Schwarzweiß-Foto im Schaufenster, im Hintergrund Supermarkt in Spanien.
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Shopping in Spanien, Elend in Brasilien: Ausstellung im Einkaufszentrum von Alicante bietet Kontraste.

Kultur trifft Konsum

Shopping in Spanien, Elend in Brasilien: Einkaufszentrum bietet Kontraste

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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In einem Shopping-Center in Alicante treffen wir auf Bilder des Fotografen Sebastião Salgado, die den Kampf ums Überleben der Ärmsten in Brasilien zeigen. Auf Kunden mit vollem Einkaufswagen macht die außergewöhnliche Ausstellung besonderen Eindruck.

Alicante - Erstaunliche Kontraste bietet derzeit das Einkaufszentrum Puerta de Alicante in Spanien. In einer Ladenzeile, die ständig Kunden mit vollen Einkaufswagen passieren, sind 18 Schwarzweiß-Bilder von Sebastião Salgado ausgestellt, des preisgekrönten Fotografen aus Brasilien. Mit der Ausstellung „Movimento Sem Terra“ (Bewegung der Landlosen) porträtiert Salgado den Kampf gegen das Elend von Einheimischen und die Ausbeutung durch mächtige Unternehmen. Ein starker Gegensatz ergibt sich im Vergleich zur bunten Werbung der Läden und den prallen Taschen der Kunden im Einkaufszentrum an der Costa Blanca.

Sebastião SalgadoFotograf
Geboren: 8. Februar 1944 (Alter 77 Jahre), Aimorés, Minas Gerais, Brasilien
Kunstwerke: Sea Lions at Puerto Egas in James Bay, The Galapagos from Genesis
Ehepartnerin: Lélia Wanick Salgado (verh. 1967)

Shopping in Spanien, Elend in Brasilien: Einkaufszentrum bietet Kontraste

Ob Sebastião Salgado weiß, dass seine Bilder in Spanien in einem Shopping-Center für Kontraste sorgen? Für Aufsehen sorgt der Fotograf aus Brasilien derzeit mit einer Amazonien-Ausstellung in der Philharmonie in Paris. Untermalt mit der Musik von Jean-Michel Jarre macht „Amazonia“ auf die Zerstörung des grünen Welterbes aufmerksam, und damit auf das Elend unzähliger Einheimischer. Zwar sind in Paris neuere Bilder zu sehen als im Einkaufszentrum an der Costa Blanca, doch geht es in beiden Serien um Menschen, die Benachteiligte einer zerstörerischen globalen Wirtschaft sind.

Es überrascht, welche Kontraste das Einkaufszentrum in Spanien mit den Bildern von Sebastião Salgado erschafft. Viele Kunden des großen Supermarkts im Shopping-Center an der Costa Blanca gehen an der Ausstellung vorbei und blicken dadurch auf pures Elend in Brasilien. Ärmste Menschen auf der Flucht, mit Säcken auf dem Rücken. Feldarbeiter in prekären Verhältnissen. Kinder beim Müllsammeln, mit kreisenden Geiern über ihren Köpfen. Aber auch hier und da Bilder des Widerstands: Mitglieder der „Bewegung der Landlosen“, die sich trauen, ihre Stimme gegen die kapitalistische Übermacht zu erheben.

Shopping in Spanien, Elend in Brasilien - Bilder von Sebastião Salgado im Einkaufszentrum

Haben diese Bilder des Elends im Einkaufszentrum in Spanien etwas mit mir zu tun? Offenbar soll der Kunde sich diese Frage stellen, so wie die Ausstellung im Schaufenster der Shopping-Meile für Kontraste sorgt. Dass die Werke von Fotograf Sebastião Salgado nicht zufällig im Puerta de Alicante platziert sind, zeigt ihr bisheriger Werdegang. Schon Anfang 2019 tauchten sie in dem Einkaufszentrum an der Costa Blanca auf, damals jedoch in einer zum Ausstellungssaal umfunktionierten Nische, die früher ein Laden war. Zu Beginn der Coronavirus-Krise wurde diese Zone jedoch gesperrt, und Salgados Bilder blieben verschlossen.

Doch siehe da: Als in der Ladenzeile des Shopping-Centers ein Geschäft schloss, tauchten plötzlich in dessen Eck-Schaufenster die Bilder von Sebastião Salgado auf. Nun zeigen sie an einer gut sichtbaren Stelle das Elend der Menschen in Brasilien. Immer wieder bleiben Kunden des großen Supermarkts davor stehen und betrachten die Werke des brasilianischen Fotografen. Bemerken sie die Kontraste zwischen den fotografierten Szenen und der Umgebung im Einkaufszentrum? An den beiden Wänden gegenüber sind überdimensionale Fotos schöner, perfekter junger Familien zu sehen. Welche Bilder kommen der Realität näher?

„Meine größte Hoffnung ist es, eine Debatte über den Zustand der Menschheit aus der Sicht der flüchtenden Personen aus aller Welt zu provozieren.“

 Sebastião Salgado, brasilianischer Fotograf

Shopping in Spanien: Amazon boomt, Amazonien brennt - Vom Zustand der Menschheit

Schaut man sich genauer im Einkaufszentrum in Alicante um, kommt noch ein Gedanke: Vielleicht sind die Kontraste zwischen dem Elend auf den Bildern und unserer bunten Shopping-Welt in Spanien nicht so groß, wie zunächst angenommen? Denn auch das Einkaufszentrum erinnert schleichend an eine Endzeit. Der L-förmige Korridor, in dem sich die Ausstellung befindet, hat mittlerweile kein einziges offenes Geschäft mehr. Alle sind pleite gegangen. Nur die enormen Werbeplakate an den Wänden überspielen die Krise, in der sich dieser Tempel des Shoppens befindet, und mit ihm ein ganzes Konzept des Konsums.

Shopping in Spanien, Elend in Brasilien: Kunden des Supermarkts passieren die Ausstellung im Korridor, wo kein einziger Laden mehr offen ist.

Der Einkauf in physischen Läden ist deutlich im Rückzug, gegenüber eines digitalen Aufwinds, den die Welt noch nicht gesehen hat. Eine alte Realität endet, eine neue beginnt. In Spanien boomt Amazon, aber in Brasilien brennt Amazonien. Indes lädt Sebastião Salgado mit seinen Bildern nicht nur Kunden des Shopping-Centers an der Costa Blanca zu einer erneuten Reflexion ein. „Meine größte Hoffnung ist es, eine Debatte über den Zustand der Menschheit aus der Sicht der flüchtenden Personen aus aller Welt zu provozieren“, sagte der brasilianische Fotograf einmal.

Über Sebastião Salgado drehte der deutsche Filmemacher Wim Wenders den Film „das Salz der Erde“ (Youtube-Link), in dem auch einige Bilder von der Ausstellung im Einkaufszentrum in Alicante zu sehen sind.

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