mozart in seiner „Hochzeit des Figaro“ einen Fandango eingebaut hat, denn schließlich spielt das Stück in Sevilla. Er zückt sein Handy, macht Youtube an und schon schreitet er nach Mozarts feierlichem 6/8-Takt durch seine Tanzschule, mit den Füßen im Figaro, mit den Händen aber hoch im Himmel Sevillas.

Sevillanas: Kulturelles Scharnier zwischen Gitanos und Mehrheitsbevölkerung in Spanien

Ei oder Huhn? Es gibt Theorien, wonach die Sevillanas abgekupferte höfische Sarabanden seien, schneller gemacht und mit populären Texten unterlegt. Die Puristen negieren das, es sei umgekehrt, die Hofmusik habe dem Volke auf’s Maul und die Waden geschaut und sich ihre Kultur angeeignet, züchtig natürlich. Denn eigentlich gingen die Sevillanas wie die Fandangos auf die Seguidillas (die man in die Mancha im 15. Jahrhundert zurückverfolgen kann) zurück und die wiederum auf die uralten Verdiales, die heute noch um Málaga herum getanzt werden und deutlich wilder ausfallen. Tamborines und Kurzflöten tauchen da auf, es gibt Musikhistoriker, die in den Verdiales (wie in den 2-taktigen Zambras aus der gleichen Gegend) die Musik zur Zeit der alten Römer wiederhören wollen. Heidnische Festmusik, mit der in Moritatenform zotige Satiren gesungen und jede Strophe vom Volk mit einem Refrain singend und tanzend kommentiert wurde.

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Der griechische Geschichtsschreiber Strabon erwähnte in seiner „Geographie“ zu Zeiten Kaiser Augustus die Tänze der Andalusier bereits als Besonderheit. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Kastagnetten schon in Mesopotamien bekannt waren und ihr Name arabische Wurzeln trägt, kommen wir zu dem Schluss, dass die Sevillanas nichts weniger sind als die getanzte Ausgeburt des andalusischen Lebensprinzips: Sich in allen Genres und Epochen, von der Architektur (siehe die Mudéjar palacios von Sevilla), über die Gastronomie Andalusiens, in der Sprache, so auch in der Musik das Beste, das Vergnüglichste sorglos zu adoptieren, zu mischen und Eigenes daraus zu formen.

Franciscos letzte Sevillana: vuelta, salida, cierre y Olé!

Andalusien lebt eine kulturelle Offenheit, die sich mit dem hier eigenen Konservativismus durchaus verträgt, was nur eigenartig klingt für den, der Andalusien nicht kennt. Die Sevillanas bilden dabei ein kulturelles Scharnier zwischen Gitano- und andalusischer „Mehrheits“-Volksmusik, in der sich zwei Kulturen problemlos singend und tanzend berühren, deren Zusammenleben sonst als konfliktbeladen beschrieben wird. Vor allem von jenen, die etwas davon haben, meist arme Menschen gegen noch ärmere zu hetzen und die daran eigentlich auch nichts ändern wollen. Vielleicht singen und tanzen die Menschen hier deshalb so viel und so scheinbar ausgelassen, bis zur Hysterie.

Sevillanas vertreiben solche Wolken, zumindest solange die Feria anhält und sie sind längst zum getanzten Symbol für ganz Spanien geworden, auch wenn die Levante und Nordspanien auf ihrer Jota bestehen. Eine Sevillana tanz man Ihnen überall. In Spanien und in Charlottenburg, bei Francisco, mit Herzblut, voller Sehnsüchte, Leidenschaft und vielen Äpfelchen. Francisco tanzte im vorigen Jahr seine letzte Sevillana, es ging alles ganz schnell, sagen sie: vuelta, salida, cierre y Olé! Seine Freunde und Schüler schwören darauf, dass man sein Absatzklappern im Dreivierteltakt manchmal noch durch die Hinterhöfe Berlins hallen hört.

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